https://rotary.de/kultur/erfolgs-ratgeber-der-anderen-art-a-5857.html
Buch der Woche

Erfolgs-Ratgeber der anderen Art

Buch der Woche - Erfolgs-Ratgeber der anderen Art
© Edition a

12.09.2014

Wie er das geschafft hat? Oskar Kern, als Manager Herr über 250 Millionen Euro Umsatz und 1500 Mitarbeiter, musste bei einem Galadiner nicht lange über diese Frage nachdenken. „Alles, was ich brauchte, habe ich von meinen Eltern gelernt“, sagte er. Die verfügten nicht, wie seine Zuhörer meinten, über klingende Namen und geheimnisvolle Netzwerke. Vielmehr waren sie Landbriefträger in dem abgelegenen oberösterreichischen Liebenau. Oskar Kern entführt in dieses Dorf und erzählt, wie er als Junge, der seinen Vater und seine Mutter manchmal auf ihren weiten Wegen über das Land begleiten durfte, deren kleine Lebensweisheiten aufschnappte. Warum es gut ist, manchmal eine Tür zu öffnen, hinter der ein Hund bellt, zum Beispiel, oder warum es eigentlich nie um die Briefe, sondern immer nur um ihre Empfänger geht. Ein Motivationsbuch, das vielleicht erfolgreich, aber ganz sicher glücklich macht.


7. Lass dich nicht ins Postamt locken

»Fritzl, wenn du mit dem Abrechnen fertig bist, lass uns noch kurz reden«, sagte Postdirektor Hennerbichler eines Abends zu meinem Vater.
Das hatte dem gerade noch gefehlt. Zuhause wartete meine Mutter mit einem Schweinsbraten auf ihn. Mein Vater fragte sich, was es jetzt Wichtigeres geben könnte, als diesen dampfenden, knusprigen Schweinsbraten. Mit warmem Sauerkraut und Semmelknödel. Ihm fiel beim besten Willen nichts ein.
Er beeilte sich, mit seinen Abrechnungen fertig zu werden und stand wenig später unruhig zappelnd vor Hennerbichler. »Was gibt es denn? Weißt du, ich hab heute noch Rettungsdienst und deswegen nicht sehr viel Zeit.«
Hennerbichler blieb unbeeindruckt. »Darf ich dir einen Tee anbieten?«, fragte er.
Mein Vater trank Tee nur in Ausnahmesituationen. Wenn er krank war zum Beispiel. Ein Kaffee oder ein Bier wären ihm lieber gewesen. Aber auf Hennerbichlers Tisch dampfte es schon aus einer Teekanne heraus. Dort standen auch zwei Teetassen, sogar ganz nobel samt Untertassen. Es roch nach Hagebuttentee.
Von allen Teesorten mochte mein Vater Hagebutten am wenigsten. Aber es war zwecklos, jetzt mit solchen Grundsatzdiskussionen Zeit zu verlieren.
»Nimm doch Platz«, sagte Hennerbichler und sortierte seelenruhig die Stempel, die Stempelkissen, die Brief- und Stempelmarken und wichtige Unterlagen in den Tresor. Auf seinem Schreibtisch lagen seine weniger wichtigen Zettel, ein langes Lineal, ein Kugelschreiber, ein schon etwas kurz gespitzter Bleistift und der noch kleinere Radiergummi.
Schließlich sah Hennerbichler meinen Vater an und setzte dabei eine staatstragende Miene auf. »Fritzl, du bist jetzt schon seit Jahrzehnten unser bester Briefträger«, sagte er. »Ich habe mit den Herren aus Linz geredet, und deshalb habe ich jetzt einen Vorschlag. «
Mit den Herren aus Linz meinte Hennerbichler seine Vorgesetzten. Eigentlich war es nicht so, dass er mit den Herren redete, sondern eher umgekehrt. Sie redeten mit ihm. Er war jedes Mal so aufgeregt, dass er kaum ein Wort herausbrachte, und wenn, teilte er ihnen immer nur mit, dass er zu hundert Prozent ihrer Meinung war.
Mein Vater verstand diesen vorauseilenden Gehorsam überhaupt nicht. Er duckte sich vor niemanden. Auch jetzt war er dementsprechend unbeeindruckt. »Und?«, fragte er.
