Was unser Tun im Miteinander motiviert - Die Prinzipien des gemeinsamen Handelns

15.06.2012

Was unser Tun im Miteinander motiviert

Die Prinzipien des gemeinsamen Handelns

Werner Bauer

Seit Anfang der neunziger Jahre studiere und analysiere ich gruppen-dynamische Prozesse und Phänomene. Was passiert da eigentlich mit uns Menschen? Kann man das irgendwie steuern? Warum ist die Einführung neuer Management-Methoden so schwierig, selbst dann wenn der Nutzen, auch für Kritiker, unbestreitbar ist? Warum wird ein Veränderungsprozess nur zögerlich oder gar nicht in Angriff genommen, obwohl er – für alle sichtbar – dringend notwendig wäre? Oder warum passiert ein Fehler immer wieder, oftmals sogar an derselben Stelle, auch wenn mehrfach darüber diskutiert, zumindest darauf hingewiesen wurde?
Im Mannschaftssport sind nicht minder rätselhafte Phänomene zu beobachten. Wie kann es sein, dass eine Fußballmannschaft ganz plötzlich, scheinbar ohne ersichtlichen Grund, mitten in einem Spiel, von einer Sekunde auf die andere, nicht mehr spielen kann?

Was geht da vor sich? Lassen sich aus diesen Beobachtungen Prinzipien extrahieren, die lern-, lehr-, und lebbar sind? Das mit der Vernunft ist so eine Sache. Das, was uns ins Handeln bringt oder davon abhält, ist durchweg emotionaler Natur.

Dies ist sozusagen der Hauptschlüssel für unser Wohlbefinden. Aus der Sicht unseres Gehirns ist es genau das, was wir ein Leben lang suchen und anstreben. Die Hirnforschung hat dies eindrucksvoll bestätigt. Auch dass wir ein genetisches Programm für Teamarbeit von der Evolution mitbekommen haben, das wir im Bedarfsfalle nur aktivieren müssen, ist  bekannt. Warum also nicht bei dem ansetzen, was wir aus tiefstem Menschsein sowieso wollen. Das, was wir aus unserem genetischen Wissen in unser tägliches Leben einbringen können, sind: die Prinzipien des gemeinsamen Handelns.

Gelingende Beziehungen

Die Qualität des gemeinsamen Handelns hat immensen Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen und Organisationen. Konfliktäre Strukturen, unproduktive Prozesse, energieraubende Revierkämpfe, unerkannte, oft unbenannte Ängste, ungenutzte Potentiale, verschwendete Ressourcen, operative Hektik, permanente Zeitnot. All dies kann mit der Verbesserung der Qualität des gemeinsamen Handelns an der Wurzel gepackt werden. Auch das sogenannte „Burnout Syndrom“ gehört dazu.
Die erfolgreichste aller Handlungsmaximen heißt: „Das Beste im Andern zu sehen, lockt das Beste aus ihm und einem selbst hervor“. Zugegeben das klingt ziemlich pastoral, ist aber die erfolgreichste  „Methode“, um gelingende Beziehungen und Kooperationen zu realisieren. Spätestens dann, wenn Sie dieses Statement dem Sinne nach umkehren, stellen Sie fest, dass es stimmig ist. Man muss es nur stetig und konsequent anwenden und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Irgendwie, irgendwann wird es Teil des eigenen Denkens und Handelns.

Anerkennung, Wertschätzung, Ermutigung

Alle Motivation entsteht im Belohnungssystem unseres Gehirns. Die Nahrung dafür sind die oben genannten „Zauberwörter“. Auch die von uns entwickelte „Streitberg-Pädagogik“ arbeitet auf diese Weise. Auch die weiteren Stichworte haben Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen und Organisationen:
Potentiale aufspüren, bestätigen und bündeln: Das lässt sich in einer Gruppe weit besser realisieren als individuell, bei jedem Einzelnen. Wir sind Gruppenwesen. Alle müssen die Potentiale sehen und von einander wissen und bestätigt bekommen. So entstehen Hochleistungsteams, ohne auszubrennen.
Vertrauen über Kontrollen stellen: Gemeint ist das Vorschussvertrauen als Investition ins gemeinsame Handeln, nicht das Vertrauen, das über längere Zeiträume erst erwächst. Vertrauen senkt den Kontrollaufwand immens, stabilisiert und beschleunigt das gemeinsame Handeln. Fehlerquellen werden leichter und schneller gefunden.

