01.08.2017

Forum 

Freiheit nur für Gleiche unter Gleiche

Timothy Parks

Über Licht und Schatten der von den Europäern oft
gepriesenen, Dritten gegenüber jedoch oft verweigerten Weltoffenheit

Werden in der Welt tatsächlich wieder Mauern errichtet? Trumps drakonische Einwanderungsgesetze und seine monströse Mauer durch die Wüsten von Texas und Mexiko; Großbritanniens Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen – sind das Zeichen eines Trends? Geht uns gerade ein kostbarer Wert verloren – die Weltoffenheit?
Wer die jüngsten Diskussionen aufmerksam verfolgt erkennt, dass viel phrasenhafte Polarisierung dabei im Spiel ist, die oft wenig mit den Realitäten zu tun hat. Nehmen wir die Formel von der „Freizügigkeit der Völker“, die von der Europäischen Union in den Brexit-Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich gern verwendet wird. Diesem Ausdruck als Zusammenstellung aus zwei Reizwörtern – Freiheit und Völker – lässt sich von seiten vernünftiger Menschen kaum etwas entgegensetzen. Jeder, der dem nicht zustimmt, wird als begriffsstutzig, isolationistisch, zurückgeblieben, ja sogar als böse betrachtet. Es sei ein unantastbarer Wert, erklären Jean-Claude Juncker und der EU-Chefunterhändler Michel Barnier. Und es sei nicht denkbar, dass Produkte die europäischen Grenzen überschreiten dürfen, Menschen aber nicht.

Abschirmung nach außen
Allerdings gilt diese Freizügigkeit nur für EU-Bürger. Niemand redet über eine Freizügigkeit der Völker auf globaler Ebene. Die europäischen Länder geben ihr Bestes, um den Zustrom von Einwanderern aus außereuropäischen Ländern gering zu halten. Die EU plant derzeit, rund eine Million Zuwanderer, die den Kontinent innerhalb des vorherigen Jahres betraten, in die Heimat zurückzusenden. Also meint „Freizügigkeit der Völker“ im Sinne des Maastrichter Vertrags nicht die kulturelle Mischung unserer Städte mit Menschen aus der ganzen Welt, sondern das Unter-sich-Bleiben der EU-Mitglieder.

Das Gebiet, in dem ich in Mailand lebe, ist durchaus weltoffen, da dort ein beträchtlicher Prozentsatz der Bevölkerung arabisch, indisch oder chinesisch ist. Da diese ethnischen Gruppen, die schon in großer Zahl vorhanden sind, erheblichen Einwanderungseinschränkungen gegenübertreten, ist es schwer vorstellbar, dass eine zukünftige Aufhebung der automatischen „Freizügigkeit der Völker“ im Vereinigten Königreich jegliche Einwanderung von außerhalb oder innerhalb der Gemeinschaft verhindern würde. Als britischer Staatsbürger kam ich, zehn Jahre vor Maastricht, nach Italien, um dort zu leben, und obwohl ich mich einiger irritierender Bürokratie gegenübergestellt sah, schien es nie so, als würde mir ein Aufenthaltsrecht verweigert.
Es versteht sich von selbst, dass Europa, ebenso wie es seine Grenzen gegen Einwanderung verteidigt, auch eine protektionistische Handelspolitik betreibt, die seine eigenen Produzenten und vor allem landwirtschaftlichen Erzeuger vor ausländischen Importen verteidigt. Man kann behaupten, dass insbesondere die Einwanderung aus Afrika zumindest teilweise durch eine protektionistische Politik entsteht, die seit vielen Jahrzehnten verhindert, dass afrikanische Agrarprodukte in Europa leicht Absatzmärkte finden. Diese zugrundeliegende strukturelle Lage wird in der gegenwärtigen emotionsgeladenen Debatte kaum erwähnt.

Produkte und Menschen können sich innerhalb Europas frei bewegen, aber von außen hinein nicht. Zugleich betreiben die EU-Länder weiterhin sehr unterschiedliche Steuerpolitiken. Ein Land, das seinem eigenen Volk interessante Sozialleistungen bereitstellt, zieht zwangsläufig mehr Einwanderer aus dem restlichen Europa an, denn es wird kein Unterschied zwischen den eigenen Bürgern und denen anderer Länder der EU gemacht.

Innereuropäische Fliehkräfte
Dies führt zu einer seltsamen Mischung. Ein biblisches Beharren auf der Freizügigkeit, aber mit unterschiedlichen Steuerpolitiken und uneinheitlicher Entwicklung. Schwächere Länder dürfen mit Schulden scheitern (zum Beispiel Griechenland) oder einen langsamen Rückgang aufweisen in ihrem Kampf, den monetären Bedingungen des Euros gerecht zu werden (zum Beispiel Italien, dessen arbeitslose Jugendliche nach Norden auswandern, nachdem sie in ihrer Heimat eine teure Ausbildung genossen haben). Die Anzahl italienischer Absolventen, die nach Großbritannien reisen, hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Zwei meiner eigenen Kinder sind darunter. Hinzuzufügen ist, dass Englisch für 90 Prozent der Europäer in den vergangenen Jahrzehnten die Zweitsprache geworden ist, und es ist klar, dass Großbritannien künftig weiter unter Druck geraten dürfte. Wenn man in ein anderes Land zieht, ist es beruhigend, wenn man die Sprache des Landes spricht.

