01.12.2017

Titelthema

Luthers Kirchen

Jürgen Tietz

Die Sanierung und Restaurierung zahlreicher Lutherkirchen und Wohnorte des Reformators ist eine der schönsten Hinterlassenschaften des Reformationsjubiläums

Das kennt jeder: Mit einem leisen „Plopp“ fällt ein Stein ins Wasser und schon sendet er seine Botschaft. Gleichmäßig anwach­sende Kreise kräuseln die Wasseroberfläche. Doch während weiches Wasser dem Impuls des Steins elastisch folgt, ist Beton leider starr. Kein Problem für Sven und Martin Fröhlich vom Berliner Architektur­büro aff. Um die zahlreichen nationalen und internationalen Besucher in der Petri­kirche in Eisleben an die Wellbewegungen des Wassers zu erinnern, haben die beiden Brüder Rillen in den neuen oberflächenbehandelten Betonboden der Kirche graviert. Warum das für sie wichtig war? Weil das Wasser natürlich das zentrale Thema für ein internationales Taufzentrum sein muss, wie es 2012 in der einstigen Taufkir­che von Martin Luther entstanden ist.

Luther pur
„Macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ lautete der zentrale Missionsaufruf Christi. Er steht in großen Lettern umlaufend im Rand des neuen Taufbeckens im Boden der gotischen Kirche. Von diesem Zentrum wachsen die Rillen konzentrisch in den Raum, überschneiden sich mit anderen Kreisen und bilden Interferenzen. Man mag gar nicht mehr aufhören, ihnen mit den Blicken zu folgen, denn sie fügen sich zu einem Bild von zarter Schönheit, das den ganzen Raum ergreift. Hinter den Wellenbewegungen ver­birgt sich eine kraftvolle Botschaft, die Gottes Wort in die Welt trägt. Das Taufver­sprechen als Versprechen für die Erlösung der Welt. Das Zentrum Taufe in St. Petri beeindruckt aber nicht nur mit Taufbecken und „Betonwogen“, die die historischen Pfei­ler umspülen. Hinzu kommen die archaisch-kraftvollen Kirchenbänke. Aus unterschiedlichen Obsthölzern geschaffen, erinnern sie mit ihren warmen braunen Farbtönen an eine paradiesisch anmu­tende Streuobstwiese. So erwächst ein stim­mungs­voller Dialog zwischen historischem Kirchenbau und moderner Neugestaltung, die poetisch und funktional die Geschichte in die Gegenwart fortschreibt, denn der neue Kirchenboden greift mit einer ­Rampe bis hinaus in den Straßenraum und ermög­licht eine barrierefreie Erschließung des Taufzentrums.
Eisleben, das ist natürlich auch jenseits seiner Taufkirche Luther pur: Nur wenige Schritte von der Kirche entfernt steht Lu­thers Geburtshaus – in dem er leider nicht geboren wurde. Übrigens ebenso wenig, wie er in seinem Sterbehaus starb, was noch zu erklären sein wird. Mit der Authentizi­tät der historischen Orte Luthers ist es so eine Sache. Sie entwickelten über die Jahrhunderte eine gewisse Eigendynamik. Im Fall des Geburtshauses ist überliefert, dass das echte Geburtshaus bei einem Stadtbrand unterging. Erst 1693, rund 150 Jahre nach Luthers Tod, entstand an seiner Stelle das heutige „Geburtshaus“. Gleichwohl gilt es als eines der ersten bürgerlichen Museen überhaupt – und als Keimzelle der weltwei­ten Lutherverehrung. Neben der Luther­stadt Wittenberg ist es heute der wich­tigste Lutherort und seine Sanierung und Erweiterung durch Jörg Springer ein Glücksfall. Souverän hat der Berliner Architekt das museal genutzte barocke Lutherhaus mit der historischen Armenschule verbunden, die 1817 als Teil der preußischen Lutherverehrung auf Betreiben Friedrich Wilhelms III. entstand. Zugleich erweist sich das 2006 fertiggestellte Museum als eine kluge Stadtreparatur und entlastet den Alt­bau von dienenden Funktionen, in dem er Eingangstresen und Katalogverkauf, Gar­derobe und Waschräume aufnimmt. Mit konzentriertem Reichtum an Gestaltung und Atmosphäre bezaubert es auch im Inneren. Obwohl selbst kein Sakralraum, schafft es doch Raum für sakrale Expo­nate und öffnet mit mächtigen Fenstern gemäldegleiche Ausblicke in die Stadt.

