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Titelthema

Eine radikale Reformation ist unvermeidlich

Titelthema - Eine radikale Reformation ist unvermeidlich
Auch ein Befund: „Der Playmobil-Luther ist harmlos, nett, unanstößig, gesichtslos, nichtssagend – eine Eigenschaft, die er mit manchen Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland teilt“. © EPD-Bild/Peter Roggenthin

Was hat der evangelischen Kirche das Reformationsjubiläum 2017 nachhaltig gebracht? Wo steht sie heute? Und wo will sie hin?

Thomas Kaufmann01.06.2019

Die schier unüberschaubare Menge an Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017, denen während eines Jahrzehnts (Reformationsdekade!) vielfältige Vorbereitungen und Auftaktveranstaltungen vorangegangen waren, lassen sich nach jetzigem Kenntnisstand kaum angemessen bilanzieren. Doch in einer Hinsicht ist das Ergebnis klar: War das Reformationsjubiläum seitens einiger Kirchenleute mit der Hoffnung verbunden worden, dass die evangelische Kirche durch all diese Anstrengungen „gegen den Trend“ wachsen würde, so ist nun klar: Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Warum?

Nun – weil sie unrealistisch war, ähnlich wie die Erwartung einer Kircheneintrittsbewegung nach der „Friedlichen Revolution“ von 1989. Denn die „Reformation“ und ihr Hauptakteur, ohne den keine Geschichte der heute gern pluralisierten „Reformationen“ auskommt, Martin Luther, sind ein durchaus sperriger Gegenstand. Als die ersten Kampagnen etwa 2008 starteten, hatten maßgebliche Repräsentanten der EKD kaum mehr im Gepäck als bestimmte affirmative, stark von der systematischen Theologie dominierte Bilder des Reformators, die in ihrer Jahrzehnte zurückliegenden Studienzeit dominant gewesen waren: Luther, der große Mann, der überragende Ausleger und Übersetzer der Heiligen Schrift, der unbestechliche, moderne Gewissensmensch, der Meisterdenker der Rechtfertigung. Und die Reformation? Der Auftakt all des Guten, Wahren und Schönen der Neuzeit – Demokratie, Toleranz, Menschenwürde und Kapitalismus –, der Durchbruch zu einem Zeitalter, zu dem auch wir noch gehören. Dass sich dieses Bild in den historischen Wissenschaften seit den 1970er-Jahren grundlegend gewandelt hatte, wurde manchem der kirchlichen wie der staatlichen Jubiläumsaktivisten erst bewusst, als die Kampagne schon lief. Zuletzt war dann, auch aufgrund wissenschaftlicher Einsprüche, in allen größeren öffentlichen Reden leitender Bischöfe und führender Politiker das „Zwar … aber“ tonangebend: Zwar hielten die meisten Reformatoren nichts von Toleranz, aber sie haben ein Tor zur Freiheit aufgestoßen; zwar war Luther kein Demokrat, aber er hat mit dem „Priestertum der Gläubigen“ Partizipationsoptionen eröffnet, die es vorher nicht gab; zwar war die Reformation noch nicht Neuzeit, aber sie hat ihr Werden begünstigt. Gut so! Anders als differenziert wird man in unseren Zeiten kaum einem Jubiläum gerecht. Einfache, identitäre „Wahrheiten“ liefern sie in aller Regel nicht. „Reformation“ „gut“ oder „schlecht“ ist genauso absurd wie es das „Remain“ oder „Leave“ des Brexit-Votums war.

Dass die Evangelische Kirche in Deutschland im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum Berührungsängste mit popkulturellen Formaten gehabt hätte, kann man ihr gewiss nicht vorwerfen. Am Ende ist der Playmobil-Luther das wichtigste ikonische Symbol des Jubiläums geworden, auch und vor allem dank des kraftvollen Einsatzes der evangelischen Christenheit. Für unsere Epoche ist das durchaus bezeichnend; denn vom Anthropozän wird gewiss das ubiquitäre Mikroplastik bleiben. Überdies: Der Playmobil-Luther ist harmlos, nett, unanstößig, gesichtslos, nichtssagend – eine Eigenschaft, die er mit manchen Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland teilt. Die Neigung dieser Institution – nein: dieser nurmehr chaostheoretisch zu erfassenden Organisationshydra –, sich an das Geläufige anzupassen, ihre paranoid-großkoalitionäre Angst, nicht „anzukommen“ und eine schlechte Presse zu bekommen, ihr Schrumpfungstrauma, ihr Anstößigkeitsvermeidungstrieb, der daraus gespeiste Hang zur Mainstreamigkeit, zum Zeitgeistsurfen, zur Hyperadaptivität gegenüber allem, was gerade angesagt ist – all dies hat ein adäquates Symbol im Playmobil-Luther gefunden.

