08.09.2011

Das Beispiel Berlin und warum Moderne und Rekonstruktion kein Gegensatz sind

Die Geburt der Architektur aus der Fotografie

Philipp Oswalt

Es wäre ein völliges Missverständnis, Rekon-struktionen in Architektur und Städtebau heute als etwas Konservatives zu sehen. Die heutigen Rekonstruktionsvorhaben sind etwas absolut Modernes. Die Kulturpraxis des Rekonstruierens von Bauwerken gibt es schon fast so lange wie das Bauen selbst. Aber sie ging bis zum Beginn der Moderne immer mit Aneignung und damit auch einer Aktualisierung einher. Die heute präferierte Form der Rekonstruktion – die fotografisch exakte Reproduktion der einstigen äußeren Erscheinung – stellt etwas recht Spezifisches dar, was sich aus der Moderne entwickelt hat und auch erst durch das Aufkommen der technischen Bildmedien möglich geworden ist. Das Projekt des Wiederaufbaus der Fassaden des Berliner Schlosses ist hierfür exemplarisch. Als Architekt der Rekonstruktion des Berliner Schlosses fungiert weder Andreas Schlüter (der Hauptarchitekt des Ursprungsgebäudes) noch Franco Stella (der mit der Rekonstruktion im Jahr 2009 beauftragte Architekt), sondern Albrecht Meydenbauer. Der Architekt Meydenbauer hatte ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Möglichkeiten der Fotografie für die Dokumentation des baulichen Erbes erforscht. Resultat seiner Arbeit war die Erfindung der Photogammetrie, die sich inzwischen zu einem sehr wichtigen Arbeitsgebiet entwickelt hat. Meydenbauer entwickelte die photogammetrischen Methoden und die Geräte hierzu und überzeugte den Preußischen Staat, das nationale bauliche Erbe durch photogammetrische Dokumentation zu sichern. 1885 wurde dafür die Preußische Meßbildanstalt eingerichtet, die in den folgenden 35 Jahren 2600 Gebäude in über 20.000 photogammetrischen Aufnahmen dokumentierte. Die photogrammetrischen Aufnahmen – oft im Format 40 cm x 40 cm mit sehr guter Auflösung – haben eine exakt definierte Geometrie, so dass man anhand der zweidimensionalen Aufnahme die dreidimensionale Geometrie des Gebäudes kalkulieren und rekonstruieren kann. In den Jahren 1916–21 führte Meydenbauer die Dokumentation der Museumsinsel einschließlich des Berliner Schlosses durch, von dessen Fassaden etwa 45 Photos existieren.

Vom Foto zum Plot

Bei dem sogenannten „Wiederaufbau“ des Berliner Schlosses werden aus diesen Fotografien mit Hilfe von Computerprogrammen dreidimensionale Daten generiert, die dann als physische Objekte realisiert werden. So gesehen ist die Rekonstruktion des Schlosses kein architektonisches Projekt, sondern das Plotten von sechs Fotografien. Die Plots werden in Stein ausgeführt und haben eine Dicke von einem Meter.

Auf den Plänen der prämierten Wettbewerbsarbeit von Franco Stella ist dies deutlich erkennbar. Die „historischen Fassaden“ sind zeichnerisch anders dargestellt und wirken wie hineincollagiert in ein anderes Gebäude. Musterschülerhaft setzte Stella die politischen Vorgaben um und füllte das Gebäude hinter den geforderten Fassaden mit den vom Bauherren gewünschten Funktionen. Aber er formuliert keine Lösung für das architektonische Problem, wie aus den sechs geplotteten Fassaden und den Innenräumen ein architektonisches Objekt entstehen kann. Vor ein uninspiriertes Inneres ohne architektonischen Gedanken oder Idee sind bezugslos die ein Meter tiefen Fassadenplots montiert. Am offenkundigsten wird das Problem im Schlüterhof. Dort gibt es die Fassaden der einst wunderbaren, ausgesprochen dreidimensional-skulptural gestalteten Treppenhäuser. Bei Schlüter waren die Fassaden die äußere Erscheinung der dreidimensionalen Komposition der Treppenhäuser. Bei Stella befinden sich hinter dem äußeren Abbild der historischen Treppenhausfassade Funktionsräume wie Lager- und Büroräume, Besprechungsräume und eine Mitarbeitercafeteria. Das Ganze ist eine mediale Architektur und insofern sehr modern: eine Geburt der Architektur aus der Fotografie. Und dieses Bauwerk wird dann vornehmlich wieder zur Erstellung neuer medialer Bilder dienen. Dies könnte an sich ein interessanter Prozess sein, wenn er als eine intellektuelle Herausforderung und künstlerisch-gestalterische Aufgabe verstanden wird, wie wir es im Kontext der Kunst mit Thomas Demand in exzellenter Weise betrachten können. Aber der Vorgang wird nicht als kulturelle Aufgabe verstanden, sondern als technische, die man Ingenieuren überlässt. Es ist die Utopie einer Architektur ohne Architekten. Der Wettbewerb für das Bauvorhaben war insofern sehr erfolgreich, als eine Person gefunden wurde, die formal gesehen die Position des Architekten bekleidet, aber de facto nicht als Architekt agiert. Architektur ist auch gar nicht gefragt, eben so wenig eine Handschrift, sondern die Abwesenheit einer Handschrift. Insofern diente der Wettbewerb zum Berliner Schloss dazu, einen Nichtarchitekten zu finden, was in bemerkenswerter Weise gelungen ist. Das Berliner Schlossprojekt stellt dabei keinen Einzelfall dar, sondern nur ein prominentes Beispiel einer umfassenderen Entwicklung. Inzwischen gibt es bei ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) ein internationales Kommitee für die digitale Dokumentation des baulich-kulturellen Erbes. Die Objekte werden mit Laser eingescannt. Damit entsteht wie bei der Fotografie ein zeitlich eingefrorenes Stück Information. Zugleich bieten – u.?a. chinesische – Unternehmen das digitale Plotten in Stein an. So ist es inzwischen möglich, in großen Quantitäten frühere Zustände von Bauten automatisiert zu reproduzieren oder zu vervielfältigen.

