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Ergrünte Journalisten

Titelthema - Ergrünte Journalisten
Keine Partei ist in den relevanten meinungsbildenden Medien derzeit so präsent wie die Grünen. Vor allem im Fernsehen vergeht kaum eine politisch relevante Sendung, in der Robert Habeck, Annalena Baerbock & Co. nicht zu sehen wären © Christophe Gateau/picture alliance/dpa

Bei ihrem Erfolg profitieren die Grünen nicht zuletzt von der Unterstützung durch ihre zahlreichen Anhänger in Presse, Funk und Online-Medien

Hans Mathias Kepplinger01.05.2019

Wenn in Mainz Anfang der sechziger Jahre an einem wolkenlosen Tag Südwestwind aufkam und dicke Abgaswolken einer Zementfabrik den Himmel verdunkelten, haben die Besucher der Strandbänder ihre Sachen zusammengepackt und sind gegangen. Das hat einige kritische Journalisten interessiert, aber in den Zeitungen war darüber selten etwas zu lesen. Wenn heute eine unbekannte Forschergruppe Meldungen über vorzeitige Todesfälle durch Dieselabgase verbreitet, greifen hunderte Journalisten das auf und veröffentlichen dramatische Warnungen und drastische Forderungen. Wie wurde aus kritischen Journalisten, die Auswirkungen von Abgaswolken recherchierten und anprangerten, ein Heer von unkritischen Apokalyptikern?

Verschiebung der Präferenzen
Den Nukleus bildete der Kampf gegen die Kernkraftwerke Wyhl (1973) und Brockdorf (1976). Einige Fernsehjournalisten wurden damals durch ihre Berichterstattung über die gewaltsamen Demonstrationen zu Leitfiguren und der Ausstieg aus der „Atomkraft“ zum zentralen Anliegen der späteren Grünen. In dem Kampf flossen mehrere Strömungen zusammen – die pazifistische Ostermarsch-Bewegung, die konservative Umweltbewegung und der gewalttätige Antikapitalismus der verspäteten 68er. In den sechziger Jahren hatten die meisten Journalisten die Kernenergie in ihren Beiträgen positiv charakterisiert. Seit Beginn der siebziger Jahre wurde ihre Unterstützung schwächer und 1973/74 schlug sie in entschiedene Ablehnung um.

Gleichzeitig änderten sich die Parteipräferenzen. 1976 war die absolute Mehrheit der Journalisten Anhänger der SPD (55 Prozent). Bis 1993 war das SPD-Lager auf 25 Prozent geschrumpft, und die Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen waren mit 19 Prozent gefährlich nahegerückt. Zwölf Jahre später waren die Anhänger der Grünen mit 36 Prozent zur dominierenden Gruppe geworden, und die SPD-Anhänger bildeten nur noch eine Minderheit. Diese Entwicklung beruhte auf Meinungsänderungen in Zusammenhang mit den damaligen Konflikten und Skandalen („Waldsterben“, Brent Spar, BSE) sowie dem kontinuierlichen Generationenwechsel in den Redaktionen. Beides führte zu einer Entfremdung der Mehrheit der Journalisten von der Mehrheit der Bevölkerung. Die absolute Mehrheit der SPD-nahen Journalisten repräsentierte 1976 noch die relative Mehrheit von 43 Prozent SPD-Wählern. Die relative Mehrheit der Grünen-nahen Journalisten repräsentierte dagegen 2005 nur noch eine kleine Minderheit von acht Prozent Grünen-Wählern.

