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Zunehmende Störung

Forum - Zunehmende Störung
In den StartUps, Medien und NGO’s ist eine neue Klasse entstanden, die sehr gut gebildet und global orientiert ist. Mit dem Leben der traditionellen Schichten der Gesellschaft hat sie kaum noch etwas gemein © Gaudilab/Shutterstock

Der britische Ökonom Paul Collier seziert die westliche Welt. Dabei diagnostiziert er unter anderem eine Verschiebung der gesellschaftlichen Konfliktlinien

01.03.2019

In seinem gerade auf Deutsch erscheinenden Buch „Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“ analysiert der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier die tiefen Risse, die „den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft“ bedrohen. Der mit rational überprüfbaren Argumenten geführte Meinungsstreit wurde von einem übermäßigen Moralisieren, von einer Art politischer Theologie, die statt des Wettstreits der Ideen nur die fortwährende Anathematisierung, nicht mehr den Gegner, sondern nur noch den Feind kennt, verdrängt.

Den Feind charakterisierte der Theologe Johann Hinrich Claussen einmal so: „Der Feind aber ist mehr und etwas anderes als ein Gegner: Er hasst uns und unsere politische Kultur, teilt unsere Grundvorstellungen nicht... Deshalb muss man mit ihm anders streiten als mit dem Gegner: Er darf keinen noch so kleinen Anteil an der Macht erhalten, sein Sieg ist unter allen Umständen zu verhindern, Kompromisse sind mit ihm nicht erlaubt“. Die Rhetorik des Klassenkampfes ausgerechnet eines Theologen erstaunt um so mehr, weil sich das „uns“ mit Blick auf die „politische Kultur“ und die „Grundvorstellungen“ der Definition zunehmend entzieht. Das „uns“ löst sich auf. Die Schwierigkeit beginnt dort, wo man sich immer weniger über das, was man gesellschaftliche Wirklichkeit nennt, zu einigen vermag, weil die Mittel zur Beschreibung der Realität aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert stammen.

Koordinatenverschiebung
Gewöhnlich werden die politischen Kräfte, die in der Gesellschaft wirken, in „rechts“ und „links“ unterteilt. Auf den ersten Blick profitiert gegenwärtig die Linke von der Auflösung der Mitte, weil sie alle, die nicht rechts genannt werden möchten, dazu zwingt, sich links einzureihen. Doch andererseits verliert der Schrecken an Kraft, weil auch das, was noch vor kurzem als Mitte galt, plötzlich rechts genannt wird. Man erinnere sich nur daran, dass ein CDU-Kandidat einmal eine Wahl mit dem Slogan: „Kinder statt Inder“ gewonnen hatte, oder an die migrationskritischen Äußerungen von Helmut Schmidt.

Wenn eine Beschreibungsperspektive die Wirklichkeit aus dem Blick verliert, sollte man eine andere wählen. Für Paul Collier stehen sich nicht mehr Arbeiter und Kapitalisten gegenüber, sondern „die ländlichen Regionen rebellieren gegen die Metropolen, ... die Gering- gegen die Hochqualifizierten, die notdürftig über die Runden kommenden Arbeiter und Angestellten gegen die ,Schmarotzer‘ und ,Absahner‘.“ Collier macht eine neue herrschende Klasse aus. Sie bestünde aus „Gebildeten, die über neue Kompetenzen verfügen.“ Diese neuen Herrschenden hätten sich an den Hochschulen kennengelernt „und prägen ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl aus, bei dem Wertschätzung auf Qualifikation beruht.“ Ihre neue Ethik versieht die Zugehörigkeit „zu einer ethischen Minderheit und die sexuelle Orientierung zu Gruppenidentitäten mit Opferstatus.“

Die Macht einer neuen Klasse
Für die Schärfe der Auseinandersetzung wird eine andere Beobachtung Colliers entscheidend: „Ausgehend von ihrer ausgeprägten Sorge um Opfergruppen, nehmen sie für sich selbst in Anspruch, den weniger Gebildeten moralisch überlegen zu sein. Nachdem sie sich selbst zu einer neuen Führungsklasse erhoben haben, ist ihr Vertrauen in den Staat und ineinander höher denn je.“

