16.12.2014

Fest der Familie 

»?Ein Bild für die Nähe Gottes zu den Menschen?«

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Herr Huber, welche Bedeutung hat die Heilige Familie ganz allgemein für das Christentum?
Wolfgang Huber: Die Heilige Familie ist ein Ausdruck, der sich in der Geschichte des Christentums in erstaunlicher Weise durchgesetzt hat. Auf der einen Seite haben die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem und das Schicksal von Maria und Joseph auf dem Weg zur Volkszählung als ein derart intensives Bild für die Nähe Gottes zu den Menschen gewirkt, dass sie die Weihnachtsfrömmigkeit über die Jahrhunderte und Jahrtausende hin stark geprägt haben.

Auf der anderen Seite wurde im Laufe der Jahrhunderte das Familienbild der jeweiligen Zeit in das Bild von der Heiligen Familie hineinprojiziert. Zum Beispiel lässt sich beim Übergang zur sogenannten bürgerlichen Familie – die nicht mehr die Familie des ganzen Hauses war, also der um das Personal für das Haus und den jeweiligen Beruf erweiterte Mehrgenerationenverband, sondern nur noch aus Eltern und Kindern bestand – beobachten, dass dann auch die Heilige Familie gewissermaßen „kleiner“ wurde, indem nur noch Maria, Joseph und das Jesus-Kind gezeigt wurden.

Vor dieser Wende hatte es interessante Erweiterungen der Heiligen Familie gegeben, wie zum Beispiel die Einbeziehung der Mutter der Maria, der heiligen Anna. Die Übergangszeit vom Mittelalter zur Reformation ist ganz stark durch diese Verehrung der Anna geprägt, weil in ihr der Übergang von der Heiligen Familie zum Familienbewusstsein der Christen symbolischen Ausdruck fand.

Gibt es eine Konstanz in dieser Entwicklung?
Die Konstanz liegt in der erstaunlichen Kraft, die sowohl die private Familie als auch die Heilige Familie trotz aller Wandlungen über die Jahrhunderte hinweg bewahrt haben. Daran muss man in einer Zeit, in der viele die Familie in einer Krise oder gar als Auslaufmodell sehen, immer wieder erinnern: Der Wandel der Familienformen über die geschichtlichen Entwicklungen hinweg ist gerade ein Zeichen für die große Kraft, die in dieser Lebensform steckt.

Weil die Menschen die prägende Kraft der Familie immer wieder erfuhren, haben sie das im religiösen Sinne auf intensive Weise mit der Heiligen Familie verbunden. Deshalb ist – vor allem in der europäischen Tradition – das starke persönliche „Ja zur Familie“ und der Wunsch, in dem Familienzusammenhang auch gemeinsam zu feiern, stark mit der Geburt Jesu und mit Weihnachten verbunden. So wurde das Weihnachtsfest zu einem Fest der Familie im doppelten Sinn.

Im vergangenen Jahr hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein Grundlagenpapier zur Familie vorgelegt. Obwohl es im Untertitel die Zeile „Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ trägt, kritisieren viele Anhänger klassischer Lebensentwürfe das Papier entschieden, weil darin auch ausdrücklich moderne Formen der Partnerschaft begrüßt werden. Was ist da schief gelaufen?
Die Voraussetzung dieses Familienpapiers – ich war selbst noch an der Vorgeschichte beteiligt – war, dass wir durchaus eine Pluralisierung der Familienformen und der Formen des Zusammenlebens gesehen haben. Andererseits haben wir als evangelische Kirche in dieser Pluralität durchaus eine Aufgabe darin gesehen, das „Ja“ zu Ehe und Familie zu stärken und Menschen zu helfen, dass sie dieses „Ja“ auch in ihrem Leben praktisch umsetzen können. Deswegen haben wir uns die Frage gestellt, wie wir unbeschadet dieser Vielfalt und im Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensformen etwas dazu tun können, um das „Ja“ zu Ehe und Familie sozial und kulturell zu stärken. Das zeigt sich u.a. im Untertitel des Familienpapiers, den Sie gerade zitiert haben.

