01.10.2017

Raketen-Rhetorik 

„Wege gibt es immer“

René Nehring

Das Säbelrasseln zwischen Nordkorea und den USA beschäftigt die Welt. Ein Gespräch mit Rüdiger Frank über die Ursachen des Konflikts, die Ambitionen des Diktators Kim Jong-Un und eine mögliche Rolle für die deutsche Außenpolitik

foto: Privat

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Rüdiger Frank
RC Wien-Nordost
ist Professor für Wirtschaft und
Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien“. 2017 erschien „Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates“ (Pantheon).
univie.ac.at

 

Herr Frank, wie kam es zu der gefährlichen rhetorischen Eskalation zwischen Nordkorea und den USA der letzten Wochen?
Nordkorea betreibt seit den 1950er Jahren die Entwicklung von Atomwaffen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall des atomaren Schutzschirmes hat es diese Bemühungen intensiviert. Gleichzeitig sind die USA, die Nordkorea als Hauptbedrohung ansieht, international sehr aktiv. Diese Entwicklungslinien scheinen sich nun zu treffen. Auf der einen Seite stehen Interventionen wie jene in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien sowie mehrmals jährlich stattfindende Militärmanöver direkt vor der Haustür Nordkoreas. Auf der anderen Seite steht ein System, dass trotz aller Erwartungen nicht kollabiert ist, ein Atom- und Raketenprogramm betreibt und nun immer näher an einen Punkt kommt, wo es das Festland der USA bedrohen kann. Das ist für die Amerikaner, die es gewohnt sind, Kriege im Ausland zu führen, ein wichtiger Faktor. Hinzu kommt Donald Trump als jemand, der viel offener und unverblümter spricht als seine Vorgänger.

Wie real ist tatsächlich die Gefahr eines „heißen“ Konfliktes?
Diese Gefahr besteht, sie ist aber gering. Nordkorea weiß, dass es einen Krieg niemals überleben wird. Also besteht das Risiko nur, wenn es angegriffen wird, oder wenn sich das Regime dem unmittelbaren Zusammenbruch gegenübersieht. Letzteres ist ein Grund, warum die Chinesen niemals Sanktionen zulassen werden, die wirklich lebensbedrohlich sind.

Woher kommt eigentlich die rhetorische Radikalität zwischen den USA und Nordkorea?
Schon die Teilung Koreas 1945 lasten die Koreaner den USA an. In Nordkorea sieht man ferner den Korea-Krieg als siegreiche Verteidigung gegen eine amerikanische Aggression. Überall, von Kinderbüchern bis zu Spielfilmen und Museen, werden die „wölfische Natur“ der Amerikaner – sungyangi mije heißt das auf Koreanisch – und ihre Verbrechen gegen das koreanische Volk thematisiert. George W. Bush hat Nordkorea Anfang 2002 als Teil der „Achse des Bösen“ klassifiziert, was nicht sehr nett war, ganz abgesehen von der Beschreibung von Kim Jong-il als „unartiges Kind“ durch Hillary Clinton und ähnlichen unnötigen Entgleisungen.

Gibt es mittelfristig Wege aus dem aktuellen Korea-Konflikt?
Solche Wege gibt es immer, die Frage ist nur, ob man sie auch beschreitet. Ein Problem sind die völlig unterschiedlichen Interessen Chinas, der USA, Japans, und der zwei Koreas. Wenn man sich nicht einig ist, wie eine Lösung aussieht, kann man auch keinen gemeinsamen Weg dahin finden. Böse Zungen behaupten, dass derzeit fast alle Parteien vom Status quo profitieren, auch wenn sie das nie zugeben würden. Fakt ist, dass Kim Jong-un sein Atomwaffenprogramm als Voraussetzung für alle seine anderen Ziele sieht. Er wird es also nicht aufgeben. Ein Lösungsansatz, der dies nicht berücksichtigt, ist wertlos. Andererseits ist es für viele Beteiligte aus verschiedenen Gründen undenkbar, Nordkorea als Atommacht zu akzeptieren. Also treten wir auf der Stelle.

Müssen wir die Beziehungen intensivieren?
Definitiv. Erstens müssen wir mehr über Nordkorea erfahren, und das geht nur durch Austausch. Zweitens kann man einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen; erst, wenn Nordkorea hinreichend von Beziehungen mit uns profitiert, wird die Drohung, diese Beziehungen abzubrechen oder zu reduzieren, wirksam sein. Und schließlich verhindern aktive Beziehungen das Auftreten von tragischen Missverständnissen.

