08.09.2011

Warum "schön" und "häßlich" keine Frage von "alt" und "neu" ist

Der Herrenschuh

Christoph Mäckler

In vielen Städten Deutschlands entstehen derzeit neue Gebäude, die unsere Nachkriegsarchitektur nach nur 40 Jahren ersetzen und den Charakter der Städte oft stark beeinflussen. Auch, wenn es Bauwerke sind, die etwas mit dem Ort, seiner Geschichte, Kultur, ja seinem Material zu tun haben, muss sich der Bewohner der Stadt doch an sie gewöhnen, wie an ein neues Paar Schuhe. Zu Beginn fühlt man sich unwohl im neuen Schuhwerk. Das Leder ist noch zu hart, um sich dem Fuß schon richtig anpassen zu können. Doch nach einer Weile dehnt sich das Leder, der stetige Gebrauch und die sorgfältige Pflege machen das Schuhwerk geschmeidig, es passt sich dem Fuß an, und je älter der Schuh ist, desto wertvoller wird er für denjenigen, der damit um(her)geht. Es gibt allerdings drei grundsätzliche Voraussetzungen, die für den Werterhalt und den Alterungsprozess des Schuhwerks unabdingbar sind: 1. Der Schuh muss aus hochwertigem Leder gearbeitet sein. 2. Der Schuh muss perfekt genäht und verarbeitet sein. 3. Der Schuh muss klassisch geschnitten sein.

Ein jeder, der diese Regeln beachtet, hat über lange Jahre Freude an seinem Schuh, und fast scheint es müßig, dieses jahrhundertealte Wissen nochmals niederzuschreiben. Ein jeder Herr, der kultiviert war, achtete und schätzte diese Regeln. Und dies, obwohl er sich genau wie seine Vorfahren den Neuerungen technischer Errungenschaften seiner Generation nicht verschloss, sondern sie im Gegenteil nutzte, ja förderte.

Er schätzte diese Regeln nicht etwa, weil er sich damit in seiner gesellschaftlichen Umgebung als Ewiggestriger gerieren konnte, oder um sich einer vermeintlich konservativen Führungselite anschließen zu können, deren Neigung zu mehr Tradition oft mit erschreckender Naivität und kultureller Flachbrüstigkeit einherging und nicht selten in Stilbrüchen endete. Nein, er, der kultivierte Herr, liebte seinen Schuh, weil er ihn schon vor 20 Jahren auf seiner Reise nach New York und der denkwürdigen Besteigung des Straßburgers Münsterturmes getragen hatte. Sein Schuh schreibt Geschichte, seine persönliche Lebensgeschichte. Er ist ein Stück seiner Lebenswelt, ein Stück seiner eigenen Identität. Ihm diesen Schuh zu nehmen, hieße, ihn eines Teiles seiner persönlichen Geschichte zu berauben, die über all die Jahrzehnte seines Lebens stets von Qualitätsbewusstsein geprägt war. Dieses Qualitätsbewusstsein hat seit vielen Jahrhunderten Tradition in seiner Familie. Auch sein Vater, und schon sein Urgroßvater, achteten auf die hohe Qualität des Leders, seiner Verarbeitung und Pflege. Und auf diese Tradition ist man stolz in der Familie. Ein einziges Mal aber erfuhr diese Tradition einen Bruch, von der sie sich, wenn überhaupt, nur schwer erholen wird, nämlich in jener Zeit der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, in der man die Ledersohle des Schuhwerkes gegen die elastische „Kreppsohle“ aus Kautschuk eintauschte, weil man der Erinnerung an den hart knallenden Tritt des SS-Stiefels aus schwarz glänzendem Leder etwas entgegensetzen wollte. Mit jedem quietschenden Schritt des Kreppsohlenschuhs, so schien es, dokumentierte der Träger in jener Zeit nach 1945 seine politische Anschauung. Die Tradition des genähten Schuhwerkes aus hochwertigem Leder, klassisch geschnitten und perfekt gearbeitet aber schien unterbrochen, die drei Kriterien des Werterhalts in Vergessenheit geraten: Als hätte sich die Form des Fußes geändert, verlor der Herrenschuh mehr und mehr seine bis dahin gelebte Qualität. Und es dauerte kaum 20 Jahre, so wurde der Schuh nur noch geklebt und das alterungsfähige hochwertige Leder gegen Kunststoffe eingetauscht: Das Schuhwerk degenerierte zum billig produzierten Schuh.

Die Qualität des Bauens

Dem Schuhwerk aber entspricht das Bauwerk: Nur hochwertige Materialien und deren perfekte Verarbeitung in selbstverständliche Formen, die nicht modischen Tendenzen unterliegen, garantieren Beständigkeit über Generationen. Im Unterschied zur Beständigkeit beim Schuhwerk, die von einer persönlichen Haltung zu den Dingen, mit denen wir uns umgeben, erzählt und vielleicht einer persönlichen Tradition entspricht, entwickelt die Beständigkeit beim Bauwerk eine örtliche Tradition, die öffentlich wahrgenommen wird und die Qualität und Schönheit unserer Städte sowie das Lebensgefühl auf ihren Straßen und Plätzen nachhaltig prägt.

