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Buch der Woche

Die neue religiöse Intoleranz

Mit diesem engagierten Beitrag liefert Martha Nussbaum, eine der einflussreichsten Philosophinnen der Gegenwart, einen aktuellen philosophischen Ansatz in der wichtigen Debatte um Religionsfreiheit und Toleranz. Sie fordert auf, die Angst vor dem Fremden fallenzulassen und durch Respekt, Verständnis und Phantasie zu einer gleichberechtigten Zukunft zu gelangen.

06.02.2015

Vor nicht allzu langer Zeit waren Amerikaner wie Europäer stolz auf ihre aufgeklärte Haltung der religiösen Toleranz und des gegenseitigen Verständnisses. Man wusste zwar, dass die Geschichte des Westens von religiöser Abneigung und Gewalt durchsetzt war – mit Kreuzzügen und Religionskriegen, religiöser Herrschaft der Europäer in vielen Teilen der Welt, mit Antisemitismus und Anti-Katholizismus in den europäischen Ländern. Dies kulminierte in den Schrecken des Nationalsozialismus, der nicht nur Deutschland, sondern auch andere Nationen betraf. Dennoch dachte Europa bis in die jüngste Zeit nur allzu gerne, dass diese dunklen Zeiten der Vergangenheit angehören.

Religiöse Gewalt gab es woanders – in „primitiven“ Gesellschaften, die weniger durch das Erbe christlicher Werte definiert waren als die modernen Sozialdemokratien Europas. Die Vereinigten Staaten hatten dagegen eine etwas bessere Bilanz als die „Alte Welt“, aus der die ersten Siedler geflohen waren. Viele von ihnen waren auf der Suche nach religiöser Freiheit und Gleichheit. Offene Gewalt im Namen der Religion war ein eher seltenes Phänomen – erduldet von den angeblich „primitiven“ Eingeborenen Amerikas und in jüngerer Zeit von Mormonen und den Zeugen Jehovas; anders denkende Gruppen, die von der Mehrheit, nicht aber von Mitgliedern etablierter religiöser Gruppierungen als seltsam und bedrohlich wahrgenommen werden. Und die Vereinigten Staaten waren stets etwas offener als Europa, was Abweichung in Kleidung und Lebensstil betrifft.

Das kam religiösen Minderheiten entgegen, die ihrem eigenen Gewissen folgen wollten, ohne sich der Kultur der Mehrheit anzugleichen. Dennoch kann niemand leugnen, dass religiöse Vorurteile und Ängste in Form von Anti-Katholizismus und Nativismus, Antisemitismus und dergleichen gegen „merkwürdige“ Minderheiten immer schon ein Schandfleck unserer Gesellschaft waren. Denken wir etwa daran, dass „weiße“ Anwaltskanzleien erst seit den 1970er Jahren Juden in größerem Umfang einstellen; dass erst in allerjüngster Zeit der Oberste Gerichtshof ohne öffentlichen Aufschrei mit Katholiken besetzt werden konnte. So tun wir gut daran, angesichts unserer eigenen Bilanz als vermeintlich tolerante und respektvolle Kultur bescheiden zu werden. Dennoch war in den letzten Jahren das Selbstbild von US-Bürgern das einer offenen und vielfältigen Gesellschaft, die die Vorurteile der Vergangenheit überwunden hat. Heute aber haben wir viele Gründe, diese selbstgefällige Einschätzung in Zweifel zu ziehen. Unsere Situation schreit geradezu nach kritischer Selbst-Reflexion, sofern wir die Wurzeln der schlimmen Ängste und Verdächtigungen freilegen wollen, die gegenwärtig alle westlichen Gesellschaften entstellen. Heutzutage ist eine ethische Herangehensweise im Geiste Sokrates’ dringend vonnöten, die drei Punkte bedenkt:

– Politische Grundsätze des gleichen Respekts vor allen Bürgern und ein Verständnis dessen, was diese Grundsätze für die heutige Konfrontation mit religiösen Unterschieden bedeuten. (Diese Grundsätze wohnen den politischen Traditionen Europas und vor allem der Vereinigten Staaten inne.)

– Rigorose Kritik, die Unvereinbarkeiten aufspürt und kritisiert, gerade auch jene, die Ausnahmen für einen selbst zulassen und den Stachel im Auge des Anderen bemerken, ohne den Balken im eigenen Auge zu erkennen.

– Eine systematische Ausbildung des „inneren Auges“, der Vorstellungskraft, die uns erkennen lässt, wie die Welt vom Standpunkt anderer Religionen oder Ethnien aussieht.

