15.10.2009

Als die grosse Weltpolitik in eine kleine Stadt kam

Die Wende in der mecklenburgischen Provinz

René Nehring

Die Geschichte der Wende ist tausendfach erzählt. Die großen Orte und Daten sind bekannt, nichts deutet darauf hin, dass die Friedensgebete in der Berliner Gethsemane- und in der Leipziger Nikolaikirche, die Flucht zehntausender DDR-Bürger über Budapest und Prag, die Gorbi-Rufe zum 40. Geburtstag der Republik und die Worte Günter Schabowskis vom 9. November 1989 in Vergessenheit geraten.

Ganz anders ist es um die Ereignisse in der Provinz bestellt. Auch hier gab es große Momente, riskierten Frauen und Männer für die Freiheit eines ganzen Volkes ihre persönliche Unversehrtheit. An sie zu erinnern ist nicht nur deshalb geboten, weil sie abseits des Blickfeldes westlicher Medien oft einen ungleich höheren Mut aufbringen mussten, sondern auch, weil gerade das Fehlen eben jener Medien dazu führte, dass ihr Wirken allmählich verblasst.

Am Beispiel der Kreisstadt Neustrelitz will ich vom Einsatz mutiger Geistlicher und Intellektueller erzählen, deren Beitrag zur Wende nicht weniger bedeutsam war als der Heldenmut von Berlin und Leipzig, spülte doch erst die hundertfache Wiederholung des Protests im gesamten Land die kommunistische Diktatur hinweg.

Eine der stärksten Erinnerungen geht zunächst zurück zum Pfingstfest der Freien Deutschen Jugend (FDJ) 1989 in Ost-Berlin. Obwohl als 13-Jähriger noch nicht einmal „Blauhemd“, durfte ich als Mitglied der Singegruppe unserer Schule mit in die Hauptstadt fahren. Bis auf ein paar Pflichttermine gab es viel Zeit, um tagelang das für die DDR ungewohnt bunte Programm rund um den Alexanderplatz zu genießen. Politik spielte für uns keine Rolle; vielmehr entfernten wir in jugendlicher Unbedarftheit von den überall verteilten Jubelfähnchen die Staatssymbole Hammer, Sichel und Ährenkranz und schwenkten sie munter im Fahnenmeer.

Unvergesslich eingeprägt haben sich vor allem die Bilder vom Samstagabend. Abgeseilt von der Gruppe lief ich allein zum Brandenburger Tor. Wer heute auf den Langhans-Bau zugeht, das Hotel Adlon und die Akademie der Künste passiert und die Bilder von einst nicht kennt, vermag sich kaum die Beklommenheit vorzustellen, mit der man vor zwanzig Jahren dort stand. Ein halbhoher Eisenzaun markierte die Staatsgrenze, nicht ganz so bedrohlich wie andernorts, aber doch unmissverständlich klar machend, dass hier die Republik zu Ende war. Über den unbebauten Platz hinweg blickend sah ich, wie die Sonne sich im Westen allmählich über der Straße des 17. Juni rot einfärbte. Ein beinahe perfektes Abendidyll, wäre da nicht das laute Gekläff der Wachhunde gewesen, die selbst den kleinsten Gedanken daran, ein paar Meter weiterzulaufen, vereitelten. Von drüben winkten einige „Westler“ von einer Bühne herüber. Es lag eine tiefe, hoffnungslose Traurigkeit in diesem Augenblick, musste doch jeder „Ossi“ davon ausgehen, niemals auf der anderen Seite stehen zu können.

VOR DEM STURM

Das Schuljahr ging zu Ende. Während das Ostfernsehen die allsommerlichen Ernterekorde verkündete, berichteten ARD und ZDF über die anwachsenden Flüchtlingsströme von DDR-Bürgern in die westdeutschen Botschaften in Warschau, Budapest und Prag.

Zu Beginn des neuen Schuljahres elektrisierten die Berichte über die anwachsenden Montagsdemonstrationen und Flüchtlingsströme das ganze Land. Unter uns Schülern kursierten Witze wie „Erich Honecker hat sich den Arm gebrochen. – Wieso? – Weil er sich auf die Jugend gestützt hat, und die ist davon gelaufen.“ Als Anfang Oktober die Grenze zur CSSR abgeriegelt wurde, gingen selbst den ideologisch Unverrückbaren unter unseren Lehrern die Argumente aus. Mit dem Sturz Erich Honeckers am 18. Oktober spielte der Lehrplan im Unterricht kaum noch eine Rolle. Wir erlebten jeden Tag Geschichte – das zählte. 

In diesen Tagen sagte mir ein Schulfreund, dass es nun auch in unserer Stadt mit den Friedensgebeten losginge, und er fragte, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. Es war eher jugendliche Abenteuerlust als Heldenmut, mit der ich zur Stadtkirche am Markt ging. Das Gotteshaus war brechend voll, so dass die Türen weit geöffnet werden mussten, damit auch auf der Straße zumindest etwas zu hören war. Frauen und Männer stellten sich als Mitglieder dieser und jener Oppositionsgruppe vor; doch am meisten faszinierten uns Pastor Arnold Zarft und der Landessuperintendent des Kirchenkreises Stargard, Kurt Winkelmann. Sie boten der Opposition nicht nur einen Raum, sie prangerten selbst auch die Missstände mit einem Urvertrauen an, das man nur bewundern konnte – immerhin saß die SED noch an allen Hebeln und Erich Mielke war noch Minister für Staatssicherheit. In einem Staat, in dem Kinder nach spitzen Bemerkungen der Eltern den Satz hörten „Das darfst Du aber nicht in der Schule erzählen“, war diese Kirche als Arena für freie Gesänge, Gebete und politische Reden ein Hort der Geborgenheit – und Heimat.

