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Lichter des Nordens

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Helle Sommer, dunkle Winter: Die Vermutung liegt nahe, dass die Menschen in subpolaren Regionen ein besonderes Verhältnis zur Sonne haben. Über den Mythos Licht

Klaus Böldl 01.12.2019

„Im Licht des Nordens“ hieß im vergangenen Sommer eine Ausstellung über dänische Landschaftsmalerei in der Hamburger Kunsthalle. Man schreibt dem Licht in Skandinavien gern besondere Qualitäten zu, assoziiert es mit Klarheit und Reinheit. Vor allem aber dürfte es der Gegensatz zwischen den dunklen Winterperioden und der Mitternachtssonne im Sommer sein, der die Lichtverhältnisse des Nordens zu einem emotional besetzten Thema macht. Als der griechische Geograf Pytheas von Massalia um 300 v. Chr. erstmals von der Mitternachtssonne berichtete, hielt man ihn noch für einen Spinner oder Aufschneider. Mitte des 16. Jahrhunderts beeindruckte der gelehrte schwedische Erzbischof Olaus Magnus seine europäische Leserschaft mit der Versicherung, in Schweden könne man an Pfingsten um Mitternacht „auch die allerkleynesten Schrifften on eyn Licht lesen und schreiben, ja auch Gelt zehlen“. Man muss bei solchen Schilderungen auch den für uns kaum mehr vorstellbaren Grad an Finsternis bedenken, der die Nächte in der Zeit vor Erfindung der elektrischen Beleuchtung ganz allgemein geprägt hat – vor diesem Hintergrund musste den „hellen Nächten“ etwas geradezu Übernatürliches anhaften.
Auch die finstere Winterperiode hat ihren Ort in dieser Geschichte, denn die Vorstellung vom Norden als einem Reich der Kälte und der Finsternis ist wohl noch wirkmächtiger als die vom lichten Skandinavien. Man denkt dabei etwa an den schwedischen Brauch des Lucia-Umzugs am 13. Dezember, bei dem ein zur Lucia erkorenes Mädchen mit einer Lichterkrone einen Zug von Kerzen tragenden jungen Leuten anführt. Diese Lichterkrone hat ihren Ursprung in der Legende, der zufolge die heilige Lucia sich Kerzen auf den Kopf befestigte, als sie verfolgten Christen Nahrung in die Höhlen von Syracus brachte. Die schwedische Lucia-Tradition ist sehr auf den Effekt des Lichts fokussiert, welches in die winterliche Dunkelheit fällt. Lucia-Züge wirken sehr stimmungsvoll, ein wenig wie ein Relikt aus alter Zeit, als die Vorweihnachtszeit noch nicht von hektischen Konsumorgien, sondern von frommer Stille erfüllt war. Doch dieser Schein trügt, denn der Lucia-Brauch ist keine 100 Jahre alt; Wurzeln in vormoderner Zeit hat er nicht.
Ein gleichfalls sehr stimmungsvolles Lied, das in Schweden an Weihnachten, oft aber auch schon am Lucia-Tag gesungen wird, handelt von Staffan, dem Stallknecht des Königs Herodes, der, als er die Pferde seines Herrn zur Tränke führt, den Weihnachtsstern im Wasser schimmern sieht und aus dieser Lichterscheinung auf die Ankunft des Heilands schließt. Die dem Lied zugrunde liegende Geschichte ist außerhalb des Nordens unbekannt; ihr hohes Alter aber lässt sich aus bildlichen Darstellungen erschließen, zum Beispiel an der berühmten Bilderdecke von Dädesjö (Småland), die ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Auch hier, wie beim Lucia-Umzug, geht in finsterer Winternacht gleichsam ein tröstliches Licht auf.
Das Christentum hat im Lauf seiner langen Geschichte eine reiche Licht- und Sonnensymbolik entwickelt, doch hat es den Anschein, als sei dieser Aspekt im Glaubensleben der mittelalterlichen Skandinavier besonders akzentuiert worden. So ist Olav, der bedeutendste Heilige des Nordens, deutlich mit Licht verbunden; er wird häufig mit goldenem Bart und Haupthaar dargestellt, wodurch er gleichsam in einem jenseitigen Licht erscheinen soll; eine berühmte Dichtung über Olav den Heiligen aus dem elften Jahrhundert charakterisiert ihn schlichtweg als „Lichtstrahl“ (altisländisch geisli). Eines der bekanntesten geistlichen Lieder Islands trägt den Namen „Sonnenlied“ (Sólarljóð). Obgleich es mehr als 800 Jahre alt ist, werden einige Strophen daraus bis zum heutigen Tag in Island bei Beerdigungen gesungen. Mehrere Strophen heben an mit dem Vers „Die Sonne sah ich“ und beschwören dann das Bild der Sonne – hier wiederum als Christussymbol zu verstehen –, die über einer verlorenen Welt scheint.

