01.08.2015

Die Tischgesellschaft als Spiegelbild der Lebensqualität eines Landes 

Gute Mahlzeit in guter Gesellschaft

Harald Lemke

Spiegelt sich in den Essgewohnheiten einer Gesellschaft ihre Kultur? Was sagt das über die Deutschen aus, die dafür bekannt sind, möglichst rational zu speisen? Und warum haben andere Länder eine so großartige Küche? Gedanken zu einem ganz besonderen Verhältnis.

Wie lassen sich Wohlstand oder Glück bemessen? Über diese schlichte und alles entscheidende Frage zerbrechen sich die Philosophen seit Jahrhunderten ihre Köpfe – bislang ohne Ergebnis. Ein jenseits der philosophischen Schulen weithin geltender Maßstab für Lebensqualität ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Seit einigen Jahren wird sogar ein erheblich avancierteres Bemessungskriterium verwendet, bei dem es nicht bloß um Geld- und Warenmengen oder um quantitatives Wirtschaftswachstum geht: Dieser umfassendere Index ermittelt das Bruttonationalglück (BNG). Wie wäre es, wenn wir als weiteres Kriterium für Wohlstand und ein glückliches Leben die Alltäglichkeit des gemeinschaftlichen Tafelvergnügens hinzufügen? Quasi die „Bruttotischgesellschaft“ oder „das gastrosophische Wohlleben“.


Sollte sich im Zustandekommen von Tischgesellschaften der Glückszustand des gesellschaftlichen Lebens und der Gütegrad des allgemeinen Wohlstandes widerspiegeln, stünde es nicht besonders gut um unsere Kultur. Zahlreiche Studien belegen, was jedem aus eigener Erfahrung bekannt ist: die zunehmende Verbreitung eines „kulinarischen Solipsismus“, wie der kritische Aufklärer Immanuel Kant die Unsitten des Alleinessens nannte. Schnell mal den Hunger vertreiben und sich beiläufig den Magen vollschlagen ist das, was die meisten Deutschen lieben — oder zumindest im Alltag überwiegend leben. Wobei Deutschland keineswegs Weltmeister im kulinarischen Alleingang ist, sondern nur eines unter vielen kulinarisch unterentwickelten Ländern.

Gegenbewegung zur Fastfood-Gesellschaft

Doch die Hoffnung auf bessere Verhältnisse keimt: Seit einiger Zeit lässt sich vielerorts eine Gegenbewegung zur weltweiten Fastfood-Gesellschaft beobachten. Immer mehr Menschen legen Wert auf regionale hochwertige Lebensmittel, kaufen Produkte aus biologischer Landwirtschaft, finanzieren fairen Handel und faire Preise, beteiligen sich an Selbsternteaktionen oder „Urban Gardening“-Initiativen und laden Andere zu sich nach Hause ein, um gemeinsam mit ihnen zu kochen und gutes Essen zu genießen. Das Zustandekommen einer Tischgesellschaft und das Bruttonationalglück eines gastrosophischen Wohllebens finden eine wachsende Anzahl von begeisterten Anhängern und Besseressern.


Dieser gesellschaftliche Wandel im Umgang mit dem Essen spiegelt sich nicht zuletzt an der Tatsache wider, dass die diesjährige Weltausstellung in Mailand der großen Zukunftsaufgabe „Feeding the Planet, Energy For Life“ gewidmet ist. Kaum etwas braucht die Menschheit dringlicher als eine neue Ethik und Politik des guten Essens angesichts einer globalen Ernährungskrise, deren dramatische Auswirkungen andere Krisenphänomene bei weitem übertreffen. In der internationalen Diskussion um zukunftsfähige Energiewirtschaft und Energiepolitik wird dem Treibstoff der globalen Tafelrunde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch die zukünftige Menschheit lebt entweder von nachhaltig erneuerbaren, klimafreundlichen und ressourcenschonenden Lebensmitteln. Oder das Raumschiff Erde geht ausgerechnet an der mangelnden Intelligenz seiner Bordküche zugrunde.

Der Stellenwert des Essens

Die Ur-Energien der Tischgesellschaft bringen unscheinbare und in ihren Wirkungen umso mächtigere Kräfte ins Spiel. Sie lassen sich anhand einer einfachen Frage präzise messen: Welchen Stellenwert in der gesellschaftlichen Entwicklung kommt dem guten, zukunftsfähigen und dem Menschen würdigen Essen im Allgemeinen sowie dem gemeinschaftlichen Essen im Besonderen zu?


Eine Wertschätzung der gemeinsamen Mahlzeit lässt sich in vielen Kulturen nachweisen. Aus allen Phasen der Menschheitsgeschichte sind uns Schilderungen überliefert, die belegen, dass das Gemeinschaftsmahl und die feierliche Inszenierung des Tafelns zu den Essentials eines allgemeinen Wohlergehens gehören. Demnach scheint das gemeinsame Essen etwas an sich Gutes zu sein. Was nicht weiter verwundert, denn es vermählt zwei intensive Lusterfahrungen.


Erstens lebt die Tischgesellschaft von unserer Lust am Essen. Dieses kulinarische Vergnügen geht nicht nur aus der existenziellen Erleichterung hervor, sich mit irgendwelchen Nährstoffen drohendes Hungerleiden (sprich: Unlust) vom Leibe zu halten. Über das Wohlgefühl der Sättigung hinaus beinhaltet die Lust am Essen die kulturell verfeinerten Gaumenfreuden: das essthetische Wohlgefallen an Kochkunst und geschmacklicher Raffinesse.


