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"Auf jeden Raum pflanz' einen Baum"

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Historische Darstellung eines Obstbaumes © rechtefrei

Ein Streifzug durch die Geschichte des Obstgartens

Bernd Brunner12.04.2022

Schon immer haben Menschen Beeren und andere, wild wachsende Früchte gesammelt. Wo immer die beliebten Bäume und Büsche auch wuchsen, wurden die Früchte mit den Händen vom Baum gepflückt, aus dem Buschwerk gekämmt (Beeren), von den Bäumen geschüttelt (Äpfel, Kirschen, Pflaumen) oder sogar regelrecht geschlagen (Nüsse), bevor sie frisch gegessen oder auf die eine oder andere Weise weiterverarbeitet wurden. Das Dörren und Einlegen stellte auch im Winter und Frühjahr die Versorgung mit Früchten sicher. Irgendwann kamen sie auf die Idee, Samen und Setzlinge in der Nähe ihrer Siedlungen zu pflanzen. Durch kontinuierliche Auslese neu entstandener Formen, die am Rande der Siedlungen gezogen wurden, entwickelten sich allmählich die Vorläufer unserer Obstgärten.

Für den Ursprung unserer Kulturobstarten – von Apfel über Birne, Quitte, Aprikose, Kirsche, Pflaume, Himbeere, Erdbeere bis hin zu Mandel, Pistazie, Haselnuss und Walnuss – spielen die wilden Obstwälder an den Hängen des zentralasiatischen Tian Shan-Gebirges eine wichtige Rolle. Dort herrschten förderliche klimatische und ökologische Bedingungen: ein heterogener Charakter der Landschaft mit artenreicher Pflanzenwelt und vielen Flüssen, verbunden mit langen Zeitabschnitten, in denen es kaum Störungen von aussen gab, denn Wüstengebiete schlossen es in fast alle Richtungen ab. Vögeln kam eine wichtige Rolle für die Verbreitung zu, da sie sich besonders für kleine, hängende Früchte interessieren. Aber auch Pferde, Bisons, Hirsche, Bären, Wildschweine und Dachse hatten schon ihren Anteil daran. Sicherlich spielten auch Transporte auf der legendären Seidenstrasse eine Rolle für die Verbreitung in Richtung Westen. Der frühe süsse Wildapfel, auf den alle unsere Kulturäpfel zurückgehen und dessen genaue Identität bis heute unbekannt ist, dürfte mithilfe von Vögeln schon vor etwa zehn Millionen Jahren von seinem vermutlichen Ursprungsgebiet in China nach Tian Shan gelangt sein.

Für die erfolgreiche Kultivierung fehlte noch ein entscheidender Schritt: Wie konnte man sicherstellen, dass die Bäume genau die Früchte von der Qualität hervorbrachten, die man so sehr schätzte? Das erreicht man nur mithilfe des Veredelns, eine Form der vegetativen Vermehrung, bei der man den einjährigen Trieb eines Obstbaums auf den Stamm einer geeigneten Unterlage pfropft. Die Ursprünge dieser Technik liegen im Dunkeln. Die Pflanzenwissenschaftler Barrie E. Juniper und David J. Mabberley haben die These formuliert, nach der dieser Vorgang zuerst von Feldarbeitern beobachtet worden sein könnte: wenn Pflanzenteile zu einer Matte geflochten wurden, diese Teile sich verbanden und neue Triebe daraus entwickelten. Das könnte Menschen dazu gebracht haben, solche Verbindungen ganz gezielt anzubahnen, an verschiedenen Orten parallel.

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Während die frühen ägyptischen Kulturen nur Obstarten kennen, die auch für die Oasen typisch sind, vor allem Dattelpalmen und Feigenbäume, ist das Spektrum in der griechischen und römischen Antike vielschichtiger. Dabei kommt Lucius Iunius Moderatus Columella (ca. 4 – 70 n. Chr.) unter den römischen Pflanzenliebhabern eine besonders wichtige Rolle zu; zu seiner Zeit erreichte der Obstbau des antiken Roms seine höchste Entwicklung. Columella machte recht präzise praktische Angaben zur Anlage von Obstgärten und gibt Hinweise, wann die beste Zeit für das Pflanzen von Feigen-, Mandel-, Kastanien- und Granatapfelbäumen ist. Seine Ausführungen zum Veredeln halten allerdings nicht immer den Fakten stand: "Reiser jeder Art" lassen sich anders als er behauptet nun einmal nicht "auf Bäume jeder Art propfen". Und dass die Mondphase einen Einfluss auf den Veredelungserfolg hat, lässt sich wissenschaftlich ebenfalls nicht beweisen.

