08.09.2011

Warum wir auf authentische Rekonstruktionen verlorener Baudenkmäler verzichten sollten

Denkmalpflege und Erinnerungsarchitektur

Adrian von Buttlar

Rekonstruktionen von Baudenkmälern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und dann im Zuge des Wiederaufbaus aus ideologischen, ökonomischen oder städtebaulichen Gründen gänzlich „entsorgt“ worden waren, haben Konjunktur. In Braunschweig, Berlin, Dresden, Potsdam, Hildesheim oder Frankfurt kehrten und kehren ganze oder halbe Schlösser, Kirchen, Kirchtürme und Bauakademien oder Renaissancefassaden und barocke Altstadtquartiere zurück. Der Streit um den rechten Weg, an Vergessenes zu erinnern, Verlorenes „zurückzugewinnen“, „Wunden zu heilen“ oder im Namen von Geschichte „Identität“ stiften zu wollen, entzweit nicht nur die Fachwelt, sondern die Nation. Denn die erbittert geführte Debatte um den Abriss des Palastes der Republik und die an seiner Stelle geplante Simulation des Berliner Stadtschlosses fokussiert nur die Spitze eines Eisbergs brandneuer Denkmalattrappen, die einen gefährlichen Paradigmenwechsel unseres kulturellen Selbstverständnisses signalisieren. Ähnlich wie im Universalienstreit des Mittelalters geht es auch hier nicht um ein weltfremdes Glasperlenspiel, sondern um eine handfeste intellektuelle Neuordnung der Welt. Endlich – so wird gejubelt – dürfen wir ohne schlechtes Gewissen alles, was uns nützlich, lieb und teuer erscheint, aus dem historischen Jenseits ins Stadtbild zurückholen.  Warum also hinter gefälschte Bilder blicken, wenn sie doch im Dienste von nationaler oder regionaler Geschichtspolitik, Nostalgie, Kommerz und Wellness der tiefen Sehnsucht nach „Identität“ entgegenkommen? Die Antwort ist komplex: Rekonstruktionen unterminieren den klassischen Auftrag der Denkmalpflege, Baudenkmäler in ihrer materiellen Überlieferung als Zeugnisse der Geschichte zu erhalten und auf diese Weise möglichst „authentisch“ an kommende Generationen weiterzugeben. Sie lassen im wahrsten Sinne des Wortes die oft unscheinbarer wirkenden, originalen Relikte der Geschichte „alt aussehen“, graben der Denkmalerhaltung dringend benötigte Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen ab und korrumpieren Wahrnehmung und kritisches Geschichtsverständnis.  Idee und Auftrag der Denkmalpflege hatten sich im Zuge der Aufklärung und des damit verbundenen Geschichts- und Nationalbewusstseins seit dem 18. Jahrhundert entwickelt. In Preußen gelang es Karl Friedrich Schinkel nach den Befreiungskriegen, Denkmalpflege als staatlichen Auftrag und als behördliche Institution zu etablieren. Gegen allzu verfälschende Nachempfindungen und Phantasieprodukte richtete sich die Forderung „Konservieren, nicht Restaurieren“, die der Kunsthistoriker Georg Dehio um 1900 im Zuge des Streites um den geplanten Wiederaufbau des (zweihundert Jahre zuvor!) von den Franzosen zerstörten Heidelberger Schlosses zur Basis der modernen wissenschaftlichen Denkmalpflege machte – ein Grundsatz, der in der Denkmalpflege – Charta von Venedig (1964) – fortge-schrieben wurde.

