03.06.2011

Die Bedeutung einer guten Predigt

Es gilt das gesprochene Wort

Christoph Markschies

Man könnte ein wenig flapsig beginnen: Die Bedeutung einer guten Predigt bemerkt man spätestens dann, wenn sie fehlt. Man kennt das ja: eine wunderbare gotische Backsteinkirche in einer der norddeutschen Hansestädte, Lübeck, Wismar oder Stralsund, eine hinreißende, vorzüglich renovierte Barockorgel und die entsprechende Musik – aber es fehlt etwas zu einem richtigen evangelischen Gottesdienst, wenn unter solchen Umständen jemand die barocke Kanzel betritt und Banalitäten von sich gibt. Oder sich anbiedert in einer Sprache, die nicht die eigene ist, sondern eine von irgendwoher geborgte. Oder noch einmal an politischen Meinungen zusammenträgt, was ohnehin in jeder Zeitung zu lesen ist. Dann verlässt man die Kirche seltsam unbefriedigt, enttäuscht und vielleicht auch ein Stück mehr zu Dekadenztheorien geneigt: „Früher konnten die Protestanten wenigstens noch predigen“.

Nun wird an solchen enttäuschten Erwartungen natürlich zunächst einmal deutlich, dass die evangelischen Kirchen in der Reformationszeit und danach von wortgewaltigen Predigern geprägt worden sind und stellenweise – so beispielsweise in Württemberg – sogar der ganze Gottesdienst auf die Predigt zentriert war, weil eine bestimmte Klasse von reisenden „Predigern“ (sogenannten Prädikanten) die dortige Reformation prägten. Aber was zeichnet denn eine klassische protestantische Predigt überhaupt aus, neben ihrer Wortgewalt? Wenn man Luthers Predigten heute liest, also die gottesdienstlichen Reden eines ordentlichen Professors für Bibelwissenschaft an einer frisch gegründeten spätmittelalterlichen Reform­universität, ist man überrascht, wie wenig der Reformator „professoral“ predigte. Sein großes Wissen über biblische Texte, die Sprachen der Bibel und gute Theologie behielt er im Hintergrund und predigte ganz den Menschen zugewandt, die übrigens gar nicht immer in großen Scharen gekommen sind. Ein schwedischer Besucher notierte leicht verwundert, dass in den Gottesdiensten an Wochentagen, die Luther in dem kleinen mitteldeutschen Residenz- und Universitätsstädtchen hielt, nur eine Handvoll von älteren Wittenbergern in die Kirche gekommen ist. Nochmals gefragt: Was zeichnete Luthers Predigten aber nun besonders aus? Wenn man ein Bild verwenden möchte, dann bildeten das große Wissen des Gelehrten Luther und seine spezifischen theologischen Akzente gleichsam das Koordinatensystem, vor dessen Hintergrund der Reformator predigte. Wie er aber die Botschaft eines Textes vor dem Hintergrund dieses Koordinatensystems entfaltete, hing von der konkreten Gemeinde zu seinen Füßen ab und natürlich auch immer von den zeitlichen Umständen. „Hans und Grete“ aus Wittenberg waren ebenso präsent wie die gegen das Abendland und die Religion anstürmenden Türken und Papisten, aber sie wurden erwähnt vor dem Hintergrund eines theologischen Koordinatensystems und als Auslegung eines biblischen Textes, die dessen unmittelbar die Gegenwart erhellende Kraft zur Geltung bringen wollte. Luther begriff den biblischen Text, über den er predigte, als ein „Tätelwort“, als eine kraftvolle Botschaft, die das Gesagte so mit sich bringt wie ein fröhlicher Gruß: „Guten Morgen“, der zugleich mit den Worten den angekündigten guten Morgen bringt.

