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Lüge oder Bewahrung?

Die Fertigstellung des Frankfurter Römerberg-Viertels wirft die Frage nach dem Sinn der Rekonstruktion verlorener Gebäude wieder auf

Günther Bentele01.06.2018

Rekonstruktionen haben Konjunktur: Viele Menschen sind ihre Raster-Betonstädte und Wohnmaschinen leid. Denn Bauwerke sind Heimat – freilich vergängliche Heimat: Der Zahn der Zeit, Naturkatastrophen, Kriege oder Zerstörungen durch Ideologen bedrohen sie ständig. Auf die Zerstörung identitätsstiftender Bauten folgt oftmals die Sehnsucht nach ihrem Wiedergewinn durch Rekonstruktion.

Doch in Deutschland wird Rekonstruktion fast immer bekämpft: Kitsch, Kulissenschieberei, Lüge, Betrug, Disneyland, Anachronismus, Diebstahl der Geschichte usw. lauten die gängigen Vorwürfe. Das Hauptziel der Kritik in den letzten Jahren ist die Rekonstruktion der barocken Fassaden des Berliner Schlosses, doch auch der Wiederaufbau des bürgerlichen Frankfurter Altstadtviertels am Römerberg, der erst vor wenigen Tagen fertiggestellt wurde, war und ist umstritten.

Historische Konstanten
Die Geschichte der Rekonstruktion ist keineswegs jung: So war bereits eines der Sieben Weltwunder, der Tempel der Artemis in Ephesos, ein Wiederaufbau. Herostratos zündete den Tempel 356 v. Chr. an, um sich einen Namen zu machen. Das Gebäude, ursprünglich aus dem 6. bis 5. Jh. v. Chr. wurde dann bis ins 3. Jh. in der längst nicht mehr üblichen Form rekonstruiert.

Auch drei der berühmtesten Bauwerke Venedigs sind Rekonstruktionen: Der Dogenpalast aus dem 14. Jh. wurde nach Bränden im 16. Jh. rekonstruiert, der Markusturm erstand nach seinem Einsturz im Jahre 1902 bis zum Jahr 1912 wieder, und auch die Opera la Fenice wurde nach der Brandstiftung von 1996 innen und außen rekonstruiert. Alle diese Rekonstruktionen geschahen gegen die Meinung der führenden Architekten. Und ausgerechnet die „Charta von Venedig“ von 1964, erlassen zur Regelung des Denkmalschutzes, verbietet jede Rekonstruktion!

Sie erlaubt nur die Anastylose, das Zusammenfügen vorhandener Baureste. Eine Forderung der Rekonstruktions-Kritiker lautet, dass Architektur immer modern sein müsse. Auch die Baumeister des Barock hätten immer nur im Stil ihrer Zeit gebaut. Doch stimmt das? Das barocke Kloster Neresheim von Balthasar Neumann besitzt einen steinernen Turm im Stil der Romanik: Besucher denken an ein Überbleibsel des abgebrochenen Vorgängerbaus. Der Turm aber wurde von Balthasar Neumann selbst im romanischen Stil errichtet – gemeinsam mit dem barocken Klosterbau.

Dieser Turm ist keine Rekonstruktion von Verlorenem, sondern eine „romanische“ Neuschöpfung des großen Barockbaumeisters, ein Anknüpfen an frühere Zeiten. In Frankreich wurden während der Religionskriege zwischen 1562 und 1589 viele katholische Kirchen von den Hugenotten gesprengt (von Christen!) und in der Zeit des Barock in gotischen Formen wiederaufgebaut, so die Kathedralen von Mende und Lectoure und viele andere. Eine besondere Form von Rekonstruktion, die zugleich eine rituelle Kontinuität symbolisiert, findet sich in Japan. Dort werden die hölzernen Hauptschreine von Ise alle zwanzig Jahre niedergelegt, die Holzteile verbrannt und die Bauten auf einem Grundstück daneben genauestens rekonstruiert. Und das seit dem Jahre 690! Das nächste Mal 2033.