»Ich habe erreicht, dass du einen schönen Posten hier im Amt bekommst und nicht mehr bei Wind und Wetter durch diese raue Gegend fahren musst.« Karl, der den Job bisher gemacht hatte, wollte sich wieder mehr seinem Bauernhof widmen und mehr für die Herrschaft arbeiten.
Stille. Mein Vater musste sich erst sammeln. »Wieso das denn?«, fragte er. Er konnte die Antwort schon erahnen. Es war Mitte August, und pünktlich Ende September schickten die hohen Herren aus Linz immer die Durchrechner nach Liebenau. Die Briefträger mussten die Durchrechner dann einen Tag mitnehmen. Sie saßen mit der Stoppuhr neben ihnen und trugen in Listen ein, wie viele Minuten sie pro Haus und Zustellung brauchten. Ziel der Übung würde wie immer der Beleg sein, dass dieselbe Arbeit auch weniger Briefträger verrichten konnten. Diese Erkenntnis passte ihnen besonders gut in die Vorweihnachtszeit. Dann argumentierten sie generös, dass sie vielleicht doch keinen viertel- oder halben Posten streichen müssten, wenn die Briefträger im Gegenzug bei der Auslieferung der Weihnachtspakete auf ihre Zulagen verzichteten. Die Diskussion kam jedes Jahr so zuverlässig wie Weihnachten selbst. »Hennerbichler, der Kollege Wirrer und ich, wir haben die Durchrechner schon im Griff und es ist eine Sauerei, dass sie im Sommer durchrechnen, wo bei uns doch die Winter so widrig sind«, sagte mein Vater. »Die schreiben uns nicht vor, wie wir auf tausend Metern Seehöhe die Post zustellen.«
»Beruhige dich«, sagte Hennerbichler. »Trink einen Schluck Tee.«
Es war ein »lediger« Tee. So nannten die Liebenauer Tee ohne Zusatz von Rum oder Schnaps. Er griff zur Tasse, erklärte, er müsse kurz austreten und nahm die Rumflasche aus dem Schrank mit den Putzutensilien, wo sie seine Kollegen ganz hinten versteckt hatten, und verlieh dem Tee damit Geschmack. Hennerbichler durfte von dem Rum nichts wissen. Es hätte ihn nervös gemacht. Die Herren aus Linz hätten ja theoretisch ungemeldet vorbeikommen und den Rum entdecken können. Praktisch passierte das nie, und wenn sie kamen, waren ihre Augen immer nur auf die Stoppuhren gerichtet.
Mein Vater setzte sich wieder zu Hennerbichler. Er mochte den groß gewachsenen Mann, der stets adrett gekleidet war und immer saubere Schuhe trug, obwohl seine Kunden sie nie sehen konnten. Seine Füße steckten ja immer unter seinem Schreibtisch am Schalter. Hennerbichlers weiße Hemden waren immer steif von der Bügelstärke und blütenweiß wie die Papiere auf seinem Tisch. Wenn Hennerbichler auf die Toilette ging, die keine zehn Schritte von seinem Schaltersessel entfernt war, knöpfte er sich immer beim Aufstehen sein Sakko zu. Meinen Vater amüsierte das immer. »Fritzl, du sollst nicht mehr bei der Kälte raus müssen«, sagte Hennerbichler. »Wir wissen beide, dass es bei uns acht Monate im Jahr kalt ist. Du wirst nicht mehr im Winter mit dem Moped im Schnee stecken bleiben und wegen solchen Dingen Stunden zu spät nach Hause kommen, ohne diese Überstunden bezahlt zu bekommen«, erklärte Hennerbichler mit ernster Miene. »Im Innendienst kannst du dir auch deine Rettungsdienste viel besser einteilen. Auch eine Ausrückung bei der Freiwilligen Feuerwehr kannst du dann im Notfall mitmachen, weil es ja von hier nur 200 Meter bis zum Feuerwehrhaus sind.«
»Was wäre ich dann hier im Amt?«, fragte mein Vater.