Natürlich mussten die Bäume in einem Obstgarten auch irgendwie angeordnet werden. Untersuchungen der amerikanischen Archäologin Wilhelmina F. Jashemski vermitteln uns eine recht genaue Vorstellung von den Stadtgärten Pompejis. Zu den meisten Häusern gehörte ein Garten, manche hatten sogar drei oder gar vier grosse, von Säulen umgebene und mit Bäumen bestandene Innenhöfe. Vor allem ältere Häuser hatten zuweilen Gärten im hinteren Teil, die mit Gemüse, Obst-, Öl-, Nussbäumen und Weinstöcken bepflanzt waren – eine Mischung von Zier- und Obstgärten also.

Wichtig für den Fortschritt bei der Obstkultivierung sind die Klostergärten katholischer Ordensgemeinschaften – insbesondere der Benediktiner –, die in der Zeit vom 6. bis 15. Jahrhundert in Mitteleuropa und auf der britischen Insel angelegt wurden. Sie hatten anfänglich nur die Aufgabe, die unabhängig wirtschaftenden Klostergemeinschaften mit Obst, Gemüse und Kräutern für Speisen und Arzneien zu versorgen, später wurden sie zu grösseren Wirtschaftseinheiten, die ihre Produkte in der Umgebung verkauften. Hinweise für die Gestalt solcher Gartenanlagen gibt uns der um das Jahr 816 gezeichnete grosse Plan eines Benediktinerklosters, der die Jahrhunderte in der Bibliothek St. Gallen überdauert hat. Auch wenn es sich womöglich nur um einen Entwurf handelt, enthält dieser doch wertvolle Hinweise über den Aufbau eines Klosters. Neben den Hauptgebäuden ist ein herbularius, ein Garten mit Heilkräutern, ein hortus, ein Gemüsegarten, und ein pomarius, also ein Obstgarten, verzeichnet. Dass letzterer gleichzeitig auch als Friedhof diente, ist sicherlich kein Zufall, denn die Obstbäume, die mit ihrem Rhythmus von Winterruhe, Blüte und Fruchtentwicklung eine Analogie zum Lebenslauf der Menschen bieten, wurden zugleich als Sinnbild der Auferstehung verstanden. Die Bäume werden als sorgfältig gezeichnete Rankenornamente angedeutet, aber auch konkret bezeichnet. Äpfel, Birnen und Quitten wurden am häufigsten angebaut, ausserdem gab es Mispel, Haselnuss, Walnuss und Mandel. 

Auch Feigenbäume, ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, werden erwähnt. Obwohl die mittelalterliche Warmphase nur vom Jahr 900 bis zum Jahr 1300 dauerte, sollen die Franziskanermönche des Klosters von Dresden noch im 15. Jahrhundert Feigenbäume gehabt haben. Es heisst, Herzog Albrecht habe sie von seiner Pilger- und Meerfahrt ins Heilige Land im Jahre 1476 mitgebracht.

Die Bedeutung der Klöster für den Fortschritt auf dem Gebiet der Pflanzenkultivierung ist nicht zu unterschätzen. Zwischen den Mönchen herrschte ein reger Austausch von Informationen und Gewächsen. Nicht zuletzt wurden dort Erd- und Himbeeren zuerst kultiviert; bis dahin waren sie nur in den Wäldern gesammelt worden.