Das virtuelle Denkmal oder  der „Iconic turn“

Bei aller Unterschiedlichkeit der Maßnahmen, die die Denkmalpfleger in den letzten hundert Jahren im Umgang mit Baudenkmälern praktizierten, blieb ein Grundsatz unumstößlich, nämlich dass es bei einem Denkmal um eine „Sache aus anderer Zeit“ geht, die es aus geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen oder wissenschaftlichen Gründen zu erhalten gilt. Denn gerade darin liegt ja der einzigartige Zeugniswert des Denkmals, das zwar unterschiedlich gedeutet werden kann, als materielle Überlieferung aber unersetzlich bleibt: als authentische Quelle ferner Zeit. Das Motto des Internationalen Denkmalschutzjahres 1975 – „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ – formulierte noch den unmissverständlichen Auftrag, wertvolle historische Substanz in die Zukunft zu retten. Heute hat sich dieses Motto offenbar in sein Gegenteil verkehrt, nämlich in die Forderung: „Eine (passende) Vergangenheit für unsere Zukunft“! zu konstruieren.

Die Rekonstruktion untergegangener Baudenkmale rekurriert auf ein neues, durch die digitale Revolution befördertes, zweifellos defizitäres Wirklichkeitsverständnis im Sinne der oft beschworenen Wende zur Bild-Dominanz („iconic turn“). Das virtuelle Denkmal existiert nur noch im Kopf – als Erinnerung – als Bild oder mehr oder minder fragmentarischer Datensatz (gespeichert in sekundären Quellen wie Plan, Ansicht, Fotografie, Bauakte und Beschreibung). Um es wieder ins Leben zu „beamen“ (wozu heute ungeahnte technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen), verdrängt die Rekonstruktionslobby die Geschichtlichkeit des Bauwerks zugunsten einer zeitlosen, rein künstlerischen „Idee“. So wird der Bauplan schnell zur „Partitur“, nach der sich ein historisches Bauwerk bei Verlust jederzeit wieder neu aufführen lasse wie eine Sinfonie im Konzertsaal. Die Musikwissenschaftler haben diesen schiefen Vergleich längst zurückgewiesen, da die Musik eine performative Kunst ist, zu der es statt eines „Originals“ immer nur divergente Interpretationen geben kann. Die oft über Jahrzehnte mühsam gewordene Gestalt und gealterte Materialität eines Baudenkmals ist als Unikat das größtmögliche Versprechen seiner „Echtheit“. Um so schlimmer, wenn diese Erwartung mit allen Mitteln der Täuschung – durch „authentische Rekonstruktion“ bis hin zur künstlichen Patina – betrogen wird. Rekonstruktionen werden meist im Namen der Geschichte durchgesetzt und gelten ihren Vorkämpfern als Ausdruck des einzig wahren Geschichtsbewusstseins, das sich endlich anschickt, die durch die Verbrechen der Diktaturen und die „Sünden der Moderne“ gestörte Beziehung zur „guten“ Vergangenheit zu überwinden. Als Vorbild wird gern auf Polen verwiesen und verschwiegen, dass der polnische Generalkonservator Jan Zachwatowicz nach dem Kriege von einer „Tragödie der denkmalpflegerischen Fälschung“ sprach, als er angesichts der zerstörten Altstädte von Warschau und Danzig deren Wiederaufbau als Erinnerungsbild für unverzichtbar erklärte, um die Symbole nationaler Identität nicht gänzlich preiszugeben. Ob und wann aber ein solcher Sondertatbestand tatsächlich vorliegt, muss stets sehr sorgfältig geprüft und ausgehandelt werden. Der denkmaltheoretisch umstrittene Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche kann wohl am ehesten einen solchen Sonderstatus beanspruchen. Allzu durchschaubar aber bleibt die ideologische Revision der Geschichte bei der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses als Gegenbau zum abgerissenen Palast der Republik, der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale als Gegenbau zum nie vollendeten Sowjet-Palast oder beim Vorschlag, das durch die kommunistische Commune 1871 zerstörte Pariser Tuilerien-Schloss wieder aufzubauen.