Aber die Wirkung war eine andere.
Das stimmt. Weil man dieses „Ja“ zu Ehe und Familie gar nicht so deutlich wahrgenommen hat. Viel deutlicher wahrgenommen wurde der Hinweis darauf, dass die sogenannte klassische bürgerliche Familie mit bestimmten Rollenmustern von Männern und Frauen, Eltern und Kindern heute überholt sei und man diese im Zuge der Gleichberechtigung auch ganz bewusst hinter sich lassen müsse. Das wurde von vielen als eine Negation von Ehe und Familie verstanden. Und obwohl das im Nachhinein durch den damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider zurechtgerückt wurde, blieb der negative Eindruck hängen. Die EKD hat daraus die Folgerung gezogen, dass sie das ganze Thema noch einmal aufrollt; darum hat sie eine grundsätzliche theologische Äußerung zu Ehe und Familie in Auftrag gegeben. Diese wird aber sicherlich noch längere Zeit in Anspruch nehmen.

Was ist der Kern des evangelischen Familienbegriffs in der Gegenwart?
Wir sind aus guten Gründen fest davon überzeugt, dass die Verbindung zwischen zwei Menschen, die durch Verlässlichkeit und Treue und Unbedingtheit geprägt ist, auch heute und morgen und übermorgen ihren zentralen Sinn für das menschliche Leben nicht verliert. Und wir sind sicher, dass diese Ansicht auch biblisch gut begründet ist.

Unbeschadet dessen, dass wir auch in der Bibel unterschiedliche Familienformen und auch Familien mit mehreren Frauen finden, gibt es keinen Zweifel daran, dass als Resultat einer christlichen Klärungsgeschichte die grundsätzlich unauflösliche Verbindung eines Mannes mit einer Frau eine normative Bedeutung hat. Dies wieder deutlicher zu sagen, ist nach dem Familienpapier der EKD notwendig geworden. Ebenso fundamental ist die Offenheit dieser Lebensgemeinschaft für das Geborenwerden und Aufwachsen von Kindern.

Allerdings: Wenn Sie sich die Liturgie eines Traugottesdienstes ansehen, die Texte, die da gelesen werden, und die Fragen, die an das Ehepaar gestellt werden, dann merken Sie, dass diese Grundorientierung vollkommen zweifelsfrei unseren kirchlichen Alltag prägt.

Der Deutsche Ethikrat hat vor einigen Wochen für Wirbel gesorgt, als er empfahl, unter Umständen Inzestbeziehungen zuzulassen. Läuft unsere Gesellschaft Gefahr, dass der Familienbegriff allmählich erodiert, wenn man allen möglichen Formen des Zusammenlebens gegenüber vermeintlich tolerant ist?
Der Deutsche Ethikrat hat sich mit einer sehr speziellen Frage beschäftigt. Es ging um die Beziehungen zwischen volljährigen Geschwistern bzw. Halbgeschwistern, die sich in ihrer Kindheit gar nicht kennengelernt haben, weil sie nicht im selben Familienverbund aufgewachsen sind. Das Bemühen der Mehrheit des Ethikrates, dieser besonderen Situation durch eine Änderung der rechtlichen Regelungen Rechnung zu tragen, hat sich so ausgewirkt, dass die allgemeine Öffentlichkeit gedacht hat, das Inzesttabu hätte für dieses Gremium überhaupt keine Bedeutung mehr. Ich selbst habe mich deswegen bei den Beratungen, an denen ich noch beteiligt gewesen bin, auch gegen diese Empfehlung ausgesprochen. Andererseits sollten wir bedenken, dass es sich hier um einen besonderen, durchaus tragischen Einzelfall handelt. Dass dadurch ein Signal gesetzt wird, dass Inzest heutzutage überhaupt kein Problem mehr sei, halte ich für falsch.