Diese ethischen Tugenden sind in einer komplizierten Welt sehr wertvoll. Warum aber werden sie gegenwärtig besonders gebraucht? Werfen wir dazu einen Blick auf einige Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit und blicken dabei zunächst nach Europa, dann in die Vereinigten Staaten. Europa: Burkas, Minarette, Morde Drei europäische Nationen – Frankreich, Belgien und Italien – haben Gesetze erlassen, die das Tragen der muslimischen Burka und des Niqab (beide bedecken das Gesicht bis auf die Augenpartie) in der Öffentlichkeit verbieten . (In Italien hat das Gesetz nur die Abgeordnetenkammer passiert; gegenwärtig wird es vom Senat geprüft.) Obwohl eingeräumt wurde, dass nur eine winzige Minderheit in diesen Ländern diese Kleidungsstücke tatsächlich trägt (in Italien beispielsweise geht eine verlässliche Schätzung von 100 Personen aus, und selbst die höchste Schätzung kommt auf maximal 3000), wurde diesen Gesetzen, die eine schwere Belastung der Ausübung religiöser Freiheit darstellen, höchste Dringlichkeit beigemessen, als handelte es sich um eine öffentliche Krise von größter Wichtigkeit. Solche Entwicklungen blieben nicht ohne Gegenreaktionen, selbst von Seiten der Bekleidungs-Experten. In Italien, einem der Zentren der Damenmode, hat kein Geringerer als Giorgio Armani die Burka verteidigt, als er sagte (Jahre vor dem nationalen Bann, als Verbote noch örtlich begrenzt waren), dass die Frauen tragen sollten, was sie wollten. „Es ist eine Frage des Respekts vor den Überzeugungen und der Kultur der anderen“, meinte er. „Wir müssen mit diesen Vorstellungen leben.“

Doch die Italiener überhörten in diesem Fall die Stimme der Mode und folgten Themen, die sie für wichtiger hielten. Inzwischen haben viele Gemeinwesen in Europa sogar das Tragen des muslimischen Kopftuchs reguliert, das nur die Haare bedeckt. In Frankreich dürfen Mädchen in der Schule kein Kopftuch tragen. Der Kosovo hat, bei hohem muslimischen Bevölkerungsanteil, ein ähnliches Verbot ausgesprochen. In Teilen Deutschlands, Hollands, Spaniens und Belgiens darf das Kopftuch nicht von Angestellten im öffentlichen Dienst getragen werden, wozu auch Lehrer in der Schule gehören – obwohl Nonnen und Priester in vollem Habit lehren dürfen. In der Schweiz dürfen Mädchen das Kopftuch nicht tragen, wenn sie Basketball spielen. In Russland erhielten muslimische Frauen das Recht, auf Passfotos ihr Kopftuch zu tragen; kürzlich aber wurde ein muslimisches Mädchen der Schule verwiesen, weil es sein Kopftuch trug, und eine Universität im Nordkaukasus hat sämtliche Kopftücher verboten. Nach einer Kampagne, die eigentlich die Ängste vor einer muslimischen Übernahme ansprechen sollte, stimmten in der Schweiz anlässlich einer Volksbefragung 57 % der Befragten für das Verbot des Baus von Minaretten bei Moscheen – trotz der Tatsache, dass nur wenige Moscheen tatsächlich Minarette haben (von 150 Moscheen in der Schweiz weisen nur 4 Minarette auf) und daher die Frage der Architektur lediglich symbolische Bedeutung hat. Die Angst vor Muslimen zeigt auch in kleinerem Maßstab und oft recht bizarr ihr hässliches Gesicht.

Der Bürgermeister der italienischen Stadt Capriate in der Provinz Bergamo verbot im Jahre 2009 alle Kebab-Läden in der Stadt. Eine Website, die die Vorherrschaft der weißen Rasse behauptet (www.stormfront.org), hat diesen „Sieg“ großartig und jubelnd herausgestellt und versuchte, noch mehr Widerwillen durch den Hinweis auf angeblichen Dreck und Kakerlaken in diesen Restaurants zu erregen. Im weiteren Verlauf des Jahres schloss sich eine Reihe weiterer Städte in den Provinzen Genua und Bergamo diesem Verbot an. In Lucca wurde ein Kebab-Laden mit Brandbomben beworfen. Ein Mitglied der Lega Nord, die sich gegen Immigration ausgesprochen hat, rief gar nach einem Verbot aller ausländischen Speisen. Der italienische Landwirtschaftsminister, der dieser Partei angehört, verteidigte dieses Verbot und berief sich dabei auf Tradition wie auch auf Gesundheitsvorsorge. Nordeuropa gilt gewöhnlich als ruhiges Gebiet von geradezu idealer Toleranz und Freundschaft. Und doch hat auch diese Region regelrechte Wellen anti-muslimischer Gefühle erlebt. Finnland, das ich sehr gut kenne, hat keine gesetzlichen Beschränkungen gegen religiöse Kleidung aller Art eingeführt, auch gibt es nur wenig politische Unterstützung dafür. Dennoch wird oft über die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsleben, die das Kopftuch tragen, geklagt. Manche Arbeitgeber (Polizei und einige Lebensmittelhändler) sagen öffentlich, dass sie Frauen mit Kopftüchern nicht einstellen.