Die Entwicklung der politischen Einstellungen von Journalisten im Links-Rechts-Spektrum gleicht einer Stufenleiter zu ihren jetzigen Überzeugungen: So wie bei ihrem Schulabschluss denken später noch 30 Prozent, so wie während ihres Studiums 40 Prozent und so wie bei ihrem Berufseinstritt 56 Prozent. Im Beruf angekommen, ist fast jeder zweite der Meinung, seine Kollegen hätten ähnliche politische Einstellungen wie er. Auf die damit verbundene Gruppendynamik verweisen Ergebnisse einer experimentellen Befragung von Journalisten zur Verantwortung für negative Folgen bewusst übertriebener Darstellungen von Missständen. Wenn laut Fallbeschreibung ein Journalist dies gegen den Rat seiner Kollegen gemacht hat, sind 55 Prozent der Meinung, er sei für negative Folgen seiner Übertreibung moralisch verantwortlich. Wenn er laut Fallbeschreibung im Einklang mit seinen Kollegen gehandelt hat, sind hingegen 65 Prozent der Meinung, der Autor sei für die negativen Folgen moralisch nicht verantwortlich. Solche Mechanismen fördern die Anpassung an herrschende Meinungen und schützen bei Übertreibungen auch dann vor Kollegenkritik, wenn positive Folgen ausbleiben und negative eintreten.

Für die Angehörigen aller Berufe bilden Kollegen die wichtigste Bezugsgruppe. In keinem anderen Beruf ist die Ko-Orientierung aber so ausgeprägt wie im Journalismus. Zeitungsredakteure verfolgen die aktualisierten Hörfunk- und Fernsehnachrichten, Hörfunk- und Fernsehjournalisten lesen die wichtigsten Zeitungen, und alle suchen in Online-Medien neue Informationen und Meinungen. 

Zudem sitzen die meisten Journalisten in wenigen Regionen – in Berlin, Hamburg und Köln, im Rhein-Main-Gebiet, Stuttgart und München. Dort arbeiten sie in wenigen Verlagshäusern und Rundfunkanstalten und diskutieren täglich berufsbedingt die aktuellen Entwicklungen. Dadurch entstehen Überzeugungen, die sich wechselseitig bestätigen und zu Wahrheitsansprüchen verdichten können, an denen sich die Bevölkerung messen lassen muss. Wer diese Wahrheiten nicht erkennt, kann oder will die Realität nicht wahrnehmen. So hat Fukushima 2011 für mehr als zwei Drittel der deutschen Journalisten „endgültig bewiesen“, dass die Risiken der Kernenergie „nicht tragbar sind“. Die Reaktorsicherheitskommission und die zuständige UN-Kommission (UNSCEAR) haben andere, teilweise entgegengesetzte Folgerungen gezogen.

Wandel der Berufsauffassung
Folgenreich für das Selbstverständnis vieler Journalisten war die Veränderung ihres Kritikbegriffs unter dem Einfluss der Frankfurter Schule (Adorno, Habermas etc.). Als kritisch galt früher ein Journalist, der Informationen erst veröffentlichte, nachdem er geprüft hatte, ob sie zutreffen. Risse erhielt diese nicht immer realisierbare Forderung, als der prominente Kernenergiegegner Franz Alt, der 20 Jahre lang „Report“ geleitet hatte, unter dem Titel „Es gibt keine Objektivität“ behauptete, für einen Fernsehjournalisten sei es „unmöglich, ernsthaft über seinen Beruf zu reflektieren und danach noch von ‚Objektivität‘ zu sprechen.“ Alt, der sich für die „Ökologisch-Demokratische Partei“ einsetzte, interpretierte Objektivität als transzendente Wahrheit („nur Gott ist objektiv“) und vermischte sie mit der im Journalismus relevanten Forderung nach objektiver Darstellung von prüfbaren Fakten.

Heute gilt als kritisch, wer Missstände aller Art bekämpft – das „Waldsterben“, die Schweinegrippe, den Diesel und Glyphosat. Alt hatte dem intellektuellen Zeitgeist folgend die Axt an die Wurzel der Glaubwürdigkeit des Journalismus gelegt und den Weg in den Subjektivismus des Haltungsjournalismus und in den Kampagnenjournalismus geebnet. Aus distanzierten Beobachtern des aktuellen Geschehens sind viele Journalisten längst zu engagierten Akteuren geworden, die mit ihren Veröffentlichungen die Gesellschaft in ihrem Sinn verändern wollen. Dabei rechtfertigt der Zweck gelegentlich die Mittel.