Christentum trifft Heidentum
Könnte es sein, dass die zentrale Bedeutung, die Licht in den christlichen Traditionen des Nordens zukommt, in veränderter Form vom Heidentum übernommen worden ist, dass hier also eine den verschiedenen Religionen gemeinsame Vorstellung zum Ausdruck kommt, die in den besonderen Lichterfahrungen der Nordleute wurzelt? Eine Anekdote aus dem isländischen Buch der Landnahmen (13. Jahrhundert) berichtet von einem Mann aus der heidnischen Zeit, der in seinem frommen Lebenswandel das Christentum bereits vorausahnt und gleichsam vorwegnimmt. „Als er im Sterben lag, ließ er sich in die Sonnenstrahlen hinaustragen und begab sich unter den Schutz des Gottes, der die Sonne erschaffen hat.“ Diese Episode zeigt nicht nur einmal mehr die enge Verbindung des Christengottes mit Sonne und Licht – sie scheint zugleich anzudeuten, dass für die Heiden die Sonne kein Gegenstand religiöser Verehrung gewesen sei. Und tatsächlich fahnden wir im nordgermanischen Pantheon vergebens nach einer Gottheit, die sich etwa dem altägyptischen Sonnengott Re oder dem griechischen Helios an die Seite stellen ließe.
Um Spuren einer religiösen Verehrung der Sonne, eines Solarkults, zu entdecken, müssen wir sehr viel weiter zurückgehen, in die Bronzezeit, die für den Norden für die Zeit von etwa 1700 bis 500 v. Chr. angesetzt wird. Die zahlreichen Felszeichnungen aus dieser Epoche, die bis weit in den Norden, in die norwegischen Küstenregionen nördlich des Polarkreises hinaufreichen, geben uns Aufschlüsse über die religiösen Vorstellungen dieser Zeit. Neben dem in der skandinavischen Kulturgeschichte allgegenwärtigen Schiff sind Darstellungen der Sonne auf diesen Felszeichnungen prominent vertreten. Wir sehen die Sonne umgeben von Gestalten, die in Adorantenhaltung die Arme erhoben haben, oder wie sie von Tieren, meist einem Pferd, über das Firmament gezogen wird. Dieselbe Vorstellung reflektiert der sogenannte Sonnenwagen von Trundholm aus der Zeit um circa 1500 v. Chr., der eines der ältesten Kunstobjekte des Nordens bildet und im Dänischen Nationalmuseum besichtigt werden kann. Das etwa 60 Zentimeter lange Artefakt aus Bronze stellt ein Pferd dar, das vor einen Wagen mit einer großen Scheibe gespannt ist – unzweifelhaft geht es auch hier um die Fahrt der Sonne über den Himmel.

Kultische Verehrung der Sonne?
Auf den ersten Blick liegt es nahe, dass diese Menschen, die über kaum eine andere Lichtquelle verfügt haben werden als offenes Feuer und die – zumal im subpolaren Norden – einer monatelangen Finsternis ausgesetzt waren, ein besonderes Verhältnis zur Sonne entwickelt und diese zum Gegenstand kultischer Verehrung gemacht haben. Aber diese so unmittelbar einleuchtende Vorstellung wird fragwürdig, wenn wir den Blick nach Süden richten und feststellen, dass am Mittelmeer und im Vorderen Orient, wo an Sonnenlicht kein Mangel herrschte, die Verehrung der Sonne oder ihr zugeordneter Gottheiten über die Jahrtausende eine viel wichtigere Rolle gespielt hat als im lichtschwachen Norden. Mehr noch: Man ist sich heute sicher, dass es zwischen den bronzezeitlichen Kulturen in Skandinavien und den frühen Hochkulturen des Mittelmeerraums eine intensive Kommunikation gegeben haben muss. Wahrscheinlich ist der Solarkult ein Import aus dem Süden; die in den Felszeichnungen manchmal zu beobachtende Verbindung von Sonne und Schiff etwa erinnert an den ägyptischen Re, der täglich in seinem Boot über das Firmament zieht. Gut denkbar ist allerdings, dass die Menschen der Bronzezeit für die Licht- und Sonnenaspekte der Religionen des Südens besonders empfänglich waren.

