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Siebenbürgische Elegie

Forum - Siebenbürgische Elegie
In Fogarasch, einem Gebirgsort in den Südkarparten, verbrachte der Autor seine späte Kindheit und Jugend. © Eastblockworld.com

Das wechselhafte Leben eines Siebenbürger Sachsen, das für das dramatische Schicksal seiner Volksgruppe im 20. und 21. Jahrhundert steht.

Eginbald Norbert Schlattner01.03.2020

Obschon Siebenbürger Sachse, bin ich am Rande des Banats in Arad geboren, am 13. September 1933, in einer Stadt von k.u.k. Gepräge an der westlichen Grenze Rumäniens, nahe Ungarn. Die späte Kindheit und Jugend verbrachte ich in Fogarasch (Fagaraş/ Fogaras), einer Kleinstadt nahe der Süd- karpaten, auffällig allein durch ihre Wasserburg. Hier lebten Rumänen, Ungarn, Juden, Sachsen, Zigeuner, Armenier schiedlich-friedlich miteinander. Es gibt die Griechengasse, die Strada Lutherana, das ungarische Franziskanerkloster, die Büste der walachischen Fürstin Doamna Stanca, die evangelische Volksschule, das rumänische Liceul Radu Negru.

Ende der 30er Jahre wollten wir Deutschen in Rumänien jäh Großdeutsche werden. Damals bekam das traditionelle Identitätsbewusstsein der Siebenbürger Sachsen einen Riss. Seit ihrer Einwanderung um 1140 unter dem ungarischen König Geisa II. lautete ihre Devise: „Ad retinendam coronam!“ – „Zum Schutze der Krone“ sind wir hier. Im Juni 1943 wurden etwa 70.000 wehrfähige „Volksdeutsche“ aus Rumänien zum deutschen Heer eingezogen. Wir Jungen und Mäd- chen der sogenannten Deutschen Jugend (DJ) begleiteten unsere Helden mit klingendem Spiel zum Bahnhof.

Als der Krieg in die Heimat kam

Am 23. August 1944 wechselte Rumänien die Fronten und erklärte dem Deutschen Reich den Krieg, mit dem es seit Juni 1941 gegen die Sowjetunion gekämpft hatte. Alle Deutschen im Lande wurden zu Kollaborateuren Hitlers erklärt. Im Januar 1945 wurden die arbeitsfähigen Frauen und Männer von den Russen in die Ukraine zur Zwangsarbeit verschleppt, im Frühjahr alle deutschen Bauern enteignet; egal ob reich, ob arm, vertrieben von Haus und Hof. Das Ende der Volksgruppe schien besiegelt.

Ein Ende, das sich 45 Jahre später von selbst erledigte, im Frühjahr 1990, als der Eiserne Vorhang jäh schmolz. Nach 850 Jahren verabschiedeten sich die Siebenbürger Sachsen sang- und klanglos aus der Geschichte. Wohlgemerkt, der rumänische Staat hatte uns nicht vertrieben, weder 1945 noch 1990. Selbst als sich Rumänien mit Deutschland im Krieg befand, waren deutsche Schulen gestattet und deutschsprachige Kirchen zugelassen. Deutsch war weder zu Hause noch auf der Straße verboten.

Unsere Tochter Sabine, befragt, was die deutschen Kindergartenkinder von den rumänischen unterscheide, sagte nicht etwa: die unverständliche Sprache der anderen. Sondern sie sagte: „Sie tragen den Schal außen um den Hals gewickelt, uns stopft ihr den Schal in den Anorak; sie halten beim Geburtstag die Blumen nach unten, wir nach oben.“ Nie hat uns Rumänien gezwungen, den Blumenstrauß mit den Köpfen nach unten zu halten.

Jugend unter Stalin

Nachdem 1948 die moskowitische Regierung den König zur Abdankung gezwungen hatte, gerieten die sogenannten Ausbeuter – nicht nur wir Deutschen – in die Schusslinie des Klassenkampfes. Es folgten Enteignungen, Deportationen, Schauprozesse, für alle. Die Firma meines Vaters wurde aufgelöst. Bis dahin waren wir das, was man gutbürgerlich nannte (aber keineswegs großbürgerlich). In der Bahn fuhr unsereins zweite Klasse, ebenso wählte man im Krankenhaus ein Zweibettzimmer. Doch im November 1948 wurden wir aus unserem weiträumigen Haus hinausge- worfen, die Möbel durch die Fenster. Wir kampierten zunächst in einer betonierten Halle. Das Leben wurde zum Kampf ums Überleben. Wir Kinder hungerten nicht, aber wir waren hungrig. Und froren oft. Immerhin gelang es uns Kindern, höhere Schulen zu absolvieren.