»Postsekretär«, sagte Hennerbichler. »Du würdest am Schalter mithelfen. Über die Arbeit am Computer musst du dir keine Sorgen machen. Das wirst du nach und nach lernen. Dein Fixgehalt wird doppelt so hoch sein wie jetzt.«
Hennerbichler erwartete sich wahrscheinlich einen Freudensprung meines Vaters. Doch der blieb unbeeindruckt sitzen. »Hennerbichler, lass mich drüber nachdenken «, sagte er. »Danke, dass du dich für mich eingesetzt hast«, fügte er noch hinzu. Er wusste, dass das nicht ganz so gewesen war. Aber Hennerbichler war trotzdem ein guter Kerl. Nur etwas ängstlich den Herren aus Linz gegenüber. »Wenn die Linzer anrufen, brennt der Hut«, sagte Hennerbichler immer. Wenn er sie in der Leitung hatte, stand er stocksteif mit durchgestreckten Knien am Telefon. »Fritzl, überleg es dir«, sagte Hennerbichler. »Bis morgen Abend muss ich den Linzern Bescheid geben.«
Vor meinem Vater lag eine schlaflose Nacht. Nicht wegen des Rettungseinsatzes, wegen dem er Hennerbichler um Eile gebeten hatte. Den gab es gar nicht. Sondern weil er ernsthaft überlegte, das Angebot anzunehmen. Wer ein Angebot der hohen Herren ausschlägt, kriegt kein zweites, hatte Hennerbichler einmal gesagt. Ob das der Wahrheit entsprach, oder auch nur eine Art vorauseilender Gehorsam war, hatte in Liebenau noch niemand ausprobiert. Zumindest konnte sich mein Vater an niemanden erinnern.
»Was bist du heute so nachdenklich?«, fragte ihn meine Mutter vor dem Schlafengehen.
»Ich denke über eine grundsätzliche Frage nach«, sagte er.
Meine Mutter musste noch einen Brief einer alten Dame an die Pensionskasse fertig schreiben. »Welche Frage?«, erkundigte sie sich.
»Was eine Karriere ist.«
»Und?«, fragte meine Mutter.
Mein Vater antworte nicht, aber das merkte sie nicht. Anschließend lag er mit offenen Augen im Bett. Das hohe Fixgehalt fand er verlockend. Die Haushaltskasse hätte es gut vertragen können. Er malte sich eine Zukunft aus, in der er nicht mehr mühselige Nebenjobs wie Balkone streichen annehmen müsste. Mit seinem Briefträger-Grundgehalt allein hätte er seine Familie kaum ernähren können. Den Unterschied machten die Zulagen und die kleinen Hilfsdiensten aus. Zu Weihnachten verdiente er allein durch die Zulagen, dreimal so viel wie in schlechten Sommermonaten. In den schlechten Sommermonaten verdiente er mit Gelegenheitsjobs etwas dazu. Über diese Jobs schimpfte er immer. Es war mühselig, die Bretter und Balken abzuschleifen, zu streichen und danach wieder alles zu reinigen. Ich wusste es, weil ich ihm oft dabei half. Aber je länger er an diesem Abend über solche Nebenjobs nachdachte, desto mehr merkte er, dass er selbst die mochte. Nicht wegen der Arbeit, sondern wegen den Menschen, für die er sie erledigte.
Doch da waren auch noch die kalten Winter mit den Schneeverwehungen. Hennerbichler hatte Recht. Regelmäßig blieb er mit seinem Moped im Schnee stecken. Später dann mit seinem Dienstwagen, einem klapprigen Fiat Panda, den er gegen das Moped ausgetauscht hatte. Die Temperatur im Auto entsprach etwa der Außentemperatur. Der eiskalte Wind pfiff einfach durch die Blechkiste hindurch. Mein Vater hatte trotz dicker Wollsocken immer eiskalte Zehen. Oft brauchte er Stunden, um sich daheim am Ofen aufzuwärmen.
Auch den ganzen nächsten Tag über war mein Vater nachdenklich. Nach seiner Tour fuhr er nicht direkt zum Postamt. Er legte einen Zwischenstopp ein, in Liebenau Nummer 86, unserem Haus. Dort holte er für sein Treffen mit dem Postdirektor eine Thermoskanne Kaffee ab. Zwei Mal in einer Woche wollte er nicht Hagebuttentee trinken.
