ROTARY AKTUELL - Ein guter ­rotarischer Freund

01.07.2017

ROTARY AKTUELL

Ein guter ­rotarischer Freund

Martin Boeckh

Sie zählt zum Kerngedanken Rotarys und trifft uns dennoch oft unvermittelt. Ein Blick auf die Vielschichtigkeit rotarischer Freundschaft

In diesen schwierigen Zeiten ist es wohltuend, die Internationalität von Rotary zu erleben, gelebte Vielfalt, die sich in den Hautfarben, Ansichten, Tem­peramenten, den Projekten und Grants, der Kleidung und kulturellem Selbstverständnis ebenso äußert wie in den Diskus­sionsgruppen und Ausschüssen, die in ver­­blüffender Klarheit sichtbar machen, wie sehr rotarisches Selbstverständnis und politische Realität auseinanderliegen können, durchaus im Einklang mit unserer „corporate identity“. Ich sehe diese wohl­tu­ende Vielfalt auch im Logo, das dem Motto „Rotary – macht den Unterschied“ unterlegt ist.

Einen Unterschied machen
Ich gebe offen zu, dass ich das neue ­Motto nicht einfach finde, auch schwer zu übersetzen. Einen Unterschied machen, das kann auch Selbsterhöhung bedeuten, besser sein wollen als andere. Diese Exklusivität hängt Rotary schon lange an, und viele fühlten sich wohl damit. Ein Artikel im Spiegel von 1983 war verheerend für Rotary, wies er doch – neben den bekannten Klischees – einigen unserer alt­vorderen Freunden nach, wie geschmiert sie mit den Nazis zusammengearbeitet haben, vor allem in Fragen der Eliminierung jüdischer Rotarier. Legendär auch der Rausschmiss Thomas Manns.

In der Pädagogik ist gerade Integration im Spannungsfeld zur Differenzierung ein hohes Gut, ebenso moralisch wie verfassungsgemäß. Nun sind wir ja offensichtlich nicht alle gleich, der Gegensatz von „liberté“ und „égalité“ ist unversöhnlich und offensichtlich. Die Deutung des Mottos muss hier ansetzen, in der persönlichen Disposition und Bereitschaft, mehr zu tun, als die Gauß’sche Normalverteilung der Gaben und Begabungen vorsieht: Wir wollen uns engagieren, um das zu befördern, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Dieses Tun kann zum Leuchtturm werden, zur „best practise“. Arch C. Klumph gründete die Foundation mitten im Ersten Weltkrieg, an der Satzung der Vereinten Nationen war Rotary entscheidend beteiligt, Millionen von rotari­schen Freunden helfen jeden Tag, die Welt ein wenig besser zu machen. Selbstloses Dienen konterkariert jeden Elitebegriff, der übrigens per se ja nicht schlecht sein muss.

Vertrauensvolles Miteinander
Heute, in Zeiten neuer Zäune, maßlosen Kriegs- und Flüchtlingselends, in Zeiten von politischer Verunsicherung, zivilisatorischen Brüchen ungeahnten Ausmaßes, die sich auch in unseren Schul- und Gesundheitssystemen bemerkbar machen, wachsen uns Rotariern zahlreiche Auf­gaben zu in den bewährten Feldern wie dem Gemeindienst, dem Jugenddienst, dem Berufsdienst, der Suche nach jungen Mitgliedern beiderlei Geschlechts, die nicht mehr Chefärzte oder Lehrstuhlinhaber sein müssen – möglicherweise auch nicht sein können, denn die Berufswelt hat sich dra­matisch verändert. Für einige Clubs wird das zur Überlebensfrage. Es gibt auch neue Herausforderungen, in der Kommunikation beispielsweise, in der Fähigkeit zum Kooperieren, im Erkennen der Zukunftsfragen, in der Selbstwahrnehmung.

Ich bin zuversichtlich, dass uns da vie­les gelingt, die Bedürfnisse in den Gemeinwesen sind unterschiedlich, vor Ort weiß man manches besser als der Governor, und das ist in Ordnung so. Allerdings sollte es unser erklärtes Ziel sein, die Entfernung einiger Clubs zum Distrikt im vertrauensvollen Miteinander kleiner zu machen. Rotary muss vor Ort und als Teil der internationalen Gemeinschaft funktionieren. Wer das nicht einsieht, segelt unter falscher Flagge. Wo Rotary draufsteht, muss auch Rotary drin sein, und da gibt es kein Ausblenden in lieben Gewohnheiten. Ich denke, über all dies ist Konsens zu erzielen, denn unsere Motivation, Ro­tarier zu sein, lebt ja gerade vom sozialen Enga­gement. Dazu kommt die Geselligkeit, die spannende Begegnung mit anderen Berufen, Charakteren, Biografien – eine ­Vielfalt, die ich immer wieder als große Bereicherung meines, unseres Lebens ansehe. Hier, in der glücklichen Verbindung von ethisch begründetem Handeln und rotarischer Freundschaft, liegt der Schlüssel für die mehr als 100-jährige Erfolgsgeschichte von Rotary.