Die Anti-Utopie

Für die klassische Phase der Moderne in den 1920er Jahren war Utopie die Vision von einer anderen, besseren Zukunft. Im Berlin der letzten zwanzig, dreißig Jahre entwickelte sich ein anderes Konzept von Utopie. Nunmehr adressierte die Utopie nicht mehr die Zukunft, sondern die Vergangenheit. Es bestand der Wunsch nach einer anderen Vergangenheit. Am liebsten würde man Dinge ungeschehen machen, was angesichts der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert eine verständliche Sehnsucht ist. Da dies unmöglich ist, versucht man den Anschein zu erwecken, als hätten sich Dinge nicht ereignet.

Anders als bei den Utopien der klassischen Avantgarde geht es nicht darum, dass Alltagsleben und die Lebenspraxis zu verändern. Vielmehr will man bestehende Spuren und Repräsentationen der Vergangenheit auslöschen und durch neue Repräsentationen ersetzen. Diese neuen Geschichtsbilder und Narrative sollen das Identitätsverständnis der Gesellschaft verändern. Dabei ist die imaginierte andere Vergangenheit fiktional. Insofern handelt es sich durchaus um etwas Neues und auch um etwas Utopisches. Man will das 20. Jahrhundert – die eigentlich prägende Epoche für die Stadt – symbolisch auslöschen und mit dem 21. Jahrhundert direkt ans 19. Jahrhundert anknüpfen. Seit den 1970er Jahren hat diese Haltung die Architekturentwicklung in Berlin mehr und mehr geprägt und sich dabei zunehmend radikalisiert. Das Ganze erinnert an die Schizophrenie einer gespaltenen Persönlichkeit, die sich vom eigenen Ich mehr und mehr entfernt und versucht, eine künstliche, neue Identität anzunehmen. Berlin ist offenkundig unfähig, zu sich selbst zu finden. Das Vorhaben einer Kunsthalle am Humboldt-hafen möchte der Regierende Bürgermeister als zeitgenössischen Monumentalbau à la Guggenheim Bilbao realisieren. Eine Option, die am Schlossplatz für die Entscheider nie in Frage kam. Der Schlossplatz ist ein politischer Ort, kein kultureller. Es ist ein Projekt zu der Frage, wie repräsentiere ich Deutschland als Staat, als Nation. Die Rekonstruktion dient als Mantel, als Fiktion der Nichtsetzung: eine vermeintliche Nichtentscheidung, der Rückgriff auf die Geschichte entlastet die Gegenwart scheinbar vor einer Setzung. Die Rekonstruktion ist angeblich ein technischer Vorgang, kein kultureller. Der Architekt ein Toter (Schlüter) bzw. quasi ein Nichtarchitekt (Stella). Natürlich ist die Rekonstruktion kein mechanischer Vorgang. Es handelt sich um eine moderne Architektur, sehr, sehr zeitgenössisch. Und es ist eine geschichtspolitische Setzung (und durchaus heroisch), die aber in der Camouflage einer unschuldigen Reparatur, einer mechanischen Reproduktion, einer gestalterischen Nichtentscheidung daherkommt. Für die Politik scheint dies die perfekte Lösung für die von ihr gewünschte Repräsentation der Nation heute zu sein.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Philipp Oswalt
Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. 2004/05 erschien die zweibändige Untersuchung „Schrumpfende Städte“, 2009 der Ausstellungskatalog „Bauhaus Streit. 1919–2009. Kontroversen und Kontrahenten“ (alle Hatje Cantz Verlag).

bauhaus-dessau.de

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