Offensichtlich hat der Zustrom von talentierten europäischen Einwanderern im Vereinigten Königreich und in Deutschland die Gehälter gering gehalten, indem der Wettbewerb um Jobs verschärft wurde, was diese Wirtschaftssysteme wiederum fördert. Aber was passiert mit der Freizügigkeit der Völker, wenn alle an einen Ort ziehen möchten? Junckers Luxemburg zum Beispiel? Es ist klar, dass, wie auch immer die rhetorischen und gesetzlichen Rechte aussehen, nicht jeder in Luxemburg leben kann. Oder Belgien. Oder irgendwo anders. Das Beharren auf diesem Prinzip als einem Rechtsgut, das unterstützt werden muss, ohne Rücksicht auf einen Wunsch nach sinnvoller Steuerung, ist etwas absurd. Was auch immer die Absicht dahinter sein mag – die Ideologie unterstützt offenbar einen Prozess, bei dem der Norden Europas den Süden arm gemacht hat und viele seiner bestens ausgebildeten Leute beansprucht.

Genauso wenig hängt die Weltoffenheit in einem positiven Sinne von diesem europäischen Utopismus ab. Was meinen wir mit Weltoffenheit? Die Pariser Banlieue, wo in manchen Teilen fast ausschließlich Nordafrikaner leben? Die polnischen Gemeinschaften des post-industriellen Englands? Die chinesischen Textil-Ausbeuterbetriebe in Italien? Die mexikanischen Enklaven von Texas und Kalifornien?
Begrifflich geht Weltoffenheit auf den Philosophen Diogenes zurück. Zyniker behaupten, dass er kosmopolitês war, ein Weltbürger. Der Begriff meint ursprünglich die breitere Gemeinschaft aller Menschen, jenseits der lokalen und unmittelbaren Polis. Später interpretierten die Stoiker den Begriff des Kosmopolitischen als eine intellektuelle Haltung jenseits eines geographischen Ortes. Heute verbinden wir Weltoffenheit vor allem mit urbanen, ethnisch heterogenen Gemeinschaften, die im Gegensatz zu den überwiegend kulturell homogenen Gesellschaften in der Provinz stehen.

Die Vorteile des stetigen Beitrags neuer Ideen und Bräuche in den Städten, die unsere Nationen traditionsgemäß leiten und bestimmen und deren Außenpolitik festlegen, sind offensichtlich und unbestreitbar. Ganz zu schweigen von der persönlichen Bereicherung für jedermann, wenn Menschen verschiedener Kulturen die jeweils andere Art und Weise betrachten, Dinge zu tun.

Migration ohne Integration
Aber es wäre töricht zu missachten, wie grundlegend sich dieses Modell seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verändert hat. Die TV-Technologie und später das Internet haben dazu geführt, dass die ganze Welt und ihre ganze Vielfalt zumindest potenziell zum Preis eines Computers verfügbar sind. Von der Insel Skye bis zum äußersten Norden von Apulien kann jeder Provinzler von jedem Ort der Welt Beiträge erhalten. Sie können auch günstige Flüge an fast alle Orte der Welt nehmen und unterschiedliche Kulturen hautnah kennenlernen.
Zugleich können Einwanderungsgemeinschaften oder einfach einzelne Einwanderer näher mit ihren Heimatländern verbunden bleiben, indem Sie Fernsehprogramme aus ihrer Heimat schauen, Zeitungen aus ihrer Heimat lesen und mit ihrer Familie in der Heimat telefonieren. Doch obwohl wir in den letzten zwanzig Jahren wesentlich mehr Immigration zu verzeichnen hatten, besteht nicht unbedingt ein entsprechender Anstieg in der Vermischung zwischen den Kulturen . Als ich vor fünfunddreißig Jahren nach Italien kam, musste ich Italienisch lernen. Die Kommunikation mit der Heimat war langsam, schwierig und teuer. Unsere Art zu wohnen hat sich  – vor allem für diejenigen, die ihre Heimat verlassen haben und im Ausland wohnen – grundlegend verändert.

Weltoffenheit als positiv zu betrachten, war immer auf dem Bestehen einheimischer Kulturen begründet, die eine Bereicherung daraus ziehen konnten. Die gegenwärtige Beschleunigung der Globalisierung, vor allem infolge des technologischen Fortschritts, verändert alle möglichen Dinge, die wir fälschlicherweise immer noch als selbstverständlich ansehen. Die Welt steuert unweigerlich in Richtung einer Art Weltregierung. Und die Bewegung von Einzelpersonen und Völkern sind Dinge, die mit Sorgfalt gesteuert werden müssen. Reflexartige Antworten auf Phrasen alter Ideologien werden dabei nicht hilfreich sein.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2017

Timothy Parks
Timothy Parks ist Schriftsteller und Übersetzer sowie Dozent für Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand. Seit 1981 lebt der Engländer in Italien. 2016 erschien „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ (Antje Kunstmann).
Foto: Alberto Cristofari/A3/Contrasto/Laif

Rotary Magazin 12/2017

Rotary Magazin Heft 12/2017

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