1952/1953 studierte ich evangelische Theologie in Klausenburg/Cluj – mit „deutscher Vortragssprache“. Als Gottesleugner hatte ich mir vorgenommen, die Theologie als Lügengespinst zu entlarven. Ich klammerte mich an Nietzsche, beschwor Feuerbach, verfiel Schopenhauer, verlor mich an Spenglers Untergang des Abendlandes – und litt bei Kants Ethik. Zuletzt erging ich mich an der Fakultät in regelloser Aufsässigkeit. Der Dekan versuchte es mit Exorzismus, täglich um zwei Uhr. Vergeblich. Der Teufel ließ sich nicht austreiben.

Ab Herbst 1953 war ich dann kurze Zeit Student der Mathematik an der Klausenburger Staatsuniversität. Nach einem Semester „purer Mathematik“ wechselte ich zu einem neuen Fach: Hydrologie. Ziel: Ingenieur der Wasserwirtschaft.

Verhaftung, Verurteilung

Am 28. Dezember 1957, sechs Monate vor der Staatsprüfung, wurde ich im Rektorat der Universität verhaftet. An jenem Tag hatte ich vor, mich in die Kommunistische Partei einzuschreiben. Die Securitate befand, dass ich mich – meinte ich es ehrlich – auf ihre Seite stellen müsse und antreten gegen die Regimegegner und Volksfeinde meiner Kreise.

Nach einem Vormittag in den Securitate-Kellern von Cluj wurde ich nach Stalinstadt eskortiert, mit Blechbrillen über den Augen. Es harrten meiner zwei Jahre Untersuchungshaft unter völligem Einschluss in einer Zelle mit sieben Qua- dratmetern. Das Verließ war gegen Norden gelegen; kein Sonnenstrahl drang durch das sowieso verbarrikadierte Oberlicht; kein Klo, Notdurft auf Kommando zweimal am Tag unter Aufsicht, hingeführt mit Blechbrillen; kein Hofgang, nie. Jeder Mitmensch wird dort zur Offenbarung. Zuspruch von außen boten allein die Glocken der Schwarzen Kirche. Durchkreuzt wurde der Alltag von obsessiven Tag- und Nachtverhören durch die Securitate: „Wir wissen alles, aber wir wollen noch mehr wissen!“

Am 5. Mai 1958 meldete ich mich das erste Mal zum Verhör. Nach über vier Monaten Gegenwehr bei skrupellosen Befragungen und nach einer spaltsinnigen Gewissensprüfung, qualvoll auf mich zurückgeworfen, traf ich eine Entscheidung: auszusagen! Es war ein mündiger Willensakt an der Grenze. Getrieben wurde ich von dem abwegigen Willen, die über 300 Studenten des deutschen Literaturkreises von Klausenburg vor einem Schauprozess zu bewahren, die Securitate zu überzeugen, dass diese Studenten keine Verschwörer im Dienste des imperialistischen Westdeutschlands waren, wie die Beschuldigung lautete.

Der Druck war ungeheuerlich. Es schien, als brenne der Körper wie eine Fackel. Jeden, nach dem ich befragt worden war, hatte ich über Monate bis zur Absurdität als regimetreu hingestellt. Fest hielt ich bis zuletzt: Der Klausenburger deutsche Studentenkreis sei keine hochverräterische Bande von geheimen Umstürzlern! Im Gegenteil! Als geschulte Marxisten, argumentierte ich, wussten wir um das eherne Ziel der Menschheit unter dem Imperativ des historischen Materialismus: den Kommunismus. Gewiss: absurd, vis à vis der Securitate-Willkür! Doch unleugbar: Der Studentenkreis entging einem Gerichtsverfahren.

