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Ein Gründungstag des modernen Europas?

Forum - Ein Gründungstag des modernen Europas?
Umstritten von Beginn an: Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517, hier in einer Lithographie von Adolph Menzel (nach Löwenstern) © akg-images

Über Luthers Thesenanschlag, ein bemerkenswertes Buch und eine Rezension, die keine ist

01.11.2018

Hat der Thesenanschlag stattgefunden? Der Streit darum, was am 31. Oktober 1517 tatsächlich in Wittenberg geschah, wird, solange in Europa das lutherische Christentum nicht in einem esoterischen Wohlfühlprotestantismus aufgelöst wurde, weiterhin die Gemüter erhitzen. Immer wieder hat die historische Forschung deklariert, dass sie objektiv und mythenkritisch die Geschichte der Reformation vor allem in der Person Martin Luthers bearbeiten wolle und ist dabei zuweilen bis an den Rand des Revisionismus geraten. Soviel ist sicher, dass die Thesen am 31. Oktober an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen worden waren. Allerdings sollte man Martin Luther nicht als Rebell, der kühn den Hammer gegen eine zutiefst verrottete Kirche schwang, sehen, sondern als einen treuen Sohn derselben Kirche, der sie wieder an ihre reinen Quellen zurückführen und bessern wollte.

Der Kontext der Zeit
Um zu verstehen, was zum Thesenanschlag führte, muss man das Jahrhundert zwischen 1415 und 1517 in den Blick nehmen, in dem man um Reformen rang. Die Krise des Mittelalters setzte mit dem Großen Abendländischen Schisma ein. Seit 1378 existierten zwei Kirchen in Europa, die jeweils ihren eigenen Papst an der Spitze hatten. Dass uns das Spätmittelalter mit seinen großen Frömmigkeitsanstrengungen fremd ist, liegt daran, dass zwischen jener Ära und unserer Gegenwart in der Reformation der große Umbruch erfolgte, der Glauben, Denken, aber auch die politische Verfasstheit und wirtschaftliche Entwicklungen vollkommen veränderte und mit ihm auch grundsätzliche Gewissheiten.

Ein Beispiel, das auch für die Ablassfrage bedeutend ist, verdeutlicht das pars pro toto: Die Menschen des Mittelalters glaubten nicht nur an die Existenz Gottes im absoluten Sinn, sondern auch daran, dass sie alle zum Jüngsten Gericht vor dem großen und schrecklichen Weltenrichter Jesus Christus, vor dem keine Lüge und keine Heimlichkeit möglich war, weil er bis in den verborgenen Winkel des Herzens zu schauen vermochte, sich zu rechtfertigen hatten. Er allein würde die Entscheidung fällen, ob der arme Sünder die Ewigkeit im Himmel oder in der Hölle zuzubringen hatte.

Deshalb gewann für den spätmittelalterlichen Menschen die ars moriendi, die Kunst des guten Sterbens, eine weitaus höhere Bedeutung als die ars vivendi, die Kunst des guten Lebens. Von daher spielte die Frage nach einem gerechten Gott, nach einem Gott, der den Menschen trotz seiner Sünden rechtfertigt, eine zentrale Rolle in der Heilsökonomie – und Heilsökonomie war damals Lebensökonomie, nicht nur für Luther, sondern auch für seine Zeitgenossen. Die Frage lautete schlicht: Wie kann ich die Zeit im Fegefeuer verkürzen und vermeiden, in der Hölle zu leiden? Von daher gewann die Frage, welchem der beiden Päpste man folgte – denn der andere war der Antichrist – für die eigene Seligkeit ein großes Gewicht.

Das Schisma zerrüttete immer stärker das Abendland. Es gelang König Sigismund im Konzil zu Konstanz, die Christenheit zu einen. Allerdings wurde auf dem Konzil auch Jan Hus verbrannt, der eine Reform in der Theologie anstrebte. Erst in der Leipziger Disputation sollte Luther erkennen, wie nah er in Fragen des Priestertums aller Christen, in der Frage des Laienkelchs jenem Böhmen war, den er zuvor für einen Häretiker gehalten hatte. Kurioserweise stieß ihn sein Gegner Johann Eck darauf, der damit Luther zum Ketzer machen wollte – auch dies ein Indiz dafür, dass 1517 nicht schon der Reformator die Thesen formulierte, sondern noch der treue Sohn der Kirche.

Die Reformscheu der Päpste
Im Grunde wusste man spätestens seit 1415 um die Notwendigkeit von Reformen in der Kirche, in der Verwaltung des Reiches, in der Rechtsprechung – auch jeder Papst. Doch jeder neue Papst kannte auch die Größe der Aufgabe und dass sie ihn unter sich zu begraben vermochte – also ließ jeder Pontifex die Finger davon und schob sie seinem Nachfolger zu. Pointiert gesagt war die Reformation die Konsequenz aus den ausgebliebenen Reformen zuvor. Forderungen, die in der Reformation eingelöst wurden, finden sich bereits in der Publizistik des 15. Jahrhunderts, so in der bedeutsamen Reformatio Sigismundi von 1439.

