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Tichys Denkanstoß

Die Denksheriffs lassen grüßen

Tichys Denkanstoß - Die Denksheriffs lassen grüßen
Roland Tichy © Illustration: Jessine Hein / Illustratoren

30.04.2016

Die Zigarre ist das Symbol des 1977 verstorbenen Wirtschaftswunderkanzlers Ludwig Erhard. Beim Aufräumen sind Mitarbeiter der Ludwig-Erhard-Stiftung auf ein kleines Geheimnis gestoßen: In einem kaum erkennbaren Fach seines Schreibtisches lagern mehrere Zigarrenkisten. Es ist eine historisch nicht bedeutsame Anekdote und doch eine Zeitreise.

Denn sie fällt in eine Zeit, in der neue Pläne bekannt werden. Ernährungsminister Christian Schmidt will Werbung für Zigaretten auf Plakaten und im Kino verbieten. Werbevorschriften sind längst so komplex wie die Bedienungsanleitung für ein Kernkraftwerk. Und doch plant Justizminister Heiko Maas weitere Geschmacksvorschriften, um angeblich geschlechterdiskriminierende Werbung zu unterbinden. Alkoholwerbung steht längst auf dem Prüfstand.

Rechtsstaat zum Gespött gemacht
Nun gibt es immer gute Gründe für Verbote – allerdings sind es meist nur gutgemeinte. Das macht die Debatte so tückisch: Es werden gute Gründe angeführt. Aber müssen es gleich Vorschriften sein? Auf Freiheit und ihre Zwillingsschwester Selbstverantwortung wird dabei nie gehört. Die wirksamste Motivation zum Energiesparen ist ein Blick auf die Stromrechnung. Und warum Vorschriften, die nicht durchsetzbar sind – und nur den Rechtsstaat zum Gespött machen? Auf einem Wochenmarkt habe ich ein Dutzend 100-Watt-Glühbirnen der guten alten Art gekauft, obwohl deren Produktion und Vertrieb längst verboten sind.

Rauchen gefährdet die Gesundheit; unbestritten. Aber der Versuch, die letzte Zigarette auszudrücken, wird der Gesundheit wenig dienlich sein – jedoch die Freiheit schädigen. Denn nicht die Verbote im Einzelnen sind so gefährlich, sondern ihre schrittweise Ausdehnung. Selbst ein Slogan wie „Auch Männer haben Gefühle: Durst“ soll künftig unzulässig sein. Die Sprach- und Denksheriffs lassen grüßen – und genau damit sollen neue Werte umgesetzt werden. So will Maas ein neues, modernes Frauenbild mit dem Verbot der Werbung durchzusetzen helfen. Aber bleibt es dabei?

Während die Kampagnen gegen Alkohol und Nikotin verschärft laufen, sollen Drogen wie Cannabis legalisiert werden. Ohnehin gilt schwerer Drogenmissbrauch wichtigen Vertretern der Zivilgesellschaft nur als eine Lappalie. Dabei wird Crystal Meth, ein starkes Nervengift, zur Massensucht. Bis zu zehn Prozent aller Geburten sind heute entwicklungsgeschädigte „Crystal-Babys“, schätzt die Leipziger Chefärztin Eva Robel-Tillig. Dagegen gibt es keine wirksame, flächendeckende Kampagne.

Damit wäre Erhard heute als Politiker nicht mehr vermittelbar: Zur Zigarre, Symbol des Wohlstands, soll er gerne Whiskey getrunken haben; für ihn stand das in Verbindung mit der großen Freiheit, die damals die USA verkörperten. Verbote dieser Art, ein vorbeugender Betreuungsstaat – das wäre nicht seine Welt gewesen.