Im Postamt hatte er das Gefühl, dass auch Hennerbichler angespannt war. Er sortierte seine Utensilien sogar etwas schneller in den Tresor als an anderen Tagen. Nachdem mein Vater mit seinen Abrechnungen fertig war, setzte er sich zu Hennerbichler an den Tisch und schenkte zwei Tassen Kaffee ein. »Hennerbichler, ich hab mir überlegt, wie viele Sommer ich noch arbeiten werde«, sagte mein Vater.
Hennerbichler schaute verdutzt. Das Problem für die Briefträger waren wirklich nicht die kurzen Sommer, sondern die langen Winter. Mein Vater hatte noch 16 solche Winter vor sich, bis er in Pension gehen würde. Das hatten beide schon ausgerechnet. »Du solltest lieber an die Winter denken, Fritzl«, sagte der Postdirektor. »Du weißt, wie sie sind.«
»Das schon, aber nach jedem Winter kommt wieder ein Frühling und ein Sommer«, sagte mein Vater. Wenn ich im Amt sitze, kriege ich davon fast nichts mehr mit.«
Hennerbichler sah ihn fragend an. Er verstand gar nichts.
Mein Vater erklärte es ihm. Er liebte es, durch die Wälder und über die Schotterstraßen zu fahren. Speziell zu jener Jahreszeit, in der das triste Grau des Winters zurück wich und die Bäume wieder grün wurden. Er wollte draußen sein, wenn die Sträucher und Krokusse Knospen bekamen, die Schneeglöcken auftauchten und die Wiesen wieder im saftigen Grün standen. Er wollte das frisch geschlagene Holz riechen, wenn die Förster im Wald arbeiteten. Oder auch nur den Duft, den ein warmer Sommerregen über das Hochplateau legte. Das alles wollte er nicht missen, und schon gar nicht die Menschen, die er jeden Tag besuchte und die ihm über die Jahre zu Freunden geworden waren.
Wäre er im Amt gesessen, hätte er es zwar zwölf Monate im Jahr warm gehabt, aber er hätte viele der Menschen, vor allem die Alten, die ihre Höfe nur noch selten verließen, so gut wie gar nicht mehr getroffen. Er hätte nicht einmal mehr gewusst, wie es ihnen ging und was sie bewegte. Das wäre für ihn kein erfülltes Leben gewesen. Auch nicht, wenn er dafür mehr Geld aufs Konto bekommen hätte.
Der entscheidende Punkt, den er später auch meiner Mutter und mir mitteilte, war: Wer die Dinge, die er liebte, für mehr Bequemlichkeit oder mehr Geld aufgab, musste verrückt sein. Jeder hatte nur dieses eine Leben, und wer es verkaufte, war selber schuld, wenn nichts daraus wurde. Mit seinem Wesen wäre er im Postamt weder erfolgreich noch glücklich geworden. Er hätte das Beste in seinem Berufsleben für die, nur vermeintlich seelig machenden Verheißungen, der in den vergangenen Jahrzehnten auch in Liebenau entstandenen Wohlstands- und Komfortgesellschaft geopfert. Er hatte gegenüber vielen anderen Menschen noch dazu den unbezahlbaren Vorteil, dass er ganz genau wusste, was seine Lebensqualität ausmachte. Umso dümmer wäre er gewesen, sie aufzugeben.
Hennerbichler konnte das nicht nachvollziehen. Er kam jeden Tag ins Postamt und war zufrieden damit. »Aber Fritzl, du wirst doch nicht dein ganzes Leben lang immer dasselbe machen wollen«, sagte er. »Du wirst dich doch auch einmal verändern wollen.«
Jetzt wurde mein Vater ärgerlich. Hennerbichler hatte wirklich gar nichts verstanden, fand er. »Pass auf, Hennerbichler«, sagte er. »Das Einzige, was sich bei dir hier drinnen ändert, ist das Datum auf deinem Stempel.«
Hennerbichler riss die Augen auf und rutschte mit seinem Sessel von meinem Vater weg.