Dafür wurde ich im November 1959 im „Schwarze-Kirche-Prozess“ wegen „Nichtanzeigen von Landesverrat“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt – und einen Monat später entlassen. Verhängt wurde der Verlust ziviler Rechte für ein Jahr, zudem der Einzug des „gesamten Vermögens“ (Uhr, Fahrrad, teure Bücher, ein geerbter Kammgarnanzug) und 300 Lei Gerichtsspesen.

Noch unter Arrest war ich im September 1959 Zeuge der Anklage im sächsischen Schriftstellerprozess in Stalinstadt: Wolf Aichelburg, Hans Bergel, Andreas Birkner, Georg Scherg, Harald Siegmund wurden zu hohen Strafen verurteilt. Unter den über zwölf Belastungszeugen und den bestellten Gutachtern der Anklage war ich der Einzige, den man nach 20 Monaten Zellenhaft zum Gericht gekarrt hatte, gefesselt an Händen und mit einem Handtuch um die Augen, darüber die Blechbrillen. Im Gerichtssaal, zwar auf eigenen Füßen, war ich kaum fähig, geradeaus zu gehen. Lang war der Gang bis zum Zeugenstand.

Wolf von und zu Aichelburg, wahrlich Freiherr, reichte mir die Hand sogleich nach seiner Entlassung. Mit Harald Siegmund, Pfarrer wie ich, gelang ein freundschaftliches Gespräch nach Jahren. Das Verhältnis zerbrach bei Erscheinen meines Romans „Rote Handschuhe“. Was ich beklage. Ein Brief zum Frieden blieb unerwidert. 2012 ist er verstorben. Dem betriebsamsten Widersacher Hans Bergel (geb. 1925) habe ich in Briefen das Gespräch angeboten, ehe es für einen von uns zu spät ist. Keine Antwort.

Der währende „Verräter“

Alfred Polgar sagte: „Die Menschen glauben viel leichter einer Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als einer Wahrheit, die ihnen völlig neu ist.“ Diese Erfahrung musste auch ich seit meiner Entlassung aus dem Gefängnis machen. Wann immer jemand sich mit meiner Biografie auseinandersetzt, egal ob gutgesinnt oder bös- willig, bleibt als obsessives Leitmotiv das vom Spitzel und Verräter. Dabei habe ich mich außer den zwei Jahren Haft dem Zugriff der Securitate bis zum Ende der Diktatur entziehen können, vierzig Jahre! Man möge alle Dossiers der rumänischen „Gauck“-Behörde (CNSAS) einsehen – und wird dort keinen einzigen Bericht von mir finden. Einfach, weil ich keinen Bericht je verfasst habe. Zudem prüft der Verband der ehemaligen politischen Sträflinge Rumäniens seine Mitglieder wie mich vor der Aufnahme auf Herz und Nieren, ob sie IM gewesen waren. Genauso verfährt die „ethische Kommission“ des siebenbürgischen Adeligenverbandes Castellum, dessen Mitglied ich bin.

Umso bestürzter war ich im November 2006, als ich in Bukarest meine eigene Securitate-Akte einsah: kiloschwere Konvolute, die belegen, wie massiv ich selbst observiert worden war! Und darüber hinaus fand ich erwiesen, was ich 50 Jahre lang vermutet hatte: Während der Verhöre hatte jeder jeden belastet; keiner, der nicht gegen einen anderen ausgesagt hätte. Was mein Bruder Kurtfelix (sechs Jahre politische Haft, Strafinsel Donaudelta) bestätigt. Bei der Securitate ging es nicht darum, ob man „verraten“ hat, sondern darum, wie lange man durchgehalten hat, sich zu verweigern.

Nach der Entlassung

In der Nacht meiner Entlassung am 30. Dezember 1959, als ich die Behausung meiner Eltern in Fogarasch gefunden hatte – sie waren wieder zwangsevakuiert worden –, lief mir die Schwester Elke Ger- trud barfuß im Schnee entgegen. Sie und mein Bruder Uwe haben mich im kommenden Sommer behütet und bewahrt. Wochenlang saß ich in einem verdunkelten Zimmer, wortlos, verstummt, schweigend. Es war auch der Sommer, in dem ich mich von den faktischen Konsequenzen der kommunistischen Ideologie frei gemacht habe (wenn auch nicht von der Idee).