Colliers Analyse wird im Grunde aus der „neuen Klasse“ selbst bestätigt, wenn der Blogger Michael Seemann im Tagesspiegel schreibt: „Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren ... Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht wie ihre Muttersprache... Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert (,liberal media‘, ,Lügenpresse‘), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor.“

Auffällig in Seemanns authentischer Innensicht dieser Klasse sind die Allmachtsphantasien und die Selbstgerechtigkeit: „Die Machtverschiebung ging im Stillen vor sich. ... Die progressiven, zunehmend global Orientierten haben die anderen einfach abgehängt. ... Denn insgeheim weiß sie (die neue Klasse – KRM) längst, was die eigentliche Quelle ihrer Macht ist: Sie kontrolliert den Diskurs, sie kontrolliert die Moral. (...) Und das merken die anderen, die kulturell Abgehängten. Sie merken, dass uns ihre Welt zu klein geworden ist, dass wir uns moralisch überlegen fühlen und dass wir nach Größerem streben. Vor allem merken sie, dass wir dabei erfolgreich sind, dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden.“ Genau diese Ideologie spaltet die Gesellschaft, die Anmaßung, ohne demokratische Verfahren die gesellschaftlichen Standards verordnen zu können, weil man den Diskurs und die Moral kontrolliert. Diskurskontrolle gehört zu den Herrschaftsinstrumentarien von Diktaturen.

Es ist die Diktaturerfahrung, die Ostdeutsche zu entschlossenen Verteidigern der Demokratie macht, die sie gegen verordnete Standards des neuen juste milieus, einer Klasse, die sich selbst zur Herrschaft berufen fühlt und beruft, gegen die Diskurskontrolleure in Opposition bringt. Jede Kritik an dieser neuen Klasse wird allerdings heruntermoralisiert und stigmatisiert.

Rechte und Pflichten
Paul Collier verdeutlicht in seinem Manifest, dass diese neue herrschende Klasse sich ideologisch aus dem Utilitarismus und aus der Philosophie von John Rawls speist. Während für die Utilitaristen das Gute darin besteht, das „größte Glück der größten Zahl zu ermöglichen“, gilt den Anhängern von Rawls eine Gesellschaft nur dann als moralisch, „wenn ihre Gesetze zum Wohl der am stärksten benachteiligten Gruppe gestaltet“ werden. Während die erste Gruppe, die Linken, die Idee der Gemeinschaft, der wechselseitigen Verantwortung durch einen sozialen Paternalismus ersetzt und den Bürgern damit Eigenverantwortung und Selbstentscheidung nehmen, schaffen die „Libertären“, eine Vielzahl an Minderheitenrechten auf Kosten der Mehrheitsrechte, die letztlich die Gültigkeit des Rechts aushebeln, weil sie zum einen den Gleichheitsgrundsatz und zum anderen die Allgemeingültigkeit missachten. Paradox ist, dass zu ihrem Selbstverständnis gehört, immer neue Kleinstgruppen von angeblich rechtlich Benachteiligten zu definieren.

Transformation mündiger Bürger in sozial betreute Menschen und die Kündigung des Zusammenhanges von Rechten und Pflichten spalten die Gesellschaft. Die neuen Libertären erneuern die Rechte von Individuen, nicht aber die Pflichten, schreibt Collier. Das führt zu einem Empfinden, dass die einen alle Rechte und die anderen alle Pflichten haben.

Für einen neuen Zusammenhalt
Colliers Analyse ist eindrucksvoll und sie deckt sich mit anderen Beschreibungen der gesellschaftlichen Entwicklung von Philosophen, Soziologen, Ökonomen. Es geht in Deutschland wie in Europa um eine Richtungsentscheidung, nicht um die Auseinandersetzung zwischen Rechts und Links, sondern zwischen Kommunitaristen und Globalisten. Zwar fällt die Analyse bei Collier überzeugender als die Lösungsvorschläge aus, doch verdienen sie es, diskutiert zu werden, weil sie in die richtige Richtung blicken.

Der Ökonom schlägt ein Bündel wirtschaftlicher und fiskalischer Maßnahmen vor, die darauf abzielen, den ethischen Staat, das ethische Unternehmen, die ethische Familie und die ethische Welt zu fördern, mit einem Wort: Es geht ihm um einen neuen Zusammenhalt.


Paul Collier
Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft
Siedler Verlag, 320 Seiten, 20 Euro
randomhouse.de