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„Eine Reparatur an der Moderne"

Forum - „Eine Reparatur an der Moderne
Der Siegerentwurf für das neue Bauhausmuseum in Dessau © PR

In diesem Jahr feiert die Kulturwelt den 100. Jahrestag der Gründung des Bauhauses. Ein Gespräch mit Philipp Oswalt, der einerseits die Leistungen von Walter Gropius & Co. würdigt – und zugleich einen offenen Umgang mit dem Jubiläum fordert, der frei von Verklärung ist.

René Nehring01.03.2019

Herr Oswalt, in wenigen Tagen jährt sich die Gründung des Bauhauses in Weimar durch Walter Gropius zum einhundertsten Mal. Was bedeutet es, wenn ein wichtiger Meilenstein der Moderne nicht mehr Gegenwart ist, sondern Geschichte?
Natürlich ergibt sich daraus eine Verschiebung, wenn die klassische Moderne ihren aktuellen provozierenden Charakter verliert und zum kulturellen Kanon gehört. Wobei diese Entwicklung schon seit geraumer Zeit erfolgt. Die Bauhausstätten sind ja bereits 1996 zum Weltkulturerbe ernannt worden. Interessant ist, dass das Bauhaus in der Weimarer Republik, also zur Zeit seines Bestehens, eine sehr streitbare Angelegenheit war und nur von den Liberalen, Sozialdemokraten und Kommunisten unterstützt wurde, während die konservativen Kräfte dagegen waren. Heute sehen ausnahmslos alle Parteien von links bis rechts das Bauhaus als wichtiges kulturelles Erbe, das es zu bewahren gilt.

Beunruhigt Sie dies, oder befremdet es Sie eher?
Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis dazu. Zum einen bin ich erfreut darüber, dass auch ein solcher Meilenstein der Avantgarde hierzulande gefeiert wird und nicht nur die Reformation oder das alte Preußen. Andererseits zeigt die Einigkeit zwischen allen politischen Lagern, dass das Bauhaus im Grunde ein toter Tiger ist. Es provoziert nicht mehr und hat jenseits der Musealisierung keine Relevanz mehr. Wenn das Land Sachsen-Anhalt gleichermaßen Geld für den Bauhaus-Geburtstag und für das Luther-Jubiläum ausgibt, und beide Ereignisse als herausragend würdigt, zeigt das, dass diese Ereignisse nur noch als Events von Bedeutung sind, mit denen sich der Tourismus fördern lässt. Wir müssen nüchtern sehen, dass der 100. Jahrestag der Bauhaus-Gründung ein historischer Jahrestag ist wie andere Jubiläen auch: Man kann sich durchaus davon inspirieren lassen, aber eine besondere Aktualität aus sich heraus hat das Ereignis nicht mehr.

Die drei klassischen Bauhaus-Standorte in Weimar, Dessau und Berlin erhalten zum Jubiläum jeweils große Erweiterungsbauten. Wäre es – eingedenk Ihrer Kritik – im Sinne der Gründer nicht logischer gewesen, das alte Bauhaus als eine Art Werkstatt zu revitalisieren, die die Moderne von heute weiterdenkt?
Durchaus. Die Neubauten sind sicherlich gut gemeint, aber in der Konsequenz treiben sie die Musealisierung des Bauhauses weiter voran. Warum war von den verschiedenen Wegen in die Moderne vor allem das Bauhaus so erfolgreich? Richtig ist, dass das Bauhaus keine Bewegung ohne Vorgänger und Vorbilder war. Es gab zuvor die Arts and Crafts-Bewegung in England oder auch den 1907 gegründeten Deutschen Werkbund und die gesamte Kunstschulreformbewegung. Sie alle überlegten, wie man mit den neuen technischen Produktionsmitteln moderne Gebrauchsgüter entwickeln konnte, die nicht mehr im Gewand des Historismus daherkamen. Kurz nach 1900 waren die künstlerischen Avantgarden der Konstruktivisten vor allem in Russland und bald auch De Stijl in den Niederlanden sehr wichtig und einflussreich. Sie nahmen viel vorweg, was später dem Bauhaus zugeschrieben wurde.