Erinnerungsarchitektur

Die Sehnsucht, historische Orte zu markieren und verschüttete Erinnerungen zu wecken, kann allerdings nicht einfach durch ein Rekonstruktionsverbot unterdrückt werden. Vielmehr ist bei „Phantomschmerz“ auf eine andere Kulturtechnik, auf kreativere Möglichkeiten der Verlustkompensation hinzuweisen. Eine intelligente Architektur der Erinnerung ist ein vielfach praktizierter – aber heute eher verdrängter – Ausweg aus dem Dilemma der Geschichtsklitterung.  Schon in der Modernisierungseuphorie des Wiederaufbaus in den fünfziger Jahren gab es Ansätze, charakteristische Konfigurationen der zerstörten Altstädte als Erinnerungspotenzial in einer abstrahierenden, neue Bedürfnisse integrierenden Form wieder aufzubauen. Oft zitiert wird das Beispiel des Prinzipalmarktes in Münster (1946-1960), dessen zerstörte Renaissance-Giebelhäuser stark vereinfacht und modernisiert wurden, um durch Ähnlichkeit bei gleichzeitiger Differenz den zentralen historischen Platzraum der Stadt wieder erkennbar zu artikulieren. Der erst in den späten 1970er Jahren von Hardt-Waltherr Hämer und Joseph Paul Kleihues geprägte Begriff der „kritischen Rekonstruktion“ wurde im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung (IBA 1984/87) zu einem städtebaulichen Sanierungskonzept erhoben. Dazu gehörte neben der in erster Linie sozialen Reparatur der Stadt die Rücksicht auf die historischen Strukturen bis hin zur Nachkriegsmoderne: „Denn die Moderne ist ein Stück unserer Lebens- und Kulturgeschichte […] Deshalb das Attribut kritisch, denn es kann und darf nicht um die Rekonstruktion eines status quo ante gehen […]“, sondern lediglich um das „Durchscheinenlassen von Vergangenheit in aktueller, Neues suchender Formgebung“ einschließlich des „möglichst unverkrampfte[n], respektvoll spielerische[n] Umgangs mit geschichtlichen Spuren“.  In der Erinnerungsarchitektur im Sinne „kritischer Rekonstruktion“ bewähren sich Spielarten der architektonischen Postmoderne, deren Zitierlust ohne einen konkreten Spannungsbogen zur Geschichte und zur historischen Identität eines Ortes meist ins Beliebige und Belanglose abzusinken droht. Am Neuen Markt in Potsdam sollte beispielsweise ein friderizianisches Bauensemble wieder geschlossen werden. Hier entstand 1999/2000 eine im Detail getreue, jedoch durch Inversion verfremdete Barockfassade, die sich mit dem gläsernen „Grund“ hinter der historischen Gliederung als Gegenwartsbau deutlich zu erkennen gibt. Wolfgang Schäche lobte, der Architektin Nicola Fortmann-Drühe sei eine beeindruckende Verbindung von geschichtlichem Widerschein und gegenwärtiger Architektur gelungen. Vom „nostalgischen Augentrost“ des jüngsten „Business-Barock“ am Dresdner Neumarkt kann man dies wahrlich nicht behaupten. Zu den „minima moralia“ im Umgang mit verlorenen Baudenkmälern gehört die Einsicht, dass die Gestalt des Werkes, das in einem Prozess des Erinnerns zurückgewonnen werden soll, eine – vielleicht auch nur auf subtile Weise – bewusst andere sein muss. Wenn in unserer Zeit – aus welchen Gründen auch immer – „Erinnerungsarchitektur“ gebraucht wird, dann sollte diese sich als reflektierte Auseinandersetzung mit dem verlorenen Monument, seiner Geschichte und Bedeutung zu erkennen geben. Gerade in der Gestaltung der Differenz liegt die baukulturelle Herausforderung der Gegenwart. 

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Adrian  Buttlar
Professor Dr. Adrian von Buttlar arbeitet am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik an der TU Berlin. 2010 gab er in der Reihe Bauwelt Fundamente den Band „Denkmalpflege statt Attrappenkult“ heraus. Der vorliegende Beitrag basiert auf einem Artikel, den der Autor ursprünglich für die Hochschulzeitung der TU Berlin verfasste.
       kunstgeschichte.tu-berlin.de

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