01.01.2018

Titelthema

Eine Sache der Gene und des Hirns

Martin Korte

Die emotionale Landkarte des Glücks: Warum wir im Alter die Welt mit wachsender Gelassenheit sehen – und sich junge Menschen zunehmend einsam und unglücklich fühlen

Vor einigen Jahren wurden Studienergebnisse veröffentlicht, die nahelegten, dass jeder Mensch genetisch vorherbestimmt ist, entweder häufig auf Wolke sieben zu leben oder mehr in den Kellergeschossen des Gefühlslebens zu Hause zu sein – unabhängig von den konkreten Lebensumständen. Das klingt sehr provozierend. Sollte es Gene geben, die bestimmen, ob wir eher glücklich oder eher trübsinnig sind?

Die Befunde jener Studie rührten daher, dass man Menschen mit schweren Schicksalsschlägen untersuchte. Es stellte sich heraus, dass diese schon wenige Monate nach einem Lebenstiefpunkt wieder auf das eigene Zufriedenheits- und Glückslevel zurückkehrten. Mittlerweile weiß man, dass in der Tat unsere Gene mitbestimmen, wie oft wir Glücksmomente erleben – allerdings nur zu 40 Prozent. Weitere 10 Prozent unseres Glücklich-Seins machen Lebensumstände und Zufälle aus – und die verbleidenden 50 Prozent hängen davon ab, ob wir aus unseren Erfahrungen lernen, was wir aus bestimmten Lebensumständen machen und ob wir uns auch die Zeit nehmen, glückliche Momente zu genießen.

Dass der Zufall unser Glücksempfinden im Leben maßgeblich beeinflusst, ist also ein Mythos. Unsere Einstellung zum Leben scheint wesentlich entscheidender zu sein. Ein Beispiel: „Man kann auf allen Ebenen klagen. Und man kann auf allen Ebenen glücklich sein.“  Das sagte Samuel Koch – jener junge Mann, der bei einem Sturz in der Fernsehsendung „Wetten dass?“ vor einigen Jahren eine Querschnittslähmung erlitt.

Glück ist jenseits aller Lebensumstände immer nur ein kurzfristiges Gefühl. Es stellt sich ein, wenn das Gehirn das Ergebnis einer Tätigkeit positiver bewertet, als wir es erwartet hatten. Ein Glücksgefühl kommt nur dann zustande, wenn hierbei verschiedene Teile des Gehirns perfekt zusammenspielen.

Die emotionale Landkarte des Gehirns ist vergleichbar mit einer Mannschaft, in der alle Mitspieler, jeder auf seiner strategischen Position, zusammenspielen müssen. Für die Entstehung einer bestimmten Gefühlskomponente zählt weniger der Einzelspieler, sondern das Zusammenspiel der Mannschaft – mit einer klar zugewiesenen Aufgabenverteilung: So haben die beiden Großhirnhälften unterschiedliche Aufgaben in der Verarbeitung von Gefühlen; bei negativen Gefühlen ist mehr die rechte Seite des Stirnlappens aktiv, bei positiven Gefühlen eher die linke Seite. Häufig ist die Erwartung (also die Vorfreude) sogar der stärkste Stimulus für Glücksgefühle. Nur ist es eben wie das Lachen ein flüchtiges Gefühl, welches verfliegt, sobald die glückbringende Situation vorbei ist.

Glück ist kein Grundzustand, denn schon am Beginn der biochemischen Kaskade, die zu glücklichen Empfindungen führt, ist der Ausschalter mit eingebaut. Für einen Glückssucher bleibt also nur, achtsam zu sein auf das, was aktuell mit ihm, in ihm oder um ihn herum geschieht, um nicht an Glücksmomenten vorbei zu leben.

Bei den Peanuts gibt es einen wunderbaren Dialog zwischen Linus und Charlie Brown, in der ersterer darüber philosophiert, dass wir uns nicht so sehr um die Zukunft sorgen und mehr an heute denken sollten. Woraufhin Charlie Brown in der ihm üblichen Manier entgegnet, dass er das völlig anders sieht, denn das würde Resignation bedeuten. Er würde immer noch hoffen, dass gestern besser wird… Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen: Denn je älter man wird, umso mehr positive Erinnerungen lassen sich aktiv abrufen. Mit zunehmendem Alter fokussieren wir eher auf positive Erinnerungen und bewerten viele erinnerte Begebenheiten positiver, als dies in jüngeren Jahren der Fall war. Was nicht bedeutet, dass jeder Mensch im Alter glücklich ist. Aber Menschen, die zu Trübsal neigen, sehen mit zunehmendem Alter sich und die Welt positiver.