Ist angesichts mancher „gesellschaftlicher Lockerungen“ das Gebot, dass Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz des Staates stehen, bedroht? Oder anders: Brauchen wir eine Diskussion über die Grenzen des Begriffs „Familie“?
Es ist – das muss man mit großem Nachdruck sagen – kein Zufall, dass der Schutz von Ehe und Familie nicht irgendwo steht, sondern im Grundrechtsteil unserer Verfassung. Er gehört damit zu denjenigen Artikeln, die von der Möglichkeit der Verfassungsänderung ausgenommen und dadurch mit einer „Ewigkeitsgarantie“ versehen sind. Dem müssen der Gesetzgeber und die Rechtsprechung immer wieder Rechnung tragen. Es ist eine bleibende Aufgabe für die Gesellschaft, dass wir trotz des Respekts für die sich entwickelnde Vielfalt von Lebensformen den besonderen Schutz erhalten, den Ehe und Familie genießen und auch in Zukunft genießen müssen, als Kern derjenigen Lebensformen, in denen das verlässliche Miteinander von Menschen sich mit der Verantwortung für das Aufwachsen einer nächsten Generation verbindet.

Und wie gehen wir mit den neuen Lebensformen um, die ebenfalls Familie sein wollen?
Wir sollten in jedem Falle bedenken, dass bei der großen Vielfalt heutiger Lebensformen die normative Bedeutung von Ehe und Familie ja auch ausdrücklich von denjenigen anerkannt wird, die in anderen Lebensformen ihr Leben gestalten wollen. Wenn zum Beispiel auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften danach streben, in Bezug auf die rechtliche Absicherung oder auch die Möglichkeit der Adoption von Kindern als eheähnliche, wenn nicht ehegleiche Lebensform anerkannt zu werden, setzt dies eine normative Bedeutung von Ehe und Familie gerade voraus. Und auch Lebensgemeinschaften, in denen ein Mann und eine Frau ohne Eheschluss mit Kindern leben, bezeichnen sich als eine Familie, ohne dass sie dafür die rechtliche Abstützung in Anspruch nehmen. Die normative Bedeutung ist auch darin geachtet.

Von daher halte ich es für falsch, aus der Pluralisierung eine Gleichgültigkeit gegenüber dem besonderen Schutz von Ehe und Familie abzuleiten. Es geht vielmehr darum, die Ausstrahlungswirkung dieses Schutzes auch auf andere Lebensformen zu berücksichtigen und zu beachten. Allerdings nicht in dem Sinne, dass alle denkbaren Lebensformen gleichrangig seien.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was bedeutet Familie ganz privat für Wolfgang Huber?
Meine Familienerfahrungen betrachte ich als das ganz große Glück meines Lebens. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, von der ich auch jetzt noch merke, wie viel prägende Bedeutung sie für mich hatte. Als jüngster von fünf Brüdern habe ich gerade auch in der schwierigen Nachkriegszeit gespürt, welche tragende Kraft eine große Familie haben kann. Außerdem hatte ich das große Glück, dass ich schon in ziemlich jungen Jahren eine eigene Familie gründen konnte, und dass ich noch immer in der Ehe sehr glücklich lebe, die vor 48 Jahren begonnen hat; zuversichtlich und fröhlich denken wir dann und wann schon darüber nach, wie es wohl mit unserer Goldenen Hochzeit sein wird. Meine Frau und ich haben uns in den sechziger Jahren in einer ziemlich unruhigen Zeit dazu entschlossen, den Weg in die Ehe zu gehen, und nicht erst lange Jahre in einer Beziehung zu leben. Wir sind sehr glücklich darüber, dass in diese Familie drei Kinder geboren wurden, die jetzt ihrerseits Familien haben, sodass wir jetzt auch ganz aktiv das Weitergehen von Familie in die nächste Generation unserer vier Enkeltöchter und Enkelsöhne sehen. Das ist ein Grund zu ganz großer Dankbarkeit. 

Das Interview führte René Nehring.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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