Der war noch nicht fertig. »Jeden Tag liegt alles, vom Kuli bis zum Stempelkissen, am gleichen Platz. Du gehst wie die Rindviecher jeden Tag den gleichen Trampelpfad, und um 16 Uhr drehst du das Licht ab und gehst nach Hause.«
Der Postdirektor klammerte sich an seinen Drehsessel. Er schnappte nach Luft. Es fehlten ihm die Worte. Mit so einer Reaktion hatte er offenbar nicht gerechnet. Sie brachte ihn aus der Fassung, wohl auch, weil mein Vater eigentlich Recht hatte. Um Punkt 16 Uhr drehte Hennerbichler immer alle Lichter im Postamt ab. Nur das kleine Nachtlicht über dem Tresor ließ er brennen, das als Schutz gegen Einbrecher dienen sollte, und dessen Sinnhaftigkeit schon lange niemand mehr hinterfragt hatte. Es wurde schon immer so gemacht, und damit fertig.
Danach fuhr Hennerbichler nach Hause. Pünktlich um 16.15 Uhr saß er jeden Tag zuhause bei seiner Familie am Esstisch. Um 16.45 räumte seine Frau den Tisch ab. Kam eines der Kinder zu spät, bekam es kein Essen mehr, erzählten die Leute. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hieß es bei den Hennerbichlers. Am nächsten Tag ging Hennerbichler wieder ins Amt, blieb bis 16 Uhr, und saß eine Viertelstunde später wieder am gedeckten Tisch. Damit glich ein Tag dem anderen. Was daran so schlecht sein sollte, verstand er selbst nicht.
Mein Vater war ein anderer Mensch. »Den Hintern bekommst du wie die Rindviecher nur hoch, wenn es brennt, sprich, wenn die Herren aus Linz kommen«, sagte mein Vater.
Hennerbichlers Augen weiteten sich auf Eierbechergröße.
»Du buckelst wie ein Rollmops, wenn sie ihr Auto vor deinem Fenster parken«, sagte mein Vater. »So bin ich nicht, so werde ich nie sein und so will ich gar nicht sein.« Damit war er mit seiner Rede fertig.
Hennerbichler war heillos überfordert. Er musste sich wohl eingestehen, dass sein Lieblingsbriefträger auch im letzten vorgebrachten Punkt, nicht Unrecht hatte. Allmählich dämmerte ihm wahrscheinlich, dass er für die Herren aus Linz schlechte Nachrichten hatte und mein Vater den Job nicht annehmen würde. Umso blöder für ihn, dass er ihnen bestimmt schon vorauseilend versichert hatte, dass die Versetzung eine großartige Idee sei und Fritzl das Angebot sicher dankend annehmen werde.
Er tat meinem Vater schon fast leid, aber er war nicht umzustimmen. Er hatte seine Entscheidung getroffen, aus dem Bauch heraus, und nicht aus ökonomischen Gründen. Er versuchte noch einmal zu erklären, warum. »Von außen betrachtet ändert sich bei meinem Job nur das Datum auf den Briefen, da hast du Recht«, sagte er. »Aber für mich ist kein Arbeitstag wie der andere, auch wenn die Tour immer die gleiche ist.«
Es passierte jeden Tag etwas im Leben der Menschen, die er besuchte. Oft waren es nur Kleinigkeiten, dann wieder große Einschnitte im Leben, wie Geburten oder Todesfälle. Die Menschen waren jeden Tag mit anderen Freuden und Sorgen beschäftigt, kein Tag glich dem anderen. Mein Vater war mitten im Leben. Auch wenn er nach außen hin immer der gleiche Briefträger war, entwickelte er sich dabei innerlich weiter.
Er mochte die Sturköpfe der Gemeinde wie den Geruch des Frühlings. Wenn er mit dem Moped und später mit dem Auto durch den Wald fuhr, war das für ihn ein Gefühl von Freiheit. Er liebte den Geruch von Kaffee, den eine Kundschaft für ihn bereitstellte, und er liebte es, einfach ein bisschen länger sitzen zu bleiben, wenn ein Freund Gesellschaft brauchte. Er half den Alten das Brennholz von der Scheune zu holen, nicht aus Großzügigkeit, sondern weil es ihm Spaß machte. Sie waren ihm für die Hilfe trotzdem dankbar, das sah er in ihren Augen. Solche Momente der aufrichtigen Dankbarkeit bedeuteten ihm mehr als ein paar zusätzliche Geldscheine im Monat. Nicht zuletzt hatten diese Menschen ihn zu einem fixen Bestandteil der Liebenauer Gesellschaft gemacht, und dafür war er ihnen seinerseits dankbar. All das war ihm in der vergangenen Nacht klar geworden.