Ästhetische Gründe für Rekonstruktionen
Sollte der David von Michelangelo von Terroristen gesprengt werden oder Rembrandts Nachtwache verbrennen – so wären unzählige Kopien vorhanden in Marmor und auf Leinwand. Darstellende Kunst lässt sich kopieren, unersetzliche Originale blieben nach ihrem Verlust wenigstens noch in Kopien erlebbar. Nicht so Gebäude! Sie brauchen die originale Größe, um erlebt zu werden: Ein Modell taugt dazu nicht, noch weniger Abbildungen. Nur die Rekonstruktion schafft das.

Die Altstadt von Dresden war bis zu ihrer Zerstörung 1945 und der Beseitigung der oft noch aufbaufähigen Brandruinen ein überragendes Kunstwerk mit der Frauenkirche als Halt und Mitte. Welches moderne Bauwerk hätte sie ersetzen sollen? Mit ihrer Rekonstruktion kehrte ein Kunstwerk von höchstem Rang zurück. Ihr Umfeld, der Dresdner Neumarkt vom Kurländer Palais bis zum Schloss ist heute in Rekonstruktionen wieder erlebbar. Zwinger, Semperoper und Gemäldegalerie wurden bereits zur Zeit der DDR wiederhergestellt.

Der Wiederaufbau des Schlosses enthält eine kühne Rekonstruktion: das spätgotische Schlingrippengewölbe der Schlosskapelle, das im 18. Jh. abgebrochen worden war. Die Altstadt von Potsdam war noch kurz vor Kriegsende 1945 in wesentlichen Teilen vernichtet worden. Der Kranz aus Schlössern und Parkanlagen, heute Weltkulturerbe, blieb erhalten. Nun soll die Altstadt wieder ihren Charakter als Barockstadt bekommen, so dass sie ihres kostbaren Rahmens würdig ist.

Auch die polnische Rekonstruktion der vormals deutschen Danziger Altstadt kann als Beitrag zur Versöhnung gesehen werden  © Dagmar Richardt/ddp images

Das historisch und kunsthistorisch bedeutende Stadtschloss ist bereits rekonstruiert, freilich nur das Äußere. Die Rekonstruktion der Garnisonkirche ist im Gang. Der Alte Markt hat seine Südwand mit dem rekonstruierten Barberini-Palais zurück, weitere stadtbildprägende Ensembles sind im Bau oder geplant. Auch mit der Wiederherstellung des Domes und der Marienkirche in Lübeck, der weitgehenden Rekonstruktion der Georgenkirche in Wismar, der Frauenkirche in Nürnberg oder des Kranzes romanischer Kirchen in Köln sind bedeutende Kunstwerke wieder erlebbar geworden.

Mit der Rekonstruktion der Gewölbe der Lorenzkirche und der Sebalduskirche in Nürnberg und des Gewölbes der Kilianskirche in Heilbronn kann man edle Innenräume wieder erleben. Der rekonstruierte Marktplatz der ehemaligen Fachwerkstadt Hildesheim bietet immerhin einen kleinen Ersatz für den Verlust von Tausenden von Fachwerkhäusern während des Krieges. Der ebenfalls im Krieg verbrannte Goldene Saal im Rathaus von Augsburg war der prächtigste Renaissance-Saal in Deutschland. Er wurde gegen große Widerstände rekonstruiert und zeigt nun mit seiner Herrlichkeit wieder die Verbindungen nach Italien und einstige Macht und Reichtum der Fugger-Stadt.

Ablehnungen
Das alles ist in Deutschland heiß umstritten: In Nürnberg wurde beim Wiederaufbau an den Charakter der Altstadt durch den Erhalt alter Grundrisse und die Gestaltung einer Dächerlandschaft erinnert; es wurden die Burg und die Kirchen erhalten, das Rathaus und anderes wiederaufgebaut. Aber die Rekonstruktion der auf Dürer zurückgehenden Ausmalung des Ratssaals wird nicht erfolgen: Die Ablehnung durch fast die gesamte Presse führte zu einem Nein im Bürgervotum.

