Unternehmercourage als Erweiterung der Zivilcourage - Geschäftssinn und Gemeinwohl

Martin-Luther-Denkmal in Eisleben. Im Hintergrund der Kirchturm der Andreas-Kirche

12.10.2012

Unternehmercourage als Erweiterung der Zivilcourage

Geschäftssinn und Gemeinwohl

Thomas A. Seidel

Woher stammt der Begriff Unternehmercourage? Dieses Wort schließt erkennbar an einen heutzutage beinahe inflationär genutzten Begriff an: das Wort Zivilcourage. Immer wieder taucht Zivilcourage, nicht selten in Verbindung mit dem Containerbegriff Zivilgesellschaft, in den Schlagzeilen der Zeitungen oder in der Ratgeberliteratur auf. Erinnern wir uns an einen dramatischen Vorfall im Jahre 2009: Auf dem S-Bahnhof eines Münchner Vorortes wurde der deutsche Manager Dirk Brunner von zwei Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er versucht hatte, wehrlose Schüler vor diesen halbwüchsigen Gewalttätern zu schützen. Er bezahlte seine Unerschrockenheit, seinen Mut mit dem Leben. Dirk Brunner wurde somit zu einer Art Ikone der Zivilcourage.
Woher kommt dieses Wort? Erstmals tauchte der Begriff in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich auf. Als courage civil wurde der Mut des Einzelnen zum eigenen Urteil definiert. Später wurde diese Definition durch die courage civique, also den staatsbürgerlichen Mut, erweitert.

Revitalisierung der Sozialen Marktwirtschaft

Nur wenige wissen, dass es ausgerechnet der vielfach gescholtene, konservative  deutsche Staatsmann Otto von Bismarck gewesen ist, der diesen französischen Begriff der Zivilcourage in die deutsche Sprachwelt importierte. In einer 1864 vor dem Preußischen Landtag geführten Debatte griff der Reichskanzler den Terminus in Abgrenzung zum militärischen „Mut auf dem Schlachtfeld“ auf. Gestützt auf diese historische Grundlage, hat das Ermutigungswort in seiner privaten und öffentlichen Doppelbedeutung einen regelrechten Siegeszug in die deutsche Umgangssprache angetreten und erfreut sich in der Gegenwart großer Popularität.
Mit dem Begriff der Unternehmercourage wollen wir, die Internationale Martin Luther Stiftung und der Schülerwettbewerb „JugendUnternimmt“, an die beeindruckende Geschichte und den Bedeutungshof der Zivilcourage anschließen. Wir setzen diese Begriffsbildung ganz bewusst zu den – heute vielfach verdeckten – geistigen und kulturellen Quellen der jüdisch-christlichen Tradition und deren kraftvolle Re-Formation durch Martin Luther. Der Glaubensmut des großen deutschen Reformators: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ ist sprichwörtlich geworden.
Unternehmercourage steht somit, bildlich gesprochen, auf dem Fundament „alteuropäischer“, christlich-humanistischer Werte. Zudem hat die von uns intendierte Aufnahme dieses Begriffs in die deutsche Umgangssprache das Ziel, einen Beitrag zur Revitalisierung des in Deutschland nach 1945 geprägten Modells der „Sozialen Marktwirtschaft“ zu leisten. Denn: Eine solchermaßen verstandene und praktizierte Unternehmercourage gehört zu den wesentlichen mentalen und politisch-ethischen Voraussetzungen einer freiheitlichen und demokratisch verfassten Gesellschaft.
Was verstehen wir unter Unternehmercourage? In erster Linie soll das Wort definieren, anregen und fördern, was in dessen Zentrum steht: unternehmerischer Mut, unternehmerische Freiheit und unternehmerische Verantwortung. Für die unternehmerische Praxis ergibt sich durch diesen Kerngedanken eine Reihe von Handlungsmaximen, durch deren Beachtung und Umsetzung Unternehmercourage entsteht. Dem Mut, die Initiative zu ergreifen, kommt dabei große Bedeutung zu. In der Verknüpfung von Grundvertrauen und Weltoffenheit ist jeder Einzelne herausgefordert, seine Fähigkeiten auszuloten, den eigenen Ideen und Intuitionen zu vertrauen und diese entschlossen und verantwortungsbewusst in die Tat umzusetzen – zum eigenen Nutzen, für den Erfolg eines Unternehmens und für das Gemeinwohl.
Diese Haltung also, die Freiheit, Mut und Verantwortung verbindet, macht Unternehmercourage aus. Doch neben dem Mut erfordert Unternehmercourage auch ein geschultes und sachkundiges, nüchternes und zielorientiertes Abwägen aller Chancen und Risiken, die mit der Umsetzung einer Initiative oder Geschäftsidee verbunden sind. Mit Unternehmercourage kann und soll eine erfolgversprechende Idee so ihren gesellschaftlichen Wert entfalten. Faire und vertrauensvolle Kooperation bilden einen weiteren Stützpfeiler, auf dem sich Unternehmercourage aufbaut. Denn Unternehmerinnen und Unternehmer profitieren bei ihrer Arbeit vom kreativen Austausch mit vielen Menschen.

Der Wert für die Gesellschaft

In der Orientierung am Leitbild eines „ehrbaren Kaufmannes“ baut unternehmercouragiertes Networking auf wechselseitige Achtung, Vertrauen und Hilfsbereitschaft bei der Zusammenarbeit auf. Zudem macht der Terminus der Unternehmercourage die verantwortungsvolle und von Nachhaltigkeit geprägte Erwirtschaftung und Verwendung von Gewinnen zu seinem Anliegen. So bildet nicht kurzfristiges Gewinnstreben die Maxime des Handelns, sondern die langfristige Sicherung des unternehmerischen Erfolgs sowie der gemeinwohlorientierte Umgang mit den erwirtschafteten Einnahmen. Der Mut, die Initiative zu ergreifen und Neues auszuprobieren, ermöglicht wirtschaftliches Wachstum, schafft neue Arbeitsplätze und sichert dadurch eine zukunftsfähige Gesellschaft. Unternehmerisches Risiko zu übernehmen kann jedoch auch ein Scheitern bedeuten. Das ist ein normaler Bestandteil des unternehmerischen Entdeckens. Eine wesentliche Facette der Unternehmercourage ist es, in diesem Falle nicht einfach das Handtuch zu werfen, sondern die Ursachen des Scheiterns klar zu analysieren, die Folgen verantwortlich und sozialverträglich zu bewältigen sowie die Erfahrungen aus dem Scheitern als Chance persönlicher und unternehmerischer Entwicklung zu begreifen.
Seit 2008 verleiht die Internationale Martin Luther Stiftung die Luther-Rose für gesellschaftliche Verantwortung und Unternehmercourage. Vier deutsche Unternehmer haben bisher diese Auszeichnung erhalten: Heinz-Horst Deichmann (2008), Hans-Peter Keitel (2009), Gabriela Grillo (2010) und Dirk Ippen (2011). Alle diese Menschen veranschaulichen mit ihrem beruflichen und privaten Wirken in eindrucksvoller Weise genau das, was wir mit Unternehmercourage verbinden: die engagierte Verbindung von unternehmerischer Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2012

Thomas A. Seidel

Dr. Thomas A. Seidel (RC Erfurt) ist Geschäftsführender Vorstand der Internationalen Martin Luther Stiftung. Zu seinen Schriften gehören u.a. „Maria evangelisch“ (Evangelische Verlagsanstalt 2009) und „Unterwegs zu Luther“ (Wartburg-Verlag 2010).

www.luther-stiftung.org

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