Titelthema - Den einen Osten gibt es nicht

Lemberg/Lwiw – heute wie damals eine pulsierende Metropole. Im Bild eine Straßenszene aus der Zeit um 1900 © Arkivi/akpool GmbH All Rights Reserved

01.02.2018

Titelthema

Den einen Osten gibt es nicht

Uwe Rada

Europa ist das Europa der Regionen und der Vielfalt. Diese zu schätzen braucht es freilich Neugier und Empathie und weniger Fingerzeige gen Osten. Denn die Zukunft Europas ist ungewiss.

Zwischen Begeisterung und Verbitterung lagen nur neun Jahre. Als im August 1980 das Danziger Abkommen zwischen General Wojciech Jaruzelski und der Solidarnosc von Lech Wałesa geschlossen wurde, war Polen in aller Munde. Mit ihrem mutigen Kampf um mehr Lohn und Demokratie hatten die „Helden der Solidarnosc“ eine Schneise in das Bild des monolithischen Ostblocks gehauen, der Kommunismus war plötzlich nicht mehr allmächtig, sondern schien verwundbar. Mutigen Menschen gehörte die Zeit. Dann kam das Kriegsrecht, auf Warschaus Straßen rollten die Panzer.

Ende 1988, Anfang 1989 war das fast schon vergessen. Durch die Lockerung der Ausreisebestimmungen kamen vor allem an den Wochenenden Zehntausende aus Polen nach West-Berlin – und verwandelten die Brache am ehemaligen Potsdamer Platz in einen Polenmarkt. Von unhaltbaren hygienischen Zuständen war in den Medien die Rede, von Schmutz und Krankheiten. Aus den Helden der Solidarnosc waren plötzlich armselige Händler geworden, deren Anblick unsere heile Welt störte.

Wie konnte es kommen, dass sich das Bild der Polen so schnell änderte? Und zudem womöglich noch ein Muster hervorbrachte für unsere Wahrnehmung „des Ostens“ überhaupt? Über die Deutschen und ihr Verhältnis zum Osten Europas schrieb der Historiker Gregor Thum einmal: „Kein Raum hat ihre Phantasie mehr angeregt, vermochte sie gleichzeitig so sehr in Schrecken zu versetzen wie mit Hoffnung zu erfüllen.“

Das gilt nicht nur für Polen, sondern auch für Tschechien und Ungarn. Als mit Václav Havel ein Dichter die Prager Burg bestieg, lag ihm die deutsche Öffentlichkeit zu Füßen. Ein Alkoholiker und Zoten reißender Präsident wie Miloš Zeman erfüllt uns dagegen mit Abscheu. Über den Alltag der Tschechen freilich wissen wir wenig, auch nicht über ihre Wertevorstellungen und ihre Hoffnungen auf die Zukunft. Und Ungarn? Ist das nicht das Land von Viktor Orbán, in dem sich kaum mehr Widerstand regt? Nur manchmal staunen wir dann, wenn Orbán von einem bayerischen Ministerpräsidenten eingeladen wird. Dann ist Ungarn plötzlich nicht mehr Vorbild für die „illiberalen Demokratien“ im Osten, sondern politischer Bündnispartner der CSU.

Und du bist raus
Der Westen und der Osten, und keine Mitte in Sicht. So war das schon einmal, damals als George W. Bush 2003 den Irak-Krieg begann, und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld alsbald vom alten und neuen Europa fabulierte. Wenn das eine Falle gewesen sein sollte, wird sich Rumsfeld die Hände gerieben haben, denn alle tappten hinein. Im Westen der EU nahm man die Zuschreibung „alt“ gerne auf, bedeutete sie doch Tradition, Kultiviertheit, politische Stabilität, Frieden. Ein Europa der Kaufleute, nicht der Krieger. Alles Werte, die die damaligen Beitrittskandidaten erst noch lernen mussten. Aber auch die Beitrittskandidaten der EU freuten sich, schenkte ihnen doch die wichtigste militärische Schutzmacht ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Saat der Spaltung war ausgebracht.

14 Jahre später werden Forderungen laut, bestimmte Länder aus der EU zu werfen, weil sie sich nicht der Wertegemeinschaft der EU verpflichtet fühlten. Schon 2016 wollte luxemburgische Außenminister Jean Asselborn Ungarn die Tür weisen, ein Jahr später teilte der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit mit, die EU könne sich durch Austritte von Staaten, die nicht kooperieren wollen, auch „gesundschrumpfen“. Verkleidet wird diese Phantasie, sich unliebsamer Familienmitglieder zu entledigen, meistens in den Begriff eines „Europas der zwei Geschwindigkeiten“.