Schulen in Raasepori haben Schülerinnen das Kopftuch verboten, zogen angesichts des öffentlichem Drucks dieses Verbot aber zurück. Doch in zwei Fällen wurde eine Muslim-freundliche Politik nach öffentlichem Druck fallen gelassen. Städtische Kindergärten in Helsinki und Espoo haben unlängst damit aufgehört, besondere Mahlzeiten für muslimische Kinder auszugeben. Und die umstrittene Politik der Stadt Helsinki, bestimmte Zeiten im Hallenbad von Janomaki für muslimische Frauen zu reservieren, wurde aufgegeben, wenn auch später ein neuer, nur für Frauen reservierter Zeitraum am Abend eingerichtet wurde. Finnland legt eine besondere Toleranz und Nachsicht an den Tag, Spannungen existieren aber dennoch. Und die Neigung der Finnen, Nicht-Homogenität mit Fremdheit gleichzusetzen, zieht sich als Drohkulisse durch alle neuen Begebenheiten zu diesem Thema (meist wird von „Finnen“ und der „finnischen Kultur“ gesprochen, im Gegensatz von Muslimen und dem Islam, ohne dass dabei gefragt würde, wie viele der fraglichen Muslime tatsächlich Bewohner oder sogar Bürger Finnlands seien). Im Juli 2011 schlug der Terror in einem Finnland benachbarten nordeuropäischen Land erbarmungslos zu. Der norwegische Fanatiker Anders Behring Breivik ermordete Menschen bei zwei Angriffen, als er Regierungsgebäude in Oslo bombardierte und junge Abgeordnete der Arbeiterpartei erschoss, die sich auf der Insel Utøya zu einem Jugendcamp versammelt hatten.

Breivik, der die Taten gestand, aber jede Schuld abstritt, veröffentlichte am Tag der Angriffe ein Manifest von 1500 Seiten, worin er eine Theorie entwarf, die seine Taten rechtfertigen sollte. Diese Theorie basierte auf der Vorstellung, dass Europa gegen die Geißel der Islamisierung kämpfen müsse. Offenkundig hat er Verbindungen zu mehreren antiislamischen Gruppen in Europa wie den USA. Obwohl seine Taten allgemein verurteilt wurden, wurden sie von manchen rechten Politikern in anderen Ländern gefeiert. Jacques Coutela, Mitglied des französischen Front National (FN), beschrieb ihn als „Ikone“ und „wichtigsten Verteidiger des Westens“. Er sieht ihn im Kampf „gegen die muslimische Invasion“ und vergleicht ihn mit dem fränkischen Heerführer Karl Martell. Coutela wurde von der Partei ausgeschlossen; eine Untersuchung steht an. Ein weiteres Mitglied des FN, das sich ähnlich, doch in weniger drastischen Worten geäußert hatte, wurde dagegen nicht ausgeschlossen. Das italienische Parlamentsmitglied Mario Borghezio von der Lega Nord (Partner in Silvio Berlusconis Regierung) verurteilte Breiviks Gewalt, unterstützte jedoch seine Ideen, vor allem seinen „Widerstand gegen den Islam und seine ausdrückliche Klage, dass Europa aufgegeben hat, bevor es den Kampf gegen die Islamisierung überhaupt aufnahm“.

Die USA: Kopftücher, Moscheen, das Gesetz der Scharia Die Vereinigten Staaten haben in jüngerer Zeit wenig religiöse Gewalt erlebt (es sei denn, wir zählen die Bomben von Oklahoma City 1995 dazu, gezündet von christlichen Miliz-Mitgliedern unklarer Herkunft, deren Motive sich gegen die Regierung richteten, weniger gegen Einwanderer oder religiöse Minderheiten). Obwohl Heterogenität und religiöser Pluralismus in den USA immer wieder betont werden, fehlte es dort nie an Vorurteilen und gelegentlicher Gewalt gegen neue Religionsgruppen. Die frühen Siedler vertrieben diejenigen, deren religiöse Ansichten als ketzerisch galten (so wurde Roger Williams gezwungen, von Massachusetts nach Rhode Island zu fliehen). Juden, Quäker, Baptisten und Mennoniten waren in manchen Kolonien willkommen, aber nicht in allen. Im 19. Jahrhundert ließ eine Welle katholischer Einwanderer aus Irland und Südeuropa bösartige Vorurteile aufkommen, als der Nativismus zu einem populären politischen Thema wurde. In der einen oder anderen Gestalt ist bis in die allerjüngste Zeit der Anti-Katholizismus ein bestimmender Faktor im politischen Leben Amerikas geblieben: Während des Kalten Krieges warnte der Journalist Paul Blanshard in seinem Bestseller American Freedom and Catholic Power (1947) seine Landsleute, der Katholizismus sei eine ebenso große Gefahr für die amerikanische Demokratie wie der Weltkommunismus.

Seither waren nicht nur kleinere Gruppen wie die Mormonen und Zeugen Jehovas Vorurteilen und direkter Gewalt ausgesetzt. Antisemitismus war in den 1970er Jahren außerordentlich verbreitet und ist bis heute nicht verschwunden. Wie also reagieren die Amerikaner auf das gegenwärtige Aufkommen neuer religiöser Ängste? Die Antwort der USA ist vielfältiger als die europäische, weil in Amerika mehrere Religionen betroffen sind. Auch Juden sind hier nicht von Verdächtigungen ausgenommen – vor allem, wenn sie Fremde sind. Drei mexikanische Juden, die während eines Fluges der Alaska Airlines von Mexiko nach Los Angeles beten wollten, mussten den Flug abbrechen und wurden vom FBI verhört. Nach den Ereignissen von 9/11 wurde der Turban der Sikhs gern mit muslimischer Kleidung verwechselt, und Sikhs wurden an Flughäfen schikaniert, waren in manchen Fällen sogar Opfer gewalttätiger Übergriffe. Noch immer klagen Sikhs darüber, dass Luftfahrtgesellschaften ihre Turbane untersuchen, obgleich der TSA (Transportation Security Administration) Alternativen wie das Abtasten von Turbanen vorgeschlagen hat, ebenso eine Selbst-Abtastung, nach der die Hände der Betroffenen auf chemische Rückstände untersucht werden. Unlängst hat die US-Armee Sikh- Rekruten gestattet, ihre Turbane zu behalten. Die Sikhs haben eine lange Tradition im gehobenen Militärdienst und waren immer schon leidenschaftliche Fürsprecher für Veränderungen.

