15.10.2009

Adelsfamilien und die deutsche Einheit

Heimgekehrt

René Nehring

Sie mussten fast immer bei Null anfangen. Kaum ein Alteigentümer des Großgrundbesitzes, der 1945/46 durch die „Bodenreform“ enteignet wurde, bekam nach der Wende sein Land zurück. Wer dennoch in die Heimat zurück wollte, musste den alten Besitz kaufen. Zu Besuch bei Dreien, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind.

FRIEDERSDORF

Schon von weitem ist kaum zu übersehen, dass Hans-Georg von der Marwitz (RC Frankfurt/Oder) in der Mark angekommen ist. Wer im September 2009 den östlichen Berliner Ring verlässt und auf der B1 weiter in Richtung Küstrin fährt, sieht in jedem Ort und an vielen Bäumen entlang der Alleen die Plakate des Kandidaten für den Bundestagswahlkreis 60, Märkisch-Oderland – Barnim II. Dabei hatte von der Marwitz nach eigenem Bekunden nie vorgehabt, sich hier, auf dem alten Familiensitz in Friedersdorf unweit der Oder, niederzulassen. Die Eltern, beide aus verschiedenen Marwitz-Linien stammend, hatten ihre Kinder ganz ohne Melancholie im Geiste der Gegenwart erzogen. Zum Wendepunkt für die Familie wurde just der 9. November 1989. „Der Tag“, erinnert sich Hans-Georg, „nahm ein dramatisches Ende, weil Vater in sich brach“.

War der Verlust der Heimat zuvor kaum ein Thema, so gab der Vater fortan sein Schweigen auf und äußerte den Wunsch, den Kindern noch einmal die Heimat in Hinterpommern und in der Mark zu zeigen. Den damals noch nicht Dreißigjährigen machten die Erzählungen neugierig auf den Teil Deutschlands, der jetzt offen stand. Die erste Reise führte nach Leipzig, wo er u.a. zusammen mit seiner späteren Frau die Verlobungsringe kaufte. Alles habe noch den Hautgout des Sozialismus gehabt, und trotzdem sei eine faszinierende Aufbruchstimmung spürbar gewesen. „Ich denke, diese Reise war es denn auch, die in mir den Ruf ausgelöst hat: Eigentlich ist das dein Carpe diem, deine Chance, hier aktiv zu werden!“

Und doch war der Weg nach Friedersdorf kein Selbstläufer. Als Hans-Georg den Mittelpunkt der alten Marwitz-Welt zum ersten Mal sah, war der Eindruck so vernichtend, dass er noch am selben Abend zu Hause anrief und sagte: „Friedersdorf ist für die Familie ein für alle mal verloren. Da ziehen mich keine zehn Pferde hin.“ Im Landwirtschaftsministerium der DDR in Berlin wurden dem Interessenten Betriebe genannt, die zum Verkauf standen. Überall herrschte große Ratlosigkeit, die Preise für Agrarpro- Prozent. Es gibt ein kleines Neubaugebiet; Gewerbe-, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe haben sich niedergelassen. Von Perspektivlosigkeit ist in dem Dorf am Rande des Oderbruchs nichts zu spüren. Und der Heimkehrer, ist auch er heimisch geworden? „Heute würde ich sagen: Ja, hier ist Heimat. Aber es schwingt noch sehr viel in mir, wenn ich ins Allgäu dukte lagen im Keller, die Produktionsbetriebe hatten zu viele Mitarbeiter. „Die Verhältnisse“, so von der Marwitz, „waren anarchisch.“ Trotzdem war er überzeugt davon, dass die Landwirtschaft hier eine Chance haben würde.

Nicht zuletzt, weil die Gelegenheit zum Bodenerwerb günstig war. Marwitz setzte konsequent auf den Kauf und nicht auf die Rückgabe. Dass es letztlich doch Friedersdorf wurde, habe daran gelegen, dass hier die Auflösung einer LPG bevorstand und die Bodenverhältnisse gut waren. Heute ist Hans-Georg von der Marwitz nicht ohne Stolz, einen großen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass sich in Friedersdorf eine gute dörfliche Solidargemeinschaft gebildet hat. So wurden neben dem Wiederaufbau der Kirche auch ein Ortsverein und der Kunstspeicher gegründet. Besonders am Herzen lag und liegt ihm der CVJM und der Aufbau eines mobilen Jugendzentrums, das von Dorf zu Dorf fährt und heute elf hauptamtliche Mitarbeiter hat. Friedersdorf hat mit dem Bild, das Medien oft von den neuen Bundesländern zeichnen,wenig zu tun.

So wuchs die Bevölkerung seit der Wende um ca. 20 fahre. Die Kinder wollen nirgends anders mehr sein. Sie sehen sich im Kontext der Generationen. Ich kann das auch, brauchte aber Zeit, um hier zu landen.“ SIEVERSDORF Rund 20 km von Friedersdorf entfernt ist Karl- Christoph von Stünzner-Karbe (RC Frankfurt/Oder) in Sieversdorf zu Hause. Er zog nicht als Unternehmer, sondern als Offizier in die alte Heimat. Obwohl das Gutshaus 1990 zu Teilen Ruine war, bestand von Beginn an das feste Ziel, wieder Fuß zu fassen. Da elementare Fragen ungeklärt waren – Bekommt man etwas zurück? Wenn ja, wieviel? – wählte er den sicheren Weg, Soldat zu bleiben. Nach 1990 konnten sich Offiziere freiwillig für Dienstposten in den neuen Bundesländern melden. So konnte Stünzner innerhalb kurzer Zeit das Gutshaus kaufen und – nach Zwischenstation in Eggesin – eine neue Verwendung in Frankfurt/Oder antreten. Ablehnung im Dorf gab es nicht nicht.

