15.10.2014

Anmerkungen eines bekennenden Jägers zu einem umstrittenen Thema 

Wird die Jagd zum Abschuss freigegeben?

Peter Harry Carstensen

Obwohl die Jagd die älteste Art der Nahrungsbeschaffung des Menschen ist, steht sie in jüngster Zeit unter massivem Druck. Die Beiträge des Titelthemas im Oktober setzen sich mit der Kritik der Tierschützer auseinander. Sie erläutern, warum Jagd notwendig ist, und hinterfragen zugleich, was sich an der traditionellen Art des Jagens ändern muss, damit das Waidwerk eine Zukunft hat.

In diesen Wochen und Monaten – so sagen wir Jäger – geht die Jagd auf. Die Regeln und die Ausübung des Waidwerks sind uns über Generationen weitergegeben worden. Die Jagd ist im Prinzip ein Handwerk, das auf den Lehrberuf des Jägers zurückgeht. Unverändert ist auch heute die Berechtigung zur Jagd durch den Erwerb des Jagdscheins an das praktische und theoretische Wissen gekoppelt, das bis zur Jägerprüfung vermittelt und durch dieses „Grüne Abitur“ nachgewiesen wird. Das muss auch künftig so bleiben.


Jagen kann man nur, wenn die Lebensräume für das Wild vorhanden sind. Wir Jäger haben gelernt, Wild zu schützen, dessen Lebensräume mit dem der gesamten Tierwelt in freier Natur zu erhalten, zu verbessern und eine nachhaltige Nutzung sicherzustellen. Die Jäger und Jägerinnen verstehen also etwas von der Sache, von Fauna und Flora. Kann das jeder von sich behaupten, der sich als Naturschützer bezeichnet, Entscheidungen einfordert, die die Jagd im Grundsatz betreffen, sie überregulieren, beschneiden oder gar abschaffen wollen? Das ist offensichtlich nicht der Fall. So nehme ich in den aktuellen Debatten über die Jagd, ihre gesetzlichen Regelungen und die Diskussionen über Tierrechte, Tierschutz und Tiernutzen wahr. Es ist geradezu Mode, Druck gegen die Jagd aufzubauen. Ich habe mitunter den Eindruck, dass in den gesellschaftlichen und politischen Debatten die Jagd zum öffentlichen Abschuss frei gegeben werden soll.


Der Landes-Umweltminister von NRW, Johannes Remmel, stellte unlängst auf einem Jägertag das Recht des Menschen infrage, über Leben und Tod von Tieren zu entscheiden. Wo fängt das an, wo soll das aufhören? Soll das auch beim örtlichen Metzger, bei Chicken-Wings und bei McDonalds gelten? Dieser Politiker trägt Verantwortung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. So hießen einmal die Ministerien, in denen – in welchen Koalitionen auch immer – inzwischen in Deutschland weitgehend grüne Umweltpolitik alle Zuständigkeiten zunehmend überlagert. Mit dieser Handschrift wird in einem Bundesland nach dem anderen insbesondere das Jagdrecht angefasst.


Argumentation ohne Kenntnisse

Das Jagdrecht hat sich bewährt, ist aber sicher auch nicht unantastbar. So wie sich die Gesellschaft entwickelt, verändert sich auch der ländliche Raum mit entsprechendem politischen Handlungsbedarf. Die Gesetzgebung muss dann auch selbstverständlich begründete Notwendigkeiten aufgreifen. Mit Erstaunen aber höre ich immer wieder fundamentale Positionen bis zu dieser: Man könne eigentlich einfach auf die Jagd verzichten. Diese Sprache der Jagdgegner ist nicht zu verstehen, wenn man sich die Zusammenhänge der Natur vor Augen führt. Die gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Landwirten, Jägern, Fischern, Imkern und Förstern zusammen mit allen Naturnutzern ist unbestritten. Das sollte auch der Spaziergänger (mit und ohne Hund) in Feld, Wald und Flur beherzigen. Auch er nutzt die Natur; er beeinträchtigt sie aber auch. Die Jagd wird nach zuverlässiger Meinungsforschung von mehr als drei Viertel der Gesellschaft akzeptiert und weitgehend anerkannt. Dennoch wird gegen sie Druck aufgebaut. Dahinter erkenne ich Systematik und Energie.


Wer hat eigentlich die Deutungshoheit, wenn in den Präambeln aktueller Jagdgesetze von den „heutigen Anforderungen der Gesellschaft im Hinblick auf Tier- und Naturschutz“ die Rede ist, und die Überschrift „Ökologisches Jagdgesetz“ heißen soll? Die Texte dahinter stecken voller Widersprüche. Wer von Tierschutz redet, muss auch wissen, was Tierschutz heißt. Wir haben uns als Jäger tierschutzgerecht zu verhalten. Töten gehört zur ausgewogenen Ernährung und zur Jagd. Dabei darf keiner Kreatur unnötiges Leiden zugefügt werden, nicht im Schlachthof und nicht im Wald. Die Achtung vor der Kreatur und der Tierschutz sind nirgendwo sonst so breit verankert wie unter Jägern oder auch in der Landwirtschaft. Das schließt nicht aus, dass es auch hier – wie überall – schwarze Schafe gibt, deren Verhalten nicht akzeptabel ist. Hier haben alle Jägerinnen und Jäger die Selbstverpflichtung, mit der Einhaltung der Regeln der Waidgerechtigkeit zu antworten.


