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Titelthema

Die Zukunft erfordert einen mentalen Wandel

Titelthema - Die Zukunft erfordert einen mentalen Wandel
Das Bild aus dem Kalender einer französischen Gasgesellschaft von 1892 zeigt die wachsende Wichtigkeit des Gases in modernen Haushalten. © Bridgeman Images

Unser Verständnis von Wohlstand muss aus dem Korsett ausschließlich ökonomischer Parameter befreit und neu definiert werden.

Berthold Vogel01.09.2022

Die Radikalität des Klimawandels, die Dauerhaftigkeit der Pandemie und die brutale Präsenz des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zeigen, dass unser Wohlstandsmodell auf Voraussetzungen beruht, die keine Zukunft mehr haben. Die Verwundbarkeit unseres Wohlstands ist offensichtlich. Die öffentlichen Güter und Infrastrukturen, die eine klimagerechte und pandemieresiliente Wirtschafts- und Lebensweise ermöglichen könnten, fehlen oder sind verschlissen. Die Abhängigkeit von Energieträgern, die zwar bequem und billig zu bekommen waren, haben unsere demokratischen Gesellschaften und sozialstaatlichen Marktwirtschaften maximal erpressbar gemacht.


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Vieles spricht daher dafür, dass wir vor eklatanten individuellen Wohlstandsverlusten stehen, die sowohl die Mitte der Gesellschaft hart treffen, aber in deren Folge sich insbesondere die Situation für arme Menschen beziehungsweise Menschen in prekärer Arbeits- und Lebenssituation drastisch verschlechtern wird. Vertiefte soziale Spaltungen drohen ebenso wie materielle Abstiege. Die aktuelle Situation wird dabei durch bereits länger wirksame Prozesse verstärkt. Hierzu zählt beispielsweise die seit vielen Jahren anhaltende räumliche Vernachlässigung durch den Rückbau öffentlicher Infrastrukturen in nahezu allen entwickelten Industriegesellschaften. Die Wahlerfolge, die autoritäre Parteien einfahren, haben eine räumliche Grundlage, ob in Frankreich, Polen, den USA oder hierzulande. Das Thema der gleichwertigen Lebensverhältnisse erhält auf diese Weise neue Aktualität. Wir sind weiterhin – auch unabhängig von Krieg und Pandemie – mit erheblichen Einschnitten in der Industriepolitik konfrontiert, die massiv unsere Wirtschaftsweise verändern werden. Nichts anderes heißt Dekarbonisierung und Energiewende. Wir stehen schließlich seit vielen Jahren inmitten einer digitalen Revolution der Arbeitswelt, die unsere Vorstellung von Erwerbsarbeit nachhaltig verändern wird: Berufe verschwinden, neue Berufe etablieren sich – damit sind soziale Abstiege und Aufstiege verbunden. Insgesamt gilt, dass öffentliche Aufgaben und Infrastrukturinvestitionen immens wachsen müssen, wenn die Transformation unserer Arbeits- und Lebensweise gelingen soll.

Die Entwicklungen dieser Multi-Krise und der umfassenden Transformation unserer Lebensweise und Arbeitswelt verlangen nach der Stärkung kollektiven Wohlstands. Was heißt das? Energiesicherheit braucht neue Ressourcen, dazu gehören nicht nur Windräder und Solardächer, sondern auch sorgsamer Umgang mit knappen Ressourcen und das Bewusstsein, dass von allem nicht immer einfach alles da ist. Mehr noch: Wir müssen insgesamt unser Verständnis von Wohlstand grundlegend neu bestimmen und in Gemeinwohl investieren. Es ist höchste Zeit, dass wir den Begriff des Wohlstands aus dem Korsett ausschließlich ökonomischer Parameter befreien – und ihn um Fragen des Gemeinwohls bereichern. Nicht nur die Menge an privaten Gütern definiert den Wohlstand. Auch die Qualität öffentlicher Güter, demokratische Freiheit und Sicherheit sind zentrale Indikatoren des Wohlstands.

Investieren in sozialen Zusammenhalt

Wohlstand ist mehr als Konsum, mehr als Wertpapiere oder Konjunktur. Zum Leben in Wohlstand zählt auch das Privileg, sicher und frei von Angst leben zu können, physisch und sozial. Dazu zählen weiterhin die Hintergrundselbstverständlichkeiten unseres Alltags, die uns oftmals nicht bewusst sind. Denn es ist alles andere als gesetzt, dass öffentliche Infrastrukturen funktionieren, dass Gesundheitsversorgung für alle möglich ist, dass Bildungs- und Kultureinrichtungen zur Verfügung stehen, dass Verwaltung und Justiz rechtsstaatlichen Prinzipien folgen – kurzum: Wohlstand bemisst sich auch an der Funktions- und Leistungsfähigkeit eines Gemeinwesens.