Der Entwurf für den neuen Museumsbaut in Weimar
© PR

Und was war dann das besondere am Bauhaus?
Eine wichtige, europaweite Initialzündung für die Avantgarden war der Erste Weltkrieg – eine zivilisatorische Katastrophe ersten Ranges, ein Massenmorden mit modernster Technologie, mit Chemiewaffen und Panzern, die viele Denker zum Nachdenken zwang – unter anderem darüber, wie Kunst und Technik vereint werden konnten. Dass Gropius nur wenige Wochen nach dem Ende des Krieges mit seinem Bauhaus-Manifest den Anbruch einer neuen Zeit verkündete, war Ausdruck dieser Situation und traf den Nerv der Zeit. Er konnte auf forum Ideen zurückgreifen, die in den Monaten zuvor im revolutionären Arbeitsrat für Kunst in Berlin unter seiner Beteiligung entwickelt worden waren.

Was auch immer vergessen wird ist, dass das Bauhaus gar keine Neugründung war. Vielmehr wurde Gropius an die Großherzoglich-Sächsische Hochschule für Bildende Kunst in Weimar berufen. Die Umbenennung der altehrwürdigen Hochschule war ein Marketingtool erster Güte, wodurch ein sichtbarer Neuanfang gesetzt wurde. Zugleich boten die Ressourcen einer staatlichen Schule einen erheblichen finanziellen Grundstock, zum Beispiel für Mitarbeiterstellen sowie auch für Publikationen und Ausstellungen, über den andere Avantgarde-Gruppen nicht verfügten. Und das alles ohne faktische Einmischung der Politik.

So führte die Verbindung aus institutionellen Möglichkeiten und enormen PR-Anstrengungen, die Gropius sehr strategisch und sehr frühzeitig unternahm, dazu, dass auch das Ausland schon bald auf das Bauhaus aufmerksam wurde und alle Welt nach Weimar als Hotspot der Moderne strömte. 

Sie haben einmal gesagt, dass das Bauhaus nicht der Startschuss für die Moderne war, sondern vielmehr eine Reparatur daran. Was wurde denn repariert?
Die Moderne ist ja ein Epochenbegriff, der viel mehr meint als eine bestimte Architektur. Und diese beginnt mit der Industrialisierung, der Durchsetzung einer kapitalistischen Ordnung, eines Rechststaats usw. und entfaltet sich bereits im 19. Jahrundert rapide. Auch in der Bautechnik ereigneten sich alle wesentlichen Erfindungen spätestens im 19. Jahrhundert, ob Skelettbau oder Glasfassade, ob Aufzug oder Klimaanlage. Die Moderne setzte also deutlich früher ein als den meisten heute bewusst ist. Allerdings war diese Moderne eine sehr zentrifugale Kraft, die die bestehenden Lebensverhältnisse zerrüttete, auflöste, fragmentierte und in sich selbst keine gesellschaftlichen oder sozialen Werte eingeschrieben hatte. Ein Flugzeug von Junkers konnte sowohl für Rundflüge über Berlin eingesetzt werden als auch zum Abwurf von Bomben auf Guernica. Die Technik als solche war wertneutral.

In diesem Kontext versuchen – zum Teil schon ab der Jahrhundertwende, aber spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs – die Vertreter der Avantgarden, mit kulturellen Mitteln wieder eine neue Einheit zu schaffen und ihr einen Sinn einzuschreiben, so auch das Bauhaus. Das meine ich mit dem Begriff des Reparaturbetriebs.

