Titelthema - Zitrusduft und die Leichtigkeit des Seins

Vom alten Gewächshaus zur stilvollen Schreibstube im Grünen – die umgebaute Limonaia © Claudia von Boch

01.08.2017

Titelthema 

Zitrusduft und die Leichtigkeit des Seins

Nina Ruge

Eine alte Villa in der Toskana und eine frühere Limonaia inmitten von Oliven- und Zitronenbäumen: über das Leben in einem persönlichen Zitronentraum

Kennst Du das Land wo die Zitronen blüh’n?“, stand auf der Einladung zur „Housewarming-Party“ bei uns in der Toskana. Da mein Mann alles tut, um nicht in der Yellow-Press zu erscheinen, hatten wir unsere Hochzeit generalstabsmäßig „undercover“ geplant. Nur unsere Eltern wussten vom wahren Anlass der dreitägigen Feier nahe Lucca – und Goethe-Fans unter den Gästen wurden durchaus von einer Ahnung angeweht. „Dorthin! Dorthin – lass uns, oh mein Geliebter, zieh‘n!“ – ja, das könnte ernstere Absichten vermuten lassen… Auf jeden Fall bedeuteten diese Tage im September 2001 einen „LCE“, einen „Life Changing Event“ für uns. Nicht nur, dass wir mit der Ehe unsere Liebe auf eine höhere Ebene hoben. Wir hatten mit der Entscheidung, diese Villa zu erwerben, Weichen weit in die Zukunft gestellt. Viel weiter, als wir es damals ahnten.

Wer von uns beiden hätte damals gedacht, dass ich von Mai bis September auf unserem Hügel mit Hunden, Katzen, Hühnern, Gänsen, Pfauen und Gemüsegarten leben würde? Wer von uns beiden hätte damals gedacht, dass mein Mann unter die Wein- und Olivenbauern gehen würde?

Refugium mitten im toskanischen
Olivenhain: Nina Ruge in ihrer
Limonaia mit Hund und Blick
ins Grüne 

In letzter Instanz waren die Zitronenblüten schuld. Schließlich sind sie das Synonym für die magische Seite von bella Italia. Ihr Duft entführt uns so kompromisslos ins Reich der Sinne, dass sich die Pflichtenschwere des nördlichen Alltags wie ein ätherisches Öl in Luft auflöst. Genau das suchten wir natürlich: die andere Seite der Existenz. Die Leichtigkeit des Seins. Die Magie des Lebens. 

Während ich diese Zeilen schreibe, schaue ich bei Nacht aus dem Fenster über die flimmernd-glitzernde Ebene tief unten im Tal. Eben ist am Horizont ein orange-roter Vollmond aufgestiegen, sich selbst gewiss als Botschafter des Friedens, zugleich ein Unberührbarer aus sicherer Distanz… Kein Wunder, dass ich mein wichtigstes Buch erst hier zu schreiben begann, umgeben von unfassbarer Kraft der Natur: „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Gerade arbeite ich am zweiten Band. 

 

Bella Italia und die Bürokratie
Das ist die eine Seite des Zitronentraums. Auch Goethe kannte die andere Seite, denn Mignons Lied, aus dem die eingangs zitierten Zeilen stammen, ging ja nicht wirklich gemütlich aus. Wir hatten nämlich völlig übersehen, dass ein Land, das überquillt von Schönheit, UNESCO-Kulturerbe und wohlschmeckender Pasta eventuell deutsche Erfolgsformeln wie „Von nichts kommt nichts“ als überflüssig betrachten könnte. Zumindest kann ich aus heutiger Sicht den Weg, den wir vom Kauf der Villa bis hin zum heutigen Weingut gingen, als mehr als steinig bezeichnen. Und jeder, der das Wagnis eingeht in Italien, nicht nur zu kaufen und zu renovieren, sondern auch noch Wein und Olivenöl zu produzieren, wird sich besonders an die zweite und dritte Strophe aus Mignons Sehnsuchtslied erinnern. Die Mixtur aus Überbürokratisierung,  Reformunfähigkeit und Rechtsunsicherheit kann einen durchaus zu Anspielungen wie „der Drachen alte Brut“ verleiten… 

Da unser Haus auf der Kuppe eines Berges liegt, weht dort vom Meer – keine 20 Kilometer entfernt – regelmäßig eine wunderbare Brise her. Im Frühjahr und Herbst kann die Brise dann aber auch weniger erfreuen. Und da ich permanent am Computer sitze, viele, viele Unterlagen um mich herum, suchte ich verzweifelt nach eine windgeschützten Lösung. Ich bin doch nicht in der Toskana, um ständig im Haus zu hocken!