Eines der schönsten Bürgerhäuser der Spätgotik, das Toplerhaus wurde durch einen Bau von entsetzlicher Langeweile ersetzt. Auch die Fassade des Pellerhauses wird vorläufig nicht rekonstruiert, im Gegensatz zum großartigen Innenhof. Das Pellerhaus war eines der kostbarsten Bürgerhäuser Europas – aber die moderne Fassade steht unter Denkmalschutz! Genau wie die moderne Fassade des Salzhauses am Römer in Frankfurt, einst ein Kleinod mit seinem kunstvoll geschwungenen und bemalten Giebel.

Woanders ist man großzügiger: Die Polen haben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die Altstadt und das Schloss ihrer Hauptstadt Warschau rekonstruiert, sondern auch die Zentren ehemals deutscher Städte wie Danzig und Breslau. Und im lettischen Riga steht wieder das von Breschnew gesprengte Schwarzhäupterhaus. Auch in Japan wurden viele der im Krieg zerstörten historischen Gebäude ganz selbstverständlich wiederaufgebaut oder rekonstruiert.

Als der Goldene Schrein Kinka-kuji in Kyoto, ein Bau von hoher kunstgeschichtlicher und kultureller Bedeutung, 1950 durch Brandstiftung vernichtet wurde, war sich ganz Japan einig, ihn so schnell wie möglich zu rekonstruieren. Die Gegner von Rekonstruktionen sind nicht ohne innere Widersprüche: Kaum eine der unzähligen alten Statuen oder Brunnenfiguren, die wir heute der Witterung ausgesetzt sehen, ist ein Original. Hier wird die Kopie als selbstverständlich akzeptiert.

Aber auch historische Gebäude werden langsam zu Rekonstruktionen ihrer selbst: Ständig werden an Domen, Kathedralen, Schlössern und Burgen Steine gegen neue ausgetauscht. Es sind die historischen Gebäude, die einer Stadt ihre geschichtliche Dimension und Tiefe geben.

Wiedergewinnung der Geschichtlichkeit
Wo die Verweigerung von Rekonstruktion hinführt, zeigt das Beispiel Pforzheim. Nach dem Feuersturm 1945 wurde die Stadt ausschließlich modern, unter Einhaltung der Verbote aller führenden Architekten der Nachkriegszeit aufgebaut: keine alten Grundrisse, keine alten Gebäudeformen, keine Satteldächer, keine ursprünglichen Materialien, keine Ornamente. Das Ergebnis ist eine Stadt, die aussieht, als wäre sie – eine der ältesten Städte des Landes – erst im 20. Jahrhundert entstanden!

Die Geschichtlichkeit einer Stadt ist nur in ihren Gebäuden erlebbar. Die schöne Altstadtkirche, im Kern romanisch mit gotischem Chor, verschwindet aber völlig in ihrer modernen Umgebung: Pforzheim ist wie der moderne Marktplatz von Stuttgart baulich ohne Erlebniswert. Dabei haben die neuen Gebäude meist gute Qualität. Ganz anders dagegen Münster: Gegen den empörten Rat führender Architekten wurde der im II. Weltkrieg zerstörte Prinzipalmarkt rekonstruiert – nicht „wörtlich“ rekonstruiert; aber der historische Eindruck entstand wieder neu.

Das Rathaus, Ort des Westfälischen Friedens, mit seinem herrlichen Giebel wurde wiederaufgebaut, der romanische Dom, die gotische Lampertikirche und die gotische Überwasserkirche haben wieder ihren Bezug – und die Stadt ihre historische Tiefe. Eine der ersten – und heftig umstrittenen – Rekonstruktionen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war 1951 der Wiederaufbau des Geburtshauses von Goethe.

