Porträt - Der Mann, der Berlin barockte

© Eigentum des Hauses Hohenzollern, SKH Georg Friedrich Prinz von Preußen, Burg Hohenzollern

16.06.2014

Porträt 

Der Mann, der Berlin barockte

Guido Hinterkeuser

Guido Hinterkeuser über Leben und Werk des Bildhauers und Baumeisters Andreas Schlüter, der vor 300 Jahren starb.

Andreas Schlüter, Bildhauer und Architekt, um 1659 in Danzig geboren und 1714 in Sankt Petersburg verstorben, feierte seine größten Triumphe in Berlin, dessen Aufstieg zur Königsmetropole ab 1701 untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Bevor er jedoch 1694 ins Kurfürstentum Brandenburg kam, war er seit 1681 in Warschau für den polnischen König Jan III. Sobieski tätig. Dessen Truppen war es 1683 zu verdanken, dass Wien, die Hauptstadt des römisch-deutschen Kaisers, nicht von den türkischen Belagerern erobert wurde – ein Einsatz, der ihn als Retter der Christenheit in ganz Europa populär machte. Entsprechend glanzvoll entwickelte sich in diesen Jahren sein Hof. Schlüter dürfte daran weitaus weniger Anteil gehabt haben als früher angenommen, doch erlebte er hier aus nächster Nähe, wie mit den Mitteln der Kunst die Würde eines Königs zu inszenieren war. Und genau das sollte ihn für Berlin interessant machen, wo Kurfürst Friedrich III. sofort nach seinem Regierungsantritt 1688 alles daran setzte, für seine Dynastie den Rang eines Königs zu erlangen.

Man weiß nicht, wie 1694 der Kontakt zwischen dem Berliner Hof und Schlüter eigentlich zustande gekommen war, ob er sich selbst ins Spiel gebracht oder ob man ihn gezielt aus Warschau abgeworben hatte. Klar ist immerhin, dass man für die anstehenden Bauprojekte einen hoch qualifizierten Bildhauer benötigte, waren damit doch aufwendige bauplastische Arbeiten – heute würde man von „Kunst am Bau“ sprechen – verbunden. Das betraf einmal die Lange Brücke über die Spree, die ab 1694 erstmals durch einen Bau aus Stein ersetzt wurde, und zum zweiten das ab 1695 errichtete neue Zeughaus, in dem heute das Deutsche Historische Museum untergebracht ist. Für die Brücke schuf Schlüter steinerne Flussgötter am Fuß der Pfeiler, die längst verloren sind, vor allem aber das legendäre Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, in Bronze gegossen von dem kongenialen Johann Jacobi, das heute im Ehrenhof von Schloss Charlottenburg steht.

EIN BILD VON EINEM SCHLOSS

Seinen weiteren Aufstieg verdankte Schlüter nicht nur seinem überragenden Können als Bildhauer. Hinzu kamen glückliche Umstände, die er mit Umsicht und Mut zu nutzen wusste. Denn seit dem überraschenden Tod Johann Arnold Nerings im Oktober 1695, der bis dahin das kurfürstliche Baugeschehen beherrscht hatte, mangelte es an einem fähigen Architekten, der laufende wie anstehende Bauvorhaben souverän zu bewerkstelligen wusste. Im Frühjahr 1698 schließlich erhielt der Bildhauer Schlüter auch die Bauleitung am Zeughaus übertragen. Das zentrale Projekt, das anstand, war jedoch der Umbau des altehrwürdigen, aber eben auch altmodischen Renaissance-Schlosses in einen modernen barocken Palast, der als Sitz für einen künftigen König angemessen wäre. Schlüter, auch ein begnadeter Zeichner, entwarf daraufhin ein Modell, das die Substanz des Altbaus weitgehend unangetastet ließ, ihn zu einem Vierkant vervollständigte und ihm dennoch mit Fassaden in einer radikal zeitgenössischen Formensprache das Erscheinungsbild eines völligen Neubaus gab. Damit erzeichnete er sich förmlich den Auftrag und wurde zum Schlossbaudirektor ernannt, um seinen Entwurf umzusetzen.

Die Zeit von da an bis 1706 muss Schlüter in permanenter Rastlosigkeit verbracht haben. Der Bau schritt mit enormer Geschwindigkeit voran, und der Meister war für alle Belange der Architektur verantwortlich. Zudem gab er den Fassaden üppigen bauplastischen Zierrat, was bei seiner eigentlichen Profession als Bildhauer verständlich ist. Dabei konnte er nur wenige herausragende Einzelstücke noch selbst aus dem Stein schlagen, ansonsten dirigierte er ein Heer von Bildhauern, die seine Entwürfe umzusetzen hatten. Und nach einem ähnlichen Verfahren erfolgte parallel die Ausstattung der Innenräume, wo Maler und Stuckateure seinen Ideen folgen mussten. Allein das Pensum, das Schlüter am Schloss bewältigte, wo er entwerfen und beaufsichtigen musste, hätte manch anderen bereits überfordert. Um so mehr erstaunt es, dass er bei all dem immer noch Zeit für andere Aufträge fand.