Wenn dieser Perspektivwechsel in der Wohlstandsfrage sinnvoll ist, dann sollten wir nicht nur klagen, sondern vor allen Dingen über Investitionen sprechen. Nicht Brandreden und Verzichtsappelle sind jetzt gefragt, sondern klare Vorstellungen, welche Art von Wohlstand wir uns leisten wollen. Nach meiner Auffassung geht es jetzt weniger um die Temperatur des Duschwassers als primär um die Erkenntnis, dass der Wohlstand aller mehr ist als die Summe des Wohlstands Einzelner. Die Gesellschaft der Singularitäten ist von gestern, heute geht es um ein neues Verständnis des Kollektiven.

Denn es ist doch klar: Letztlich profitieren alle in der Gesellschaft, wenn wir über funktionsfähige öffentliche Institutionen und Infrastrukturen verfügen. Gute Schulen, Krankenhäuser, funktionierende Nahverkehrsverbindungen oder öffentliche Schwimmbäder sorgen für sozialen Ausgleich. Hauptnutznießer solcher öffentlichen Güter sind diejenigen, die am stärksten von Wohlstandsverlusten betroffen sein werden und daher auf öffentliche Leistungen in besonderer Weise angewiesen sind. Hier geht es auch um die Rückbesinnung auf die Ideen des Sozialstaats und des Gedankens „Einer trage des andern Last“. Diesen sozialen Zusammenhalt müssen wir durch Investitionen stärken. Gerade jetzt.

Gesellschaft baut man von unten

Wir werden es uns zudem nicht mehr leisten können, die Energiewende zu bremsen, die auch eine Konsumwende ist. Doch jeder Abschied bietet auch neue Perspektiven und wir können die Rahmenbedingungen so ändern, dass individueller Verzicht möglich ist und wir sogar an Lebensqualität gewinnen. Etwa indem wir ein eng getaktetes Bus- und Bahnsystem haben, das den Kollaps des Individualverkehrs vermeidet, wodurch jede und jeder Lebenszeit gewinnt. Oder indem wir klimagerecht bauen und öffentliche Versorgung auch in der Fläche aufrechterhalten. Hierzu zählt die Gesundheitsversorgung ebenso wie allen zugängliche Bildungsangebote. Das muss das Ziel sein: Uns für die öffentlichen Dinge stark zu machen, von denen wir als Gesellschaft insgesamt profitieren.

Hierbei kommt schließlich noch ein wichtiger Punkt zum Tragen: Diese Investitionen müssen Teil einer lokalen Agenda sein. Es gilt, die dezentralen Strukturen zu stärken. Gesellschaft „baut“ man nicht von oben, sondern von unten. Die kommunale Leistungsfähigkeit zählt, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Handwerksbetriebe und mittelständische Betriebe sind auf ihre regionalen Umfelder angewiesen. Leistungsfähige öffentliche Güter sind daher nicht nur von Relevanz für den sozialen Zusammenhalt, sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg.

Aus diesem Grund forschen wir schon seit einer Reihe von Jahren zu Sozialen Orten und stellen uns die Frage, wie und wo soziale Innovationen entstehen können, die schon im Lokalen für Zusammenhalt und Wohlstand sorgen. Die Frage nach den Sozialen Orten richtet sich vor allem an Regionen, an Kleinstädte und Dörfer, aber auch an städtische Quartiere, die schon seit Jahren mit widrigen wirtschaftlichen, demografischen und sozialen Verhältnissen zu kämpfen haben. Dort schwinden Arbeitsplätze und öffentliche Infrastrukturen, die jungen Leute wandern ab, Gefühle des Abgehängtseins und der Abwertung machen sich unter denen breit, die zurückbleiben (im doppelten Wortsinn). Doch unsere Forschungen zeigen, dass sich gerade an solchen Orten, die auf den ersten statistischen Blick als Zonen des Verlustes und der Entwertung erscheinen, oftmals engagierte Bürgerinnen und Bürger, Ortsbürgermeister oder lokale Unternehmer finden, die sich mit dem Schicksal ihres Dorfes oder ihres Stadtquartiers nicht abfinden mögen. Sie arbeiten gegen den Trend, und das Konzept der Sozialen Orte macht ihre Arbeit sichtbar.

Miteinander, nicht gegeneinander

Die Idee der Sozialen Orte ist ein optimistisches Konzept, das nicht die Verwalter des Niedergangs, sondern die Virtuosen des Wandels entdeckt und sichtbar macht. Diese Investitionen in Zukunft und Zusammenhalt und diese Neudefinition des Wohlstands haben allerdings Voraussetzungen. Damit Soziale Orte entstehen können, braucht es neben den öffentlichen Strukturen die Kooperationsbereitschaft zwischen Verwaltung und aktiven Bürgerinnen und Bürgern, und es braucht einen langen Atem. Aber vor allem braucht es Zukunftsgewissheit und die Bereitschaft, sich von Wohlstandskonzepten zu lösen, die nicht mehr tragfähig sind. Was wir im Kleinen empirisch beobachten, kann uns im Großen leiten: Der Abschied vom Wohlstand, wie wir ihn kannten, ist keine Frage der Trauerarbeit, sondern eine Innovationsaufgabe, die Investition und Engagement erfordert. Autoritäre Konzepte setzen auf Pessimismus, Demokratien leben hingegen vom Optimismus, dass Wandel gestaltbar ist. Der Wohlstand von morgen lebt genau von diesem Optimismus. ­