1987 rekonstruiert wurde ebenfalls in Frankfurt der Samstagsberg, die Ostwand des Römerbergs mit den Fachwerk-Patrizierhäusern; und nach dem Abbruch des gigantomanischen Technischen Rathauses wurde am Römerberg der Krönungsweg mit dem Haus zur Goldenen Waage und dem Hühnermarkt wiedergewonnen. In Hildesheim wurde nach 1986 der Marktplatz mit dem Knochenhaueramtshaus rekonstruiert, eines der schönsten Fachwerkhäuser.

Das alles geschah gegen die Empfehlung der jeweiligen Denkmalschutzbehörden. Sind all diese Bauten Lug und Trug, ein ahistorischer Fake? Nein, denn gerade die Historizität wird ja wiedergewonnen. Die mangelnde „Echtheit“ wird überliefert, erlebt wird sie nicht – wer hält den Dogenpalast oder den Markusturm für eine Rekonstruktion? Der Betrachter überlässt sich der Form und dem Geist der Entstehungszeit, den gute Rekonstruktionen noch atmen. Fälschungen geben vor, Originale zu sein, Rekonstruktionen nie. 

Heilung der Stadtgestalt
Bauwerke wie der Kölner Dom oder das Ulmer Münster machen den Stolz einer Stadt aus. Dorthin fährt man mit dem Besuch und zeigt ihm „seine“ Kirche, die Burg, den Marktplatz, die Bürgerhäuser, das Geburtshaus des großen Sohnes der Stadt, die Stadtmauer, das Stadttor, das Rathaus, die historische Brücke, die Ausgrabungen, das Schloss oder die Ruinen vergangener Zeiten.

Das Gesamtbild der Städte richtet sich oft nach bestimmten Bauwerken oder prägenden Nutzungen: Ohne das Berliner Schloss sind die Museumsinsel, das ganze Forum Fridericianum, auch der Gendarmenmarkt, selbst das Brandenburger Tor, der Reichstag und andere Plätze und Gebäude ohne wirkliche Mitte, wie der Kunsthistoriker Peter Stephan nachgewiesen hat. In vielen Städten ist es ähnlich: Das Leibnizhaus und das Schloss Herrenhausen in Hannover bedeuten Haltepunkte.

Wie auch der Krönungsweg in Frankfurt; ohne ihn war die Stadt am Main ein Torso. Der Prinzipalmarkt in Münster war und ist wieder das Rückgrat der Stadt. Das Zentrum von Venedig, der Markusplatz, lebt von dem Dreiklang Markusdom, Markusturm und Dogenpalast – die Rekonstruktion des eingestürzten Turmes war eine Heilung der Stadt. Rem Koolhaas, einer der maßgebenden Architekten unserer Zeit, sagte einmal: „Die Architekten waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht fähig, über die Vergangenheit konstruktiv nachzudenken.

Wir waren dagegen, weil ein moderner Architekt einfach nicht für die Idee der Rekonstruktion sein kann. In Wahrheit aber hatten wir oft nichts Besseres zu bieten.“ Und sein Kollege Christoph Mäckler meint: „Fakt ist, dass die Moderne nicht einen einzigen Platzraum hervorgebracht hat, der in seiner stadträumlichen Qualität mit dem Place des Vosges, der Piazza Navona oder auch mit dem wiedererrichteten Rathausplatz der Stadt Frankfurt vergleichbar wäre.“

Günther Bentele
Günther Bentele ist Schriftsteller und Architekturhistoriker. In seiner Heimatstadt Bietigheim trug er Wesentliches zur Erhaltung der historischen Altstadt und deren Gestaltung bei. Zu seinen Werken gehört "Friedrich der Große und die Mühlen der Gerechtigkeit" (Arena, 2012) und "Augenblicke der Geschichte. Die Neuzeit" (cbj, 2007).