Später malochte ich als Handlanger. In der Ziegelfabrik wurde ich trotz des Ingenieursstudiums als Hilfsarbeiter eingestellt: zwölf Stunden Nachtschicht. Ich lernte im Stehen zu schlafen. Und ich erlernte die Sprache des Herzens der Zigeuner. In der Zelle hatte ich bereits die Herzenssprache des rumänischen Bauern verinnerlicht. 1961 veränderte ich mich ins schwäbische Banat, fuhrwerkte unter abenteuerlichen Verhältnissen als Baumeister bei einer Staatsfarm, erhielt ein Dienstpferd mit Sattel, wohnte in einem aufgelassenen Turm, baute Ställe für die Staatsfarm Berzovia. Von 1962 bis 1964 leitete ich in den Westkarpaten den Bauabschnitt einer Bahnlinie.

1964 dann erließ Parteichef Gheorghiu-Dej, vom Krebs angefressen, eine Generalamnestie für politisch Bestrafte.

Ich konnte heimkehren nach Sieben- bürgen, nach Freck in das Familienhaus von 1839 – wo einen Steinwurf weit Familiengräber warteten. Man stellte mich in den Mârşa-Werken an, wo ich als technischer Zeichner in subalterner Stellung Tuschlinien nachzog.

Eine Ehe im Kommunismus

Im Januar 1963 heiratete ich Susanna Do- rothea Ohnweiler, eine 18-jährige Hermannstädterin aus alteingesessener Familie. Aufgewachsen ist sie in einer Villa, Stil englisches Landhaus, mit pyramidalen Türmen, gerefften Dächern und ausladenden Balkonen, stadtbekannt als das „Kastell“. Was ich der jungen Frau auf der Baustelle im West-Gebirge zu bieten hatte, war eine Blockhütte in verschneiter Landschaft, Petroleumlampe am Abend, Waschen morgens beim Bach, wenn er nicht zugefroren war, und sich zur Notdurft „in die Büsche schlagen“. Am 26. Januar wurden wir standesamtlich in Buruiene-Unkrautdorf bei Deva getraut – ein verlorener Weiler. In der Mittagspause der Baustelle waren wir im Schneetreiben die vier Kilometer Bahnlinie hinabgelaufen, durch den Wald, hin zum solitären Standesamt. Das Ereignis feierten wir am Abend bei Kerzenlicht mit Fettbrot und Ziegenmilch, im Kanonenofen bullerte ein Feuer. Die Holzscheite hatten wir von einem aufgelassenen Friedhof geholt.

Meine Frau hat mich tapfer begleitet, überallhin auf dem Lebensweg voller Serpentinen und Kreuzwege und Sackgassen. Sie hat mich unentwegt verteidigt gegen schnöde Anwürfe und haltlose Vorwürfe. 2007 hat sie sich in Deutschland einbürgern lassen. Die Trennung war ein Akt der Redlichkeit. Zehn Jahre habe ich sie nicht zu Gesicht bekommen. Vorher haben wir uns 45 Jahre lang um eine gemeinsame Sprache bemüht.

Der Ruf Gottes

Die letzten sieben Tage ihres Lebens waren wir zusammen. Es gab den Tag der Abbitte. Meine Frau ließ sich am letzten Tag von mir das Abendmahl reichen. Sie starb an der Hand unserer Tochter Sabine und im Beisein des Ehemanns am 7. Juni 2017 – getrost und getröstet. Ich konnte den Sarg aussegnen. „Gott tröste ihr die Seele im Ewigen Leben!“

1973 geschah etwas, was ich als Ruf zur Nachfolge Christi auffasste. Gott forderte ein Gelübde ein, das ich 15 Jahre vorher in der Zelle abgelegt hatte: Wenn Gott mich riefe, würde ich folgen. Ich hoffte damals, das würde tags darauf geschehen. Doch 15 Jahre schwieg Gott. Dann erinnerte er sich.

Voll heiligen Schreckens ließ ich alles stehen und fallen und folgte, nach dem Vorbild der ersten Jünger. Ich hängte den Ingenieur an den Nagel und begann neuerlich, Theologie zu studieren – in Hermannstadt. Meine Frau verstand nicht, warum es sein musste, hatten wir uns doch nach Jahren der Dürftigkeit endlich in eine bürgerliche Nische gerettet. Sie begriff aber, dass es sein musste. Und stand hinter mir. Sie arbeitete und ich studierte. Es waren Jahre der vielfältigen Fülle.

