Tierhaltung - Die Sauerei in unseren Ställen

Duroc: Das Schwein ist eines der ältesten Haustiere. Es wird seit ca. 9000 Jahren zur Fleischgewinnung gehalten. © Andrew Perris

15.08.2014

Tierhaltung 

Die Sauerei in unseren Ställen

Edgar Verheyen

Jedes Jahr werden in Deutschland und Österreich Millionen Schweine, Hühner, Enten und sonstige sogenannte Nutztiere gehalten und geschlachtet. Die dabei herrschenden Bedingungen wurden bis dato kaum diskutiert. Doch in jüngster Zeit rücken Tierhaltung und Tierschutz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem Mitte Juli eine Fernsehdokumentation enthüllte, wie dramatisch die Zustände in manchen Massentierhaltungs­betrieben sind, wurde das Thema zum Politikum. Die Beiträge des August-Titelthemas widmen sich den Lebensbedingungen der Vierbeiner in unseren Ställen – und diskutieren dabei auch, ob Tiere eigene Grundrechte haben.

Ein Mann in blauem Overall geht mit einem Handkarren auf dem Mittelgang eines Ferkelzuchtbetriebs entlang und stoppt vor jeder Bucht. Darin befindet sich jeweils eine Muttersau mit ihren Kleinen. Er schaut kurz rein, greift nach einem Tier, packt es an den Hinterbeinen und schlägt es mit voller Wucht auf den Betonboden. Anschließend, das Ferkel noch in der Hand, wird es mit Schwung in eine Schubkarre geschmissen. Kurz darauf, an der nächsten Bucht, das Gleiche von vorn. Wieder wird ein Ferkel hochgehoben, mit Wucht auf den Boden geknallt, und in der Schubkarre entsorgt. Ein zweiter Mitarbeiter des Betriebs tötet die Ferkel nicht einmal mit einem Schlag auf den Fußboden, er schlägt sie gegen die Seitenwand der Ferkelbucht. Die Tiere werden anschließend auch nicht daraufhin beobachtet, ob sie wirklich tot sind. Die Mitarbeiter gehen einfach zur Tagesordnung über. Jetzt werden die übrigen Ferkel geimpft, Zähne werden geschliffen, Schwänze kupiert. Alltag eben. Töten und Quälen im Vorbeigehen.

VERSTÖSSE GEGEN DIE SCHLACHTVERORDNUNG

Es war im vergangenen November, als zum ersten Mal Bilder aus deutschen Ferkelzuchtbetrieben die Redaktion von Report Mainz erreichten, Aufnahmen aus drei Betrieben. Tierschützer der Gruppe Animal Rights Watch (ARIWA) hatten sie gedreht, vor allem in Sachsen und in Niedersachsen. Die Mitglieder der Gruppe hatten in den Ställen Miniatur-Kameras versteckt und jeweils einen Tag lang laufen lassen. Als Jürgen Foß, der Kopf der Gruppe, unserem Report-Team die Bilder auf seinem Notebook vorführte, waren zunächst nur schummrige Aufnahmen zu sehen. Die Szenen wirkten grobkörnig, etwas unscharf, doch das wirklich Wichtige war deutlich zu erkennen.

Die Aufnahmen stammten aus einem Betrieb südlich von Bremen. Die Frage stellte sich: Ist das die Regel, ist das Standard, oder haben wir da vielleicht nur eine Momentaufnahme gesehen, die nicht unbedingt dem alltäglichen Umgang mit Ferkeln entspricht? Wir kontaktierten deshalb das Unternehmen, kündigten unseren Besuch an. Gegen acht Uhr früh am nächsten Tag fuhren wir vor. Doch kaum dort, stellten wir fest: Wir wurden bereits erwartet. Sämtliche Türen waren geschlossen, Mitarbeiter, die wir draußen ansprachen, wehrten ab, wollten nichts sagen. Auf nochmalige schriftliche Nachfragen gab es keine Antwort.

