08.09.2011

Anmerkungen zum Zustand unserer Architektur

Hausbau statt PR-Spektakel

Hans Kollhoff

Wer wissen will, warum allerorts rekonstruiert wird, sollte zur Kenntnis nehmen, wie es um unsere Architektur bestellt ist heute. Wenn Architektur das ist, was die Wertschätzung des Feuilletons oder der Hochglanzgazetten erfährt und dort seine Bildkraft unter Beweis stellen darf, wenn es das ist, was für preiswürdig gehalten wird in prestigeträchtigen Konkurrenzen, dem Pritzkerpreis oder dem DBA-Preis; oder wenn es gar das ist, womit die Banken, die Versicherungen, die Autokonzerne Aufmerksamkeit zu gewinnen trachten, wenn das also unsere Architektur sein soll, dann dürfte das Bedürfnis nach Rekonstruktion nichts weniger sein als die allzu verständliche Sehnsucht nach etwas, was man in all diesen Beispielen vergeblich sucht; nämlich einen Ort, der einem das Gefühl gibt, gut aufgehoben zu sein, ein Zuhause. Denn die Kehrseite dieses marktschreierischen Architekturbildes ist ja die um sich greifende Zersiedlung der Landschaft mit Fertighäusern, die einander ebenso gleichen in ihrer kleinbürgerlichen Konventionalität wie die „Kunstobjekte“ eines globalisierten Mainstream im Dienste des Profits. Und weil weder die Fertighaussiedlungen auf Gemeinschaft aus sind, noch die Aufmerksamkeitsarchitekturen, weil beide im Grunde Gemeinschaft fliehen, um exklusives Glück und exklusiven Profit zu sichern, bringen sie keinen Raum mehr zustande und symbolisieren Abwendung statt Zuwendung und damit das Gegenteil von Stadt, nämlich einen Egoismus, der in Einsamkeit umschlägt und schmerzhaft die Erinnerung wachruft an Zeiten einer gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung. Es ist der Zwang zur Einzigartigkeit, der den Konsum beflügelt und der sich mit der Architektensehnsucht nach Genialität verbrüdert und damit abkoppelt vom Prinzip gesellschaftlicher Konventionalität und vom Prozess architektonischer Erfahrung, also von Wertsetzungen, die sich nicht Einzelleistungen verdanken, sondern dem kollektiven Streben nach Verbesserung und Verfeinerung. Der Unternehmer hat sich um den Shareholder Value zu kümmern und sonst gar nichts, gab mir kürzlich ein Banker zu verstehen, denn was darüber hinausgehe, sei Sache der Gesellschaft, sprich, der öffentlichen Hand. Aber was soll man von einer öffentlichen Hand halten, die Geld ausgibt für das Glasmonster der EZB in Frankfurt, das in seiner Großspurigkeit nicht zu übertreffen ist?

Absurditäten der Gegenwart

Die Absurditäten, die heute gebaut werden, werden oft mit unseren technischen Möglichkeiten begründet. Aber nicht alles, was technisch möglich ist, wird architektonisch sinnvoll sein, ja das meiste hat mit Architektur nicht das Geringste zu tun. Dieser schlichten Erkenntnis versucht man heute, nicht ohne Erfolg, abzuhelfen durch allerlei Augenwischerei in Sachen Nachhaltigkeit, Ökologie, „Green“ Building. Warten wir es ab, wie die Performance der so überschwänglich zertifizierten Glaswunder über die Jahre aussehen wird, wenn die Neuvermietung nach den ersten fünf oder zehn Jahren ansteht und die Neuartigkeit verflogen ist und alles, was so einzigartig schien, in einer großen Melange aufgeht, die ihre Entstehungszeit nicht leugnen kann. Technologischer Fortschritt ist eben etwas anderes als Zunahme an Lebensqualität, ja bisweilen nimmt letztere zu in dem Maße wie sie sich ersterem widersetzt. Nichts ist so alt wie der Fortschritt von gestern, ist man versucht zu sagen. Jeden Begriff von Nachhaltigkeit Hohn sprechend, dürfen die Machwerke ja heute nach der Abschreibungszeit zusammenbrechen. Für die wirtschaftliche Dynamik wäre es das Beste. Nun haben die Menschen aber das Bedürfnis, auf dieser Erde etwas Bleibendes zustande zu bringen, etwas, das auch die Wertschätzung kommender Generationen erfährt. Das war immer der Antrieb für den Hausbau. Und eben das will uns heute nicht mehr gelingen mit unserem globalisierten Denken, das Profite erwirtschaften will, die denen des Finanzmarktes nacheifern. Weil das aber nur in aufstrebenden Volkswirtschaften mit wachsender Bevölkerung möglich erscheint, wird hierzulande der Standard heruntergeschraubt bis das Elend durch die Ritzen blickt. Und dann fangen die Menschen an, zu rekonstruieren und ihre Altstädte wieder aufzubauen. Wer wollte es ihnen verübeln.