Auch Könige und der Adel fanden Geschmack an all den Früchten. In den Küchengärten der Schlösser fand das parallel seine Fortsetzung – Sorten wurden erneuert, neue Arten akklimatisiert. Ein gut dokumentiertes Beispiel ist der Potager du Roi von Versailles. Im Jahre 1678 begann Jean-Baptiste de La Quintinie – eigentlich Jurist, aber Gärtner aus Leidenschaft – mit der Anlage eines südlich vom Schloss gelegenen, weiträumigen, neun Hektar umfassenden Nutzgartens. Das ausgewählte Gelände war ein Sumpf, ein stinkender Tümpel gar, der mit fruchtbarer Erde aufgefüllt wurde. Eine architektonische Besonderheit war die Einrichtung von 29 Kammern an der Aussenmauer. Das warme Mikroklima, das sich an sonnigen Tagen während der kühleren Jahreszeiten in diesen windgeschützten Parzellen einstellte, ermöglichte den Anbau von kälteempfindlichen Feigen-, Pfirsich- und Aprikosenbäumen. Der Sonnenkönig hatte eine Vorliebe für Birnen, und zwar speziell für die fein duftende und zuckersüsse "Bon-chrétien d’hiver", eine sogenannte Winter-"Apothekerbirne", in der man schon seit geraumer Zeit ein Symbol für die aufgehende Sonne zu erkennen meinte.

Der Obstbau blieb nicht auf die herrschaftlichen Anlagen beschränkt. Massive Steinmauern ermöglichten den Obstbau in ganz Grossbritannien, in den Niederlanden und Belgien und auch im Norden Frankreichs. Sie schützten die Pflanzen vor kalten Nordwinden, nahmen während des Tages Sonnenwärme auf und gaben sie nachts ab.

Vielerorts in Europa erkannte man die grosse Bedeutung der Früchte und steuerte die Entwicklung von höchster Stelle. Schon die Rechtsordnungen/Kapitularien Karls des Grossen sollten eine flächendeckende Versorgung mit Obst sicherstellen. Diese Bemühungen fanden im Laufe der Jahrhunderte mit konkreten Vorgaben ihre Fortsetzung. Seit dem 16. Jahrhundert etwa wurde jedes Paar mit Hochzeitsabsicht vielerorts dazu verpflichtet, sechs Obstbäume zu pflanzen und zu pflegen – vorher war die Eheschliessung nicht möglich. Damit einher gingen Regelungen zum Schutz der Bäume. Das Abholzen in fremden Gärten wurde mit erheblichen Strafen belegt. Viehhirte wurden davor gewarnt, ihre Herden in eingefriedeten, mit veredelten Obstbäumen besetzten und begrasten Baumgärten herumlaufen zu lassen.

Eine sehr alte Nutzungsform der mitteleuropäischen Agrarlandschaft, die ebenfalls bis in die Zeit Karls des Grossen (747-814) zurückreicht, ist darüber hinaus die Gepflogenheit, Obstbäume in Weinbergen zu pflanzen. Weinbauern konnte sich durch diese Mischkultur wirtschaftlich absichern: Wenn in einem Jahr die Reben nicht so recht gerieten, so brachten doch wenigstens die Obstbäume noch einen gewissen Ertrag ein. Dennoch war diese Praxis stets von Diskussionen über die mögliche Schädlichkeit von Bäumen in Rebanlagen begleitet.  

Nicht zu vergessen die wichtige Rolle der Wälder für den Obstbau. Ein Beispiel sind dem Wald entnommene Wildkirschen-Unterlagen, auf die kultivierte Kirschen gepropft wurden. Der Herzog Christoph erlaubte in Württemberg 1567 ausdrücklich das Ausgraben wilder junger Obstbäume in den Wäldern – meist Haselsträucher sowie wilde Apfel- und Birnbäume – um den Anbau voranzutreiben. Im Falle der wild im Wald wachsenden Johannisbeersträucher war eine Veredelung nicht einmal notwendig. Solange Baumschulen noch nicht genügend veredelte Obstbäume im Angebot hatten, fanden sich überall in der Landschaft wilde Bäume. Schon kurz nachdem Friedrich der Grosse 1740 den Thron bestiegen hatte, erliess er eine Order an die preussischen Provinzialbehörden, "die Anpflanzung von Obstbäumen im ganzen Lande, wo es nur praktikabel ist, möglichst zu poussieren". Mit seinem Wunsch, den Obstanbau zu fördern, reagierte er einerseits darauf, dass während des Dreissigjährigen Krieges viele Obstgärten verwüstet worden waren, andererseits wollte er sicherstellen, dass seine durch das Land ziehenden Soldaten sich an den Früchten bedienen konnten.

