Anzeige
https://rotary.de/gesellschaft/spiegelbild-ihrer-zeit-a-8970.html
Schwerpunkt 100. Katholikentag

Spiegelbild ihrer Zeit

Höhepunkte aus 100 Katholikentagen, in denen eine elitäre Gruppe so etwas wie den Hauptfeind der katholischen Kirche bildete

Hubert Wolf30.04.2016

Hubert Wolf/Holger Arning Hundert Katholikentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016 Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2016, 256 Seiten, 24,95 Euro

Wer trägt die Schuld an den Angriffen auf die katholische Kirche? Das fragten sich 1884 die Teilnehmer des Katholikentags im oberpfälzischen Amberg. Seit der Reichsgründung stand die katholische Kirche im sogenannten Kulturkampf. Reichskanzler Otto von Bismarck und seine liberalen Verbündeten verboten viele Orden und politische Äußerungen in der Predigt, setzten die Zivilehe und die staatliche Schulaufsicht durch und versuchten, die Ausbildung der Priester zu kontrollieren. Zahlreiche Bischöfe und Priester widersetzten sich, wurden verhaftet oder flüchteten ins Exil. Gläubige starben ohne die Tröstung der letzten Sakramente – ein Desaster für die Seelsorge. Die Verantwortung dafür schrieb Felix von Loë, ein Politiker der katholischen Zentrumspartei, auf dem Katholikentag aber nicht Bismarck, liberalen Politikern oder den Protestanten zu, nicht den Zeitumständen und schon gar nicht der katholischen Kirche selbst. Nein, seine Antwort war ganz einfach: Hinter allem Übel steckten die Freimaurer! Die Katholiken, so Loë, müssten sich von ihnen unbedingt fernhalten – „auch von jenen Ausläufern, die unter schön klingenden Namen von ihr in die Welt herausgeschickt werden“ – und gegen sie kämpfen: „Unsere Pflicht ist es, den Wolf überall Wolf zu nennen.“

Katholiken ihrer Zeit voraus
Die Katholikentage – der 100. findet dieses Jahr in Leipzig statt – können auf eine stolze Tradition zurückblicken. 1848 trafen sich 83 Vereinsvertreter in Mainz zur „Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“, wie der erste Katholikentag offiziell hieß. Ihr Hauptziel war es, für die Freiheit der Kirche vom Staat zu kämpfen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sie zu diesem Zweck ausgerechnet bürgerliche Vereine gründeten und sich so die revolutionären Freiheiten zunutze machten, die die Päpste als „pesthaften Irrtum“ verboten hatten.

In der Folge fanden die Katholikentage zumeist jährlich statt. Sie waren viel mehr als fromme Veranstaltungen, deren Teilnehmer ein religiöses Gemeinschaftserlebnis und spirituelle Erfahrungen suchten: Sie stellten die zentrale Säule des sozialen und politischen Katholizismus dar, einer oft unterschätzten Macht, die Deutschland geprägt hat wie wenige andere. Die Sozialgesetzgebung, die soziale Marktwirtschaft, die starke Rolle der freien Träger in der Wohlfahrtspflege: All das geht nicht zuletzt auf Konzepte zurück, die auf den Katholikentagen vertreten wurden.

Mit ihrer Kritik an einem übersteigerten Nationalismus und ihren Vorstellungen von einem vereinigten Europa waren die oft rückständig gescholtenen Katholiken ihrer Zeit sogar voraus. Sie widmeten sich außerdem der Caritas, den konfessionellen Schulen, der christlichen Kunst und Musik und der Mission. Die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen brachten ihre Interessen zur Sprache. Sie diskutierten Themen, die jeden angingen, etwa die Gestaltung von Arbeit, Schule und Freizeit, den Umgang mit Fremden und Außenseitern, Familienmodelle und Geschlechterrollen. Für alles und jeden gründeten sie Vereine – es entstand das dichte Verbandsnetz, das den deutschen Laienkatholizismus heute noch zu einer weltweiten Besonderheit macht. Die Zentrumspartei, die seit dem Kulturkampf von der großen Mehrheit der Katholiken gewählt wurde, nutzte die Generalversammlung als Parteitag und übertrug deren Beschlüsse in konkrete Politik. Dabei setzten sich die Katholiken auch intensiv mit tatsächlichen und vermeintlichen Gegnern auseinander: dem modernen Staat, Liberalismus, Sozialismus, Nationalsozialismus, den Protestanten, Juden, Kritikern aus den eigenen Reihen – und eben auch den Freimaurern.

Den Vorgaben des römischen Lehramts folgend, verwendete man das Verdikt „Freimaurer“ dabei sehr großzügig. Der Vatikan bezeichnete so zunächst revolutionäre Geheimbünde wie die Carbonari, die tatsächlich auf politischen Umsturz sannen. Später galten aber selbst katholische Gewerkschaftler in den USA als Freimaurer, nur weil sie sich aus Angst vor den Arbeitgebern geheim trafen. Und auch zu den Rotariern gibt es im Vatikanischen Geheimarchiv umfangreiche Akten. Sie wurden schließlich eindeutig als Freimaurer eingeordnet, sodass die päpstlichen Nuntien in aller Welt immer wieder misstrauisch über die Aktivitäten der Clubs nach Rom berichten.