Die Ereignisse wurden noch dramatischer. Ausgerechnet am Abend des 9. November ging ich früh ins Bett, weil es am 10. auf Klassenfahrt nach Graal-Müritz an die Ostsee gehen sollte. Am nächsten Morgen stürzte mein Vater mit den Worten ins Zimmer: „Die Mauer ist offen!“ Natürlich gab es auf der Klassenfahrt nur ein Thema – und wir saßen an der Ostsee fest! In der Woche darauf deutete unsere Lehrerin an, dass sie es verstehen könne, wenn jeder Schüler einen Tag „krank“ würde. Selbst eine Klassenkameradin, von der wir wussten, dass ihr Vater Stasi-Offizier war, fehlte dann für einen Kurzbesuch im Westen…

Wohin die Reise für das ganze Land ging, war noch unklar. Ende November unterschrieben prominente Regime-Kritiker den Aufruf „Für unser Land“, in dem sie u.a. vor einer Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik warnten. Dass wir uns dem Drängen einiger Lehrer, diesen Aufruf ebenfalls zu unterschreiben, widersetzten, wurde zur ersten frei getroffenen politischen Entscheidung unseres Lebens. Jeden Tag rannten wir nach der Schule nach Hause, um im Fernsehen zu verfolgen, was es Neues gab. Allein die Sitzungen des nun in Ost-Berlin tagenden Zentralen Runden Tisches, bei denen eine Opposition live im Fernsehen mit Regierungsvertretern streiten durfte, war ein kurz zuvor noch unvorstellbares Spektakel. Das ganze Land fühlte sich mittlerweile so frei, dass man sich zu Weihnachten den Luxus leisten konnte, nicht nur an die eigene Situation, sondern auch an die Rumänen zu denken, die gerade dabei waren, das perfide Ceausescu-Regime zu stürzen. Noch heute habe ich die dröhnende Stimme im Ohr, mit der Superintendent Winkelmann in seiner Predigt die Namen Bukarest, Temeschwar und Hermannstadt aussprach.

EINHEIT

Im Winter wurden am Ende eines Friedensgebetes die Anwesenden eingeladen, diesmal nicht nur einfach nach Hause zu gehen, sondern einem stillen Marsch durch die Stadt zu folgen. Es hatte geschneit, jeder Schritt war dadurch gedämmt, alle Mitlaufenden unterhielten sich leise. Es war ein erhabener Augenblick, der durch das Tanzen der Schneeflocken im Laternenlicht einen festlichen Rahmen erhielt. Irgendwann hob einer der Teilnehmer eine kleine Fahne mit blau-gelb-rotem Tuch – die Farben Mecklenburgs – in die Höhe, ohne ein einziges Wort zu sagen. So bahnte sich die Wiedergeburt alter deutscher Länder an.

Im Vorfeld der Volkskammerwahl 1990 ordneten sich die Vertreter der Opposition politischen Parteien zu. Rhetorisch brillierte vor allem Ibrahim Böhme, einer der wichtigsten Funktionäre der Ost-SPD, der als ehemaliger Mitarbeiter des Neustrelitzer Theaters gelegentlich von Berlin anreiste, um Neues aus der großen Politik zu verkünden. Dass sich später ausgerechnet dieses Wende-Idol als Mitarbeiter der Stasi entpuppte, war eine der ganz großen persönlichen Enttäuschungen. Mit dem Sieg der CDU-geführten „Allianz für Deutschland“ stand der Einheit nichts mehr im Wege. Der nächste Meilenstein dorthin war die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli. Schon in den Wochen davor gab es Westprodukte in den Läden, von denen nichts so sehr faszinierte wie die Zeitungen und Nachrichtenmagazine.

Eine Steigerung zu all diesen Ereignissen gab es noch: Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet am 8. Juli 1990 die Konfirmation meines Schulfreundes anstand. So fanden wir uns am Vormittag wieder einmal in der Stadtkirche ein, bereits in Vorfreude auf das Finale der Fußball-WM am Abend. Als Andreas Brehme in der 85. Minute den Elfmeter verwandelte, kannte der Jubel keine Grenzen mehr.

Es war das Jahr der Deutschen, für viele das aufregendste ihres Lebens – und mittendrin das kleine Neustrelitz, das in seiner Stadtkirche den epochalen Aufbruch und auch manche Enttäuschung eines ganzen Landes im Kleinen widerspiegelte. Nach all diesen intensiven Monaten musste uns der 3. Oktober 1990 fast schon als nüchterner Verwaltungsakt erscheinen. Ein Tag, der weniger von Jubel geprägt war als vielmehr von der Gewissheit, dass nun nichts mehr rückgängig gemacht werden konnte. 

Erschienen in Rotary Magazin 10/2009

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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