16.08.2013

In den letzten Jahren hat sich Gesundheit zu einem Lebensgefühl entwickelt – das aktiv gestaltet wird 

Mehr als die Abwesenheit von Krankheit

Thorsten Elsholtz

Noch vor 25 Jahren haben wir Deutschen den Begriff „Gesundheit“ als Beschreibung für den Idealzustand unseres Körpers verstanden. Alles läuft rund, nichts tut weh – wir sind gesund. Und wenn es einmal nicht so war, dann war es der Job des Arztes, den Idealzustand möglichst schnell wieder herzustellen. Wenn wir heute über Gesundheit sprechen, beschreiben wir damit nicht nur einen medizinischen Zustand. Vielmehr hat der Begriff eine viel umfassendere, ganzheitliche und nachhaltige Bedeutung bekommen. Gesundheit ist zu einem Lebensgefühl geworden.

Wir wollen eine gesunde Umwelt, gesunde Ernährung, gesunde Freizeit, gesunde Arbeit, eine gesunde Seele. Den Arzt brauchen wir dafür auch noch, aber er ist nur noch eine Stellschraube in einem großen komplexen Netzwerk von vielfältigen Faktoren. Ein wichtiger Antrieb für diese Entwicklung war zweifelsfrei die alternde Gesellschaft, einhergehend mit der Emanzipation der Pensionäre und Rentner.

Unterstützung aus dem Smartphone

Während früher eine 70jährige ältere Oma mit Gebiss und altbackenen Kleidern vorwiegend ihre Enkel mit Schokolade und einem Taschengeldzuschuss versorgte, entfaltet die gleichaltrige Dame von heute ganz andere Aktivitäten: Eine bessere medizinische Versorgung, zunehmender Wohlstand, ein verändertes Selbstbild und viele weitere Angebote haben die Ansprüche verändert: Oma trägt heute elegante Freizeitkleidung und ist in vielfältiger Weise aktiv. Das eigene Schicksal wird nicht nur hingenommen, es wird auch im Alter aktiv gestaltet. Sport und Reisen sind für viele immer noch selbstverständlich; und wer mag, kann sich sogar „jünger“ operieren lassen. Beim Sport gilt die Devise: Es gibt keine unsportlichen Menschen, auch nicht im Alter, es gibt lediglich die falsche Wahl der Sportart. Wer Gelenkprobleme oder Übergewicht hat, der weicht auf ein Angebot im Wasser aus.

Im Prinzip geht es darum, sich die Jugend – oder ein jugendliches Gefühl – solange wie möglich zu erhalten. Und um so leben zu können wie die Jungen, müssen auch die Alten hüpfen, springen und bis in die Nacht feiern können, ohne dass sie am nächsten Morgen im Krankenhaus aufwachen. Wie schon erwähnt, hat die medizinische Entwicklung hierfür wichtige Grundlagen geschaffen. Tennis spielen mit dem künstlichen Hüftgelenk? 2013 kein Problem mehr. Den Blutdruck 24 Stunden im Griff haben? Ganz einfach, denn selbst der Bordcomputer von unserem Fahrrad kann ihn jederzeit messen und ansagen. Und zur Not kann sich der Hausarzt sogar in das System einwählen und jederzeit prüfen, ob alle Eckdaten stimmen. Das Smartphone ersetzt, mit der richtigen App ausgestattet, den Arztbesuch. Und im Zweifelsfall weiß es sogar, was der Patient als nächstes tun sollte, um die Blutwerte wieder ins Lot zu bringen.

Doch auch die Menschen selbst wollen und können etwas tun, um sich auf ein gesundes Alter vorzubereiten. Ein ausgewogener Lebensstil soll es sein. Regelmäßige Vorsorge, gesunde Ernährung und praktische Bekleidung helfen, so manches früher einfach akzeptierte Wehwehchen schon vorzeitig abzuwehren oder schnell zu bekämpfen. Informationen, was richtig und falsch ist, gibt es in Hülle und Fülle, für jeden online abrufbar. Und wer es sich leisten kann, holt sich gar einen persönlichen Berater und/oder Trainer ins Haus – nicht nur für Bewegung und Sport, auch für Ernährung, Lebensrhythmus, Zeitplanung, Stressvermeidung, Beziehungstipps usw.