Wir legten deshalb das Bildmaterial einem Veterinär vor, der lange Jahre als Kreisveterinärdirektor solche Betriebe prüfen musste, Dr. Karl Fikuart aus der Nähe von Münster. Er zeigte sich schier entsetzt und konstatierte, es handele sich eindeutig nicht um Nottötungen im Sinne der Tierschlachtverordnung, die regele den Einzelfall, wenn es denn im Einzelfall sein müsse. „Und das sind keine Einzelfälle – das sind Massentötungen.“

Ein Eindruck, der sich inzwischen verfestigt hat. Der Redaktion von Report Mainz liegt inzwischen Bildmaterial aus rund 15 Betrieben vor. Darunter befinden sich Schweinezuchtunternehmen aus Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt. Besonders krass muten Aufnahmen aus Mecklenburg-Vorpommern an. Sie zeigen eine Mitarbeiterin in einem großen Schweinezuchtbetrieb. Sie zählt die Ferkel in einer Schweinebucht ab, man sieht deutlich,wie sie mit den Fingern das Ergebnis festhält. Dann nimmt sie ein beliebiges Tier heraus und schlägt es auf die Kante der Bucht. Nach dem ersten Schlag schreit das Tier laut auf, es lebt noch. Dann der zweite Schlag – und das Ferkel verstummt. Wurde hier gerade ein überzähliges Tier getötet?

Die Rechtslage ist eigentlich klar und eindeutig. Ferkel unter einem Gewicht von fünf Kilo dürfen so nicht getötet werden. Tiere müssen nach der Tierschutzschlachtverordnung mit einem kantigen Gegenstand erst betäubt und dann entblutet werden. Beides geschieht hier offensichtlich nicht. Das Treiben in den Betrieben, so der Veterinär Dr. Fikuart, ist rechtswidrig. Überzählige Tiere zu töten widerspreche auch dem deutschen Tierschutzgesetz. Danach darf nur mit einem „vernünftigen Grund“ getötet werden. Töten aus wirtschaftlichen Gründen zählt nicht dazu. Unhaltbare Zustände. Was ist los in der deutschen Ferkelproduktion?

Masse statt Klasse

Cornelie Jäger etwa, Tierschutzbeauftragte in Baden-Württemberg, verweist darauf, dass sich auch die Zucht von Sauen generell verändert habe. Um erfolgreich zu sein, erklärt sie, sei man bestrebt, so viele Ferkel wie möglich zu produzieren. Die Bauern griffen deshalb gerne auf eine dänische Muttersau zurück, die es sogar bis auf 36 lebend geborene Ferkel pro Jahr bringe. Früher habe eine Sau gerade mal zwölf Tiere bei einem Geburtsvorgang geworfen. Eine Muttersau wirft zweieinhalb Mal pro Jahr. Die Bauern wollten so viele es geht vermarkten. Das bedeute unterm Strich, dass man deshalb die untergewichtigen Ferkel aussortiere, nicht, weil sie nicht lebensfähig, sondern weil sie völlig unwirtschaftlich seien für den Betrieb. Und das sei auch der einzige Grund, weshalb diese Ferkel einfach erschlagen würden. Zu kleine Tiere erreichten am Ende nicht das Schlachtgewicht und ließen sich deshalb nicht verkaufen.

Veterinärin Cornelia Jäger schätzt deshalb die Lage so ein: „Fachlich haben diese Tiere eine Chance. Aber das würde halt bedeuten, dass man Aufwand betreibt mit einer speziellen Krankenbucht, mit einer Amme, auch mit entsprechender nächtlicher Überwachung. Machen kann man das, aber das ist eine Frage des Geldes. Insgesamt reden wir von hunderttausenden Tieren, die wahrscheinlich Überlebenschancen gehabt hätten und zu Unrecht gestorben oder getötet worden sind.“

Fakt ist: Die Muttersauen gebären oftmals mehr Ferkel, als sie mit ihren Zitzen ernähren können. Es geht um Masse. Ob das sinnvoll ist? Auf das Problem angesprochen, erklärt jetzt sogar die Bundestierärztekammer, sie wolle, dass sich auch bei der Zucht mit ihren großen Würfen etwas verändere. Ihr Präsident, Professor Theo Mantel, spricht von einem Systemfehler“. Die Produktion nicht überlebensfähiger Tiere sei letztlich sogar eine „Qualzucht“.