Kampf gegen die Freimaurer
1884 in Amberg beschimpfte der Salzburger Erzbischof Franz Albert Eder die Freimaurerei als „das Geheimnis der Bosheit, das im Dunkeln herumschleichende Geschäft, … im Gegensatze zur Kirche Christi die Kirche des Teufels“. Was die Freimaurer nach außen kundgäben, sei „nichts anderes als der Schafpelz, welcher den Wolf verbergen soll“. Die Freimaurerei bedrohte Eder zufolge auch den Staat, in ihren demokratischen Grundsätzen sah er die Ursache der Revolutionen. Auch Katholiken seien in Gefahr: Die Freimaurer, so Eder, gäben sich erst harmlos, flößten neuen Mitgliedern dann aber „das Gift des Unglaubens und die Bosheit“ ein. Schließlich kämen „jene schrecklichen Eide, mit denen sie unter Verpfändung ihres Lebens versprechen müssen, nicht nur die anvertrauten Geheimnisse zu bewahren, sondern auch jeden Befehl … auszuführen“. Ab diesem Punkt gab es laut Eder kein Zurück mehr. „Es ist mehr als ein Fall bekannt, in welchem an solchen, die von Gewissensvorwürfen getrieben, dem Freimaurerbunde entsagten, mit entsetzlicher Verwegenheit das Todesurteil vollstreckt wurde.“

Der Katholikentag beschäftigte sich so eingehend mit den Freimaurern, weil auch Leo XIII. sie im April des Jahres 1884 mit der Enzyklika „Humanum genus“ noch einmal als Anhänger Satans gebrandmarkt und verboten hatte. Mit einer Resolution dankte die Versammlung dem Papst dafür. Karl Heinrich zu Löwenstein, der kommissarisch die Aufgaben des Zentralkomitees übernommen hatte, sollte sie „zu den Füßen des heiligen Vaters niederlegen“. Ihre Angst vor den Freimaurern teilten die romtreuen Katholiken mit vielen Konservativen – und Antisemiten. Denn oft wurden Freimaurer und Juden, später auch Kommunisten, in einem Atemzug genannt.

Etliche Staatsmänner und politische Vordenker waren seit dem 18. Jahrhundert in der Tat Freimaurer, unter ihnen auch viele Kirchenkritiker. Sie machten sich oft durch ihren Einsatz für die Menschenrechte einen Namen; für die in Amberg vertretenen Verschwörungstheorien gibt es dagegen keinerlei Beleg. Doch in den folgenden Jahren erfand der ehemalige Freimaurer Leo Taxil die wildesten Geschichten über Orgien und Dämonen in den Logen. Auch hochrangige Kirchenfürsten glaubten ihm nur zu gerne. 1896 kamen allein 30 Bischöfe zu einem großen antifreimaurerischen Kongress nach Trient, dessen Präsidentschaft Löwenstein übernahm. Obwohl es Warnungen vor gefälschten Berichten über Freimaurer gab, hatte der vier Wochen vorher stattfindende Katholikentag die Teilnahme empfohlen, und der Kongress beschäftigte sich intensiv mit den Machwerken Taxils. Dessen Anhänger waren blamiert, als ausgerechnet die katholische Kölnische Volkszeitung ihn noch im selben Jahr als Schwindler enttarnte.

Verwässerung des Profils
Die Katholikentage wuchsen unterdessen zu Massenveranstaltungen heran. Schon in Amberg pilgerten im Rahmen der Generalversammlung mehr als 10.000 Menschen auf den Mariahilfberg. Anschließend gab es Bratwürstchen im Lindenwald und launige Sprüche des Zentrumsführers Ludwig Windthorst. Den bis heute gültigen Teilnehmerrekord stellte der Katholikentag 1956 in Köln auf, mit 750.000 Teilnehmern bei der Schlusskundgebung. Die Beschlüsse der Katholikentage wurden dagegen immer unverbindlicher und entfielen schließlich ganz. Seit dem turbulentesten Katholikentag aller Zeiten 1968 in Essen, auf dem es vor allem um die Pillen-Enzyklika Pauls VI. ging, gehörte stattdessen die Kritik an der „Amtskirche“ zum festen Bestandteil der Treffen. Inzwischen haben sich die katholischen Laien, die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken organisiert sind, Ansichten zu eigen gemacht, die noch in den 1980er-Jahren teilweise nur auf den alternativen „Katholikentagen von unten“ vertreten werden konnten. So streiten sie für die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten, für die Segnung schwuler und lesbischer Partnerschaften und den Zugang von Frauen zu kirchlichen Ämtern.

Die Gegnerschaft der katholischen Kirche zu den Freimaurern besteht jedoch fort, allen Annäherungsversuchen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum Trotz. Joseph Kardinal Ratzinger hat 1983 als Präfekt der Glaubenskongregation klargestellt, dass die Mitgliedschaft nach wie vor verboten sei, katholische Freimaurer sich „im Stand der schweren Sünde“ befänden und daher nicht die Kommunion empfangen könnten.

Hubert Wolf
Prof. Dr. Hubert Wolf (RC Münster-Rüschhaus) ist Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte am katholischen Fachbereich der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchen-geschichte“ (2015) und „Erinnerungsorte des Christentums“ (2010, mit Christoph Markschies).