George Wright, ein Armeesprecher, sagte: „Es ist Politik der Armee, religiösen Praktiken Raum zu geben, solange diese Praktiken sich nicht hinderlich auf militärische Erfordernisse auswirken.“ Auch der Hinduismus ist auf Schwierigkeiten gestoßen: Das erste Hindu-Gebet im US-Senat wurde durch organisierte Störer unterbrochen, die sich selbst als „Christen und Patrioten“ bezeichneten. Allerdings schaffte es der Protest nicht, das Hindu-Gebet zu beenden: Die Unruhestifter wurden wegen „Störung des Kongresses“ auf der Besuchergalerie festgenommen, und ihre Tat wurde auf den Fluren des Senats von Mehrheitsführer Harry Reid verurteilt. Doch die größte Anzahl einschlägiger Zwischenfälle in den USA wie in Europa steht mit dem Islam in Zusammenhang. Mir ist zwar kein Vorstoß bekannt, die Burka zu verbieten, doch auch das Kopftuch hat hier und da zu Zwischenfällen geführt. Eine 31-jährige Muslima mit Kopftuch wurde aufgefordert, einen Southwest- Airlines-Flug zu verlassen, nachdem eine Stewardess ein Gespräch auf dem Handy aufschnappte, worin die Muslima angeblich gesagt hatte: „Es läuft [It’s a go]“ – obgleich die Muslima meinte, sie hätte tatsächlich gesagt: „Ich muss jetzt los“ [I’ve got to go], als der Flug zum Start bereit gemacht wurde. Nachdem man ihr Kopftuch abgetastet und mit ihr gesprochen hatte, erkannte die TSA sehr schnell, dass hier ein Fehler gemacht worden war, weshalb weder ihr Handy noch ihre Brieftasche untersucht wurden.

Dennoch wurde ihr nicht gestattet, an Bord zurückzukehren, weil dies der Crew peinlich war. Sie erhielt zwei mündliche Entschuldigungen seitens der Airline und einen Gutschein, den sie aber verschenken will, weil sie nicht mehr mit Southwest fliegen möchte. Am Ende erhielt sie eine offizielle, öffentliche Entschuldigung. Andererseits verklagt Imane Boudlal, eine Disneyland- Angestellte aus Marokko, Disney, weil sie bei ihrer Arbeit als Hostess in Disneylands Grand Californian Hotel ihr Kopftuch tragen will. Ihre Vorgesetzten teilten ihr mit, dies sei nicht der „Disney Look“. Wenn sie das Kopftuch weiterhin tragen wolle, müsse sie eine Stelle außerhalb des Sichtbereichs der Besucher annehmen. Man schlug ihr einen Kompromiss vor: einen großen, männlich wirkenden Hut, den sie über ihrem Hijab tragen konnte, was auf einem Foto allerdings ziemlich lächerlich aussieht. Imane Boudlal lehnte diesen Kompromiss ab. Noor Abdallah, eine junge Muslima aus Illinois, die als Volontärin für Disney in Kalifornien arbeitet, akzeptierte einen etwas plausibleren, dennoch merkwürdigen Kompromiss, indem sie eine blaue Baskenmütze über ihrem Hijab trug. Die Idee dahinter: Der Anblick dieser Frauen, die wie glaubenstreue Musliminnen aussehen, würde den Kunden missfallen.

Abdallah ist mit dem Kompromiss zufrieden, doch Boudlal versucht, ihren Fall weiter durchzusetzen. Es wurden noch weitere Klagen von Angestellten berichtet, und die Anzahl solcher Klagen scheint derzeit anzusteigen. Doch die Öffentlichkeit muss sich der Auseinandersetzung noch stellen. Als einer Frau in Georgia das Betreten des städtischen Gerichts in Douglasville verwehrt wurde, nachdem sie sich geweigert hatte, ihr Kopftuch abzunehmen, empfahl der Staat Georgia, dass religiöse Kopfbedeckungen in allen staatlichen Gerichtsgebäuden zuzulassen seien.