Die Frage der eigenen Seligkeit, wie ich einen gerechten Gott bekomme und der Gnade Gottes teilhaftig werde, entpuppte sich als zentrale Frage, mit der Luther als Seelsorger konfrontiert wurde. Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise verbot, dass Tetzel in kursächsischen Landen Ablässe verkaufte, aber nicht aufgrund religiöser Skrupel, sondern weil er nicht dem Konkurrenten Albrecht, der mit dem Ablass seine Schulden bei den Fuggern bezahlte, mit kursächsischen Münzen aushelfen wollte. Als Tetzel in Jüterbog predigte, entstand für so manchen Wittenberger die Frage, ob er für sein Seelenheil ins nahe Jüterbog ziehen und Ablässe erwerben sollte. Martin Luther sah, dass in diesem zentralen Punkt die Theologie in Unordnung geraten war. Deshalb regte er eine große Disputation in der Fachwelt an, damit man, modern gesprochen, zu einheitlichen und vor allem theologisch abgesicherten Standards käme.

Insofern richten sich seine Thesen nicht gegen den Papst und auch nicht gegen die Kirche, sondern gegen eine Praxis, die das Seelenheil der Christen bedrohte und Papst und Kirche in Verruf brachte. Martin Luther schlug die Thesen an, weil darin der ordentliche Weg zur Eröffnung einer Disputation bestand, aber er verschickte die Thesen auch an andere Theologen. Ihm schwebte kein Disput in Wittenberg vor, ihm ging es um eine grundsätzliche Einigung.

Die Bedeutung des Thesenanschlags
Deshalb begann, wie Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr in ihrem lesenswerten und informativen Buch über den Thesenanschlag „Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag“ belegen, die Reformation am 31. Oktober 1517 mit dem Aushang der Ablassthesen an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, die auch der Wittenberger Universität als Schwarzes Brett diente. Angesichts der Bedeutung der Thesen ist es verdienstvoll, dass die beiden Historiker, die als Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt direkten Quellenzugriff besitzen, aus denen sie wohltuend beherzt schöpfen, sich konzentriert mit diesem Tag beschäftigen. Ihnen gelingt, das Ereignis des Thesenanschlages neu auszuleuchten, fachlich korrekt und dazu noch unterhaltsam zu erzählen. Man wünscht sich mehr dieserart Bücher, die seriös und mit einem Blick auf ein breites Lesepublikum heute noch wichtige Ereignisse so eindrücklich schildern; denn um bei Luther anzusetzen, steht nicht nur die Bibel jedem zum Studium offen, sondern auch die Geschichte.

Vor dem Hintergrund ist der Verriss von Thomas Kaufmann in diesem Magazin (Heft 10/2018) unverständlich, zumal er den zentralen Thesen nicht widerspricht. Allerdings erfährt man aus Kaumanns Rezension mehr über den Rezensenten als über das Buch. In jedem Grundkurs Literaturkritik lernt man, dass eine Rezension den Rezensionsgegenstand möglichst objektiv darzustellen hat, beschreiben muss, worum es geht, bevor sie zu beurteilen hat, ob der Text die eigenen Voraussetzungen erfüllt und schließlich auf der Grundlage der ersten beiden Schritte über das Werk urteilt. Nichts von dem versucht Kaufmann in seiner Rezension. Er spricht von „Nachwuchswissenschaftlern“, die etwas „hinausposaunen“, die ein „bemerkenswertes Selbstbewusstsein“ haben, um dann zu schildern, was er, Kaufmann, bereits in der Angelegenheit des Thesenanschlags wissenschaftlich geleistet hat. Hat er das nötig?

Zudem verfehlt Kaufmann das Thema seiner Rezension nicht nur inhaltlich, sondern auch formal, wenn er verkennt, mit welcher Textgattung er es zu tun hat. Hasselhorn und Gutjahr haben keinen Aufsatz für eine historische Fachzeitschrift und für ein eher kleines Fachpublikum verfasst, sondern sie haben – was auch Kaufmanns Anliegen sein sollte – die Geschichte des Thesenanschlages kompetent und ausgesprochen gut lesbar für ein größeres Publikum aufbereitet. Es mag für Thomas Kaufmann vielleicht schwer vorstellbar sein, aber nicht jeder Leser des Buches ist Professor für Kirchengeschichte oder hat eines seiner Seminare besucht. Insofern ist für den interessierten Leser die pointierte und unterhaltsame Darstellung der Forschungsgeschichte wichtig, die Kaufmann bemängelt.

Mit Blick auf den Reformationstag kann jedem Interessierten das kundige Buch über den Thesenanschlag von Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr nur wärmstens empfohlen werden. Denn es geht geistreich und sehr konkret einem Ereignis nach, das man den Gründungstag unserer modernen Welt nennen kann. Mit der Entdeckung des Ichs im Glauben brachte der Reformator das Individuum ins Weltenspiel, auf dem unsere moderne Gesellschaft und der Siegeszug von Wissenschaft, Technik, Literatur, Kunst und Demokratie beruhen. Grund genug, sich einmal ausschließlich mit diesem Tag zu beschäftigen.

Klaus-Rüdiger Mai