Rückbesinnung

An Strukturen, die im Generationenrhythmus entsorgt werden, kann sich keine Erinnerung knüpfen. Und auch mit der Gesichtslosigkeit abstrakter Kompositionen wie sie der rationalistische Mainstream hervorbringt, lassen sich nur mit Mühe emotionale Beziehungen herstellen. Offenbar ist eine gewisse Komplexität innerhalb eines festen Rahmens von Regeln notwendig, um Wiedererkennbarkeit und Identifikation zu ermöglichen. Eben das war die Qualität einer bürgerlichen Architektur, die bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert wirksam war: gesellschaftliche Konventionalität und Singularität gleichermaßen. Wenn das „Ich, Ich, Ich“ kapitalistischen Wettbewerbs kein Korrektiv mehr findet in einer bewussten Gemeinsamkeit, wenn also die Masse kommerzieller Ausrufezeichen und standardisierter Rückzugsorte keine Stadtsubstanz mehr hergibt, ja dazu angetan ist, eine solche aufzulösen und zu zerstören, ist der Zeitpunkt vielleicht nicht allzu fern, dass sich die Prioritäten wieder zugunsten eines bürgerlichen Selbstverständnisses verschieben könnten und Häuser wieder so beschaffen sein werden, dass daraus ein großes Ganzes, eine Stadt erwachsen kann. Solange man weitergebaut hat, wie man es von Alters her gewohnt war, wurde auch rekonstruiert. Ganz selbstverständlich hat man ein baufälliges Dach repariert oder ersetzt wie es war. Eine abgebrannte Kirche hat man ebenso wiedererrichtet, es sei denn, man hatte nun den Bedarf und die Mittel für eine größere und selbstverständlich auch schönere Kirche. Und manchmal gab man dabei einem neuen Schönheitsideal nach, etwa im Italien des ausgehenden 13. Jahrhunderts, als man begann, in den Trümmern Roms eine Modernität zu entdecken, die der aufkeimenden Gotik bald den Rang ablief und als Wiedergeburt der Architektur, als Renaissance nicht nur zum dominanten Stil, sondern zum Prinzip der europäischen Architektur überhaupt wurde.

Aufbauend auf dem typologischen und tektonischen Repertoire der Römischen und Hellenischen Antike entwickelte sich ein ebenso komplexes wie elastisches Architektursystem, von der Florentiner Protorenaissance bis hin zur Rokoko-Architektur und darüber hinaus zum Klassizismus nördlich der Alpen. Ja die Entwicklung brach erst nach dem Ersten Weltkrieg ab, nach Alfred Messel und Peter Behrens, und selbst in Mies van der Rohes Stahl- und Glasarchitektur lassen sich Spuren dieser auf die Antike zurückgehenden Baukunst verfolgen. Natürlich war das einfache profane Bauen, das weiter zurückging und lokale Bautraditionen hervorgebracht hat, vor allem im ländlichen Raum weiterhin dominierend, es folgte ja ohnehin Prinzipien, aus denen auch die Renaissance-Architektur hervorgegangen ist: Das Bauen auf der Parzelle, das Respektieren der Bauflucht, die Gliederung in Sockel, Wohngeschosse und Dach waren selbstverständlich, ob beim Stein-, Holz- oder Fachwerkbau. Der wesentliche Unterschied bestand im Grad der Verdichtung und Urbanisierung. So wie die Nachbarn sich übertrumpfen wollten beim Hausbau, so haben sie sich auch gegenseitig beobachtet, um zu verhindern, dass ihrem Gemeinwesen Schaden zugefügt wird. Architektonische Qualität zeigte sich dabei als minimale Abweichung von der Norm. Ganz selbstverständlich haben auch die Architekten sich auf die Finger geschaut und Kopieren war kein Sakrileg. Ganz im Gegenteil, es wurden Musterbücher vorgelegt, die zunächst der Masse anonymen Bauens zum Vorbild dienen sollten, die aber auch die Architektenschaft motiviert haben, ihr Höchstes zu geben von Verfeinerung zu Verfeinerung. Ohnehin scheint die Kopie als solche vor allem für die Zeitgenossen ein Problem zu sein. Ein, zwei Generationen später wird man sehr klar erkennen, welcher Entstehungszeit die Replik ihr Dasein verdankt. Und selbstverständlich begibt man sich beim Kopieren auf eigene Wege, die das Vorbild bald hinter sich lassen. Es wäre ein Trugschluss, zu glauben, wir könnten aus dem Nichts Großes schöpfen. Dabei kann es passieren, dass wir unversehens der Unzulänglichkeit unseres Beitrages gewahr werden und schockartig die Hoffnung fahren lassen, auf den gewohnten Pfaden weiterzugehen und uns einer Zeit zuwenden, die es einmal besser gemacht hat, um dort anzuknüpfen und im Rückgriff auf das Alte Neuland zu betreten. Das war die italienische Renaissance und das könnte die Chance aller Initiativen sein, aus der Rekonstruktion heraus stabilen Boden für eine zukünftige Architektur zu gewinnen, die diese Bezeichnung verdient.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Hans Kollhoff
Professsor Hans Kollhoff ist Architekt sowie Professor an der ETH Zürich. Zu seinen Bauten gehören u.?a. das DaimlerChrysler-Gebäude am Potsdamer Platz und die Leibniz-Kolonnaden in Berlin-Wilmersdorf. Beim Wettbewerb für das DomRömer-Viertel in Frankfurt belegte er den 1. Preis für den Entwurf des Hauses Hühnermarkt 22. kollhoff.de

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