Gesundheit im Alter ist indes keinesfalls nur ein Privattrend. Auch die Unternehmen in Deutschland sind längst auf den Zug aufgesprungen. Die demographische Entwicklung und der teilweise schon einsetzende Fachkräftemangel haben längst zu einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit geführt. Die Rente mit 65 war gestern, das Eintrittsalter wurde hochgesetzt und wird wohl auch in Zukunft weiter steigen. In den Betrieben hat darum das betriebliche Gesundheitsmanagement Einzug gehalten. Es liefert Antworten auf die Frage, wie anfallende Arbeiten altersgerecht verteilt und wie Mitarbeiter so lange wie möglich fit und motiviert gehalten werden können. Sport-, Freizeit- und Wellnessangebote in Büros und Fabriken sind schon lange keine Seltenheit mehr, auch wenn hier noch viel Raum für neue Entwicklungen bleibt.

Der Grund für diesen Trend liegt auf der Hand. Moderne Arbeitswelten, digitale Kommunikation aber auch der weltweite Einsatz vieler Beschäftigter hatten zuvor wirkliche Pausen zum Abschalten – selbst am Wochenende – immer kürzer werden lassen. Phänomene Burn-Outs und eine wachsende Zahl stressbedingter Erkrankungen in den Tabellen der Statistiker haben die Alarmglocken schrillen lassen. Die Antwort darauf war – zumindest zeitweise – Entschleunigung.

Entschleunigung meint dabei keinesfalls nur, alles irgendwie langsamer zu machen. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine komplexe Mischung unterschiedlichster Bausteine: alte (vergessene oder verdrängte) Traditionen wieder hervorholen und leben, Lebensmittel schonend zubereiten, die Natur als Basis unseres Seins wiederentdecken, wie früher in der eigenen Kindheit vom Laden oder Bauern um die Ecke kaufen und nicht im Einkaufszentrum am Rande der Stadt usw.

Seelenmassagen und Gehirnjogging

Eng mit all dem verbunden ist das, was wir gemeinhin unsere seelische Gesundheit nennen. Geistige Leitungsfähigkeit galt seit Alters her als etwas, das mit dem Fortschreiten der Lebensjahre naturgegeben nachlässt. Heute wird sie jedoch als unbedingt erhaltenswerte Ressource betrachtet, und kaum einer würde sich mehr – überspitzt formuliert – freiwillig seinem Verfall hingeben. Gedächtnistraining ist aber nur ein Instrument, das hier zum Einsatz kommt. Vielmehr geht es auch darum, Älteren Sorgen und Ängste zu nehmen, um über Ausgeglichenheit und eine positive Lebenseinstellung auch im Alter glücklich sein zu können.

In einem Umfeld, in dem sich technische und gesellschaftliche Innovationen immer schneller vollziehen, die Halbwertzeit von Wissen immer geringer wird, das Leben an sich immer komplexer wird und somit gerade für Ältere zumindest subjektiv einen Verlust von Sicherheit, Verlässlichkeit und Planbarkeit mit sich bringt, muss auch die geistige Erholung ihren Platz haben. Wo früher „lediglich“ der sonntägliche Gang in den Gottesdienst angeboten – und wahrgenommen – worden war (und vielfach immer auch noch wird), lassen sich heute unterschiedlichste Angebote und Möglichkeiten beobachten: Esoterik und fernöstliche Religionen gelten als Ansätze, um das Denken wieder auf immaterielle Dinge ausrichten zu können, die einen guten Ausgleich zum materiellen Alltag bieten. Somit ist auch die „innere Einkehr“ in den vergangenen Jahren nach langen Jahren des Schattendaseins wiederentdeckt worden.

Gesundheit im Leben und insbesondere im Alter ist heute ein allgegenwärtiger Trend in unserer Gesellschaft. Gesunderhaltung ist inzwischen ein eigener Dienstleistungssektor mit großem Wachstumspotential. Und der ehemalige „Halbgott in Weiß“ ist zu einem von vielen Angeboten in diesem Paket geworden.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2013

Thorsten Elsholtz
Thorsten Elsholtz ist Geschäftsführer der auf die Gesundheitswirtschaft spezialisierten Kommunikationsagentur "Medien-Therapie". Seit 2001 unterrichtet er als Gastdozent an verschiedenen Medienakademien. www.medien-therapie.de

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