01.09.2015

Der Sport und die Demokratisierung der Körperindustrialisierung 

Schneller – schöner – erfolgreicher?

Volker Casya

Der Drang zur stetigen Verbesserung des Menschen ist Jahrtausende alt. Die Digitalisierung unseres Alltags und die Ergebnisse der medizinischen Forschung – insbesondere auf dem Gebiet der Neurowissenschaften – haben die Möglichkeiten und Potentiale dafür dramatisch erweitert. Der folgende Beitrag dieses Titelthemas beschreibt die Chancen und Risiken einer Entwicklung, die das Mensch-Sein für immer verändern kann.

Es mag sich paradox anhören, aber die Körperherstellungsphantasien unserer Tage gehen auf den Natürlichkeitsromantizismus der olympischen Bewegung in der Moderne, wie ihn Pierre de Coubertin und Carl Diem begründeten, zurück. Diese beriefen sich auf die olympischen Spiele der griechischen Antike und auf die Idee der Leibesübungen von Turnvater Jahn. Die Grundillusion war, im Sport siege das „Echte“, die Natur des Menschen; dort ist er wieder in der Natur angekommen.

Historisch gesehen ist klar, dass dies eine mythologische Konstruktion war, denn der vermeintliche Naturkörper war von seinen Anfängen an immer ein hochgerüsteter Kunstkörper – nur die Techniken der Zurüstung des Körpers änderten sich, und die Körperaufrüstung wurde immer weiter perfektioniert, so dass wir uns heute voraussichtlich erst in der ersten Phase der Körperindustrialisierung befinden. Die nächste Phase wird wohl eine Cyborgisierung des Menschen sein, in der Mensch und Maschine mit Hilfe von Gentechnik, Neurowissenschaften und künstlicher Intelligenz untrennbar miteinander verschmolzen sind.

Historisch gesehen war mit der rasanten Verbreitung des modernen Sports von Anfang an ein gigantisches biologisches und biopolitisches Experiment verbundenen, in dem es darum ging, die Utopie unendlicher Leistungssteigerung des Menschen zu verwirklichen. Dafür wurden immer mehr und bessere künstliche Mittel ersonnen, um den biologischen Grenzbereich der natürlichen, „echten“ Eigenleistung des Menschen zu erreichen und möglicherweise zu überschreiten. Es ist daher nur konsequent, dass die Techniken der industriellen Auf- und Zurüstung von Körpern des Hochleistungssports schon längst Eingang in den Alltag der Fitness- und Lifestyle-Bewegung gefunden haben.

Utopien des eigenen Körpers

In diesem Kontext zeigt sich, wie eine bestimme Ästhetik der Machbarkeit normativ wirkt: Alle wollen sportiv und gut aussehen, nicht nur weil sie es als schön empfinden; sondern weil es alle auch machen können, machen sie es auch. Machen sie es nicht, provozieren sie nämlich die Frage, warum sie das Machbare mit sich nicht machen und sich „gehen“ lassen. Als das eigentlich „Echte“ gilt immer mehr das Machbare.

Man muss aber nicht nur sportlich und gesund sein, sondern vor allem gesund und sportlich aussehen. Das „Survival of the Fittest“ ist schon längst nicht mehr von „Survival of the Prettiest“ zu trennen. Die mit dieser Tendenz verbundene Ästhetik echt-machbarer Schönheit ist nicht von der Industrialisierung (idealer) Körperbilder zu trennen, die immer mehr Menschen per Bodybuilding im weitesten Sinne nachzuahmen versuchen. Unter „Bodybuilding“ wird dabei nicht nur die sogenannte Sportart mit den entsprechenden Wettbewerben verstanden, sondern alle Arten sportiven Trainings sowie die boomende plastische Chirurgie. Der schöne Körper wird dabei Gegenstand der Traumrealisierung vom eigenen, gewünschten, „echten“ Selbst, in dem wir unsere Einbildungen von idealer Schönheit am eigenen Körper technologisch umzusetzen vermögen. Er wird zu einem Luxuskonsumgut, mit dem man, wie bei Markenkleidung, Markenuhren, Markenautos, seine Wünsche, Träume und Sehnsüchte erfüllt.

Um diese Sehnsüchte verschönter Authentizität zu realisieren, greifen immer mehr Menschen auf die modernsten technologischen Mittel der Körperstilisierung zurück und damit auch auf Techniken des Dopings im Hochleistungssport. Denn die modernsten Formen des Dopings sind nichts anderes als die Spitzenprodukte der Körperindustrie, die nun demokratisiert werden, das heißt, eben nicht mehr nur von einer kleinen Leistungselite, sondern von immer mehr Menschen im Alltag praktiziert werden, um die eigene Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Der gedopte Athlet erscheint in diesem Kontext nur als Vorbote einer technikbesessenen Körper-Avantgarde, die endlich die Mängel des Naturkörpers überwindet.