Es folgte eine Gesprächspause. Beide Männer waren in ihre Gedanken versunken. Der Postdirektor hatte verstanden. Er nahm den letzten Schluck von seinem Kaffee. Es war schon fast halb fünf, aber er erhob sich trotzdem nicht, um nach Hause zu gehen. »Hennerbichler, komm, jetzt trinken wir noch zusammen ein Kracherl«, schlug mein Vater vor.
Die Bierflaschen standen nicht wie der Rum bei den Putz-Utensilien, sondern hinter einem geblümten Vorhang in der Sortierkammer. Mein Vater öffnete zwei mit einem Feuerzeug und kam damit zurück zum Postdirektor. »Prost, Hennerbichler, auf dass wir weiter so gut zusammenarbeiten«, sagte er.
Der Postdirektor sah auf die Uhr. Er prostete meinem Vater zu und nahm einen großen Schluck. »Danach muss ich aber wirklich los«, sagte er. »Meine Frau wartet mit dem Essen.«
Eine Stunde später war ihm das Essen zuhause auch schon egal und seine Nervosität hatte sich gänzlich gelegt. Hennerbichler war jetzt nicht nur gelassen, sondern regelrecht ausgelassen. Er wusste, dass seine Frau den Tisch längst abgedeckt hatte. Essen würde er heute ohnehin keines mehr bekommen und schimpfen würde sie sowieso. Er konnte also ruhig noch ein bisschen sitzen bleiben.
Im Postamt brannte längst nur noch das Nachtlicht über dem Tresor. Im Schein der Lampe saßen die beiden Männer, vor ihnen immer mehr geleerte Kracherlflaschen. Sie lachten über gemeinsame Erlebnisse und über die Herren aus Linz. Wenn die zum Stoppen der Zustelltouren kamen, fuhren die Postler immer wie die Feuerwehr mit ihnen von Haus zu Haus. In den Kurven konnte den Durchrechnern dabei schon einmal schlecht werden. Sie steckten die Post in Briefk ästen, was sie sonst nie taten. Alle brachten die Post ins Haus und wechselten dabei ein paar Worte mit den Bewohnern. Nicht wenn die Durchrechner dabei waren. Dann gönnten sie sich keine einzige Pause. Trotzdem brauchten sie für ihre Touren immer länger, als es in den Listen der Durchrechner vermerkt war. Denn sie fuhren mit den Durchrechnern immer die offiziellen Wege. Sie nahmen keine einzige Abkürzung und ließen kein einziges Haus aus, das an diesem Tag nichts als ein mickriges Prospekt bekam. Den Durchrechnern, allesamt nicht ortskundig, war es immer ein Rätsel, wie sie so schnell unterwegs sein konnten.

Nach dem dritten Bier amüsierte das auch Hennerbichler. Sonst schlotterten ihm immer die Knie, weil er Angst hatte, dass die Herren aus Linz seinen Briefträgern auf die Schliche kommen könnten.
Es war schon kurz vor Mitternacht, als die beiden das Postamt verließen. Hennerbichler, der weniger geeicht war als mein Vater, ging schon stark schwankend. Er grinste dabei über das ganze Gesicht. Einfach mit einem Freund sitzen zu bleiben und mit ihm Kracherl zu trinken, die gar keine waren, so etwas hatte er wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr gemacht.
»Weißt du, was Karriere bedeutet?«, fragte ihn mein Vater.
Hennerbichler erwartete offenbar, einen Witz erzählt zu bekommen. »Schieß los«, sagte er.
»Karriere bedeutete, das zu tun, was wir am liebsten tun, und dabei jeden Tag besser zu werden.«
Hennerbichler hatte nicht zugehört, weil er gerade etwas in Richtung der Gehsteigkante gemurmelt hatte, über die er gestolpert war. Da es für ihn aber ein Witz gewesen war, den mein Vater gerade zum Besten gegeben hatte, nutzte er die Gelegenheit, um schallend zu lachen. Es klang ein bisschen nach Grölen, und Hennerbichler war gerade nach Grölen. Er klopfte meinem Vater auf die Schultern. »Wir sind schon zwei wilde Hunde«, sagte er.

Oskar Kern: Briefträgerkind. Die kleinen Weisheiten meiner Eltern. Edition a, Wien 2014. 221 Seiten, 19,95 Euro.