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Schwerpunkt 100. Katholikentag

Rebell im weißen Kleid

Die Revolution des Papstes Franziskus und ihre Bedeutung für die katholische
Kirche sowie für deren Ansehen in unserer Gesellschaft

Christiane Florin30.04.2016

Es war ein römisch-romantischer Moment an jenem Abend des 13. März 2013. Ein auf den ersten Blick schüchterner älterer Herr winkte von der Loggia den Menschen auf dem Petersplatz zu. Auf den zweiten Blick war es ein junger Wilder. Er trug ein einfaches Gewand und sagte einfache Worte: „Guten Abend“, später „Gute Nacht“. Und dann der Name: Franziskus. Das erinnert an einen Bettelmönch, an einen Kleruskritiker, an einen, der sich mit dem Papst angelegt hat. Assisi ist zwar ein katholisches Disneyland, aber auf die Idee, sich nach Franz von Assisi zu benennen, war vor Jorge Mario Bergoglio kein Papst gekommen. Weg mit der Mozetta, weg mit den roten Schuhen, weg mit der theologischen Sprache in überirdischer Stimmlage - dieses weithin Sichtbare und Hörbare sind keine Äußerlichkeiten. Wer so auftritt, wer so antritt, der will anders sein als seine Vorgänger. Guten Abend, gute Nacht war an jenem Abend kein Schlaflied, sondern ein Weckruf. Franziskus – ein Pontifex minimus, ein Rebell im weißen Kleid.

Wenig später wurde jene Rede bekannt, die Franziskus vor dem Konklave gehalten hatte. Ausgerechnet die Kirchenzeitung Havannas lancierte den Text. Jorge Bergoglio, der Erzbischof von Buenos Aires, sagte darin: „Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um zu evangelisieren, bleibt sie nur bei sich selbst und wird krank. Die Missstände, die sich im Laufe der Zeit in den Institutionen der Kirche gezeigt haben, haben ihren Grund in dieser Selbstbezüglichkeit, in einer Art theologischem Narzissmus.“ Während sein Vorgänger Joseph Ratzinger 2005 mit einer Rede über die Verderbtheit der Welt, über die „Diktatur des Relativismus“, gepunktet hatte, raubte Bergoglio seinen Kardinalskollegen die Illusion, die Kirche throne porentief rein auf dem Berg, hoch über der schmutzigen Welt.

Einen Kleruskritiker hatten die Kardinäle also gewählt, einen Relativierer der Relativismuskritik. Das Amt machte Franziskus nicht, wie manche gehofft haben mögen, römisch-nachsichtiger mit seinem geweihten Personal, sondern noch kritischer. Sein erstes apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ liest sich stellenweise wie ein Kleruskabarett, eine Satire auf Wichtigtuer und Titelsammler. So etwas hätte unter Johannes Paul II. die Lehrerlaubnis gekostet. Verpetzen in Rom galt bis 2013 als Zeichen der Lehramtstreue, Franziskus lässt die Meldungen ins Leere laufen. Die Glaubenskongregation sei keine Zensurstelle, schrieb er, die Briefe von dort könne man getrost in die Schublade legen, schob er mündlich hinterher.

Ungläubiges Staunen
Vor allem die sogenannten einfachen Gläubigen reiben sich bis heute ungläubig die Augen: Wie konnte es sein, dass so einer überhaupt gewählt wird? Wann streut diesem Unbequemen einer Gift ins Essen?, fragen die Fans angstvoll. Die Basis ist jetzt Papst. Sie spürt: Hinter diesem Mario Bergoglio lag am 13. März schon ein Leben und nicht nur eine Kirchenkarriere. Franziskus hat Erfahrungen, deshalb kann er erzählen von seiner Oma, seinem Zeitungshändler, seinem Schulfreund. Er spricht nie über „den Menschen an sich“, er spricht über konkrete Menschen. Deshalb hören ihm konkrete Menschen zu, ganz gleich, ob er über die Vermehrung der Karnickel philosophiert oder die Vermehrung des Kapitals anprangert. Nicht jeder ist mit seinen Worten einverstanden, aber jeder versteht ihn. Auch das sind nicht nur Äußerlichkeiten eines Mediendarlings. Franziskus kennt leibhaftige Menschen, schon das ist angesichts des Lebens und Schwebens mancher Päpste eine Sensation.

Franziskus lässt die Realität in den Vatikan. Barmherzigkeit, sein großer Plan B, ist ein anderes Wort für Wirklichkeit. Das provoziert nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Welt. Wenige Monate nach seiner Wahl reiste Franziskus auf die Insel Lampedusa, kürzlich war er auf Lesbos. Europa – die Insel der Seligen – prangert er als unselig an. Kraft seines Amtes zerrte er das Elend an die Öffentlichkeit, das weder die politische Elite noch die meisten an der Basis sehen wollten. Europa verhält sich nicht anders als die Kirche auf dem Berg. Es schottet sich gegen die Wirklichkeit ab. Doch Gleichgültigkeit geht nicht mehr so leicht, seit der Papst die Globalisierung der Gleichgültigkeit unablässig anprangert.

Für die innerkirchliche Provokation suchte er sich das peinlichst bewachte und peinlichste Thema aus: die Sexualmoral. Wer die Schriften von Johannes Paul II. und Benedikt XVI./Joseph Ratzinger dazu liest, muss den Eindruck gewinnen: Christsein entscheidet sich im Bett.