Vielmehr haben Nachbarn mitunter frischen Spargel vor die Tür gestellt oder ein Stück Schinken, weil sie sahen, dass da einer kam, der selbst hart anpackte. Das mussten die Stünzners auch. Denn von dem alten Besitz haben sie nichts zurückbekommen. Erwerben konnten sie allein das Gutshaus, das heute – nach vielen kleinen Restaurierungsschritten – besser aussieht als in den ersten 300 Jahren seines Bestehens. zerte im Barocksaal, und für den Johanniter-Orden betrieb Karl-Christoph die Restaurierung der Kirche in Sonnenburg in der Neumark. Besonders am Herzen liegt dem pensionierten Offizier der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge. Genutzt wird Sieversdorf heute in einem Trakt als Wohnung und Landarztpraxis für den Sohn und Zum unvergesslichen Erlebnis wurde für den Kommandeur des VBK Frankfurt/Oder kurz vor Ende der Laufbahn das Oder-Hochwasser 1997. Während die Politik den Gedanken an eine besondere Einheitsmission betonte, hatte Stünzner vor Ort ganz praktische Probleme: Wundbrandgefahr, mangelnde WC, Unterkunft und Verpflegung sowie die Steuerung der Freiwilligen. Die Bundeswehr war für den Offizier ein ganz wesentlicher Vereinigungsfaktor. So hat er in Frankfurt von seinem Vorgänger einen Stammtisch von 100 Leuten übernommen. Für Verwaltungsleute, die damals neu an die Oder kamen, hieß es: „Geh zum Oberst Stünzner, da lernst Du die Leute kennen.“ Gesellschaftlich engagieren sich die Stünzners vor allem kulturell. So gab es von Beginn an Kondessen Familie, in einem anderen Teil als Sitz der Eltern und in der Mitte für den Betrieb einer kleinen Pension. „Drei Generationen unter einem Dach. Besser“, so Stünzner-Karbe, kann es gar nicht gehen.“

DALWITZ

Von 1349 bis 1945 befand sich das mecklenburgische Gut Dalwitz im Besitz der Grafen von Bassewitz. Auch hierher kehrte ein Spross der Familie zurück. Am 9. November 1989 allerdings saß Graf Heinrich (RC Tessin-Recknitztal), Enkel des letzten Besitzers, in Uruguay. Aufgewachsen im Rheinland, war er nach dem Studium der Landwirtschaft mangels eines eigenen Hofes zur GTZ gegangen, um in Südamerika und Afrika Agrarprojekte zu koordinieren. Anfangs hatte der Heimkehrer Dalwitz zunächst für ein weiteres Projekt gehalten, das ein paar Jahre erfordern würde. Es wurde ein Lebenswerk. Als es darum ging, Boden zu erwerben, musste Heinrich feststellen, dass er die Interessen von Ost-West-Seilschaften kreuzte. Sie konnten alle gebrauchen, außer ihn, den Enkel des Alteigentümers. Zusammen mit anderen Landwirten gründete von Bassewitz eine Erzeugergemeinschaft, die heute einen Umsatz von 40 Mio. Euro erzielt. Gäste des Ortes erfreuen sich vor allem an den Ferienwohnungen im Gutshaus und in den alten Wirtschaftsgebäuden. Anfänglich aufgrund des baulichen Zustandes undenkbar, passt der „Mecklenburger Agrarkultur“, der sich der Erhaltung der Kulturlandschaft widmet, sind nur eine Auswahl. An keinem Ort ist der frühere Weltenbummler solange geblieben wie mittlerweile hier; demnächst achtzehn Jahre. „Dalwitz ist der Ort, wo ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass ich ein Aboriginee bin. Wer mir sagt, ich sei hier nicht zu Hause, kann Tourismus heute sehr gut zum Gut, gibt er doch den alten Häusern eine sinnvolle Nutzung. Auf das Erreichte ist der Heimkehrer stolz.

„Dieses Dorf hat keine Arbeitslosen; hat einen Laden, weil wir Ferienwohnungen gebaut haben; hat eine Kneipe, weil wir sie gebaut haben; hat sechs Vereine, weil wir sie mitgegründet haben; eine Schule, weil ich sie gegründet habe; das Dorf hat Zuzug, weil sich Feriengäste eine Kate kaufen und ausbauen (allein 2009 fünf); und nicht zuletzt Geld, weil die Betriebe Steuern zahlen.“ Sehr zufrieden äußert sich der adelige Unternehmer über die SPD-geführten Landesregierungen der letzten Jahre: „Wir haben alles an Förderung erfahren, was man sich wünschen kann. Die Regierung weiß, dass wir das Geld nicht exportieren, sondern hier anlegen und Arbeitsplätze schaffen.“ Allein in Dalwitz sind es dank Heinrich von Bassewitz 35. Die Frage nach Ehrenämtern beantwortet er kurz mit: „Jede Menge“: Stellvertretender Vorsitzender vom Verband Biopark, Beauftragter für ökologischen Landbau beim Deutschen Bauernverband, Beirat der von ihm gegründeten Schule und Gründung des Vereins sich warm anziehen.“ Für seine Frau und ihn ist Mecklenburg „in“. Doch verkaufe sich das Land unter Wert: „Es ist ein kleines Paradies hier. Ich sehe von meiner Terrasse auf eine phantastische Landschaft, bin in zwei Stunden in Berlin oder Hamburg, und in einer Viertelstunde an einem Flughafen, von dem aus ich in die ganze Welt fliegen kann. Besser geht es nicht.“

Erschienen in Rotary Magazin 10/2009

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