Zusätzlich zum leiblich-kulinarischen Tafelvergnügen bereitet gemeinsames Essen die Lust eines geselligen Zusammenseins. Unter der — durchaus anspruchsvollen — Voraussetzung, dass alle Beteiligten gastlich und gleichberechtigt miteinander umgehen, kann jene Geselligkeit oder Konvivialität entstehen, die eine Tischgesellschaft zum Inbegriff und zur alltäglichen Erfahrung eines guten Zusammenlebens macht. Freilich sind viele Mahlgemeinschaften alles andere als ein Vergnügen und finden ohne gutes Essen statt, weshalb geselliges Zusammensein allzu oft im doppelten Wortsinn geschmacklos sein kann.

Geglückte Vergesellschaftung

Gleichwohl bleibt es bei dieser fundamentalen Erkenntnis: In der Lust und in der Kunst des gemeinsamen Tafelns spiegelt sich die Praxis einer geglückten Vergesellschaftung wider. Um noch einmal mit Immanuel Kant zu sprechen: In jeder „guten Mahlzeit in guter Gesellschaft“ steckt die „gesittete Glückseligkeit“ einer „wahrhaften Humanität“. Insofern muss hier an die praktische Vernunft jener berühmten Tischgesellschaft erinnert werden, zu der Kant jeden Tag einige Freunde oder Fremde zu sich nach Hause einlud. Und es scheint philosophisch äußerst konsequent, dass der große Aufklärer sogar moralische (tischsittliche) „Regeln eines geschmackvollen Gastmahls“ formuliert hat.


Freilich verdanken wir es bereits dem Begründer der westlichen Philosophie Sokrates, den inhärenten Zusammenhang zwischen Tischgesellschaft und Philosophie kultiviert zu haben. Der Grieche maß dem Kultus des Gastmahls eine ethische Bedeutung bei, freilich nicht nur, um mit Freunden in redseliger und trinkfreudiger Runde philosophische Dialoge führen zu können, wie Platons berühmte Darstellung eines solchen „Symposions“ suggeriert. Der überzeugte Demokrat Sokrates erkannte, dass die gute Mahlzeit in guter Gesellschaft den Sinn für Gerechtigkeit und Gemeinwohl schärft. Wieso? Weil dabei sowohl das Reden wie das Essen, also wesentliche Lebens-Mittel, geteilt werden. Das gemeinschaftlich Geteilte kommt allen gleichermaßen zugute, und es macht jeden kulinarisch zufrieden und geistig im eigenen Urteil reflektierter. Auf einzigartige Weise verbinden sich in der Tischgesellschaft Essen, Philosophie und Demokratie in dem alltagstauglichen Glück, freie Zeit (Freiheit) mit Lust, Kultur und Wohlleben zu erfüllen.


Zweifelsohne hätten sich deshalb auch Sokrates und Kant für all die Initiativen und Trends interessiert, die gegenwärtig und insbesondere mithilfe von Smartphone und Social-Media-Kommunikation eine zeitgemäße Renaissance der gastrosophischen Tischgesellschaft voranbringen. Ob Slow-Food-Konvivien und Social-Cooking-Klubs oder Internetportale wie „www.mitesszentrale.de“ oder „www.cooksocial.org“ und „www.cookasa.com“ — die Spielregeln dieser neuen Gastmahlkultur sind ebenso spaßig wie fortschrittlich. Wer nicht gerne nur für sich kocht und Leute kennenlernen will, verabredet sich einfach mit Anderen zum gemeinsamen Kochen, Essen und Philosophieren. Bei Cookasa funktioniert der Algorithmus eines gastrosophischen Wohllebens in sechs Schritten: 1) gemeinsam kochen - bei Dir oder woanders. 2) Einen Tag vor dem Event erfährst Du, wo Du mit wem kochst. 3) Was gekocht wird, entscheidet das Einkaufs-Team. 4) Alle Aufgaben werden per Zufall verteilt. 5) Getränke bringt jeder selbst mit. 6) Die Einkaufskosten werden geteilt. 7) Der Gastgeber, bzw. die Gastgeberin wird von den Gästen eingeladen als Gegengabe dafür, dass die Tischgesellschaft in seiner, bzw. ihrer Küche stattfindet.


Eine Gesellschaft, die das Gastmahl als Grundlage einer allgemeinen (ernährungsethischen und demokratischen) Entwicklung wertschätzt, wird diesem Vergnügen eine entsprechende Bedeutung beimessen. Eine gute Gesellschaft sieht in der Tischgesellschaft eines ihrer zentralsten Wohlstands- und Glücksgüter.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2015

Harald Lemke
Dr. Harald Lemke ist Philosoph und Gastrosoph sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zum Thema Esskultur, darunter „Die Tischgesellschaft“ (transcript 2008). Er lehrt am Interdisziplinären Zentrum für Gastrosophie. Ernährung - Kultur – Gesellschaft an der Universität Salzburg und ist Direktor und Wissenschaftlicher Leiter des Internationalen Forums Gastrosophie in Österreich. Zuletzt erschien „Über das Essen. Philosophische Erkundungen“ (Wilhelm Fink Verlag 2014). www.haraldlemke.de

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