Zunehmende Jagdverbote bei den Beutegreifern gefährden Bodenbrüter und Singvögel. Diese sind so einer Überzahl an natürlichen Feinden schutzlos ausgesetzt. Dies hat offensichtlich im Laufe der Zeit verheerende Auswirkungen auf die Artenvielfalt, wie in Holland festzustellen ist. Dort wurde binnen einem Jahrzehnt das Jagdrecht durch sogenanntes Umweltrecht ersetzt, was zu massivem Ungleichgewichten in der Natur geführt hat. In den Niederlanden gibt es nun keine Gänsejagd mehr, dafür werden Gänse zu Hunderttausenden als Schädlinge im staatlichen Auftrag vernichtet. Mein Respekt gilt den Jägern, die sich nicht als Schädlingsbekämpfer und Schießer an diesen Aktionen beteiligen. Die Überpopulation ist entstanden, weil die Gans nicht mehr zu den jagdbaren Tierarten gehören sollte. Jetzt werden die Gänse entsorgt!


Niemand sonst achtet mehr so kleinteilig auf die Vielfalt der Tierwelt wie die Jäger in ihren Revieren. Man sollte sich hüten, ihnen den Hegeauftrag und die Hegeleistung abzusprechen. Vor allem muss Schluss sein mit dem Vorurteil, es werde nur gehegt, um die Tiere dann „abzuknallen“. Wer das sagt, kennt die Praxis nicht.


Die zitierten Widersprüche haben offensichtlich zu einem großen Teil ihren Ursprung darin, dass sich hinter so mancher Kritik an Jagd und Landwirtschaft zu einem großen Teil Unkenntnis und Naturferne verbergen. Wir haben es mit einer zunehmenden Spaltung zwischen Stadt und Land zu tun. Zu den Gründen mag gehören, dass viele Menschen, die in Ballungsräumen, im Beton und nicht auf dem Land aufgewachsen sind und dort leben, Natur anders wahrnehmen und erfahren. Sie kennen sie nicht so wie diejenigen, die von je her in der Naturnutzung groß geworden sind und dort wohnen und arbeiten, wo Naturprodukte als Grundlagen der Ernährung entstehen. Gegenseitige Sprachlosigkeit entsteht in diesem Fall, wenn die Praxis auf ferne Theorie trifft.


Natur als Lernort

Dazu, dass diese Zusammenhänge und Grundlagen nicht nur im ländlichen Raum, sondern auch in den Städten vermittelt werden, tragen die Jäger zu einem großen Maße bei. Sie machen die Natur zum Lernort für junge Menschen, schicken rollende Waldschulen in die Städte und bringen sich in die Allgemeinbildung der Gesellschaft ein. Das sollte jeder fördern, der für Umwelt und Natur eintritt – gerade in den Städten. Dafür gibt es Verbände auf allen Ebenen, Organisationen und ehrenamtliche Gruppierungen, Stifter und Stiftungen, die hier nicht nur ihren eigenen Beitrag leisten, sondern die Jäger in der Wahrnehmung ihres gesetzlichen und gesellschaftlichen Auftrags unterstützen. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Funktionsfähigkeit des ländlichen Raumes.


Es ist dringend notwendig, dass Jäger und Fischer, Angler, Bauern und Forstwirte angesichts des wachsenden öffentlichen und politischen Drucks eng zusammenstehen. Es geht gegen Eigentum und Freiheit, wenn in den aktuellen Gesetzgebungsverfahren auf Länderebene – teilweise im Widerspruch zum Bundesjagdgesetz – das Jagdrecht eingeschränkt werden soll. Die Begriffe Eigentum und Freiheit sind auch hier nicht zu trennen.


Daneben gibt es auch noch eine Reihe von volkswirtschaftlichen Aspekten und Zusammenhängen: Land- und Forstwirte sind auf die Jagd angewiesen, wenn es um die Vermeidung von Wildschäden und Tierseuchen geht. Wenn die Jagd gesetzlich zurückgedrängt wird, ist mit einer Kette von Folgen zu rechnen. Ein geminderter Jagdwert wirkt sich auf die Verpachtbarkeit landwirtschaftlicher Flächen aus. Es wird erst bei genauer Kenntnis solcher Umstände deutlich, was es für das Eigentum und die Funktionsfähigkeit des ländlichen Raumes bedeutet, wenn es keinen jagdlichen Nutzen mehr gibt.


Wir sollten es der Jagd ersparen, dass sie zum Abschuss freigegeben wird. Und wir müssen es der Natur ersparen, dass sie sich selbst überlassen wird. Dabei sollen wir Jäger offen bekennen, dass Jagd auch Freude bereitet. Bei mir bleibt das so – so lange ich jagen darf. Ich wünsche auch den künftigen Generationen, dass sie nicht auf die Jagd verzichten müssen.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2014

Peter Harry Carstensen
Peter Harry Carstensen war von 2005 bis 2012 Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

Titelthema

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