Das Kopftuch hat in einigen wenigen Fällen von privaten Unternehmern Probleme verursacht, doch in mindestens zwei Fällen haben auch Moscheen öffentlichen Widerstand hervorgerufen. In den USA gibt es zwar nichts, das dem Minarett- Verbot in der Schweiz entsprechen würde, doch die Planungsbehörde in DuPage County in der Nähe von Chicago hat einen Plan zurückgewiesen, wonach in Willowbrook eine Moschee erbaut werden sollte – nachdem dieselbe Behörde schon einen Plan abgewiesen hatte, der die Errichtung eines islamischen Schulzentrums und eines Bethauses bei Naperville vorsah. Zudem hat diese Planungsbehörde das Vorhaben eines islamischen Religionszentrums in West Chicago abgelehnt. In allen genannten Fällen ist der Bezirk besorgt wegen angeblicher Übersättigung mit religiösen Einrichtungen und dementsprechenden Verkehrsangenommen wurde, dass sich Gerichte in Oklahoma auf das US-Bundesgesetz, das Gemeindegesetz und „wenn nötig auf Gesetzesvorschriften eines anderen Staates“ beziehen dürfen, aber nicht „auf Gesetzesvorschriften anderer Nationen und Kulturen“, auf „internationales Recht oder das der Scharia“.

Der hauptsächliche Verfasser dieses Gesetzes, Rex Duncan, sagte: „Dies ist ein Krieg um das Überleben Amerikas. Es ist ein Kulturkrieg.“

Dieser schlecht durchdachte und uneindeutige Zusatz (genannt der „Rettetunseren- Staat-Zusatz“) wirft eine ganze Reihe von Problemen auf – etwa, dass das Gewohnheitsrecht englischen Ursprungs ist und die Anklage nach internationalem Recht auch im Sinne einer Anrufung anerkannter Gesetzesquellen wie des Seerechts und internationaler Verträge ausgelegt werden kann. Doch der hervorstechendste Punkt ist die Überflüssigkeit (der ganzen Sache): Schon die Gründungs- Klausel [establishment clause] des Ersten Zusatzes zur US-Verfassung schließt aus, dass vor amerikanischen Gerichten die gesetzlichen Vorschriften irgendeiner Religion bevorzugt werden. Das Gesetz wurde daher von islamischen Gruppen angefochten, weil es den Islam als einzige Religion stigmatisiert, und der Fall wurde von einer Bezirksrichterin auf Grundlage der genannten Einleitungs- Klausel angenommen. Die Richterin blockierte vorübergehend die Inkraftsetzung dieses Gesetzes bis nach einer weiteren Anhörung; später dehnte sie ihre einstweilige Verfügung zeitlich unbegrenzt aus. Sie befand, dass das Gesetz keinem säkularem Zweck diene, dass vielmehr dessen „Hauptabsicht die Religion behindere“ und die übermäßige Einmischung des Staates in religiöse Angelegenheiten befördere.

Außerdem hielt die Richterin fest – und Wissenschaftler folgten ihr –, dass das Gesetz den Muslimen eine besondere Belastung auferlege, da es Gerichten gestattet ist, Verträge (wie etwa Testamente und Eheverträge) in Kraft zu setzen, die auch Sprache aus anderen religiösen Traditionen umfasst. Wie Azis Huq, Professor der Rechtswissenschaft an der Universität Chicago, in der New York Times schrieb: „Die Verbote würden Muslime vom gleichen Zugang zum Gesetz ausschließen. Ein Fleischer könnte nicht mehr seine Verträge, die Halal-Fleisch betreffen, einhalten – Verträge, die, wie auch solche für koschere und andere, vom Glauben sanktionierte Nahrung, regelmäßig und landesweit durchgesetzt werden. Auch könnte ein muslimischer Banker keine Entschädigungen für die Zuwiderhandlungen eines Finanzinstruments anstreben, die als Scharia-Klage ausgewiesen sind, weil keine Zinsen anfallen.“45 Der Oklahoma-Streitfall hat eine Welle anti-muslimischer Stimmungen quer durch den Staat losgetreten. Und er hat weitere Bundesstaaten veranlasst, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wobei mit einer Sprache gearbeitet wurde, die Verfassungs- Probleme wie bei dem Oklahoma-Gesetz vermeidet.46 Am bizarrsten mutet vielleicht ein Gesetzesentwurf in Tennessee an, der das Befolgen der Scharia als Verbrechen einstuft, das mit 15 Jahren Gefängnis bestraft wird.

Da die Scharia, wie auch das traditionelle jüdische Gesetz, sich auf einen Großteil des persönlichen Verhaltens erstreckt wie etwa auf den Verzicht von Alkohol, auf Nahrungsvorschriften, auf Regeln für das Gebet und auf einen geschäftlichen Ehrenkodex, ist das Tennessee-Gesetz in fixierter Form einfach lächerlich. Doch allein schon die Tatsache, dass es ernsthaft vorgeschlagen werden konnte, beweist ein hohes Maß an öffentlicher Ignoranz und Argwohn. (Als derartige Einwände dem Urheber des Gesetzesentwurfs vorgehalten wurden, meinte er: „Das untersuche ich noch.“) In der Tat gibt es handfeste Beweise dafür, dass in den USA die Vorurteile gegenüber den Muslimen ansteigen. Klagen wegen beruflicher Diskriminierung von Muslimen vor der Equal Employment Opportunity Commission, EEOC [Kommission für Gleichberechtigung bei der Arbeit] haben in letzter Zeit zugenommen. Sämtliche Meinungsumfragen bestätigen einen erneuten Aufschwung anti-muslimischer Haltungen.48 Die Idee der nationalen Identität: Homogenität und Zugehörigkeit Alle genannten Entwicklungen sind zutiefst irritierend und zeigen, dass religiöse Ängste in den USA immer stärker werden, vor allem gegenüber Muslimen. Dennoch finden wir innerhalb der USA nichts, was auch nur entfernt den nationalen und regionalen Verboten islamischer Kleidung in Europa oder dem landesweiten Minarett-Referendum in der Schweiz nahekommt. Kann man diesen Unterschied erklären?