Zum 100. Jahrestag wird vor allem an die Frauen des Bauhauses erinnert, an Gunta Stölzl, Marianne Brandt, Friedl Dicker-Brandeis und andere. Wurden diese bis dato zu wenig gewürdigt?
Durchaus. Das Novum des Bauhausjubiläums ist tatsächlich dieser neue Blick auf die Frauen, mit vielen Büchern, Filmen etc. Das Bauhaus war vor allem in der Ära Gropius sehr männerdominiert. Frauen sollten zum Beispiel nur in die Weberei gehen; zudem sollte der Anteil der weiblichen Studierenden nicht zu hoch sein. Bei Hannes Meyer durften die Frauen dann auch in andere Werkstätten. Wir müssen uns davon verabschieden – und dafür ist solch ein Jubiläum in der Tat ein guter Anlass –, das Bauhaus immer nur als wahnsinnig liberal, progressiv, demokratisch und sozial etc. vorzustellen. Die Akteure waren Kinder des Kaiserreichs – und waren in manchen Dingen dem alten Denken durchaus noch verhaftet.

Gilt das auch für die sozialen Fragen?
Gerade hier hat sich das Bauhaus ja als fortschrittlich gegeben. Das Bauhaus hat sich in der Tat gern als soziale Bewegung präsentiert. Doch wenn Sie sich die Bauhaus-Produkte anschauen, finden Sie vor allem Luxusgegenstände für die wohlhabenden Klassen; teure Lifestyle-Artikel zur sozialen Distinktion, die mit dem Massenbedarf nichts zu tun hatten. Die Wagenfeld-Lampe wurde ein Klassiker der Moderne, der bis heute reißenden Absatz findet. Sie sieht wunderschön aus, ist jedoch als Schreibtisch- und Nachttischlampe, wofür sie ursprünglich beworben worden war, völlig ungeeignet. Sie ist mehr eine Leuchtskulptur, ein Accessoire für Arztpraxen und Anwaltskanzleien oder Privatwohnungen, die den Gästen den sozialen Status des Hausherrn anzeigt. Ähnlich verhält es sich etwa mit der Teekanne von Marianne Brandt.

Am ehesten die Ansprüche erfüllt haben die Freischwinger, die es in der Tat auch zu sehr günstigen Preisen gibt. Doch gerade diese Möbel sind im Grunde keine originären Bauhaus-Produkte; denn hier gab es bereits konzeptionelle Vorarbeiten von De Stijl, und der Niederländer Mart Stam hat seine Stühle gleichzeitig wie der Bauhäusler Marcel Breuer entwickelt. Insofern ist es wichtig, die Eigenbeschreibungen des Bauhauses nicht für bare Münzen zu nehmen, sondern diese stets kritisch zu hinterfragen.

Auf dem Gebiet der Architektur wurde schon früh deutlich kritischer auf das Bauhaus geblickt. So haben Vertreter des Neuen Bauens, also keine Reaktionäre, das Bauhaus als „fehlgeleitete Entwicklung der modernen Architektur“ bezeichnet. Vor allem Gropius wurden immer wieder Vorwürfe gemacht, mit seinem „mechanischen Materialismus“ ein Wegbereiter der Plattenbauten und der modernen Großstadtghettos gewesen zu sein.
Es ist schwierig, hier allgemeingültige Aussagen zu treffen. Zwar waren alle drei Bauhaus-Direktoren Architekten, aber sie haben für sehr unterschiedliche Positionen gestanden. Richtig ist, dass das, was Gropius als Programm zur Industrialisierung des Wohnungsbaus in den 20er Jahren beschrieben hatte, sehr nah an das herankam, was später in der DDR die WBS 70 war oder in Westdeutschland die Großsiedlung: die forum Vorfabrikation in großer Anzahl anhand gleicher Bauteile. Gropius selbst hatte 1926 bis 1928 versucht, in Dessau-Törten seine Ideen punktuell umzusetzen, und ist damit gnadenlos gescheitert: Die Gebäude waren nicht nur schlecht entworfen, sondern auch nicht billiger und für die Leute nicht mehr erschwinglich.