Zwischen 1978 und 1999 bekleidete ich das Pfarramt in Rothberg und Neudorf, später kam Burgberg hinzu. Diese einstmals stattlichen Gemeinden sind nach dem blutigen Ende der Diktatur 1989 durch den jähen Massenexodus der Siebenbürger Sachsen ruckartig geschrumpft: Noch gibt es in Rothberg drei sächsische Greise zu begraben, einer davon bin ich! Ab 1990 war ich zehn Jahre Redakteur des Amts- blattes Landeskirchliche Information, LKI.

1991 wurde ich zudem als Gefängnispfarrer eingesetzt. Grundsätzlich bin ich in den 44 Haftanstalten des Landes zuständig für Evangelische und alle Bundesdeutschen, sogar Türken und Kurden. Gleichzeitig stehe ich von Anfang an seelsorgerisch und diakonisch Orthodo- xen bei. Vor allem den Frauen; viele haben ihre Männer umgebracht. Was ich nicht gutheiße, doch verstehe.

Pfarrer in Rothberg

Meine engere Familie und die weite Verwandtschaft sind nach Deutschland ausgewandert. Hierzulande gibt es Verwandte allein in den Gräbern, freundlich und dankbar – und angenehm im Umgang, weil stumm. Ich selbst lebe auf dem evangelischen Pfarrhof in Rothberg. Als ich 1978 hierherkam, weissagte man mir an höherer Stelle: „Mehr als ein Jahr wirst du es dort nicht aushalten! Die Zigeuner stehlen dir die Haare vom Kopf, die Rumänen sind Chauvinisten und schlagen dir die Fensterscheiben ein, die Sachsen sind in zwei Parteien gespalten!“ Mehr als 40 Jahre sind vergangen. Die Haare sind noch da, die Fenster noch ganz, die Sachsen weg.

Jeden Sonntag hielt ich vor den „leer gebeteten Bänken“ einen kompletten Gottesdienst, mit Singen, Sagen und Seg- nen. Doch seit Ostern 2016 erfüllt sich die biblische Weissagung: „Die Völker werden kommen zum Hause Gottes aus allen Windrichtungen.“ Sie kommen wahrlich!

Gefragt, weshalb ich nicht ausgewandert bin, antworte ich mit einer Auskunft, die auch Credo ist: „Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handle so, dass die Leiden den Ort verlassen.“ Dazu gehören Bücher, die ich geschrieben habe, etwa die Trilogie „Versunkene Gesichter“, übersetzt in mehrere Sprachen, darunter Spanisch, Portugiesisch und Russisch.

Hier in Rothberg habe ich mir auf dem sächsischen Friedhof die Grablege ausgesucht, am Ende der Föhrenallee, im Feld der Selbstmörder ohne Namen und Kreuz. Ich bin der letzte Pfarrer vor Ort, der 51. seit der Reformation. Über dem gewölbten Eingangstor ist zu lesen, in Marmorlettern: „Unser Weg führt aus der Zeit in die Ewigkeit.“

Mein langes Leben habe ich begehen können, weil Menschen ihre Hand über mich gehalten haben, mich an der Hand genommen haben, mir die Hand geboten haben. Deren Geschichte in mir verwahrt ist. Deren Gesichter mir nahe sind, mir nachgehen. Die zugegen sind in den Nächten als Namen von Toten. „Gott tröste ihnen die Seele im ewigen Leben!“, wie man in Rothberg sagt. Sagte! Denn selbst die Toten sterben aus.

Eginald Norbert Schlattner, Jahrgang 1933, lebt als Pfarrer und Schriftsteller im siebenbürgischen Rothberg/Rosia. In seinen Romanen widmet er sich dem Schicksal der Siebenbürger Sachsen. 1998 erschien „Der geköpfte Hahn“, 2000 „Rote Handschuhe“ und 2005 „Das Klavier im Nebel“ (jeweils bei Paul Zsolnay in Wien). Zuletzt erschien 2018 „Wasserzeichen“, im Traian POP Verlag, Ludwigshafen.