Die Gelassenheit des Alters
Wie sind diese positiven Gefühlsbefunde durch Alterungs- und Reifungsprozesse des Gehirns zu erklären? Im Verlauf der Alterung des Gehirns gewinnt die linke Hemisphäre mehr an Gewicht, während die rechte Hemisphäre an Einfluss einbüßt, was Auswirkungen darauf hat, wie ältere Menschen Begebenheiten erinnern und mit welcher emotionalen Grundeinstellung sie der Welt gegenüberstehen. In der rechten Hemisphäre kann der altersbedingte Abbau schon vor dem 50. Lebensjahr sichtbar werden, während der abgeschwächte Abbau in der linken Hemisphäre statistisch gesehen erst zehn Jahre später beginnt.

Diese hemisphärische Machtverschiebung hat nun Konsequenzen für die positiver werdende Lebenswahrnehmung: Zum einen spielt die linke Hemisphäre, vor allem im linken Stirnlappen, eine größere Rolle bei der Verarbeitung positiver Emotionen, während zum anderen die rechte Großhirnhemisphäre bei negativen Emotionen weniger dominant zum Einsatz kommt. Die beiden Hemisphären haben also beim Erleben und Ausdrücken von Gefühlen eine unterschiedliche, ja zum Teil sogar entgegengesetzte Funktion.

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Bei der Verarbeitung eigener Emotionen, und vor allem bei ihrer Bewertung, unterscheiden sich die Hemisphären voneinander; und im Zuge des Alterungsprozesses des Gehirns gibt es eine kleine, aber bedeutsame Verschiebung in Richtung der linken Hemisphäre. Diese schreibt Lebensgeschichten zwar nicht um, noch macht sie aus trübsinnigen Menschen Clowns, aber sie führt bei älteren Menschen zu positiven Verschiebungen in ihren Erinnerungen.

Digitale Depressionen
Wie jeder weiß, liegen Glück und Unglück nicht in Medien, egal ob sie digital oder analog sind. Dies hat auf wunderbare Art und Weise der Kabarettist Dieter Hildebrandt so auf den Punkt gebracht: „Bildung kommt von Bildschirm, wenn es von Buch käme, würde es Buchung heißen.“

Auf der anderen Seite, kann der Mensch auf der Suche nach Glücksmomenten auch süchtig werden, hier sind nicht nur Drogen zu nennen, sondern Menschen können auch spielsüchtig werden, und auch eine Abhängigkeit von digitalen Welten ist mittlerweile gut belegt.

Vor allem aber überrascht, dass die Hypervernetztheit der heutigen Jugend diese nicht glücklicher, sozial integrierter und zufriedener macht, sondern sogar eher einsamer. Und dieser Befund beruht nicht auf Aussagen von Erwachsenen, die das, was früher war, immer besser fanden, sondern sind Selbstauskünfte der Jugendlichen selbst. In einer großen Studie, durchgeführt an der renommierten University of California in San Diego (USA) wurden Selbstauskünfte und Krankenstatistiken von Jugendlichen ausgewertet. Hierbei wurde ein alarmierender Anstieg depressiver Erkrankungen in den letzten zehn Jahren festgestellt.

Soziale Belohnungen im direkten Kontakt mit anderen Menschen sind eigentlich die besten Stimmungsaufheller. Doch aus bisher noch nicht verstandenen Gründen reicht es auf Dauer nicht aus, mit Kurznachrichten und „Like-Buttons“ soziale Nähe und Geborgenheit ausreichend gut zu simulieren. Natürlich gilt hierbei nicht der Umkehrschluss, dass Zeit vor Bildschirmen jedweder Natur unglücklich macht, aber eine Monokultur an digitalen Medien fördert eher das Unglücklich-Sein, wenn es nicht gepaart wird mit realen sozialen Kontakten.

