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Standpunkt

Fernbrille auf!

Standpunkt - Fernbrille auf!
Thilo von Debschitz, RC Wiesbaden-Kochbrunnen © Privat

Ein Plädoyer für interkontinentale Partnerschaften, die mit ein paar Regeln ebenso erfolgreich sein können wie solche mit europäischen Nachbarn – nicht nur dank Zoom.

01.11.2022

Rund 1,4 Millionen Rotary- und Rotaract-Mitglieder organisieren sich in 166 Staaten. Das sind perfekte Voraussetzungen, um in einem anderen Teil der Erde einen Kontaktclub zu finden und damit den eigenen Horizont zu erweitern. Doch in vielen Clubs gibt es Widerstände. Der erste bezieht sich auf eine geografisch zu eng gefasste Vorstellung von Partnerschaft. Für viele gilt noch: Der Kontaktclub sollte mit dem Auto erreichbar sein, damit man sich regelmäßig persönlich begegnen kann. Diese Idealvorstellung garantiert aber für nichts. So weiß ich von der Partnerschaft mit einem französischen Club, die an der Sprachbarriere gescheitert ist. Zu wenige Deutsche sprachen Französisch, zu wenige Franzosen sprachen Englisch. Es fand sich keine breite Kommunikationsebene.

Der zweite Widerstand betrifft die Ablehnung von Video-Meetings. Viele Clubs im entfernteren Ausland würden gerne mit Deutschen oder Österreichern eine Beziehung eingehen – zum Beispiel per Zoom, was spätestens seit der Pandemie nichts Exotisches mehr ist und sich bewährt hat. Solche auf virtuellen Treffen basierende Partnerschaften sind natürlich anders, können aber dennoch Sinn und neue Freundschaften stiften. Man braucht dazu nur Offenheit. Zoom-Meetings müssen Präsenztreffen nicht ersetzen, sondern können sie als wiederkehrendes Format ergänzen. Ich bin im Übrigen ein Entweder-oder-Typ, bislang haben mich Hybrid-Meetings nicht überzeugt – zu oft fühlen sich Zugeschaltete wie Teilnehmer zweiter Klasse.

Der dritte Widerstand hat mit der Angst zu tun, sich mit unzureichenden Sprachkenntnissen zu blamieren. Aber wo darf man größtmögliches Wohlwollen voraussetzen, wenn nicht unter rotarischen Freundinnen und Freunden? Und überhaupt: Wie langweilig wäre das Leben ohne Grenzerfahrungen?

Behutsam beginnen

Innerhalb der vergangenen zwei Jahre haben wir Partnerclubs in Jerusalem und New York gefunden – zusätzlich zu unserem langjährigen Partnerclub in Solothurn. Die Anbahnung lief schrittweise ab. Den Einstieg bildete ein persönlicher Vortrag im ausländischen Club – auf Englisch. So ergab sich die Chance auf ein erstes Kennenlernen. Dann wurden die Kontakte intensi viert. Behutsam fühlte ein kleiner Kreis vor, ob wechselsei tiges Interesse an einer Partnerschaft bestünde und welche Erwartungen damit verbunden wären. Als die Clubvorstände auf beiden Seiten eine erste Absichtserklärung abgeben konnten, ließ sich der Kreis der Eingeweihten erweitern. Die Traditionalisten im Club wurden in die Planungen einbezogen, um Vorbehalte gegen das Format einer digital gestützten Partnerschaft abzubauen.

Überzeugen ließen sich Skeptiker auch durch die Vereinbarung einer fünfjährigen Probezeit; so ist ein Ende ohne Gesichtsverlust möglich, wenn die Beziehung nicht mit Leben gefüllt werden kann. Hinzu kommt die wechselseitige Bereitschaft, bei Projekten zu kooperieren. Gesagt, getan: Unsere groß angelegte Ukraine-Hilfe erfuhr vom ausländischen Partnerclub finanzielle Unterstützung, ebenso haben wir uns an einem Friedensprojekt des Arab-Jewish Theatre in Israel beteiligt. Es haben sich „Verbindungsleute“ über das Vorstandsamt des Internationalen Dienstes hinaus dazu bereit erklärt, für die guten Beziehungen zum jeweiligen Kontaktclub Verantwortung zu übernehmen. Ohne persönliches Engagement läuft auch hier nichts.

Zeit und Sprachkenntnisse im Blick

Den Solothurnern begegnen wir alle zwei Jahre „in echt“, die Freundinnen und Freunde in Israel und New York sehen wir dagegen häufiger, weil man dafür nur den Computer einschalten muss. Von den 60 Clubs in Israel haben wir uns den einzigen ausgesucht, dessen Meetings nicht auf Hebräisch, sondern auf Englisch stattfinden. Dass es auch zeitlich passt, ist Basis für den Beziehungserfolg: Die Jerusalemer finden sich mittwochs um 12 Uhr per Zoom zusammen – das können sich viele auch bei uns einrichten. Und die Meetings in New York beginnen donnerstags in der Regel um 13 Uhr, wir wählen uns dann abends um 19 Uhr ein. Bei den Themen behalten wir im Blick, dass nicht alle unsere Mitglieder fließend Englisch sprechen. Deswegen laden wir meist Gäste mit bildstarken Präsentationen ein, denen man auch ohne Sprachkenntnisse gut folgen kann: Ein Designer aus Berlin zeigte großartige Beispiele, wie sich komplizierte Sachverhalte durch Infografiken leicht verständlich darstellen lassen, ein Historiker aus Chicago sprach über eine Spezialeinheit der US-Army im Zweiten Weltkrieg, die Hitlers Wehrmacht durch aufblasbare Panzer und Gefechtslärm aus Hochleistungslautsprechern täuschte. Die Vorträge auf Englisch festigen die internationalen Verbindungen und erfreuen sich wachsender Beliebtheit: Zuletzt schalteten sich über 147 Personen zu, darunter – neben unseren Freundinnen und Freunden aus Jerusalem und New York – auch Rotary-Mitglieder aus Sri Lanka, Australien, Venezuela und sogar aus Mainz! Bei diesen Meetings spürt man den Spirit einer globalen Organisation – und den rotarischen Kernwert der Völkerverständigung.

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