Ich habe angedeutet, dass die Vereinigten Staaten sich mit der Heterogenität weitaus wohler fühlen als Europa. Dieser Unterschied entspringt tiefer gelagerten, andersartigen Vorstellungen zur Idee der Nation. Seit dem Aufkommen des modernen Nationalstaats haben die Staaten Europas betont, die Wurzeln der Nationen lägen in erster Linie in Eigenheiten begründet, die von neuen Einwanderern nur, wenn überhaupt, mit Schwierigkeiten zu teilen seien. In hohem Maß von der Romantik beeinflusst, haben diese Nationen geographische Abstammung, ethnolinguistische Volkszugehörigkeit sowie Religion als notwendige, zumindest aber zentrale Elemente der nationalen Identität benannt Und damit scheinen alle Menschen, die einen anderen geographischen Ursprung, ein anderes heiliges Land, anderes Aussehen und Kleidung haben, nie ganz dazuzugehören, gleichgültig, wie lange sie schon in dem betreffenden neuen Land leben.

Ein Grund, warum es so außerordentlich schwer für Juden war, als gleichberechtigte Bürger in Europa angesehen zu werden – wenn sie das überhaupt je geschafft haben –, war die Wahrnehmung, dass Juden von Natur aus anders waren, weil sie anders beteten, sich anders kleideten, in ihren Gottesdiensten eine andere Sprache benutzten, andere Nahrung aßen. In dem Maße, wie sie sich assimilierten, gemeinsam mit anderen aßen, sich mit ihnen vermählten, eher das Deutsche als das Jiddische in ihren Gottesdiensten benutzten (was deutsche Reformjuden meist taten), sich zudem „normal“ kleideten (keine Kippa, keine Gesichtsbehaarung), stiegen die Chancen auf Akzeptanz – bis zum Aufkommen der Rassenideologie und der blutsmäßigen Rassentypologie, was aber erst recht spät der Fall war. Nachdem sich die Rassenideologie durchgesetzt hatte, war die Assimilierung unmöglich geworden. Vor und nach dieser Zeit aber lag der Akzent auf Homogenität und auf kultureller Assimilation an das herrschende Paradigma. Andersartigkeit ist Fremdheit.50 Es muss aber klar gesagt werden, dass die vermeintliche Homogenität immer schon zum guten Teil bloße Fiktion war. Sie kaschierte Unterschiede der Sekten, Clans, der lokalen Dialekte und viele weitere Ursachen innerer Verschiedenartigkeit.

Historiker wie Eric Hobsbawm haben für Europa im Allgemeinen, Graham Robb für Frankreich und Linda Colley für England im Einzelnen nachgewiesen, in welchem Ausmaß solche Behauptungen einer nationalen Identität fragile und oberflächliche Konstrukte waren, die sich über anhaltende Divergenzen hinwegsetzten. 51 Im Falle Deutschlands und Italiens ist dies noch deutlicher, da deren staatliche Einheit erst recht spät kam und auch erkennbarer ein Konstrukt war. Wie der Historiker George Mosse klar belegt hat, funktionierten europäische Einigungsprojekte häufig, indem die Nation in Opposition zu fremden oder minderheitlichen Elementen definiert wurde, die als degeneriert dargestellt wurden, oft als Träger einer stigmatisierten Sexualität.52 So ist die Idee der Homogenität real (eine Mehrheit hat eine gemeinsame Religion) und zugleich auch weniger real, als dies behauptet wird. Trotzdem glauben die Menschen daran und sehen dann Ähnlichkeiten, wo sie zuvor Unterschiede gesehen haben. Diese Haltung überwiegt noch heute in vielen Teilen Europas. Finnland ist vielleicht ein Extrembeispiel, da die Finnen nur wenig Einwanderung zuließen und daher auch nur wenig Menschen mit anderem Aussehen zu Angesicht bekommen haben. Eine finnische Kollegin von mir an der Universität Chicago, die in der zweitgrößten Stadt Finnlands aufwuchs, sagte mir, dass sie erst im Alter von sechzehn Jahren zum ersten Mal einen Menschen gesehen hatte, der kein nordeuropäischer Protestant war.