Die Jubelsause ist lange vorbei
Die Jubelsause ist nun lange vorbei. Geblieben ist in einer breiteren kirchlichen Öffentlichkeit ein deutlich gewachsenes Interesse an der Geschichte der Reformation vor Ort und in ihrer Vielfalt – unter Einschluss der Täufer und Spiritualisten – und an den Besonderheiten, Sperrigkeiten und Erleuchtungen reformatorischer Theologie. Geblieben ist vielfach auch das Bedürfnis nach vertiefter Gemeinschaft mit katholischen Geschwistern, das immer wieder durch kalte Duschen hierarchischer Verbote autoritärer römisch-katholischer Bischöfe verstört wird. Die Frage nach der Zukunft der Ökumene ist nach den massenmedial wirkungsvoll inszenierten wechselseitigen Entschuldigungen und inbrünstigen Umarmungen höchster Würdenträger unklarer denn je. Man kann nur hoffen, dass mehr subversiver Tatendrang um sich greifen wird und glaubensmündige Christenmenschen beider Konfessionen, die es danach drängt, gemeinsam das Abendmahl feiern. Das so erbärmlich unprotestantische Buhlen um eine römische Anerkennung des evangelischen Amts, ihrer Institution als Kirche und ihrer Sakramente ist unwürdig und theologisch absurd; denn für einen evangelischen Christenmenschen könnte eine solche Akzeptanz seitens des römischen Lehramtes, die ja kaum zu erwarten ist, niemals mehr sein als eine nette Geste. Denn seit wann erkennen wir Evangelische römische Lehrpositionen als irgendwie verbindlich an? Oder habe ich da was verpasst? Gewiss zittern wir mit bei jedem Konklave, ob sich das jahrhundertelange Warten der Römer auf einen Engelspapst diesmal erfüllen wird. Im Moment sieht’s grad mal wieder nicht so aus. Ist ja auch wirklich ein schwieriger Job.

Ökumenisch erlitten wollen auch die düsteren Zukunftsprognosen des Freiburger „Forschungszentrums Generationenverträge“ sein, das beiden Kirchen einen Schwund an Kirchenmitgliedern um 50 Prozent bis zum Jahr 2060 voraussagt. Eines ist jedenfalls klar: Ohne radikale Reformation geht gar nichts mehr! Dies gilt unabhängig davon, ob man den Abwärtstrend doch noch abschwächen kann oder nicht. Denn die evangelische Kirche in Deutschland ist in ihrer gegenwärtigen Organisationsgestalt nicht zu retten. Die radikale Reformation, die hier nottut, hat von der Kernaufgabe der evangelischen Kirche – der Vermittlung der Botschaft von der Liebe Gottes, dem Evangelium, möglichst nah an vielen Menschen – auszugehen und alles Weitere, was sie sonst tun, sein oder entwickeln mag, von dieser Aufgabe her zu ordnen und zu gewichten. Sie hat einer vielfach desinteressiert und gleichgültig gewordenen Gesellschaft darzulegen und gegenüber dieser zu bekennen, dass sie an der universalen Erlösungsbotschaft des gekreuzigten Gottes für die gesamte Menschenheit – „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! (Mt 11,28) – festhält, dieser verpflichtet ist und mit diesem „Ja“ Gottes zu uns auch ein verbindliches Ethos der Nachfolge und der nachhaltigsten Verantwortung für alle jene Menschenkinder, die nach uns kommen werden „bis an der Welt Ende“, verbindet.

Kein Grund zur Weinerlichkeit
Eine minoritäre Situation hat dem Christentum und der Glaubwürdigkeit seiner Vertreterinnen und Vertreter, zumal in historischer Perspektive, niemals geschadet. Das Ende unserer uns in mancher Hinsicht lieb gewordenen, bequemen, unanstrengenden, satten Organisationsgestalt von Kirche ist gewiss eines nicht: das Ende des Christentums. Larmoyante Weinerlichkeit ist fehl am Platze; wir haben eine Botschaft auszurichten. Unter dem Ziel der „universalen Erlösung aller Menschen“ im Horizont der globalen Herausforderungen unserer Zeit macht unser Gott es nicht, und von diesem Ziel waren wir auch in Zeiten höherer Mitgliederzahlen und voller Kassen ziemlich weit entfernt.

