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Standpunkt

"Vermutlich nur der halbe Spaß"

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Peter Lausmann © Privat

Wenn Meetings wieder physisch stattfinden, werden auch Freunde anderer Clubs mal wieder vorbeischauen – oder gar Freundinnen? Ein Beitrag zum „Thema Frauen bei Rotary“

Peter Lausmann01.06.2020

 „Und? Wie ist das so mit den Frauen?“ Als Rotarier eines gemischten Clubs stehen mir als Gast in einem „traditionellen“ Club mehrere Optionen zur Gesprächseröffnung zur Verfügung: Ich kann das Wetter ansprechen, die Schönheit der Stadt oder des Clublokals loben. Ab dem dritten Satz schwenkt das Thema ohnehin auf den Dauerbrenner im rotarischen Leben: Die Sache mit den Frauen. Wahlweise auch „diesen“ Frauen. „Vermutlich haben wir Herren hier nur den halben Spaß“, ist dann ein Friedensangebot meines Gastgebers, auf das ich mit einem Lächeln eingehe, wenn die Glocke geschlagen wird.

Über wenig wird in der rotarischen Welt so ausgiebig, anhaltend und fundamental gestritten, wie über „die Sache mit den Frauen“. Und vor allem unergiebig. Denn faktisch ist die Sache klar: Jeder Club entscheidet autonom, wen er aufnimmt und wen nicht. Und das ist gut so. Freund Bernhard Fischer hat es vor einem Monat an genau dieser Stelle exakt auf den Punkt gebracht: „Jeder Club hat das Recht, sich nicht zu verändern! (…) Hören wir doch auf, andere zum Glück zwingen zu wollen.“

Hier könnte dieser Standpunkt enden. Damit wäre das Thema ein weiteres Mal in schwarz und weiß, mit und ohne, „traditionell“ und „modern“ halbiert. Aber so einfach ist es nicht, denn die simple Debatte über Herren- und gemischte Clubs ist nur die Spitze eines Eisbergs namens Diversität oder Vielfalt. Diversität, die uns im Alltag an allen Ecken und Enden begegnet. Diversität, die uns herausfordert und auch anstrengen kann.

Dass es keine einfachen, allgemeingültigen Antworten gibt, zeigt eine artverwandte Debatte in der Wirtschaft: Die Frauenquote. Auch hier gibt es kein Ja oder Nein. Je nachdem, welche Freundin, Bekannte, Kollegin ich frage, bekomme ich die volle Bandbreite an Meinung: Auf der einen Seite das Argument „Ich habe es aus eigener Kraft hierher geschafft und will nicht, dass jemand behaupten kann, ich sei nur wegen einer Quote hier“, auf der anderen Seite eröffnet ein Kopfschütteln den Satz „Peter, wie naiv bist Du eigentlich? Natürlich ist die Quote nicht die Ideallösung. Aber ohne Quote würde sich in den Führungsetagen gar nichts ändern.“ Auch positiv gemeinte Stigmatisierung ist letztlich Stigmatisierung. Denn am Ende wirkt es meist immer noch so, als würden Männer über Frauen statt mit ihnen sprechen. Viele Firmen wollen sich deshalb nicht auf eine reine Quotendiskussion einlassen, die ohnehin viel zu kurz greift, sondern schreiben sich das Thema Vielfalt auf die Fahnen.

Möglicherweise ist das auch für Rotary ein zielführenderer Weg, als aufzulisten, wie viele Clubs noch reine Herrenclubs sind und daraus eine dogmatische Diskussion zu machen, die mehr spaltet als fruchtet.

Denn hinter allem – und da kommt die erwähnte Autonomie der Clubs wieder ins Spiel – steht die Frage: Was erwarten wir von unserem Clubleben? Wollen wir uns im Club möglichst ähnlich und unter uns sein? Oder suchen wir die Inspiration durch Kontraste, was mitunter auch überfordernd sein kann. Fokussieren wir uns beispielsweise auf Menschen, die in der Clubregion verwurzelt sind oder empfinden wir auch Freunde als Bereicherung, die als Pendler zum Arbeiten in unsere Region kommen, ihren emotionalen Lebensmittelpunkt aber anderenorts haben?

All diese Vorlieben und die vielen Grauschattierungen dazwischen haben ihre absolute Berechtigung – das ist Sache jedes einzelnen Clubs. Oder konkreter gesagt: Es ist der Konsens seiner Mitglieder. Geht man nun aber davon aus, dass dieser Konsens von den rotarischen Charakterzügen wie der Vier-Fragen-Probe und einer den Menschen zugewandten, internationalen Einstellung beeinflusst ist, dann erschließt sich schnell, welche Chancen und welches Potenzial in der Diversität liegen.

Zur Vielfalt gehört es dann übrigens, dass unter gemischten Clubs auch reine Herren- oder Frauenclubs bestehen, die dann auf ihre Art vielfältig sein können. Entscheidend ist, dass die Serviceclubs einer Region jedem geeigneten Unterstützer ein Angebot machen können. Dann geht es nicht mehr um schwarz oder weiß, sondern darum, dass sich alle in Ihren Clubs wohlfühlen und entsprechend engagieren.

Viele gemischte Clubs gehen aktuell nach dem Prinzip, dass sich weibliche und männliche Präsidenten abwechseln. Das schafft Normalität und Augenhöhe. Die Gleichberechtigung wird eingeschränkt, wenn es bei der Suche nach dem oder der President Elect eben zwingend ein Mann oder eine Frau sein muss. Was letztlich auch eine starre Quote ist.

Aber vielleicht ist das auch nur eine Zwischenstufe auf dem Weg dahin, dass in Club und Gesellschaft die beste Person für das Amt gekürt wird – ohne Quote, ohne Unterscheidung. Und vielleicht fragt dann einer den anderen: „Und? Wie ist das so allein unter Männern?“ Aber auch nur im Spaß, weil man sich nicht schon wieder über das Wetter unterhalten will.