Je mehr Jugendliche soziale Medien nutzen, umso eher geben sie an, sich einsam und unglücklich zu fühlen. Auch hier sind die kausalen Beziehungen nicht simpel, denn tiefergehende Untersuchungen zeigen, dass nicht digitale Kommunikationsformen unglücklich machen. Aber die vorwiegende Nutzung dieser Medien als Ersatz für direkte soziale Kontakte erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein Gefühl der Einsamkeit und des Unglücklich-Seins zu erzeugen. Die Gefahr, sich ausgeschlossen zu fühlen, erhöht sich, wenn jedwede Aktivität von Freude im Netz veröffentlich wird: Ständig ist man irgendwo dann doch nicht dabei.

Eine übermäßige Bildschirmnutzung hält darüber hinaus Jugendliche von eigener körperliche Betätigung ab. Sie bewegen sich weniger, treiben weniger Sport und treffen sich weniger mit Altersgenossen. Dabei weiß man schon länger, dass regelmäßige körperliche Bewegung dem krankheitsbedingten Verlust, Glücksgefühle empfinden zu können, vorbeugt. Regelmäßiger Sport ist in der Lage, das Depressionsrisiko um 17 Prozent zu senken, wie die große norwegische HUNT-Studie zeigen konnte. Die Formel „Sport macht glücklich“ ist natürlich zu simpel gedacht, aber Bewegung hat eine schützende Funktion vor Erkrankungen des Gehirns, die das Empfinden von Glück besonders erschweren.

Und in diesem Kontext kann man dann doch nicht umhin, den mahnenden Zeigefinger zu heben, was die stundenlange Nutzung digitaler Medien angeht. Denn die Korrelation ist zu stark, um ignoriert zu werden: Je mehr Zeit Jugendliche damit verbringen, auf Bildschirme statt direkt in die Gesichter anderer Menschen zu schauen, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie Symptome einer Depression zeigen. Der Anstieg der Erkrankungen beträgt immerhin 27 Prozent. Wenn es hier also erlaubt ist, einen Rat über die Generationen hinweg zu geben, dann wäre es dieser: Legt zwischendurch immer mal wieder das Smartphone weg, schaltet den Laptop aus und tut etwas, egal was, stellt nur sicher, dass es keinen Bildschirm involviert.

Abschließend sei angemerkt, dass heutige Jugendliche auch signifikant weniger schlafen; ein Effekt, der im Übrigen einsetzte, als ab 2007 (Einführung des iPhones) mehr als 50 Prozent der europäischen und amerikanischen Jugendlichen ein Smartphone besaßen. Nun macht Schlafen allein nicht glücklich, aber auch hier gilt, dass regelmäßiger und ausreichender Schlaf das Risiko, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken, senkt.

Wie genau das kausale Wirkungsgefüge hier mit der intensiven digitalen Mediennutzung zusammenhängt, wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Aber für alle, die eine Erziehungsverantwortung haben, sei daran erinnert, dass auch Steve Jobs, der viele digitale Wunderwerkzeuge erschaffen hat, seinen eigenen Kindern nur einen zeitlich limitierten Zugang zu diesen Geräten erlaubt hat. Vielleicht ein Erziehungsrat an uns alle. Einer, der nicht per se glücklich macht, aber Raum schafft, damit Glücksgefühle eine Chance haben, zu uns durchdringen können und nicht an hektisch getippten Kurznachrichten vorbeisegeln.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2018

Martin Korte
Prof. Dr. Martin Korte (RC Braunschweig-Hanse) ist Neurobiologe an der TU Braunschweig sowie Autor mehrerer Bücher zum Thema Lernforschung und Alterungsprozessen im Gehirn (unter anderem "Jung im Kopf", Pantheon Verlag, 2014). Er ist Mitglied in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und wurde für seine innovative Lehre mit dem Ars Legendi Fakultätenpreis ausgezeichnet.  Er erforscht die zellulären Grundlagen von Lernen, Gedächtnis und Vergessen. Zuletzt erschien „Wir sind Gedächtnis: Wie Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“, DVA, 2017. www.tu-braunschweig.de

Rotary Magazin 6/2018

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