Der unabweisbar notwendige Neubau evangelischer Kirchlichkeit in Deutschland wird radikaler Maßnahmen und einer kritischen Theologie bedürfen. Die Theologie ist für den rechtlich und institutionell notorisch instabilen, überzeugender hierarchischer Strukturen weithin baren Protestantismus in den zirka fünf Jahrhunderten seiner Geschichte überlebenswichtig gewesen. Historisch-genetisch stammt die Reformation aus der Theologie. Durch Theologie hat das evangelische Christentum die Auseinandersetzungen mit den sich entwickelnden Wissenschaften, mit der Philosophie, dem aufklärerischen Denken vollzogen und sich darüber verändert. Eine kritische Theologie hat sich als das einzige dauerhaft wirksame Mittel erwiesen, um Extremismen der eigenen Religion beziehungsweise Konfession zu bannen beziehungsweise vor den Richterstuhl wissenschaftlicher Rationalität zu fordern. Theologie entschärft religiöse Wahrheitsansprüche durch Historisierung und öffnet diskursive Pforten gegenüber denen, die der Sache des Christentums verständnislos gegenüberstehen. Theologie diszipliniert religiöses Virtuosentum und nimmt die religiösen Akteure in die Pflicht nachvollziehbarer, stichhaltiger, historisch-philologisch belastbarer Argumentation. Durch all dies kultiviert und entschärft Theologie Religion, diese hoch ambivalente, Menschen befreiende wie knechtende, Gemeinschaft ermöglichende und zu Hass und Gewalt aufheizende mentale Ressource. Die evangelische Kirche in Deutschland, die in den letzten Jahrzehnten sehr auf Unternehmens- und Imageberater, Werbefachleute und Medienexperten vertraut hat, braucht mehr Theologie.

Schrumpfen mit Gottvertrauen
Die radikale Reformation, die der evangelischen Kirche bevorsteht, erzwingt Balast abzuwerfen, manche kirchliche Immobilität festschreibenden Immobilien abzustoßen und einen kreativen, durch Theologie beförderten, entdeckungsfreudigen Umgang mit den eigenen Traditionen zu erproben. Und sie wird die Frage der Zugehörigkeit und der zahlenden Mitgliedschaft neu zu bedenken haben. Das so bequeme Kirchensteuersystem, von dem vielfach die Leitungsebenen weit mehr Nutzen haben als die Gemeinden vor Ort, leuchtet wegen seiner staatsförmigen Struktur immer weniger Menschen ein. Und es leidet unter einem theologischen Plausibilitätsdilemma, das schamhaft oder geschäftig ignoriert wird: Wenn man durch die Taufe der Kirche Jesu Christi zugehört, dann kann diese Bindung weder durch den Kirchenaustritt zerstört noch durch die Zahlung von Kirchensteuern aufrechterhalten werden. Bei den Kirchensteuern geht es in evangelisch-theologischer Perspektive in keiner Weise ums Heil. Es geht um die in der Tat notwendigen Finanzmittel, derer eine Institution bedarf, um ihre Aufgaben wahrzunehmen. Da es in unserem Land nicht eben wenige Menschen gibt, die Kirche und Christentum durchaus etwas abgewinnen können, ohne Kirchensteuerzahler zu sein, sollte man nach kreativen Wegen suchen, auch sie um Beiträge zum institutionellen Fortbestand der Kirche zu bitten. Dem Schrumpfprozess vorauseilend könnten schon mal 50 Prozent aller übergemeindlichen Stellen und aller kirchlichen Gremien abgeschafft werden – und zwar zügig, nicht erst 2060. Wenn daraus Chaos entsteht, wird das gewiss produktiv. Ohne Gottvertrauen keine Reformation. 


Buchtipp
Was bleibt nachhaltig vom Reformationsjubiläum 2017? Dieser Band dokumentiert und reflektiert das ereignisreiche Jubiläumsjahr. Neben Berichten von den vielen Veranstaltungen und Projekten, ziehen Schriftsteller, Historiker und Theologen eine Bilanz. Reformationsjubiläum 2017. Rückblicke, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 364 Seiten, gebunden, 30 Euro

Thomas Kaufmann

Prof. Dr. Thomas Kaufmann ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen und Abt des Klosters Bursfelde. 2017 erschien „Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation“.

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