Einbeziehung: Ein angstfreies Klima und großzügige Gestaltungsräume wecken die Selbstorganisationskräfte, die genetisch in uns verankert sind. So entsteht auch die oft vermisste Kreativität und Leistungsfreude.
Auseinandersetzungskultur: Der Weg vom Gegeneinander zum Miteinander führt durch den Konflikt hindurch und nicht daran vorbei. 90 Prozent aller Konflikte entstehen aus Missverständnissen, die nicht erkannt oder nicht aufgeklärt werden. Wer Missverständnisse konsequent aufspürt und Klarheit herstellt, entzieht Konflikten den Nährboten. Vorsatz und Böswilligkeit sind weitaus seltener als angenommen.
Emotionen nicht bewerten … und auch keine Begründungen voneinander dafür verlangen. Emotionen kommen oft einfach so „angeflogen“, scheinbar ohne Anlass und sozusagen „grundlos“. Nicht selten führt erst die Begründungsnot zum Konflikt:  „Wie kannst du dich denn wegen solch einer Kleinigkeit derartig aufregen?“ Tja, wie kann man nur?

Gegenseitige Akzeptanz: Das hat schon Eric Burne in seinem Buch: „Du bist OK, ich bin OK“ vor Jahren postuliert. Gegenseitig eingeforderte Verhaltensänderungen sind zwar weit verbreitet, in der Umsetzung aber, selbst bei gutem Willen, leider langwierig und schwierig: „Na gut, fang Du mal an“. Gegenseitige Akzeptanz greift erstaunlich schnell und wird mit dem Gebrauch immer einfacher.
Zeit miteinander verbringen: „Wir haben keine Zeit, zumindest nicht dafür“. Wenn dieses Denken das Handeln bestimmt, dann wird alles bleiben, wie es ist. Positive Bindung, sich aufeinander verlassen zu können, die Potentiale voneinander zu kennen, all das benötigt gemeinsame Zeit. Gestaltete, konstruktive, produktive Zeit.  So wächst man zusammen. So entstehen „Sieger-Teams“.  

Der Weg zur Hochleistung

Wer gemeinsam erfolgreich handeln will, sollte das Anderssein des Anderen als Kreativquelle verstehen und nicht als Störung. Da die Installation eines individualfähigen Teams einfacher ist als die permanente Suche nach den teamfähigen Individuen, müssen Konflikte dort bearbeitet werden, wo die emotionale Beteiligung spürbar  ist. Das heißt u.a. auch, bei Fehlern keine endlosen Debatten über Schuldfragen zu führen, sondern das – zumeist unentdeckte – Missverständnis aufzuspüren und Klarheit herzustellen.
Alle Kinder lieben Wettbewerb. Vorausgesetzt er erzeugt nicht zu viele Verlierer – und vor allem nicht immer dieselben. Kinder haben ein ausgeprägtes, natürliches Gerechtigkeitsgefühl. Sportiver Wettbewerb auf der Basis von Anerkennung, Wertschätzung und Ermutigung ist energetisch, macht Spaß und erzeugt „Flow“. Gruppenflow ist eines der Erfolgsgeheimnisse von Sieger-Teams, in welcher Branche auch immer.
Es gibt eine einfache Regel: Anerkennung zur Person und Kritik zur Sache. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Aber man kann es lernen. Und: Anerkennung sollte stets öffentlich ausgesprochen werden, Kritik jedoch immer unter vier Augen. Kritik wird dann möglich, wenn die angesprochene Person unbeschadet bleibt. Und nicht zuletzt gilt immer: Bevor man etwas sagt, sollte man sich fragen: Ist es wahr? Und ist es notwendig? Und kann ich das mit Respekt vortragen? Dies klingt nicht unähnlich dem Rotary-Codex, wie sollte es auch anders sein?

Erschienen in Rotary Magazin 6/2012

Werner Bauer
Werner Bauer ist Unternehmensberater. Zu seinen Büchern gehört u. a. „Mut zum Vertrauen“ (1996 Campus) und „Winner-Teams“  (2001 Gabler). www.guk-streitberg.de

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