Bei Meyer ist es anders. Von ihm stamen die Laubenganghäuser in Törten. Dieser Bau hat nicht diese ikonischen Qualitäten und weckt deshalb kaum das Interesse der Architekturmagazine, aber es ist eine brauchbare Architektur. Insofern kann man fragen, ob wirklich jeder Wohnungsbau ein Architektenzauber sein muss, oder ob es vielleicht nicht auch ganz angenehm ist, ein Haus zu haben, das einfach nur praktisch funktioniert? Ganz anders sieht es wiederum bei Mies van der Rohe aus. Dieser war ein hervorragender Architekt, aber er hatte keinen sozialen Anspruch. Mies wollte einfach hochwertige Architektur bauen, die auch über die Zeit hinaus von Bedeutung ist – und das ist ihm gelungen.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass die großen flächendeckenden Architektursünden erst durch die Nachkriegsmoderne nach 1945 entstanden. Natürlich waren diese eine Weiterentwicklung der klassischen Moderne, aber die NS-Planung der Leute um Albert Speer wie auch die Eigendynamik der Bauindustrie hatten ebenfalls einen wesentlichen Anteil am deutschen Wiederaufbau der 50er Jahre. Aber die klassische Avantgarde der zwanziger Jahre hat ideologisch wichtige Grundlagen gelegt für die funtkionsgetrennte und autogerechte Stadt. So ist symptomatisch, dass die „Gropiusstadt“ in Berlin, welche nicht zuletzt mit der Geschichte von Christiane F. „Wir Kinder vom Banhof Zoo“ traurige Berühmtheit erlangte, vom Gründer des Bauhauses und einer seiner Schüler selbst geplant wurde.

Ist es, wenn das Bauhaus auf wichtigen Feldern die eigenen programmatischen Versprechen nicht erfüllt hat, nicht an der Zeit, sehr viel kritischer auf sein Erbe zu blicken?
Absolut. Ich finde es hochproblematisch, dass quasi alles, was irgendwie mit dem Bauhaus zu tun hat, inzwischen wie eine Reliquie behandelt wird. Für Touristen, die nach Dessau kommen, ist der Ort quasi ein Mekka der Moderne. Es gibt Besucher, die aus dem Bus steigen und den Boden küssen und in die Häuser gehen und eigentlich nur all ihre Klischees bestätigt sehen – obwohl diese Klischees offenkundig im Widerspruch stehen zu den Bauten, durch die sie gerade gehen.

Darin sehe ich auch die Gefahr für die Jubiläumsfeier: dass sie zu einer religiösen Zeremonie wird, bei der Gegenstände reliquienhaft verehrt werden, aber niemand mehr versucht, die historischen Sachverhalte zu erschließen. Insofern ist eine distanzlose Bauhausverklärung genauso schlimm wie eine kritiklose Preußenverherrlichung.

Sollten wir also ausgerechnet im Jubiläumsjahr das Bauhaus vom Sockel holen?
Die Frage ist ja, inwieweit solch ein Jubiläum überhaupt in der breiten Öffentlichkeit wirkt. Auch bei den Reformationsfeierlichkeiten haben sich die Erwartungen nicht so richtig erfüllt. Sicherlich gibt es jetzt viel mediale Aufmerksamkeit, viele Publikationen und Kulturprojekte. Aber ich glaube nicht, dass die Öffentlichkeit den Eindruck hat, dass die Art der Präsentation des Bauhaus-Jubiläums eine besondere Relevanz für die Gegenwartsfragen haben wird. Und das ist dann auch die Schwäche des Jubiläums. 


Architektonische Festgaben
Zum 100. Jahrestag gibt es für die Fans der klassischen Moderne gleich drei neue Häuser

Aus Anlass des Jubiläums erhalten die drei Bauhaus-Standorte Weimar, Dessau und Berlin jeweils einen Neubau. So entsteht mit dem bauhaus museum weimar ein neues Kulturquartier, das den Bogen vom ausgehenden 19. Jahrhundert über die ambivalente Historie der Moderne bis hin zur Gegenwart spannt. Das neue Bauhaus Museum im Dessauer Stadtpark wiederum präsentiert künftig die wertvolle Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau und schafft zugleich eine Verbindung zu den übrigen Bauhaus-Bauten in der Stadt. Auch Berlin erhält ein neues Gebäude. Hier entsteht ein Erweiterungsbau für das von Walter Gropius entworfene Bauhaus-Archiv mit den charakteristischen Sheddächern.

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