Deutschland gilt trotz der großen Entfernung als ein Land mit vergleichsweise guten Beziehungen zu Nordkorea. Warum?
Das war einmal so, jedenfalls bis zum Atomstreit im Herbst 2002, in dem wir komplett die Position der USA übernommen haben. Heute haben wir zwar noch immer eine Botschaft in Pjöngjang und eine nordkoreanische in Berlin, aber viel passiert da nicht. Der Exportweltmeister Deutschland hat 2016 Waren im Wert von unter 7 Millionen Euro nach Nordkorea geliefert. Das sagt schon alles. Lediglich eine Vermittlerrolle, wie von der Bundeskanzlerin vorgeschlagen, kann ich mir vorstellen. Dabei hilft das Image Deutschlands als zivilisiertes Land mit einem hohen internationalen Ansehen und ohne direkte Interessen in Nordkorea. Aufpassen müssen wir, nicht als Sprachrohr Washingtons aufzutreten, denn dann redet Nordkorea doch lieber mit dem Original.

Ist der nordkoreanische Führer Kim Jong-un tatsächlich der brutale – und vielleicht sogar irrationale – Diktator, als der er für gewöhnlich in den Medien erscheint?
Ich halte die Reduzierung eines Landes auf eine Person und deren anschließende Dämonisierung für einen fatalen Fehler, der seit „9/11“ besonders häufig gemacht wird. Das ist längst keine psychologische Kriegsführung mehr; ich kenne Entscheidungsträger, die das wirklich glauben. Ist Kim Jong-un machtorientiert? Ist er rücksichtslos beim Durchsetzen seiner Interessen? Ist er gnadenlos gegen seine Feine? Ja, das ist er. Aber das macht ihn weder irrational noch besonders außergewöhnlich.

Was will Kim Jong-un?
Kim Jong-un hat ein Erbe angetreten, das er bewahren will. Und er will unbedingt den Traum seines Großvaters erfüllt sehen: ein vereintes, starkes, unabhängiges Korea, das mit den großen Nachbarn auf Augenhöhe spricht und das die Japaner, den Erzfeind, das Fürchten lehrt. Seiner Ansicht nach geht das nur nach nord-
koreanischer Fasson. Er weiß, dass der Norden dem Süden wirtschaftlich nicht das Wasser reichen kann. Also entwickelt er Atomwaffen als ultimative Lebensversicherung und will danach das Land zum nächsten ostasiatischen Tiger machen. Fast alle Faktoren sind da: ein starker Staat, eine nationalistische Ideologie, eine fast schon calvinistische Einstellung zur Arbeit und zur Bildung, billige und hochqualifizierte Arbeitskräfte, jede Menge Rohstoffe und eine 1.400 Kilometer lange Grenze zu China, dem Mercedes unter den Märkten. Es fehlt nur die Unterstützung durch einen starken Partner, der Exporte kauft und Kredite sowie Investitionen bereitstellt. Noch geht das nicht ohne die USA, daher die Fokussierung auf Washington. Wobei hier die Zeit zugunsten von Beijing arbeitet.

Gibt es eine Perspektive für eine koreanische Wiedervereinigung?
Die emotionale Motivation ist abnehmend. Im Juni 2017 hat sich schon fast die Hälfte aller befragten Südkoreaner für eine friedliche Teilung ausgesprochen. Doch anders als in Deutschland gibt es harte Gründe, die für eine Vereinigung sprechen und sie auch herbeiführen werden. Beide Volkswirtschaften sind komplementär; sie ergänzen sich fast perfekt. Ost- und Westdeutschland hingegen waren Substitute. Korea ist ultranationalistisch, auf beiden Seiten. Es wird also eine gemeinsame Wertebasis geben, die bei uns in Deutschland aus guten Gründen so nicht existiert hat. Schließlich ist das geopolitische Umfeld so, dass Korea nur vereint eine Chance hat, sich gegenüber den viel größeren Nachbarn zu behaupten. Deutschland hatte genau das umgekehrte Problem; wir mussten uns gezielt klein machen, um die Nachbarn nicht zu sehr zu erschrecken.

Das Gespräch führte René Nehring.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2017

Rotary Magazin 12/2017

Rotary Magazin Heft 12/2017

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