 

Schmetterlinge vor dem Fenster
Die Lösung des Problems war genial. Da unser Tal unter höchster Schutzstufe gelistet ist, darf nichts neu gebaut werden, auch keine Hundehütte. Aber was einmal da und im Kataster festgehalten ist, darf wieder aufleben! Zum Glück war das alte Gewächshaus im Olivenhain vor Urzeiten bereits eingetragen worden, obwohl als solches quasi nicht mehr existent: Nichts als verfallenes Gestänge, von bröckelnder Mauer gesäumt, in dem sich Schlangen mit Begeisterung ihre Nester bauten. 

Mein Mann schenkte mir zum Geburtstag die Restaurierung. Eine klassische italienische Limonaia, in der im Winter die Zitronen grünten, mit allem, was mein Herz begehrt: Internet, Telefon, feuchtigkeitsisoliert. Vor allem mit einer ausfahrbaren Markise auf dem Dach. Die Temperaturen steigen so im Sommer nicht über so ungefähr 34 Grad. Deshalb halten es auch nur Sukkulente, Kakteenartige – und ich – drinnen aus. Im Frühjahr und im Herbst ist es, wenn die Sonne scheint, ein Mega-Traum. Draußen windet’s, drinnen ist es kuschlig warm. Es hat sich so einiges Mobiliar von meinen Großeltern bis hin zum Luccheser Flohmarkt gemischt. 

Diese Limonaia ist nun also der Ort meiner Inspiration. Hier recherchiere und schreibe ich die Texte für Moderationen, sinniere über die Namen unserer drei Weine („Loto“ – die Lotusblüte, „Sereno“ – der Heitere, „Gioia“ – die Freude), erledige sämtliche Büroarbeiten – und schreibe meine Bücher. Mit Blick in den Himmel, den Olivenhain – und auf meine Hängematte. Die lockt sozusagen wie ein „Belohnungswürstchen am Stöckchen“ direkt in meiner Blickachse auf der Wiese unter Wildkirsche und Olive. Die Wildkirsche habe ich gepflanzt, weil mein Vater sie so mochte. Er war ein großer Garten-Fan. 

Eines ist noch phänomenal. Wir säen im April immer Wildblumensamen quer vor der gesamten Limonaia aus. Anfang Juni beginnen die ersten von ihnen zu blühen. Über Wochen und Monate ein Fest der Farben und der Fantasie, umtorkelt von Schmetterlingen aller Größen, Farben, Formen; besummt von Bienen, Hummeln, Käfern mit wachsender Begeisterung. Natürlich besuchen mich meine Hunde und Katzen in der Limonaia. 

Seit neuestem schaue ich auf einen Terrakottatopf, der wurde mir statt Blumenstrauß von einer österreichischen Stiftung gesandt, als Dankeschön für eine Moderation. Dreimal dürfen sie raten, was darin betörend blüht: ein Zitronenbaum!

Erschienen in Rotary Magazin 8/2017

Nina Ruge ist Fernsehmoderatorin, Buchautorin
und Journalistin. 2013 erschien „Der unbesiegbare Sommer in uns. Ein Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“ (Goldmann). Nina Ruge ist ehrenamtlich u.a. als UNICEF- Botschafterin aktiv. Zusammen mit ihrem Ehemann betreibt sie das Weingut „Villa Santo Stefano“, das auch Olivenöl erzeugt. Sowohl das Olivenöl als auch der Wein erhielten diverse Auszeichnungen und werden im gehobenen Handel vertrieben.

 
villa-santostefano.it

Rotary Magazin 10/2017

Rotary Magazin Heft 10/2017

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