Nur – warum ist das so? Warum zählt das einzelne Tier nichts mehr? Ist der ökonomische Druck inzwischen so groß? Professor Markus Mau, ein renommierter Lebensmittelökonom, hält die Ferkelzucht mittlerweile aus wirtschaftlichen Gründen generell für sehr schwierig. Sie sei ein Massengeschäft, und das bedeute, dass man sich als Landwirt überlegen müsse, wie viel Zeit man überhaupt in ein einzelnes Ferkel investiere, um damit Geld zu verdienen. Denn schließlich sei der Landwirt Unternehmer, für den etwas übrig bleiben müsse. Mau: „Und leider ist es so, dass bei den Abgabepreisen praktisch nichts überbleibt. Die Tiere tragen in letzter Konsequenz die Auswirkung der Preisstruktur, die wir im Supermarkt mit erzeugen.“

Rationalisieren oder aufgeben

Tatsächlich ist vor allem Schweinefleisch der Renner schlechthin für die Märkte, die einander immer weiter unterbieten. Die Discounter drehen zu Beginn jeder Woche die Preisschraube zuerst, der übrige Markt zieht nach. Mittlerweile ist Schweinefleisch schon für rund vier Euro pro Kilo zu bekommen. Und zahlt der Handel immer weniger, bleibt weniger für die Lieferanten, die Schlachthöfe und am Ende auch für die Bauern übrig. Deshalb geben immer mehr kleine Betriebe auf, über 50 Prozent alleine in den vergangenen zehn Jahren. Die Folge: Die Einheiten werden größer. Denn unter dem Strich erhält ein Schweinemäster, so rechnet Professor Mau vor, derzeit einen Gewinn zwischen fünf und zehn Euro für ein Tier über die gesamte Mast. In der Ferkelproduktion ist es sogar noch weniger. Viele Landwirte sprechen von einer Eigenkapitalvernichtung. Verkaufen sie zum falschen Zeitpunkt, zahlen sie derzeit drauf. Auch deshalb werden die Schweinezuchtbetriebe immer größer. Sauenhaltung mit Betriebsgrößen von unter 400 Zuchtsauen lohnten sich nicht mehr, sagen Insider. Und damit es sich rechnet, müssen die Sauen mit so wenig Personal wie nur irgend möglich versorgt werden. Die Tiere werden deshalb wochenlang in Kastenstände eingesperrt, können sich hier nicht einmal umdrehen. Vier Wochen lang ist dieses Einpferchen erlaubt. Häufig wird diese Grenze überschritten, wissen Tierschützer.

Jürgen Foß von der Tierschutzgruppe ARIWA präsentiert noch einmal Bildmaterial von einem Großbetrieb in Sachsen-Anhalt. 60.000 Tiere sind hier eingepfercht. Auf den Aufnahmen sind Muttersauen zu sehen, die in gerade einmal 50 cm breiten Kastenständen fixiert sind. Sie liegen da wie Presswürste, haben offene Wunden, denn eine Sau liegt mit ihren Füßen auf der anderen. Noch nie habe er so viel Tierelend gesehen wie bei diesen Dreharbeiten, sagt der Tierschützer.

Und die Behörden? Sie wissen zwar Bescheid, reagieren aber erst angesichts der Rechercheergebnisse. Auf einmal debattiert auch der Landtag von Sachsen-Anhalt über das Thema. Alle Fraktionen wollen die Tierhaltung in diesem Bereich verbessern. Der Schock zeigt offenbar Wirkung. Inzwischen haben Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und auch Mecklenburg-Vorpommern sogenannte Nottötungserlasse beschlossen, andere Bundesländer wollen sich dem jetzt anschließen. Immerhin – kleine Schritte sind getan. Doch für jemanden wie den Kreisveterinar Karl Fikuart reicht all dies noch nicht. Er hält das System für völlig überzogen, die Schweinezucht für „völlig außer Rand und Band“. Sein Fazit : „Ich schäme mich als Tierarzt, dass wir nicht aufgepasst haben, dass dieses System sich in dieser Form ausbreiten konnte und praktisch zum Standard geworden ist.“

Erschienen in Rotary Magazin 8/2014

Edgar Verheyen
Edgar Verheyen ist mehrfach preisgekrönter Reporter bei der Mainzer Chefredaktion des SWR-Fernsehens und Autor zahlreicher Beiträge über das Thema Tierschutz. Mit Monika Anthes drehte er die ARD-Dokumentation „Deutschlands Ferkelfabriken“ (2012) und „Das System Wiesenhof“.

www.swr.de

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