Die Obstbäume verwandelten das Gesicht der Landschaften grundlegend, verliehen ihnen Tiefe und machten sie damit optisch reizvoller. Frei wachsende Apfelbäume können bis zu zehn Meter hoch wachsen, Birnbäume zwischen zwölf und fünfzehn Meter, Kirschbäume sogar bis zu zwanzig Metern. Bei letzteren war die Ernte immer mit erheblichen Kletterkünsten verbunden, damit die Früchte nicht einfach am Baum verfaulten.

Einen Eindruck von den beträchtlichen Dimensionen der Baumpflanzungen vermittelt ein gewisser Professor Hopf, der 1797 im Württemberger Ermstal, in der Nähe von Reutlingen, unterwegs war und dort einen "Obstwald" sah, der sich, seinen Angaben zufolge, über mehrere Kilometer hinzog über den er sagte, dass "dessen Ertrag gemostet, gedörrt oder gebrannt wird". Im Tal der Dordogne, im Südwesten Frankreichs, existiert seit Jahrhunderten eine ganze Landschaft mit weit ausladenden Eichen, Kastanien- und Walnussbäumen. Früher gab es dort so viele Nussbäume, dass man sich gerne erzählte, dass ein Eichhörnchen die ganze Region durchqueren könnte, indem es einfach nur von einem Baum zum nächsten springen würde.

Im 19. Jahrhundert breitete sich der Anbau hochstämmiger Obstbäume in Mitteleuropa noch weiter aus – sie säumten die Wiesen der Ortsränder, standen an Strassen und Wegen. Besonders geeignet waren Hanglagen, wo kein Ackerbau möglich war. Es kursierte damals das Sprichwort: "Auf jeden Raum pflanz’ einen Baum, und pfleg’ ihn fein – er trägt’s Dir ein."

Noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Leben in Obstgärten zum beliebten Motiv von Malern. Das stand sicherlich in Zusammenhang damit, dass immer mehr Menschen in die Städte zogen und sich in die bukolische Idylle zurücksehnten. Man denke an die pastellfarbenen Bilder des schwedischen Malers Carl Larsson oder auch Vincent van Gogh, dem es besonders die Olivenhaine der Provence angetan hatten. Paul Cézanne dagegen wollte mit einem schlichten, impressionistischen Obst-Stilleben Geschichte machen: "Mit einem Apfel möchte ich Paris verblüffen."

Die traditionellen Gruppen von Obstbäumen, wie sie auf den Bildern zu sehen sind, sind heute allerdings meist Obstmonokulturen gewichen – das sind lange Reihen von niederstämmigen "Bäumen", die oft nur aus wenigen Ästen bestehen. Es ist gut daran zu erinnern, dass die Obstgärten "wie sie einmal waren" ein dem Wald ganz ähnliches Mikro- und Makroklima aufweisen, unter dessen Bedingungen sich eine Vielzahl von Kleintieren, Vögeln und Pflanzen sehr wohl fühlt. Bäume unterschiedlicher Arten und Sorten, noch dazu verschiedenen Alters, entfalten ein wertvolles ökologisches Zusammenspiel. Werden die Areale, auf denen die Bäume stehen, massvoll bewirtschaftet oder weitgehend sich selbst überlassen, können sich dort sogar seltene Pflanzen wie Orchideen oder Nelken verbreiten. Hier und da findet man sie noch, die romantischen, von hochstämmigen, knorrig gewachsenen Bäumen geprägten Landschaften.

Bernd Brunner
Bernd Brunner, geboren 1964, studierte in Berlin und Seattle und ist Autor einer Reihe Sachbücher an der Schnittstelle von Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, unter anderem "Das Buch der Nacht" und "Die Erfindung des Nordens". "Von der Kunst, die Früchte zu zähmen – Eine Kulturgeschichte des Obstgartens" ist gerade beim Knesebeck Verlag erschienen. berndbrunner.com

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