Mythen, Sagen und Bräuche
In den späteren Epochen finden wir keine Hinweise auf eine besondere Lichtsymbolik im religiösen Leben; die Wikinger waren mit Sicherheit keine Sonnenanbeter. Aber die weitgehend auf die Eliten beschränkten religiösen Kulte sind das eine; die Art und Weise, wie die Skandinavier auch breiterer Schichten ihre Licht- und Dunkelheitserfahrungen verarbeiteten, ist eine andere Frage, und darüber geben uns Mythen, Sagen und Bräuche aus älterer und neuerer Zeit viele Aufschlüsse. Wenn uns die mythologischen Geschichten der Edda auch nichts von einem Sonnengott berichten, so gibt es da doch immerhin den strahlenden Götterliebling Balder, der deutlich mit Helligkeit assoziiert wird und dessen Wohnsitz Breidablik das „weithin Leuchtende“ bedeutet. Der Tod des Lichtgottes Balder läutet die Götterdämmerung ein, zu der gehört, dass die leuchtenden Himmelskörper von einem monströsen Wolf verschlungen werden und die Welt in Finsternis versinkt. Auf den Kampf am Ende der Zeiten bereiten sich Odins Krieger vor, in dem sie vor seiner Halle Valhöll kämpfen – den Widerschein ihrer Waffen bezeichnen wir als Nordlicht. Auch in späteren Zeiten deutet das Polarlicht häufig auf Krieg und schlimme Zeiten hin, für Fischer konnte es aber auch die Widerspiegelung großer Heringsschwärme darstellen. Übrigens war es der schwedische Physiker und Astronom Anders Celsius, bekannt als Urheber der Gradeinteilung von unseren Thermometern, der im 18. Jahrhundert als Erster das Phänomen des Nordlichts wissenschaftlich erklären wollte – an seinem mystischen Zauber hat das Phänomen aber bis heute nichts eingebüßt.
Bei den Bauern in der schwedischen Provinz Östergötland soll es noch Mitte des 19. Jahrhunderts üblich gewesen sein, dass die Männer bei Erscheinen der Sonne ihren Hut zogen und die Frauen sich verbeugten; dasselbe wiederholte sich bei Sonnenuntergang. Aus dem norwegischen Mandal ist gar eine Art von Sonnenopfer belegt, nämlich Butter, die man kreisförmig auf dem Hausdach auslegte, sodass sie in der Sonne schmolz.
Solche Formen der Sonnenverehrung mögen sich im Norden häufiger finden als anderswo, aber es kann hier allenfalls von graduellen oder quantitativen Unterschieden die Rede sein. Denn dass die Skandinavier aufgrund der ungleichen Verteilung von Licht und Dunkelheit übers Jahr eine nur ihnen eigentümliche und unverwechselbare Beziehung zum Licht entwickelt hätten, ist nichts weiter als ein freundlicher und sympathischer Mythos – auch wenn Mitternachtssonne und Polarlicht dem Norden über die Jahrhunderte eine besondere Anziehungskraft verliehen haben.


Das Polarlicht

Polarlichter entstehen, wenn eine aus Elektronen und Protonen bestehende Teilchenstrahlung (Sonnenwind) auf das magnetische Feld der Erde trifft und dieses Feld zur sonnenabgewandten Seite wie ein Kometenschweif herausgedrückt wird. Dabei wird elektromagnetische Strahlung emittiert und ein Fluoreszenzlicht ausgesandt. Polarlichter treten auf der Nordhalbkugel als Nordlicht, aurora borealis, auf der Südhalbkugel als Südlicht, aurora australis, auf. In seltenen Fällen sind zumeist grüne oder rote Nordlichter sogar in Deutschland


 

Klaus  Böldl
Prof. Dr. Klaus Böldl lehrt seit 2007 skandinavische Literatur- und Kulturgeschichte des Mittelalters an der Universität Kiel. Er hat ferner sechs belletristische Werke verfasst, die beim S. Fischer Verlag erschienen sind.
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