EIN WANKENDES SYMBOL

Allerdings legte sich schon während dieser so überaus erfolgreichen Jahre ein Schatten auf sein Werk, erst ganz allmählich und für Außenstehende nicht zu bemerken; die Tragweite war Schlüter wohl anfangs selbst nicht recht klar. Die ersten sichtbaren Erfolge am Schloss im Jahr 1701, als anlässlich des Einzugs des frisch zum König gekrönten Friedrich I. die neue Fassade zum Schlossplatz eingeweiht wurde, ließen den Wunsch aufkommen, den alten Münzturm an der Nordwestecke des Schlosses nicht nur ebenfalls in barocken Formen zu modernisieren, sondern zugleich noch um das Dreifache, auf nunmehr fast einhundert Meter, zu erhöhen. Dadurch hätten Schloss und Stadt eine markante Höhendominante erhalten, die, gewollt oder ungewollt, auch als Symbol der neu erlangten Königswürde anzusehen war. Schon 1703 traten Probleme mit der Statik auf, die Schlüter nicht in den Griff bekam. Mit wachsender Höhe neigte sich der Turm und musste schließlich 1706 in größter Hast abgetragen werden. Schlüter wurde daraufhin als Schlossbaudirektor entlassen.

Dies muss ihn tief getroffen haben. Unvollendet blieb nun sein Modell, und er musste zusehen, wie ein Konkurrent, der Schwede Johann Friedrich Eosander, seine Pläne verfremdete. Immerhin war das unfertige Schloss schon damals das modernste im Heiligen Römischen Reich. Schlüter blieb in Berlin, ja bewohnte sogar ein Haus ganz in der Nähe der Residenz. Das Amt des Hofbildhauers wurde ihm nicht genommen. Das Wenige, das er in den folgenden immerhin noch sieben Jahren in Berlin schuf, lässt sich indes mit der Rastlosigkeit der Jahre zuvor nicht vergleichen. 1711 beauftragte ihn der preußische Staatsminister Ernst Bogislav von Kameke, am Spreeufer in der Dorotheenstadt ein Landhaus zu errichten, eine Villa suburbana. Schlüter löste die Aufgabe in nur einem Jahr und entwarf sein neben dem Schloss schönstes Gebäude, dessen Straßenfassade süddeutsch-barocke Heiterkeit nach Berlin trug.

LETZTE JAHRE IN SANKT PETERSBURG

Der Tod seines langjährigen Auftraggebers König Friedrich I. im Februar 1713 brachte eine neuerliche Zäsur. Bis dahin hatte er immer noch Jahr für Jahr seine Besoldung als Hofbildhauer erhalten, auch wenn er dafür nur selten in Anspruch genommen worden zu sein scheint. Erst jetzt trat er nochmals in Erscheinung und entwarf das Modell für den Sarkophag seines langjährigen Mäzens, der wie sein Pendant für die erste preußische Königin Sophie Charlotte, das Schlüter bereits 1705 gemeinsam mit Johann Jacobi geschaffen hatte, noch heute im Berliner Dom zu bewundern ist. Ansonsten wurde zu dieser Zeit sein Ruf als Bildhauer längst durch seinen Ruhm als Architekt überstrahlt, und als solcher trat er im Mai 1713 denn auch in die Dienste Zar Peters des Großen. In Sankt Petersburg, wo er im Sommer 1713 eintraf, bezog er eine Wohnung im Sommerpalais des Zaren, für dessen Fassade er noch einige Reliefs entwarf, die sich bis heute erhalten haben. Vor allem entwickelte er noch die Pläne für ein kleines Lusthaus, Monplaisir genannt, dessen Vollendung er allerdings nicht mehr erleben sollte. Denn nach nur einem Jahr in Russland, Ende Mai, Anfang Juni 1714 verstarb Schlüter unter ungeklärten Umständen. Auch sein Grab kennt man nicht, wie denn bis heute auch kein Portrait von ihm aufgetaucht ist.

Es war Schlüter versagt, Petersburg seinen Stempel aufzudrücken, wie ihm dies in Berlin gelungen war. Und dennoch ist das schlichte Lustgebäude an der Ostsee heute Schlüters einziges erhaltenes architektonisches Werk. Denn im Berliner Stadtbild ist er schon lange nicht mehr präsent. In der Folge des letzten Krieges verschwanden die Ruinen des Residenzschlosses und des Landhauses Kameke, schon Jahrzehnte zuvor waren andere bedeutende Gebäude dem Wachstum der Hauptstadt geopfert worden. Die wenigen geborgenen Stücke der Bauplastik und Innendekoration erleben bis heute eine Odyssee durch die Berliner Museen und sind längst nicht alle restauriert. Die aktuelle Schau im Bode-Museum vermittelt eine beeindruckende Vorstellung davon, welche Schätze hier noch erhalten sind.

Außerdem ersteht derzeit im Herzen der Stadt sein Hauptwerk, das Berliner Schloss, neu im Zuge einer Teilrekonstruktion, die im Inneren das Humboldt-Forum aufnehmen soll. Schlüters Fassaden zum Lustgarten und zum Schlossplatz, dazu der von ihm angelegte Innenhof werden akribisch und materialgerecht nachgebildet werden. Wenn auch nicht vor dem für immer verlorenen Original, so doch vor einer Nachbildung nach bestem Wissen und Gewissen wird man dann demnächst auch den Architekten Schlüter wieder ganz neu erfahren und begreifen können.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2014

Guido Hinterkeuser
Dr. Guido Hinterkeuser ist Kunsthistoriker und Publizist. Zu seinen Bu?chern gehört u.a. „Wege fu?r das Berliner Schloss / Humboldt-Forum. Wiederaufbau und Rekonstruktion zerstörter Residenzschlösser in Deutschland und Europa 1945– 2007“ (Schnell & Steiner 2008). Schnell & Steiner

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