In Bayern wurde 1999 eine Milieustudie erstellt, die die Einstellung von Journalisten mit der Gesamtbevölkerung verglich: Danach gehörten 43 Prozent der Journalisten, aber nur 10 Prozent der Bevölkerung zum „liberal-intellektuellen Milieu“, aus dem viele Wähler der Grünen kommen. Ähnlich dürfte die Situation in den meisten anderen Ländern sein. Das schlägt sich in der Gewichtung und Bewertung von Super-Themen wie Umwelt, Energie und Klima mit ihren zahllosen Unterthemen nieder. Sie weisen zwei Gemeinsamkeiten auf: apokalyptische Visionen verbunden mit Heilsgewissheiten. Die daraus resultierende mentale Dauerbedrohung der Bevölkerung überdeckt andere, substanzielle Beiträge – wie den Verfall von Straßen, Schienen und Brücken, die unzureichende Sicherung der europäischen Außengrenzen, die ausufernden Kosten der Energiewende und die Existenz gesetzloser Subkulturen in einigen Großstädten.

Ein Symbol dieser Gewichtungen ist die herausragende Präsenz von Politikern der kleinsten Bundestagsfraktion, der Grünen, in den Talkshows des deutschen Fernsehens. So vergeht seit Monaten kaum eine Talkshow oder Nachrichtensendung, ohne dass ein Vertreter der Grünen anwesend wäre oder zugeschaltet würde, während die anderen Parteien und deren Experten nur hin und wieder zu sehen sind.

Mündige Leser, Hörer und Zuschauer
Doch ein bemerkenswerter Teil der Leser, Hörer und Fernsehzuschauer nimmt diese Schlagseiten durchaus wahr. Laut einer repräsentativen Befragung aus dem Jahre 2007 vermuteten 61 Prozent, ein Journalist würde die Aussage eines Physikers, die Kernenergie sei umweltfreundlich, nicht veröffentlichen, wenn sie seiner Meinung widerspricht. Das entspricht den Ergebnissen systematischer Analysen der Berichterstattung. Die Wahrnehmung solcher Einzelfälle hat sich zu milieutypischen Urteilen über die Berichterstattung verdichtet. So waren 2016 76 Prozent des „kritisch-engagierten“ Milieus der Meinung, es gebe „Medien, die das ausdrücken“, was sie „zu den Themen meinen.“ Dieses Milieu, das sechs Prozent der Bevölkerung ausmacht, fühlt sich von den Medien gut repräsentiert. Das ähnlich kleine Milieu der „skeptischen Individualisten“ sah das anders. Von ihnen waren nur 47 Prozent der Meinung, es gebe „Medien, die das ausdrücken“, was sie „zu den Themen meinen“. Sie und zahlreiche andere Milieus gehören zu den Verlierern des geschrumpften Weltbilds zahlreicher Redaktionen.

Einmal etablierte Trends sind langlebig. Lineare Entwicklungen gibt es aber weder in der Natur, noch in der Gesellschaft und schon gar nicht im Journalismus. Das gilt für die aktuelle Umwelthysterie genauso wie für die frühere Technikeuphorie. Damals haben herausragende Publizisten wie Bernhard Grzimek und Horst Stern auf der Grundlage praktischer Kenntnisse und vernünftiger Überlegungen mit Mut und Nachdruck ein Umdenken in Parteien und Medien eingeleitet. Die Lage heute gleicht mit umgekehrten Vorzeichen der Technikeuphorie der sechziger Jahre. Und wieder gibt es einige kenntnisreiche und kritische Wissenschaftler und Journalisten. Sie publizieren gegen den aktuellen Meinungstrend fundierte Bilanzen der Chancen und Risiken des deutschen Wegs der Energiewende, einschließlich ihrer Umweltschäden und stellen damit die Diskussion vom Kopf auf die Füße.

Hans Mathias  Kepplinger
Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger, (RC Mainz-Aurea Moguntia) ist emeritierter Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sein Buch „Die Mechanismen der Skandalisierung“ (Olzog) ist in mehrfachen Auflagen erschienen. Zuletzt veröffentlichte er „Totschweigen und Skandalisieren: Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken“ (Herbert von Halem Verlag 2017). kepplinger.de

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