Und eine Falle, in die wir Rotarier geraten können. Es geht um den rotarischen Freundschaftsbegriff. Wir sind auf alles vorbereitet, die Dienste zwischen Hands-on und Spendenbereitschaft, manches lässt sich erlernen, Jugendarbeit, Austausch, Pro­jektarbeit. Die rotarische Freundschaft aber trifft uns unvermittelt. Wie soll das eigentlich funktionieren? 40 bis 70 wildfremde Personen, berufserfahren, erfolgreich, womög­lich verhalten dominant, kaum ohne Eitel­keit, erklären sich zu Freunden, weil es erstens zur rotarischen Vier-Fragen-Probe gehört – und es sich zweitens überhaupt gehört?
Der Sinn dieser rotarischen Herausforderung erschließt sich schnell, und Männer zumal sind ja anfällig für Begrifflichkeiten wie Kameradschaft, Bruderschaft, Männerfreundschaft. „Ein Freund, ein guter Freund“ – wer kennt das Lied nicht? Dann tauchen Winnetou und Old Shatterhand auf, Erinnerungen an die elf ­Freunde, die sich verschwitzt eine Dusche teil­ten, bei den Älteren noch Kriegserinnerungen. All diese Beispiele haben neben einem gerüttelten Maß an Zufall – wie es eben die Schule, das Militär, die Burschenschaft, der Sportverein bereithalten – doch viel von einer Auswahl, einem starken Element persönlicher Freiheit: Wer mein Freund wird, bestimme ich.

Herausforderung Freundschaft
Was aber passiert, wenn meine Freundschaft in toto gefordert ist? Ich könnte schnell bei Rotary die fünf oder zehn Freunde finden, die mir die Genugtuung persönlicher Entscheidung verschaffen. Aber ist das gemeint?
Ich bin an meine Zeit als Kirchenbe­am­ter erinnert, ich leitete mal in Sachsen ein großes evangelisches Gymnasium, die Pfar­rer des Trägers redeten mich mit „Bruder“ an, und die Gemeinheiten, mit denen man nach mancher Andacht konfrontiert wurde, hätte ich leichter kontern können, wenn da die Kontrahenten nicht Brüder, sondern einfach nur Arbeitskollegen gewesen wären. Nun ist ja die Idee, freiwillige Angehörige einer Gemeinschaft unter ein Motto zu stellen und ethische Maßstäbe in eine Verfassung aufzunehmen, per se eine gute Idee. Jeder, der beitritt, unterwirft sich dieser Idee, und seine neuen Freunde dürfen ihn auch gelegentlich an diese Verfassung erinnern. Das Problem entsteht, wenn wir nicht wissen, was wir meinen. Die De­finition von Freundschaft ist nicht leicht. Wir haben Tausende Bücher über die Liebe, angefangen mit der Bibel und ihrem Hohen Lied, und jeder von uns hat seine Erfahrungen. Verlautbarungen über Freundschaften sind da deutlich seltener, es gibt etwas von Aristoteles, natürlich von Plato, ein paar Beispiele in der Literatur – immer ausgehend von der Freiheit der persönlichen Entscheidung. Hin und wieder wird die „Zweckfreundschaft“ genannt, die „Schicksalsgemeinschaft“ – das klingt schon zufälliger, ist aber in diesem Zusam­menhang kein gutes Beispiel. Immer wie­der ist auch von einer Nähe zur Liebe die Rede. Natürlich liegt hier auch mancher Hund begraben, wenn rotarische Freunde sich vor weiblichen Clubmitgliedern fürchten. 

Die Freiheit des Geistes
Hilft uns das christliche Gebot von der Nächstenliebe? Es sollte, natürlich, aber das gilt auch für Kegelbrüder, und mit den Geboten hat es die Freundschaft schon deswegen nicht so gerne, weil sie nur in Freiheit gelingen kann, in der Freiheit des Geistes. Wir sehen hier das erste große Spannungsfeld von Freundschaft, dem wir uns stellen müssen: Rotarische Freundschaft ist gefordert, und sie soll ungeteilt für eine gewählte, weitgehend zufällige Peergroup gelten. Das geht nicht leichtfertig, das ist Arbeit, mit und ohne Frauen.