Finnland legt auf eindeutige und einfache Weise Charakteristika an den Tag, die bis zu einem gewissen Maße von den meisten europäischen Nationen geteilt werden. Und obgleich Finnlands schlimme Kollaboration mit den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs viele Wurzeln hat, wobei der Hass auf Russland hervorragt, war auch der Antisemitismus weit verbreitet, als Form der Abweisung des Anderen. Der finnische Nationalismus ist ein besonders eindeutiger Fall für die These, dass nationale Identität ein bewusstes Konstrukt ist, das man in seiner Entstehung nachverfolgen und die Menschen beim Namen nennen kann, die es errichteten. Von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte eine Gruppe Intellektueller, von der europäischen Romantik beeinflusst, die finnische Sprache wieder, die zu jener Zeit nur in ländlichen Gebieten gesprochen wurde (städtische und gebildete Menschen sprachen Schwedisch). Auch erweckten sie nationale Mythen zu neuem Leben (wie etwa das Kalevala-Epos, das auf traditionellem Volkstum basiert, aber erst im 19. Jahrhundert niedergeschrieben wurde).53 Neu aufgekommene patriotische Künstler schrieben Romane über ländliches, bäuerliches Leben, malten Werke des romantischen Expressionismus, die Nationalhelden an Seen und in Wäldern zeigten, schrieben Musik, die die Liebe zur finnischen Natur und Folklore ausdrückte (Jean Sibelius war der wichtigste Komponist dieser Bewegung). Menschen, die seit je schwedisch gesprochen hatten, begannen, finnisch zu reden und änderten ihre schwedischen Namen in finnische. Weil die Sprache, so spät erst wiederentdeckt, immer schon ein besonders machtvolles Vehikel nationaler Identität war, verurteilen die Finnen oft Fremde, sofern diese kein Finnisch sprechen können, das bekanntlich eine besonders schwierige Sprache ist, ohne Verbindung zur indo-europäischen Sprachfamilie und unter den bekannten Sprachen einzig dem Ungarischen und Estnischen verwandt.

Tatsächlich erzählen mir meine finnischen Freunde heute, dass ein afrikanischer Einwanderer, der fließend Finnisch spricht, von vielen Menschen als weniger fremd empfunden würde als ein blonder Protestant, der nur Englisch oder Deutsch spricht – obwohl doch Englisch im überwältigenden Maß zur Sprache des akademischen Lebens und des Handels geworden ist. Doch es gibt auch Ausgrenzung, die auf äußerer Erscheinung beruht, und sämtliche Faktoren, die für Inklusion sprechen, müssen erst addiert werden, ehe der Status eines neuen Mitbewohners geklärt ist. Finnland ist ein einmaliger und zugleich extremer Fall von Homogenität. Doch auch andere europäische Nationen sehen sich ähnlichen Problemen gegenüber. Keine dieser Nationen hat nationale Identität eindeutig nach Begriffen politischer Ideale und Kämpfe definiert – eine Form nationaler Identität, die dennoch vielen modernen Nationen vertraut ist, etwa Australien, Neuseeland, Kanada, Indien, Südafrika und den Vereinigten Staaten. Diese Form der Identität dämpft die Probleme der Inklusion bis zu einem gewissen Grade ab. Nicht dass es den Nationen dieser letztgenannten Gruppe an Kämpfen um Inklusion und Identität mangelte, wie wir bald sehen werden. Doch sie halten von allem Anfang an die Tür einen Spalt breit offen und lassen jeden zu, der sich auf das Projekt von „Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück“ einlassen kann – oder, im Falle Indiens, von wirtschaftlicher Gleichheit –, als Ausdruck nationaler Sehnsucht.

Manche dieser Nationen haben sogar Einwanderung und Verschiedenartigkeit als Aspekte nationaler Identität zum Mythos erhoben. Amerikanische Schulkinder besuchen Ellis Island oder die Freiheitsstatue, rezitieren Emma Lazarus’ Freiheitsstatuen-Gedicht über die „dichtgedrängte Masse, die sich danach sehnt, frei zu atmen“. Die Vereinigten Staaten haben schmerzhafte Auseinandersetzungen um Immigration, doch heute dreht sich alles um illegale Immigration; eine Politik des Widerstands gegen legale Immigration wurde nie weiterverfolgt. Hier wurde der Höchststand in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreicht, als der Nativismus deutliche politische Spuren hinterließ. Doch auch damals blieb dies eine Minderheiten-Position, und heutige Opposition gegen jegliche Einwanderung ist höchst unpopulär. Als Pat Buchanan mit einer solchen Botschaft bei der St. Patrick’s Parade in Chicago im Zuge seiner misslungenen Präsidentschaftskandidatur mitlief, wurde er von seinen Mitmarschierern heftig kritisiert, diese Feier solle den Beitrag der Einwanderer zu den Vereinigten Staaten würdigen.54 Indien hat nicht viele Einwanderer, weist aber eine immense innere Vielfalt auf. Die Ausbildung der modernen indischen Nation bedeutete Anerkennung aller religiösen, ethnischen, kulturellen und sprachlichen Elemente wie auch die Ausbildung eines Konzepts von Zugehörigkeit, das alle auf der Grundlage der Gleichheit einschließt. Dies war die bedeutende Leistung Nehrus und Gandhis, für die sie einen erfolgreichen Kampf mit der Hindu-Rechten austrugen, die ausdrücklich ihr Bild der nationalen Identität auf Europa zurückführten und eine religiös-kulturell und ethnisch basierte Konzeption der bürgerlichen Inklusion verfolgten und meinten, dass Muslime nie vollwertige Bürger sein könnten.

