ShelterBox - In Stunden größter Not

Die Menschen in Russland sind dankbar für die Hilfe durch ShelterBox © The ShelterBox Trust

12.10.2012

ShelterBox

In Stunden größter Not

Eva Doerr

Die Rotaracterin Eva Doerr hat ihren ersten Einsatz als ShelterBox-Response-Team-Mitglied hinter sich. Ein Erfahrungsbericht der Katastrophenhelferin aus dem Überschwemmungsgebiet im Südwesten von Russland.

Ich engagiere mich ehrenamtlich als Katastrophenhelferin für die Hilfsorganisation ShelterBox. Als Mitglied im ShelterBox Response Team (SRT) verteile ich lebensrettende Hilfsgüter an Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind und all ihr Hab und Gut verloren haben. Erst während meines ersten Einsatzes infolge der Überschwemmungen im Südwesten Russlands begannen sich diese Worte für mich langsam mit Leben zu füllen. In der Nacht des 9. Juli 2012 war durch heftige Regenfälle eine Flutwelle entstanden, mit der die Bewohner in und um die Stadt Krymsk nicht gerechnet hatten. Vielen der Betroffenen gelang es, aus ihren Häusern zu entkommen. Für andere kam jede Hilfe zu spät – die Katastrophe forderte mehrere Hundert Tote. Nicht nur sein materielles Hab und Gut, sondern womöglich auch Familie und Freunde zu verlieren, ist ein schwerer Einschnitt im Leben jedes Menschen. Ihnen – unabhängig von ihrer nationalen, politischen und religiösen Herkunft – zu helfen ist nicht nur wichtig, sondern vielmehr notwendig.

Im Einsatz

Am 12. Juli, während meiner letzten Klausur an der Universität, erreichte mich die Bitte aus dem ShelterBox-Hauptquartier in England, in den Einsatz nach Russland zu fliegen. Voller Aufregung, nun endlich in die Tat umsetzen zu können, auf was ich mich während meiner Ausbildung zum SRT schon so lange vorbereitet hatte, saß ich bereits am Abend auf meinem gepackten Rucksack. Das Tal der Frustration über den administrativen Aufwand im Vorhinein überwunden, konnten mein Teamkollege Andrew Clouting aus Australien und ich schlussendlich und samt aller notwendigen Einreisegenehmigungen am Mittwoch der darauffolgenden Woche unsere Arbeit vor Ort beginnen. Dies war der erste Einsatz von ShelterBox auf russischem Boden – es gab keinerlei Vorkenntnisse, Erfahrungswerte und Routinen, auf die wir hätten zurückgreifen können. Das Wissen und Engagement der Rotarier vor Ort hat es uns ermöglicht, nicht nur diesen Einsatz erfolgreich zu meistern, sondern auch den Grundstein für zukünftige Arbeit von ShelterBox in Russland zu legen.


ShelterBox hatte mithilfe der örtlichen Rotarier bereits zuvor entschieden, 150 Überlebenskisten und 50 weitere Katastrophenschutz-Zelte nach Krasnodar zu schicken. Die Hilfsgüter kamen somit fast gleichzeitig mit uns im Land an, was uns nicht nur vor logistische Herausforderungen – Klärung von Zollangelegenheiten, Organisation von Transport und Lagerung der Hilfsgüter – stellte. Wir standen vor der Aufgabe, uns ein möglichst umfassendes Bild der Lage zu verschaffen und gleichzeitig möglichst schnell mit der Allokation der Hilfsgüter zu beginnen, weil Not offenkundig und Hilfe dringend war. Die ersten Tage waren besonders intensiv und lang, mit dem Resultat, dass in den Straßen der Dörfer Nizhnebakanskaya, Armanskaya und später Krymsk zwischen den Trümmern der zerstörten Häuser von Tag zu Tag mehr der weißen Katastrophenschutz-Zelte hervorragten. Auch die Hilfe zahlreicher Freiwilliger, die aus St. Petersburg und sogar aus dem weit entfernten Sibirien angereist waren, war hierfür von unschätzbarem Wert. Nicht nur mich hatte der Grad an Solidarität, der sich an der ehrenamtlichen Arbeit und dem humanitären Engagement widerspiegelte, erstaunt – auch für die russische Bevölkerung und Politik­land­schaft war dies ein Novum.

Wir konnten mit vielen der Betroffenen sprechen und ihren Geschichten lauschen. Einige sind und werden mir immer in besonderer Erinnerung bleiben. So auch der Moment, an dem ich meine erste Überlebenskiste an Elvira und ihre Familie übergeben konnte. Sie hatten in der Katastrophe nicht nur ihr Haus, sondern mit diesem auch all ihr Hab und Gut verloren. Ihr Grundstück war durch die anhaltenden Regenfälle und Schlammmassen vollkommen zerstört und sie mussten übergangsweise bei Verwandten unterkommen. Erst das Katastrophenschutz-Zelt, das wir direkt auf ihrem Grundstück neben dem eingestürzten Haus errichten konnten, hat es ihnen ermöglicht, mit den Aufräumarbeiten zu beginnen und damit auch ein Stück weit zur Normalität zurückzukehren. Auch mit Dedzhenie verband mich eine besondere Beziehung. Als sie erfuhr, dass ich aus Deutschland angereist war, um ihr in den Stunden größter Not zu helfen, brach sie in Tränen aus. Die Genese der deutsch-russischen Beziehungen hatte große Auswirkungen auf den persönlichen Verlauf ihrer 84 Lebensjahre. Ich war gerührt von ihrer Offenheit, Freude und Dankbarkeit. Während des Einsatzes konnte ich zum ersten Mal aus erster Hand erfahren, welch großen Unterschied unsere Arbeit im Leben zahlreicher Menschen macht.

Ein gutes Netzwerk ist wichtig

Neben der schnellen und effektiven Verteilung der Hilfsgüter war es zudem unsere Aufgabe, ein Netzwerk aufzubauen, das es ShelterBox in Zukunft ermöglicht, schneller auf Katastrophen in Russland reagieren zu können. ShelterBox legt besonderen Wert auf enge Beziehungen zu den staatlichen Institutionen und politischen Entscheidungsträgern, die durch ihre Anerkennung und Unterstützung das nötige legale und strukturelle Fundament für ShelterBox als humanitärem Akteur in Katastrophenhilfseinsätzen bereitstellen. Wir hatten zunächst Schwierigkeiten, die Weisungsketten und -befugnisse der administrativen politischen Organe vor Ort im Katastrophenhilfsfall zu verstehen. Auch das in Russland vornehmlich auf Misstrauen basierende Verhältnis zu NGOs stellte uns vor große Herausforderungen und erforderte Aufklärungsarbeit. Folglich arbeiteten wir tagtäglich daran, Misstrauen abzubauen und dafür gegenseitiges Vertrauen und Anerkennung zu fördern. Schlussendlich konnten Andrew und ich stolz berichten, welch großes Lob wir von der politischen Verwaltung, nicht nur auf regionaler, sondern ebenso auf föderaler und nationaler Ebene erhalten haben. Das ist ein großer Erfolg nicht nur für diesen Einsatz, sondern auch für die Zukunft von ShelterBox und Rotary in Russland.


Weitere Bilder von Eva Doerrs Einsatz mit ShelterBox in Russland finden Sie hier.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2012

Eva Doerr
Eva Doerr studiert Politikwissenschaften und ist Past Präsidentin des Rotaract Clubs Berlin. Seit 2012 ist sie ehrenamtlich als Katastrophenhelferin für die internationale Hilfsorganisation ShelterBox aktiv. www.shelterbox.de

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