Im November 2013 ließ Franziskus mit einer Fragebogenaktion ermitteln, ob die Lehre nicht nur Zölibatären bei der Karriere genützt hat, sondern ob sie auch Nicht-Zölibatären – für die ist sie ja gedacht – eine Hilfe war. Das Ergebnis: Die Lehre ist entweder unbekannt oder wird offensiv ignoriert. Wenn Lehre und Leben voneinander abweichen, wer hat dann ein Problem? Unter seinen Vorgänger war es das Leben, bei Franziskus geriet die Lehre unter Druck. Zwei Jahre lang quälte er seine Bischöfe durch einen synodalen Prozess. Er ermunterte zur Debatte, doch das freie Wort überfordert in einer absolutistischen Monarchie die kleinen Könige mehr als die freie Liebe. Heraus kam im Oktober 2015 ein Dokument, das wenig riskiert. Zu wenig, wie der Papst befand. Er legte im April „Amoris Laetitia“ nach, ein Schreiben über die Freude der Liebe. Wieder spart er nicht mit Selbstkritik: Die Kirche beklage nun genau jene Zustände, die sie durch ihr eigenes Verhalten provoziert. Kalte Schreibtischtheologie kritisiert er; Gesetze, die wie Felsblöcke auf Menschen geworfen wurden, prangert er an.

Streckenweise liest sich das Werk wie ein Eheberater: „Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen und jeden Abend einander zu segnen, auf den anderen zu warten und ihn zu empfangen, wenn er ankommt, manchmal zusammen auszugehen und die häuslichen Aufgaben gemeinsam zu erledigen“, schreibt der oberste Katholik recht irdisch. Da ist es wieder, das „Guten Abend, gute Nacht“ des Anfangs. Wäre es von Amts wegen nicht anders, so könnte man glatt meinen: Der Mann war selbst schon einmal verheiratet. Er weiß offenbar, wie es in der Ehe so zugeht, wenn der Brautstrauß in der Bio-Tonne entsorgt ist.

Selbstkritik und Realitätsnähe – diese Kombination ist neu für solche Schreiben. Vertraut ist, dass der Papst die Ehe zum ordentlichsten Ort für Liebe und Erotik hält. Vertraut ist, dass die katholische Ehe zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen wird. Vertraut klingt auch die Kritik am Gender Mainstreaming. Alles andere hätte die Kirche gesprengt, zu heftig waren die Kämpfe zwischen konservativem und liberalem Lager auf den beiden Bischofssynoden gerade beim Thema Homosexualität. Ein Papst ist eben auch nur ein Kirchenmann.

Zwischen den Lagern
Aber wenn am Morgen ein Mann einen Mann küsst, dann wird Franziskus die beiden nicht rauswerfen. Der Papst singt das hohe Lied der Ehe, ohne vom hohen Ross aus diejenigen zu verurteilen, denen kein Musterlebenslauf gelingt. Alle, die nicht so leben, wie es das katholische Ideal vorsieht, sind für ihn keine Katholiken zweiter Klasse. Sie gehören dazu, auch das steht im Lehrschreiben. Franziskus wählt dafür das Wort Integration. Er will offenbar eine katholische Willkommmenskultur.

Sinners welcome. Das gilt auch für die bisherigen Sünder schlechthin, die wieder verheirateten Geschiedenen. Franziskus öffnet nicht grundsätzlich die Grenze, es gibt keine allgemeines „Welcome“ zu den Sakramenten, aber er verspricht Einzelfallprüfungen. „Komplexe Situationen“ heißt nun das, was früher Sünde hieß. Wem es ein Anliegen ist, die Kommunion trotz oder gerade wegen einer solch komplexen Situation zu empfangen, der soll sein Gewissen befragen und das Gespräch mit einem Priester suchen, der seinerseits sein Gewissen befragt. Das ist noch immer hoheitlich gedacht, dürfte aber alle enttäuschen, die päpstliche Lehrschreiben dazu benutzen, vermeintlich schlechte Katholiken automatisch abzuschieben.

Wer sagt, Franziskus wiederhole doch einfach nur den Katechismus und stehe in der Tradition seiner Vorgänger, der irrt. Wer sagt, er gebe Rätsel auf, auch. Er zieht seinen Plan B milde lächelnd, aber eisern durch. Er hat die Barmherzigkeit in einem Lehrschreiben verankert. Damit ist sie nicht nur, wie zuvor, ein Wort für gewisse Stunden. Sie bestimmt die Grundhaltung.

Franziskus hat kein Machtwort gesprochen. Gewissen ist Macht. Guten Abend, gute Nacht, Gruß und Kuss – dein Franziskus. So redet und schreibt einer, der seinen Katholiken die Freiheit zutraut. Ist das revolutionär? Von außen betrachtet nicht. Die Kluft zwischen den westlichen Gesellschaften und der katholischen Kirche bleibt groß, Franziskus schüttet nur ein bisschen Erde hinein. Von innen betrachtet aber hat er mit einem enormen Kraftaufwand die Kirche auf den Stand von vor 50 Jahren gebracht, er hat Diskussionen wieder geöffnet, die nach dem Konzil abgebrochen worden waren, Denk- und Sprechverbote hat er aufgehoben, Debatten entgiftet. Er hat die katholische Kirche aus der Selbstbespiegelung erlöst und sie zu einem interessanten Gegenüber gemacht. Einer Kirche, die zuhört, wird zugehört.

Christiane Florin
Dr. Christiane Florin ist Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Bis Ende 2015 leitete sie die ZEIT-Beilade „Christ & Welt“. Gerade ist ihr Buch erschienen „Die Ehe. Ein riskantes Sakrament“ (Kösel).