Indiens Nationalhymne beginnt mit der Aufzählung der unterschiedlichen regionalen/sprachlichen Ursprünge des indischen Volks. Die zweite Strophe zählt die verschiedenen religiösen Wurzeln auf. Von all diesen Gruppen, alle als gleichwertig anerkannt, heißt es, sie würden dem ethischen Gesetz ihre Verehrung erweisen. Die australische Selbstdefinition beruht wie die der USA auf der Erkenntnis, dass die meisten Australier von Einwanderern abstammen, auch wenn unlängst gerade diese Identität etwas überschattet wurde – wegen der Ungerechtigkeiten, die an den Ureinwohnern begangen wurden. Öffentlich wurde der Stolz auf deren andersartige Kultur und künstlerische Traditionen formuliert. Da viele australische Einwanderer Sträflinge waren und damit die „Nichtse“ Großbritanniens, war die Idee einer klassenlosen, anti-hierarchischen Gesellschaft zentral. (So gilt es oft als un-australisch, auf dem Rücksitz eines Taxis Platz zu nehmen, obwohl an Orten mit vielen Touristen ein solches Verhalten allmählich ausstirbt.) Ein weiterer und oft betonter Aspekt der Identität ist die anhaltende Beziehung zu dem schwierigen und herausfordernden Land; daran können alle teilhaben. (Voss, der Roman von Patrick White, Australiens erstem und bislang einzigem Träger des Literatur-Nobelpreises, beschreibt Einwanderer verschiedener Hintergründe und Klassen, die sich zu dem am Ende misslingenden Versuch zusammenschließen, die Wüstenregionen des inneren Landesteils zu erforschen, wobei die Ureinwohner angesichts der Größe der gemeinsamen Herausforderung an den Rand gedrängt werden.)

Alle drei genannten Nationen begreifen demnach Zugehörigkeit in Begriffen gemeinsamer Ziele und Ideale und damit auf eine Weise, die nicht notwendig Homogenität verlangt – in Kleidung, Nahrungsgewohnheiten, religiösen Überzeugungen oder auch äußerlicher religiöser Observanz. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Menschen das Fremde und Andere nicht fürchten oder religiöse Minderheiten nicht mit Gefahr assoziieren. Es bedeutet vielmehr, dass es ein machtvolles Gegengewicht dazu gibt. Um uns hier zunächst auf die USA zu konzentrieren, weil diese Ideen bis zu einem gewissen Maße in die Struktur der US-Religionsgesetze eingegangen sind: Es bedeutet auch, dass Institutionen als Reaktion auf furchtbestimmte Gefühle nur langsam in Fahrt kommen oder sich eine Abfuhr einfahren (wie im Falle Oklahomas), falls sie unmittelbar loslegen. Wie wir noch sehen werden, erfuhr selbst die furchteinflößende afro-kubanische Santería-Religion mit ihrem rituellen Tieropfer von Seiten des Obersten Gerichtshofes der USA eine machtvolle Verteidigung – nicht nur von dessen liberalem Flügel, sondern vom konservativen Chef höchstselbst, Richter Scalia, sowie vom gemäßigten Richter Kennedy – nachdem eine Gemeinde ein Gesetz verabschiedet hatte, das die rituelle Praxis dieser Religion betraf, während weitere, ähnliche Praktiken unerwähnt blieben.

Gesetze, die stigmatisieren und verfolgen, werden sich also kaum lange in der US-Verfassung halten können. Auch Vorstellungen von nationaler Identität sind der Veränderung unterworfen. Die USA haben Zeiten voller Ängste vor Einwanderern durchgemacht, wobei die Idee des „Nativismus“ (Einwanderer sind keine wahren Amerikaner) die nationale Identität zumindest eines großen Teils der US-Bevölkerung definierte. Das kann jederzeit wieder passieren, und wir sollten wachsam sein gegenüber der Bedrohung durch einen neuen Nativismus. Im Gegensatz dazu ist Europa sehr wohl in der Lage, zu einer mehr inklusiven und politischen Definition nationaler Zugehörigkeit überzugehen, bei der Land, Ethnizität und Religion weniger wichtig sind als gemeinsame politische Ideale. Die Europäer können also ihr Konzept der Nation benutzen, um ihre gegenwärtige Haltung und Politik zu erklären, nicht aber, um sie zu rechtfertigen.

Gegenwärtig kann niemand sagen, ob es wahrscheinlicher ist, dass die USA sich Europa angleichen oder ob Europa immer mehr (was bislang der Fall war) die Ideale der Vereinigten Staaten annehmen wird. Das liegt in der Hand der Bewohner. Trotz dieser historischen Differenzen sollten wir uns also weiterhin um das Aufkommen von mehr religiösen Ängsten in den Vereinigten Staaten wie in Europa Sorgen machen. Die Angst nimmt zu, und wir müssen sie verstehen lernen und darüber nachdenken, wie man ihr am besten begegnet. Angst ist ein Gefühl, über das wir mittlerweile eine ganze Menge wissen. Wenn wir über ihren positiven Einfluss und ihre potentiellen Fallstricke nachdenken, verstehen wir manche der jüngsten Vorfälle besser.

Martha Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst. WBG Verlag. 220 Seiten, 39,95 Euro.