Plätze wie der Platz des Vosges in Paris oder die Piazza Navona in Rom haben sich fest in unsere Erinnerung eingeprägt und dies nicht nur, weil sie eine gleichmäßige einprägsame Form hätten oder weil sie möglicherweise baugeschichtlich von Bedeutung wären. Wer weiß schon um die baugeschichtliche Bedeutung der Piazza Navona? Nein, sie bleiben deshalb unserer Erinnerung gewahr, weil wir diese Erinnerung jeden Tag aufs Neue auffrischen können: Diese Plätze haben sich in ihrem Äußeren seit Generationen kaum geändert. Ihr Äußeres hat Tradition, der Ort hat Tradition. Er hat eine eigene Identität, einen Wiedererkennungswert, der für das Wohlbefinden des Menschen von unmessbarem Wert ist. Wir empfinden solche Orte als unser Zuhause. Wie wichtig ein solcher Ort für unser Leben auch heute ist, lässt sich an der Politik der großen Hotelkonzerne ablesen, deren wichtigstes Ziel es ist, dem Gast überall auf der Welt das gleiche Hotelzimmer, mit den gleichen Materialien und dem Lichtschalter, der an der gleichen Stelle angebracht ist, anzubieten. Man bietet dem Gast „sein Zuhause“ an und hat damit großen wirtschaftlichen Erfolg. Und dies, obwohl so mancher Stadtplaner uns die Globalisierung als Nachweis für den geringen Wert des städtischen Zuhauses beibringen möchte. Man kann den Ort des „Zuhauses“ am besten am eigenen Wohnzimmer ablesen. Um sich wohl zu fühlen, um sich Zuhause zu fühlen, spielt die Beständigkeit der Anordnung des Mobiliars, die Beständigkeit seiner Farbe, seiner Form und seiner Materialität eine unbedingte Rolle. Kein Mensch ändert ununterbrochen das Aussehen seines Zuhauses, ohne dass dies eine Auswirkung auf sein persönliches Wohlbefinden hätte. Lässt sich die örtliche Tradition über das Wohnzimmer hinaus auf das Haus, in dem sich das Wohnzimmer befindet, auf die Straße, den Platz oder gar den Ort hin ausdehnen, steigt das persönliche Wohlbefinden des Stadtbewohners um ein Vielfaches. Doch während wir auf die Beständigkeit unseres persönlichen Zuhauses wie auf unser Schuhwerk im täglichen Leben selbstverständlich Einfluss nehmen, scheinen uns die politischen Werkzeuge für die Einflussnahme auf die Beständigkeit der örtlichen Tradition, der Straße, des Platzes oder gar eines gesamten Ortes zu fehlen. Sie sind uns abhandengekommen, weil uns das Bewusstsein für den Wert der Beständigkeit des Ortes abhandengekommen ist.

Kriterien des Edlen

Der gleiche Herr, dem hochwertiges Schuhwerk eine Selbstverständlichkeit ist, scheint bei der Errichtung der die Stadt prägenden Bauwerke von jenen Kriterien, die ihm bei seinem Schuhwerk so wichtig sind, nichts zu wissen. Denn man vermag ohne Mühe die gleichen Regeln für die Errichtung von Bauwerken aufzuzählen: Die Verwendung von hochwertigen dauerhaften Materialien und ihrer handwerklich ordentlichen Fügung und Verarbeitung, zur selbstverständlichen, dem Ort angemessenen Bauform, die zeitgebundene spektakuläre Modeformen meidet, und so mit seiner Umgebung eine stadträumliche Einheit bildet, statt sich von ihr abzusetzen wie ein billiger Turmschuh. Doch scheint die Gesellschaft über diese Gesetzmäßigkeiten wenig informiert zu sein. Wie sonst ließen sich die vielen architektonischen Fehlgriffe in unseren Städten und der Abriss von nicht einmal 40 Jahre alten Gebäuden, Rathäusern und Museen erklären? Während wir der funktionalen Stadtplanung unsere ganze Aufmerksamkeit widmen, bleiben die Wahl und die Verarbeitung des Materials eines Bauwerkes und dessen architektonisches Erscheinungsbild meist völlig unberücksichtigt und dies, obwohl ein jedes Haus im Zusammenspiel mit den Nachbarhäusern das städtebauliche Gesamtbild einer Straße oder eines Platzes prägt, eine Straße schön oder hässlich werden lässt. Wir beachten die Höhe eines Hauses, ob eine Fassade aber aus Sandstein, rotem Ziegel, Putz oder aus Spiegelglas errichtet ist, entzieht sich noch heute meist dem öffentlichen Interesse. Doch die Gesellschaft beginnt, auf diese städtebauliche Ignoranz zu reagieren. Landauf landab werden Bauwerke oder gar Stadtteile rekonstruiert. Die Flucht in die Vergangenheit ist dabei nichts anderes, als der Versuch, etwas an der Hässlichkeit der neuen Stadt zu ändern. Und da der Bürger nicht weiß, wie er Schönheit definieren, ja realisieren soll, weil ihm die Kriterien hierzu abhanden gekommen scheinen, flüchtet er sich in das ihm gewohnte alte Bild der Stadt. Uns Architekten sollte dies zu denken geben!

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Christoph Mäckler
Professor Dipl.-Ing. Christoph Mäckler Architekt in Frankfurt und Berlin und lehrt seit 1998 als Professor für Architektur und Städtebau an der TU Dortmund. Zu seinen bekanntesten Bauten gehören der Lindencorso in Berlin und der Opernturm in Frankfurt. 2008 gründete Mäckler das Deutsche Institut für Stadtbaukunst. chm.de

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