Lebendige Nachricht mit tröstlicher Wirkung

Eine gute Predigt belästigt also weder die gottesdienstliche Gemeinde mit dem quasi ungefilterten Koordinatensystem, mit exegetischen oder historischen Vorlesungen über biblische Texte oder ungefilterten dogmatischen Richtigkeiten, breitet aber auch nicht gleichsam unkoordiniert persönliche Befindlichkeiten oder Kommentare zu den Zeitumständen vor der Zuhörerschaft aus. Sie vermeidet freilich auch nicht ängstlich jeden Kommentar zum Zeitgeschehen (beispielsweise aus Furcht vor einer immer wieder einmal perhorreszierten „politischen Predigt“) und macht nicht betont einen Bogen um jede etwas schwierigere theologische Aussage: Am Sonntag Trinitatis, nach dem in evangelischen Kirchen nach wie vor die Sonntage bis zum Ende des Kirchenjahres gezählt werden, darf man schon erwarten, dass der eine und die andere etwas über die Dreifaltigkeit Gottes wissen wollen – natürlich keinen dogmatischen Vortrag, so wie auch keine politische Zeitungsglosse erwartet wird, sondern eine Auslegung eines biblischen Textes auf seine politischen Konsequenzen und theologischen Implikate. Vor allem aber versucht eine gute Predigt, den Charakter biblischer Texte als gute Nachricht so zur Geltung zu bringen, dass sich gute Nachricht ereignet. Menschen sollen gute Nachricht nicht nur erhören, sondern erfahren und darüber fröhlich werden. Mit den Worten Luthers etwas altertümlich formuliert: Das „Tätelwort“ soll seine tröstliche Wirkung entfalten können, so wie der fröhliche Morgengruß an einem trüben Vormittag aufrichten kann. Als ich als junger Student meine erste Übungspredigt für ein Hauptseminar geschrieben hatte, musterte mich der Dozent, der eine Weile als Beerdigungspastor auf einem großen Hamburger Friedhof gearbeitet hatte, sehr freundlich, aber auch etwas ironisch und sagte: „Sie getrauen sich noch nicht zuzusprechen“. Damit war zunächst einmal ganz schlicht gemeint: Wer abliest, spricht nicht zu. Gute Predigt ist keine Schreibe, sondern Rede. Ich selbst pflege zwar immer noch Predigten Wort für Wort auszuformulieren, memoriere sie aber in der häuslichen Vorbereitung inzwischen so gründlich, das ich sie – natürlich leicht variiert – frei vortragen kann, darauf reagieren kann, wenn ich den Eindruck habe, dass ich etwas noch besser erklären muss oder im Gegenteil schon viel zu lange erkläre und endlich zu einem anderen Punkt kommen sollte. Das ist ein wenig selten geworden, weil es über längere Zeit in der Ausbildung künftiger Pfarrerinnen und Pfarrer nicht mehr geübt wurde. Aber glücklicherweise ist heutzutage der Wert der frei vorgetragenen Predigt (die natürlich nicht unvorbereitet improvisiert werden darf) wieder deutlicher bewusst und wird in der Ausbildung auch vermittelt. Mit der erwähnten Kritik des Dozenten war aber auch noch weit mehr gemeint als eine Kritik am fehlenden Charakter der Mündlichkeit: In meiner ersten Seminarpredigt konnten die alten biblischen Worte ihren tröstlichen und aufbauenden Charakter noch nicht wirklich entfalten, das „Tätelwort“ nicht handeln, weil es zugedeckt war durch einen distanzierenden Zugriff.

KEINE Distanzlose Anbiederung

Einen biblischen Text kann man auf sehr verschiedene Weise von einer gottesdienstlichen Gemeinde distanzieren – indem man beispielsweise so rhetorisch kunstvoll formuliert, dass die Form mehr bewundert als der Inhalt gehört wird, oder indem man beliebige historische Details eines Textes erklärt, die niemanden interessieren. Natürlich gibt es auch distanzlose Predigten, in denen der Prediger oder die Predigerin meinen, sie müssten mit den biblischen Texten der Gemeinde auf den Leib rücken. Das etwas plumpe Duzen ist oft ein Zeichen für solche Anbiederung. Wer weiß, dass biblische Texte von sich aus Menschen zu Leibe rücken und ihre Situation erhellen, die Dunkelheiten licht machen, aber auch die verdrängten Winkel der Seele ausleuchten, muss dieser Wirkung der alten Texte aber nicht künstlich aufhelfen, sondern wird sie versuchen, so elegant zu fassen, wie der Juwelier einen kostbaren Stein edel, aber dezent fasst. Uns sind Berichte von Visitationen, also Besuchen kirchenleitender Organe, aus dem Jahrhundert nach der Reformation aus den sächsisch-thüringischen Kernlanden des Protestantismus erhalten. Da empfehlen die Visitationskommissionen den Pfarrern, doch auch einmal ein Buch zu lesen und, falls es mit dem Predigen gar nicht klappt, im Gottesdienst gute Lutherpredigten vorzulesen. Solche Berichte warnen einen davor, die Vergangenheit zu idealisieren und einen dramatischen Verfall der Predigtkultur in der Evangelischen Kirche für ein Kennzeichen der unmittelbaren Gegenwart zu halten. Als Historiker drängt sich einem eher das Bild auf, dass es zu allen Zeiten herausragende Kanzelredner gab, aber auch dramatische Ausfälle auf den Kanzeln. In den letzten Jahren hat die Evangelische Kirche hierzulande im Rahmen ihres Reformprozesses unter dem Titel „Kirche der Freiheit“ sehr intensiv darüber nachgedacht, wie man für (noch mehr) gute Predigten sorgen kann, und offeriert nun verstärkt entsprechende Weiterbildungen. An verschiedenen Orten sind Wettbewerbe ausgerufen worden, um die besten Predigerinnen oder Prediger zu küren. Es tut sich also etwas im Blick auf die Predigt – und man darf gespannt sein, zu welchen Ergebnissen solche Prozesse der Qualitätsbildung und Qualitätskontrolle noch führen werden.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2011

Christoph Markschies
Professor Dr. Christoph Markschies seit 2004 Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, deren Präsident er von 2006 bis 2010 war. Als ordinierter Pfarrer predigt er regelmäßig in Berlin. Zuletzt erschien, gemeinsam herausgegeben mit Hubert Wolf, "Erinnerungsorte des Christentums" (2010, C.H. Beck).

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