Freiheit des Geistes alleine scheint nicht zu genügen. Ich bin auf zwei schöne Beispiele gestoßen, die sich mit Freundschaft beschäftigen und die auch heute noch gut zugänglich sind. Das eine stammt von Michel de Montaigne, der essayistischen Allzweckwaffe des 16. Jahrhunderts. Er lernt eine tiefe Männerfreundschaft kennen, die mit Etienne de la Boetie, und verleiht gleichzeitig, sozusagen in qualitativer Abgrenzung, einer tiefen Skepsis Ausdruck: Zitat: „Was wir gewöhnlich Freunde und Freundschaft nennen, ist nichts als eine durch Zufall zustande gekommene nähere Bekanntschaft, an die man sich gewöhnt hat und durch die ein gewisser geistiger Austausch ermöglicht wird.“

Und dann habe ich eine rotarische Broschüre gefunden, die sich wohltuend von den vielen Aufsätzen rotarischer Würdenträger abhebt, die immer mit einer lexika­lischen Definition von Freundschaft begin­nen und dann beschwörend sagen, wie es sein soll. Das wissen wir aber längst.
Sie stammt von meinem viel zu früh verstorbenen rotarischen Freund Martin Petzold, Professor für Theologie an der Universität Leipzig.

Es kann gelingen
Er beruft sich auf ein Gedicht von Dietrich Bonhoeffer: „Der Freund“; eine Zeile aus dem Gedicht wird ihm zum Buchtitel: „Freundschaft, Freiheit des spielenden, wagenden und vertrauenden Geistes.“

Bonhoeffer machte in seinen letzten Lebensjahren, -wochen, -tagen die sehr spezielle Erfahrung einer Freundschaft, die mit Eberhard Bethge. Sie begann zufällig, und aus sehr unterschiedlichen Menschen wurden Freunde bis zum endgültigen Abschied. Das lässt sich nicht kopieren, aber es gibt Begrifflichkeiten, die uns weiterhelfen in der Suche nach rotarischer Freundschaft. Da ist von Spielgefährten die Rede, in den Weiten des Geistes, die gerade die Andersartigkeit in den Blick nehmen, von der Suche nach verborgenen Schätzen: „Angeekelt vom Gewürm … von Neid, Missgunst und Neugier“ … (Zitat) sucht er das „Geheimnis des freien Gedankens“. Man kann es auch weniger pathetisch ausdrücken: Freundschaft in dieser halb zufälligen, halb gewollten und ebenfalls halb verordneten Form ist ein Wagnis, das wir nur mit Vertrauen und der Fähigkeit zur gedanklichen Freiheit eingehen können, und der fast archaische Begriff des Spielgefährten gewinnt überraschende Aktualität.Und – da sind wir dem Begriff von Liebe ganz nah: Jedes Handeln, Spielen, Wagen beginnt bei uns, nicht bei dem anderen. So kann’s gelingen mit der rotarischen Freundschaft, nicht überhöht, eher bescheiden, nicht nachgeplappert wie eine Eidesformel, aber auf der Basis bestimmter hilfreicher Charaktereigenschaften wie Milde, der Bereitschaft zur Selbstwahrneh­mung und der Bereitschaft zum Zuhören und Hinschauen. Dann gelingt vielleicht alles andere wie von selbst. Natürlich gilt auch bei der rotarischen Freundschaft: Wo Rotary draufsteht, muss Rotary drin sein. Wir haben es auch mit einer Pflicht zu tun, die Gegenstand unserer Selbstverpflichtung war und bleibt. Nur kann dies so nicht die Methode zur Selbstvergewisserung sein, erstens, weil man der Versuchung unterliegt, andere an diese Pflicht zu erinnern und nicht sich selbst, und zweitens, weil der Aufruf zur verfassten Pflichterfüllung den Kern eines moralischen Imperativs verschleiert.

Es ist wie mit der rotarischen Präsenzregel: Nur wer bereit ist, so etwas Altmodisches wie moralische Imperative anzuerkennen, und wer zur Selbstverpflichtung bereit ist, kann souverän durch unsere rotarische Welt wandern, und das schließt durchaus den kalkulierten Regelverstoß ein, denn Freundschaft ist vielschichtig, wie unsere Präsenzregel. Sie ist dynamisch, diskursiv, und kennt den Konflikt. Erst die übergeordnete Einsicht, dass da zwischen Pflicht, Spiel, Wagnis und Vertrauen etwas ist, was emotional und rational verankert ist, im vollen Bewusstsein der Zufälligkeit, lässt Freundschaft zu einer bewährten Größe werden.
Die kann allerdings großartig werden, lebenslang, intensiv – und eine wunderbare Nachricht der Sozialmediziner: Es handelt sich um eine lebensverlängernde Maßnahme.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2017

Rotary Magazin 9/2017

Rotary Magazin Heft 9/2017

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