Der Osten, so soll das wohl heißen, ist nicht nur dem Westen kulturell, politisch und wirtschaftlich unterlegen, er ist auch noch undankbar und ungezogen. Dass in Warschau Menschen auf die Straße gehen, um gegen die Demontage des Rechtsstaats, die weitere Einschränkung des Abtreibungsrechts oder die Propaganda in staatlichen Medien zu demonstrieren, findet immer weniger Interesse. So entgleitet „der Osten“ langsam unserem Sehfeld, und der nüchterne Blick weicht der Projektion. Was aber, wenn Ungarn oder Polen gar nicht so weit weg wären, wenn sie nicht vor unserer Haustür lägen, sondern zum Haus selbst gehörten? Wollen wir die Sachsen, bloß weil sie häufiger AfD wählen als im Westen, aus der Bundesrepublik Deutschland werfen?

Rückkehr der Stereotype
Der Osten hat die Deutschen noch nie kalt gelassen. Und er hat, auch das schrieb Gregor Thum, immer wieder dazu beigetragen, sein Bild von sich selbst zu machen, denn „kein Raum hat sie (die Deutschen, U.R.) mehr herausgefordert zu Urteilen und Kulturvergleichen“.

Heute könnte man sogar sagen, dass mit der Finanzkrise von 2008 und dem Rechtspopulismus als zunehmend populäre Antwort auf Globalisierung und kulturelle Modernisierung auch eine Rückkehr der Stereotype zu beobachten ist. Sie äußert sich in ethnischen Zuschreibungen wie „die Polen, „die Ungarn“, aber auch „die Sachsen“.
Damit geht auch eine Rückkehr der Geostereotype einher. Wir reden wieder wie selbstverständlich vom „faulen Süden“, vom „undemokratischen Osten“, dem „erfolgreichen“ Norden, und in Polen taucht die Figur des „nihilistischen Westens“ auf.

Auf der Strecke bleibt die Differenzierung und analytische Schärfe. Denn die zunehmende Spaltung Europas verläuft nicht entlang geografischer Zuschreibungen, sondern zwischen wachsenden und schrumpfenden Regionen, Metropolen und abgehängten ländlichen Räumen, kultureller Modernisierung und konservativer Milieus. Auch in Deutschland gibt es „den Osten“, während es in Polen auch „den Westen“ gibt.

Europa ist mehr als die EU
Vielleicht ist es aber so, dass es da einen Zusammenhang gibt. Je „östlicher“ Deutschland selbst wird, desto mehr zeigt es mit dem Finger auf den Osten Europas. Oder aber, auch das gehört zur Hassliebe, von der Gregor Thum spricht, es bewundert autoritäre Politiker, die mal „richtig mit der Faust auf den Tisch hauen“.

In der 1908 nahe der Oder errichteten Markthalle von Breslau zieht mehr als hundert Jahre später die Moderne ein. Lokale Modelabels haben Popupstores gemietet, in einer Ecke versteckt bietet Filip Kucharczyk im Café Targowa den „schwarzen Regen“ an, einen in Breslau gerösteten Kaffee, der bereits mehrere Preise gewonnen hat. Kucharczyk schlägt damit einen Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und er zeigt, wohin auch in Breslau die Reise geht: regionale Produkte, regionale Geschichte, regionales Bewusstsein.

Das „Europa der Regionen“, einst von Brüssel auch als Gegenstand regionaler Förderung der EU ins Spiel gebracht, ist längst mehr als ein bürokratischer Begriff. Europas Regionen sind auch Anker regionaler Identität, ihre Kulturlandschaften haben eine im kollektiven Gedächtnis verwurzelte Geschichte; und selbst da, wo Vertreibung und Bevölkerungsaustausch nach 1945 alte Kulturlandschaften und neue Bewohner neu gemixt haben, gibt es so etwas wie das Gedächtnis des Raums, dem sich niemand entziehen kann.

Auch dafür ist das polnische Breslau ein Beispiel. Selbstbewusst präsentierte es sich während des Kulturhauptstadtjahrs 2016 als „Stadt der Begegnung“ mit böhmischer, habsburgischer und deutscher Vergangenheit und einer polnischen Gegenwart. Eine zutiefst europäische Stadt also, in der nicht wenige Wert darauf legen, dass die Entfernung nach Berlin um einen Kilometer kürzer sei als die nach Warschau.

Aber nicht nur mit Berlin pflegt Breslau – inzwischen sogar an einem Runden Tisch – intensive Beziehungen, sondern auch mit dem ukrainischen Lemberg/Lwiw. Nach 1945 waren es Polen aus Lemberg, die – von den Sowjets nach Westen vertrieben – wesentlich dazu beitrugen, den großstädtischen Charakter Breslaus, aus dem nun das polnische Wrocław wurde, zu erhalten. Während des Kulturhauptstadtjahrs wurden deshalb auch Schriftsteller und Künstler aus Lemberg an die Oder eingeladen. Stiftungen wie das Kollegium Östliches Europa (KEW) organisieren Residenzprogramme für Autoren aus Deutschland und der Ukraine. Und geben ganz nebenbei dem aus Iwano Frankiwsk stammenden Schriftsteller Jurij Andruchowytsch recht, der seit Jahren dagegen anschreibt, die EU mit Europa zu verwechseln. Europa ist tatsächlich mehr, geografisch, aber auch historisch und kulturell.

