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Titelthema

Homer, Helden und Identität

Titelthema - Homer, Helden und Identität
Mykenisches Golddiadem aus Gräberrund A. Zu den gefundenen Grabbeigaben gehörten goldene Totenmasken, vollständige Waffensätze, verzierte Stäbe, Goldschmuck sowie Goldund Silberbecher. © akg-images/david parker/science photo library

Die Bestätigung der homerischen Gedichte durch die Entdeckung des Goldes von Mykene hat den Griechen zu nationalem Ruhm und Stolz verholfen.

Kostas Nikolentzos01.05.2022

Der große Saal des zentralen Flügels des Archäologischen Nationalmuseums, der sich neben der ägyptischen Sammlung des Förderers der Nation Ioannis Dimitriou befindet, ist für die Ausstellung der Antikensammlung der sogenannten vorhellenischen Kunst bestimmt, das heißt jener sehr frühen Altertümer, aus denen sich später mehr oder weniger die griechische Kunst entwickelte. In diesem Saal werden Altertümer dieser Art aus dem ganzen Land und aus allen Museen und Sammlungen ausgestellt, insbesondere die Funde aus Mykene und Tiryns, die Funde aus Spata in Attika und Menidi sowie die Altertümer aus Vapheio und Dimini in Thessalien. Da die mykenischen Altertümer überwiegen, soll dieser Saal ‚Mykenischer Saal‘ genannt werden.“

Der obige Auszug aus dem königlichen Erlass vom 19. November 1891, mit dem die ständige Ausstellung der vorhellenischen Kunst eingerichtet wurde und eine zentrale Rolle im Archäologischen Nationalmuseum in Athen erhielt, zeigt deutlich die ideologische Sichtweise der Verantwortlichen für die Disziplin der Archäologie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Die prähistorischen Artefakte waren nicht vergleichbar mit der Schönheit der Funde aus der klassischen, hellenistischen oder gar römischen Zeit. Darüber hinaus wurden sie nach den konservativen Grundsätzen und der Auffassung der Archäologie und der Kunstgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht als Kunstprodukte „akzeptiert“. Gleichzeitig war es schwierig, sie in die lineare Erzählung von der ungebrochenen Kontinuität der Geschichte der griechischen Nation und der Herausbildung ihrer nationalen Identität einzubinden.

Um dieses Problem zu beheben, aber auch um die chronologische Lücke zwischen der prähistorischen und der historischen Zeit zu schließen, wurde der Schwerpunkt auf die mykenischen Altertümer gelegt. Sie wurden, unterstützt durch das Buch Mykene und die mykenische Zivilisation von Christos Tsountas (1893), bereits mit den Helden der homerischen Epen und somit mit der Größe des hellenischen Volkes in Verbindung gebracht. Tsountas (1857–1934) war Kurator für Altertümer beim Griechischen Antikendienst, später Professor für Archäologie an der Universität Athen und gilt als Mitbegründer der wissenschaftlichen Erforschung der Vorgeschichte Griechenlands. Er schrieb: „[...] die Ausgrabung jener Epoche aus den Tiefen der Zeit war zweifellos von größter Bedeutung für die Erlangung einer umfassenderen Kenntnis der Geschichte der griechischen Nation in unserer Zeit.“

An anderer Stelle in der Einleitung desselben Buches bezog er die Epoche der homerischen Epen und die späte Bronzezeit in die Erzählung von der ununterbrochenen Kontinuität der griechischen Nation ein, indem er eine Parallele zwischen dem mykenischen Zeitalter und der Pracht des Byzantinischen Reiches zog. In der Tat wird die Herrlichkeit des ersten Zeitalters in den epischen Gedichten gepriesen, während an das zweite „wenig, aber mit überwältigender Zuneigung, erinnert wird“.

Überwältigt von Freude und Aufregung

Die Bestätigung der homerischen Gedichte durch die Entdeckung des Goldes von Mykene durch Heinrich Schliemann hat den Griechen, die von Anfang an davon überzeugt waren, dass die mykenische Kultur Teil ihrer Geschichte ist, zu nationalem Ruhm und Stolz verholfen. Die Entdeckung der mykenischen Kultur hat zu Ehrungen und Dankesschreiben von Vereinen oder Einzelpersonen an Heinrich Schliemann geführt, dessen Ausgrabungen den größten Teil der mykenischen Sammlung des Archäologischen Nationalmuseums ans Licht brachten. Seine Forschungen beeinflussten auch den Hellenismus außerhalb Griechenlands. So schrieb beispielsweise ein Mann namens A. Zamartzides aus Therapeia (dem heutigen Tarabya) in Konstantinopel, „überwältigt von Freude und Aufregung“, um Schliemann über die Veröffentlichung eines einschlägigen Artikels in der Zeitung Thraki zu informieren, und schloss mit der Unterschrift „Ihr Bewunderer“. Die Griechische Gesellschaft zur Förderung der Bildung und des Lernens in Kairo wählte den Ausgräber von Mykene zu ihrem „Mitglied“ und verwies auf die Entdeckung der Monumente, „die den vergangenen Ruhm und die Pracht des Hellenismus feiern“. Keiner der genannten Texte stellt die griechische Identität der Funde infrage, da diese mit den homerischen Gedichten in Verbindung gebracht wurden.

