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Editorial

Wo liegt die Mitte?

Editorial - Wo liegt die Mitte?
© Jessine Hein / Illustratoren

René Nehring über die Bedeutung politischen Wandels und weiteres

René Nehring01.12.2018

Die Sprachlosigkeit währte nur kurz. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Nachgang zu den Landtagswahlen in Bayern und Hessen ihren Rückzug vom Vorsitz der größten deutschen Volkspartei ankündigte, sprachen selbst
Landesvorsitzende, die noch Tage zuvor fest an ihrer Seite gestanden hatten, von einer „Chance zum Aufbruch“ – ganz so, als hätten sie mit dem Kurs ihrer Partei in den Jahren zuvor nichts zu tun gehabt. Fakt ist: Nachdem die Sozialdemokraten seit Jahren einen beispiellosen Niedergang erleben, hat auch die Union zuletzt zum Teil verheerende Wahlniederlagen einstecken müssen. Kein Wunder also, wenn nun der Ruf nach Wandel und nach einem „schärferen Profil“ erschallt. Und so bemühen sich denn auch die Bewerber um den künftigen Parteivorsitz, dieser Forderung zu entsprechen.

Doch zeigt nicht nur der Blick auf die Sozialdemokraten – die sich in den vergangenen Jahren reichlich programmatische Debatten geleistet haben –, dass eine schärfere Profilierung allein auch nicht glücklich macht. In Österreich kamen bei der letzten Bundespräsidentenwahl die Kandidaten der beiden Volksparteien ÖVP und SPÖ noch nicht einmal in die Stichwahl. Und in anderen europäischen Ländern sind Christ- und Sozialdemokratie mitunter sogar ganz von der politischen Landkarte verschwunden.

Könnte es also sein, dass die Ursachen für die Schwäche der großen Parteien woanders liegen? Zum Beispiel in der Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft, die kaum noch etwas mit dem Leben vor zwanzig oder dreißig Jahren zu tun hat? Wo es früher gerademal drei Fernsehprogramme gab, gibt es heute Dutzende Kanäle; und wo es über Generationen jeweils zumeist nur eine Lokalzeitung und eine handvoll meinungsbildende Blätter und Magazine gab, gibt es heute zusätzlich unzählige Blogs, Online-Foren, Newsletter, Social-Media-Kanäle und Mediatheken. Ist es angesichts dieser Vielfalt realistisch zu glauben, dass sich die Bürger ausgerechnet auf dem so wichtigen Feld der Politik mit dem bisherigen begrenzten Angebot zufriedengeben wollen? Die Gesellschaft ist bunter, ist streitlustiger und ja – auch interessanter als früher. Was ist schlimm daran?

Und doch stellt sich – nicht zuletzt für die Entscheider im politischen Raum – die Frage, wo in dieser Gesellschaft die Mitte ist? Und zwar nicht im Sinne einer programmatischen Haltung, die sich von den Extremen abgrenzt, sondern die Mitte als Ort, an dem sich die verschiedenen Richtungen und Strömungen zusammenfinden. Wo sind die Schnittmengen zwischen den einzelnen Lagern, die am Ende politische Gestaltung ermöglichen? Kommt es vielleicht gar nicht so sehr darauf an, wer das markantere Profil hat, sondern vielmehr darauf, wem es gelingt, die verschiedenen Milieus in den Groß- und Kleinstädten sowie auf dem Lande zu integrieren? Diesen und weiteren Fragen widmen sich die Beiträge im aktuellem Heft.

Es grüßt Sie herzlichst Ihr

René Nehring
Chefredakteur