Diese Transformation des Dopings des Hochleistungssports in den Alltag von immer mehr Menschen vollzieht sich mit Hilfe des enhancements, des legalen Gebrauchs unterstützender biotechnologischer Mittel zur Leistungssteigerung bei Gesunden. Dies führt dazu, dass Leistungserbringung geplant und serialisiert werden kann und damit neue Anforderungen an eine sichere, gewünschte Leistungserbringung entstehen. Jeder kann anscheinend immer besser zum richtigen Zeitpunkt die geforderte Leistung abrufen, und darum wird auch von ihm erwartet, dass er das macht. Mit dem enhancement ist nicht nur eine Demokratisierung des Doping verbunden, sondern auch eine Utilitarisierung der Gesellschaft per „Prinzip Pille“. Egal ob Viagra, Ritalin oder Prozac – alle diese Mittel sind wesentlicher Träger der Verwirklichung der utilitaristischen Idee, immer mehr Glück für immer mehr Menschen zu ermöglichen.

Dopingskandale liegen nicht außerhalb der Logik des modernen Sports und der modernen Köperkultur, sondern entsprechen ihrer Fortschrittsideologie und der damit verbundenen Tendenz industrieller Perfektionierung und Effektivierung der Produktion hochleistungsfähiger Körper. Das Doping stellt daher nicht einfach eine bloße Abweichung von der anscheinend jetzt noch vorherrschenden Körpernormalkultur dar, sondern es nimmt möglicherweise die neue Körpernormalität des biotechnologischen Zeitalters vorweg, für die gelten wird, dass der angeborene Naturkörper etwas Mangelhaftes ist, das technisch verbessert werden kann.

Die Ästhetisierung des alten Authentizitätskörpers per (sportivem) Doping und enhancement führt nicht nur zu einer Säkularisierung des Körperumgangs, sondern auch zur Industrialisierung des Körpers. Damit wird die Vorstellung von der „Gott- oder Naturgegebenheit“ des Körpers, die noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wesentlich das ausmachte, was man unter einem sportlichen Talent und der natürlichen Leistungskraft eines Menschen verstand, grundlegend zerstört. Doping und enhancement verstärken die Tendenz, dass die menschliche Körpernatur nach einem technischen Willen modelliert werden kann und daher die geltenden Natürlichkeits- und Künstlichkeitsvorstellungen in bezug auf den Menschen, seinen Körper, seine Geschlechtlichkeit und seine Hirnleistungsfähigkeit umgewertet werden.

Kehrseite eines Trends

Die mit dem Doping verbundene Krise des Hochleistungs-, Breiten- und Seniorensports ist nur ein erstes Anzeichen einer möglichen bioethischen Krise, die aus der technologischen Revolutionierung des Körperumgangs des Menschen resultiert. Diese aufkommende Krise reflektiert die alltägliche Gleichsetzung von Doping und enhancement, hinter der sich eine tiefe Verunsicherung darüber verbirgt, was eine „echte“ Eigenleistung des Menschen ist. Denn offenbar ist es für immer mehr Menschen so, dass die einem Menschen zurechenbare körperliche Eigenleistung nicht nur das ist, was er allein durch die ihm angeborenen Fähig- und Fertigkeiten zu gestalten vermag. Sondern auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten gelten als seine körperliche Eigenleistung, die er mit Hilfe von leistungssteigernden Mitteln realisiert.

Mit Körpertechnologisierung, Körperindustrialisierung und industrialisierter Leistungssteigerung des Menschen, ereignet sich eine Umwertung nicht nur der körperlichen Existenzformen des Menschen, sondern seiner Existenzform überhaupt, die wesentlich durch Mode, Werbung, Fernsehen, Sex, Sport und Unterhaltungsindustrie insgesamt vermittelt wird.

Durch die Körperindustrialisierung scheinen Ausnahme-Körper zu einem massenweise reproduzierbaren Kunstwerk zu werden. Genau wie alle anderen Kunstwerke im Zeitalter ihrer technologischen Reproduzierbarkeit ihre Einmaligkeit verlieren, könnten bspw. auch die Ausnahme-Körper der Spitzenathleten, Models und Stars der Filmindustrie ihre Aura verlieren, denn an die Stelle ihres einmaligen Vorkommens tritt vielleicht nun ihre massenweise Vervielfältigung.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2015

Volker Casya
Prof. Dr. Volker Caysa ist Privatdozent an der Universität Leipzig. Zu seinen Arbeitsgebieten gehört u.a. die Anthropologie des Körpers (unter Einschluss der Sportphilosophie) und die Philosophie der Lebenskunst. Zu seinen Werken gehören u.a. „Körperutopien. Eine philosophische Anthropologie des Sports“ (Campus 2003) sowie zuletzt „Nietzsche – Macht – Größe“ (de Gruyter 2012). www.sozphil.uni-leipzig.de

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