Zudem schrieb der deutsche Archäologe in seinem Bemühen um die Grabungsgenehmigung bereits 1873 an den Minister für Volksbildung und kirchliche Angelegenheiten, dass „[...] ich mich durch die Ausgrabung von Mykene und Olympia für Griechenland nützlich machen möchte, um die uralte Geschichte Griechenlands zu erforschen“, wobei er die „griechische Identität“ der Bewohner von Mykene voll akzeptierte. Aber auch heute wird Schliemann in allen griechischen Lehrbüchern als der Archäologe dargestellt, der Mykene ausgegraben und die mykenische Zivilisation entdeckt hat.

Es scheint, dass die damalige Elite von der Bestätigung des historischen Kerns der homerischen Epen und der Identifizierung der Funde aus dem Gräberrund A mit konkreten Helden aus der Ilias (Agamemnon, Nestor und anderen) tief und aufrichtig bewegt war.

Zum Ruhme Griechenlands

Die Bedeutung der Ausgrabung des Gräberrunds A war so groß, dass Schliemann nach Abschluss seines Projekts in Mykene mit König Georg I. privat zusammentraf (15. Dezember 1876), nachdem er ihn zuvor am 28. November 1876 per Telegramm über die Entdeckung der Gräber von „Agamemnon, Kassandra, Eurymedon und ihren Gefährten“ informiert hatte. Möglicherweise um Druck auf die Archäologische Gesellschaft von Athen auszuüben, damit diese rasch über den Zeitpunkt, den Ort und die Art und Weise der Überführung und Lagerung der Altertümer in Athen entscheide, schlug Schliemann nach dem Treffen deren vorübergehende Verlegung in den königlichen Palast in Athen vor – eine Option, die die negative Reaktion der Archäologischen Gesellschaft von Athen hervorrief. Aber bei der Beerdigung Schliemanns in Athen betonten alle Redner, dass Schliemann „ein begeisterter Homer-Liebhaber“ war und entscheidend zum Ruhm Griechenlands und zur Förderung seiner Geschichte beigetragen habe.

Bevor jedoch die Funde der ersten Ausgrabung von Mykene den Kern der prähistorischen Ausstellung des Archäologischen Nationalmuseums Athen bildeten, wurden sie im Dezember 1876 zunächst in die Keller der griechischen Nationalbank gebracht. Die Bank stellte zwei Räume zur Verfügung, einen für die Lagerung der Altertümer und den zweiten für deren wissenschaftliche Dokumentation, wo eine begrenzte Anzahl von Personen die Möglichkeit hatte, die Funde zu besichtigen und zu bewundern.

Mehr als zehn Okka Gold

Im August 1877, nach Abschluss der Dokumentation, wurden die mykenischen Altertümer in die Nationale Technische Universität Athen gebracht, wo sie in Vitrinen ausgestellt wurden, um ihren Schutz und ihre Sicherheit zu gewährleisten. Am 18. Oktober 1877 öffnete das sogenannte „Museum von Mykene“ an der Nationalen Technischen Universität seine Pforten für die Öffentlichkeit, die von den Artikeln in der Presse und den Vorträgen Schliemanns fasziniert war. Die mykenischen Altertümer blieben dort bis zum Sommer 1892, als sie dem Archäologischen Nationalmuseum zur Ausstellung im reich verzierten Mykenischen Saal übergeben wurden. Die Presse konzentrierte sich auf die Goldfunde von Schliemanns Ausgrabungen und schätzte, dass „das gesamte in Mykene ausgegrabene Gold mehr als zehn Okka (12,8 Kilogramm) wog“.

Das Archäologische Nationalmuseum wurde im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2004 renoviert und auch die Ausstellung der Prähistorischen Sammlung radikal umgestaltet. Ohne das Grundprinzip – die Präsentation der Funde nach ihrer chronologischen und typologischen Reihenfolge – zu verändern, wurde versucht, sie als Grabungskomplexe oder in verständlichen und zusammenhängenden thematischen Einheiten wie etwa Handel oder Religion darzustellen. Daneben wurden leicht lesbare Wandtexte und Beschriftungen angebracht.

Die mykenische Sammlung mit ihren einzigartigen Funden zieht weiterhin das Interesse der Öffentlichkeit auf sich. Durch die Anpassung ihrer Ausstellung an die aktuellen museologischen Grundsätze und die Erneuerung ihrer Präsentation unter Einsatz neuer Technologien (etwa Multimedia) wird sie auch in Zukunft für die Öffentlichkeit faszinierend bleiben.