Auch Lemberg mit seinem grandiosen Marktplatz ist Teil dieses Europas. Aber wer hat hierzulande schon registriert, dass man inzwischen auch mit modernen ukrainischen Zügen von Polen nach Lemberg reisen kann? Und auch Czernowitz ist entlegen und entrückt nur in den Vorstellungen einer kulturellen Sehnsuchtslandschaft, imaginär bevölkert von Paul Celan, Herrn Zwilling und Frau Zuckermann. Die Gegenwart hingegen spinnt ganz andere Wegenetze. Sie folgt der Trasse der Kleinbusse, die Arbeitspendler aus der Westukraine nach Polen, Deutschland und sogar Portugal bringen.

Konkurrierende Erzählungen
Nicht überall ist Geschichte freilich der Stoff, aus dem regionale Identitäten gemacht sind. Vor allem da, wo wie zum Beispiel in Wilna Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen zusammenleben, gibt es auch konkurrierende historische Erzählungen. Als 2009 des 70sten Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs gedacht wurde, fühlten sich in der litauischen Hauptstadt viele Menschen nicht angesprochen. Im einstigen „Jerusalem des Nordens“ spielte der 1. September 1939 eine eher geringe Rolle. Selbst der 17. September, der Tag, an dem die Rote Armee in der damals zu Polen gehörenden Stadt einmarschierte, ist für die polnische Minderheit kein Gedenktag von Bedeutung gewesen. Zwar eroberten die Sowjets die Stadt, die 1923 von polnischen Freikorps dem jungen litauischen Staat entrissen worden war, doch sie blieben nicht lange. Wilna wurde wieder litauisch, auch das ein Grund für das Desinteresse der Polen an diesem Datum.

Für die litauischen Bewohner von Wilna begann der Zweite Weltkrieg erst im Juni 1940, als die Sowjets die Stadt erneut eroberten und diesmal auch besetzten. Damals begannen die Deportationen der litauischen Bewohner nach Sibirien. Für die jüdischen Bewohner des „Jerusalems des Nordens“ war die deutsche Besatzung 1941 die tödliche Zäsur. Von den 220.000 Juden in Litauen haben nur 12.000 die Deutschen überlebt.

Konkurrierende Erinnerungen, unterschiedliche Erfahrungen von Diktatur und Vernichtung. Keine Stadt Europas mag das auf so engstem Raum so intensiv und schmerzlich in sich zu vereinigen wie Wilna. Es gibt zu dieser Konkurrenz historischer Narrative eine optimistische und eine weniger optimistische Formel. Die optimistische stammt vom litauischen Dichter Tomas Venclova. Wilna könnte, sagte er einmal, ein „Straßburg des Ostens“ werden, ein Sinnbild für das Zusammenwachsen Europas. Doch auch das Kontrastbild wurde bereits bemüht: Wilna als litauisches Sarajevo, die Konkurrenz der historischen Erzählungen als Zerfallsprodukt der multikulturellen Stadt.

Eine Frage der Neugier
Straßburg oder Sarajevo? Das liegt auch an uns und unserer Wahrnehmung. Sind wir neugierig genug, um in Städten wie Breslau, Lemberg oder Wilna die feinen Unterschiede zu lesen, vielleicht sogar einmal die Perspektive zu wechseln, und das „eigene“ mit den Augen des „anderen“ zu sehen?

Sind wir willens, die Bilder, die wir im Gepäck haben, mit denen abzugleichen, die wir gezeigt bekommen würden, wenn wir uns auf den Weg machten? Nach Belarus, in die „letzte Diktatur Europas“, auf den Balkan oder in die baltischen Staaten? Es würde sich lohnen, denn dabei würden wir feststellen: „Den Osten“ gibt es so gar nicht. Er ist mehr unsere Vorstellung als reale Erfahrung. Und selbst in den östlich an uns grenzenden Ländern hat jeder seine eigene Vorstellungen vom Osten, wie auch vom Westen.

Auch unser Bild der Polen würde sich vielleicht wieder ändern. Denn der unbeugsame Freiheitswille, der uns schon zu Zeiten der Solidarnosc fasziniert hatte, verdient auch heute wieder unsere Unterstützung.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2018

Uwe Rada
Uwe Rada ist Redakteur der „taz” und koordiniert das Online-Dossier „Geschichte im Fluss“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Bei Siedler veröffentlichte er in den letzten Jahren eine Flüsse-Trilogie: „Die Oder. Lebenslauf eines Flusses“ (2009), „Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ (2010) sowie „Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss“ (2013). www.uwe-rada.de/

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