Gedenken in gottloser Umgebung
Nur einen kurzen Spaziergang entfernt steht Luthers Sterbehaus, dass die „Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt“ ebenso wie das Geburtshaus so klug wie behutsam erweitert hat, um das historische Baudenkmal zu entlasten. So sind die alten Lutherhäuser heute Ausstellungs­objekte ihrer selbst und als solche un­bedingt einen Besuch wert. In Sachsen-Anhalt ste­hen sie in einer Landschaft, von der zwar einst die Reformation ausging, der aber heute der christliche Glaube gründlich abhanden gekommen ist. Vielleicht führt der Weg zurück zum Christentum ja erneut über Luther?
Die frühe Verehrung Luthers, die unmittelbar nach seinem Tod einsetzte, führ­te jedenfalls dazu, dass heute das falsche Gebäude als Sterbehaus gilt. Zahleiche Besucher hatten vom Sterbebett des Refor­mators Holzsplitter abgepuhlt. Man meinte, sie helfen gegen Zahnweh! Dieser Kult führte dazu, dass das Bett 1707 öffentlich verbrannt wurde, als wäre es ein Ketzer. Das Sterbehaus wurde geschlossen und vergessen, so dass fast zwei Jahrhunderte später das falsche Haus zum Sterbehaus erklärte wurde. Der Lutherverehrung tat es keinen Abbruch.
Obgleich Luther in Eisleben geboren wurde – und dort auch starb, als er bereits schwer krank auf diplomatischer Vermittlungsmission war –, ist der Bergmannssohn in Mansfeld aufgewachsen. Erst in den letzten Jahren hat die Stadt durch ein weiteres Museum der Stiftung Luther­gedenkstätten, das Claus Anderhalten entworfen hat, ihren Platz auf der Landkarte der Luther Memoria gefunden. Von Mansfeld ging es für den Knaben zunächst an die Magdeburger Domschule, dann zu Ver­­wandten nach Eisenach, ehe er zum Studium nach Erfurt gelangte.
Zutiefst von dem beängstigenden Erleb­nis eines Gewitters bewegt, verließ Luther die juristische Fakultät, an die ihn der Vater gedrängt hatte, und wurde Mönch im Erfurter Augustinerkloster. Die prächtigen Glasfenster der Augustinerkirche – mittlerweile „lutherschön“ zum Reformationsjubiläum restauriert – hatte wohl einst auch der junge Mönch gesehen. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde die Bibliothek des Klosters 2008/10 von den Architekten Ulrich Junk und Klaus Reich wiederaufgebaut. Der neue Baukörper folgt der historischen Kubatur und zeigt sich doch ganz als Zeuge seiner Zeit. Über dem alten Kellergeschoss mit seinen steinernen Fundamenten scheint das neue Haus zu schweben, getrennt durch eine lichte Fuge. So entsteht ein besonderer Ort der Stille, in dem sich die Zeit verdichtet, in dem Erin­nerung Raum findet.
Von Erfurt führte Luthers Weg endlich nach Wittenberg. Ahnte der Mönch Luther, der mit seinen Brüdern im Schwarzen Klos­ter lebte, dessen Name von den schwarzen Kutten der Mönche herrührte, welche welt­politische Entwicklung er mit seinem Thesenanschlag an der Schlosskirche 1517 auslösen würde?

Wo die Reformation begann
In jedem Fall bot das Lutherjubiläum 2017 gerade auch in Wittenberg Anlass für rege Bautätigkeit. So erfolgte bis 2016 eine umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche durch das Architekturbüro Cuboido Architekten aus Halle (Saale). Der Grundgedanke dabei war laut der sachsen-anhaltinischen Denkmalpflege „die Wiederherstellung des Bauzustandes von 1892 nach Vorgabe durch Friedrich Adler“. Dafür wurde die vorhandene Bausubstanz gereinigt, gefestigt und dort wo notwendig nach alten Befunden rekonstruiert. Neu entstanden ist die Erschließung der Kirche, für die der Berliner Bildhauer Marco Flierl eine Bronzetür schuf. Durch den neuen Zu­gang sind nun Schlosskirche und Schloss in Wittenberg unmittelbar verbunden. Neu und alt kennzeichnet auch das Umfeld. Für das evangelische Prediger­seminar haben Piero Bruno, José Gutierrez Marquez und Donatella Fioretti jüngst das Schloss saniert und Junk und Reich, denen wir schon in Erfurt begegnet sind, haben ihm einen Anbau hinzugefügt.
Gebaut wurde auch an Luthers zen­traler Wittenberger Wirkungsstätte, dem Schwar­zen Kloster, in dem er nach seiner Zeit als Mönch weiter mit seiner Frau Katharina von Bora zusammenlebte. Es ist ein ganzes Luther-Ensemble, dass hier im Lauf des letzten Jahrzehnts entstand. Vom betonrauen Lutherturm des Berliner Architekten Helge Pitz über ein neues Eingangs- und Verbindungsbauwerk der Berliner BHBVT-­Architekten bis hin zur so aufwändigen wie vorbildlichen Instandsetzung der kostbaren historischen Bausubstanz. Wer heute die Treppe im Lutherturm emporschreitet, der blickt auf die Westwand des Altbaus mit seinen gebauten Zeitschichten und erkennt dort Strukturen und Fragmente von Umbauten, Anbauten und Ver­putzen. Derart historisch eingestimmt, geht es empor zum Ausblick über die grünen Elbauen. Das also könnte er gewesen sein. Jener berühmte Ausblick, den der Reforma­­tor aus seiner Arbeitsstube genossen hat. Auch dies ein Ort von weltgeschichtlicher Bedeutung. Hier durchlebte Luther wohl im Winter 1513 sein berühmtes „Turm­er­leb­nis“. Es gilt als die eigentliche Geburts­stun­de der Reformation. Bei der Lektüre des Römerbriefes des Paulus durch­leuch­tete den Reformator die entscheidende Erkenntnis: Allein durch das Evangelium wird Gottes Gerechtigkeit offenbar! Und Luthers Spuren? Die bleiben auch nach dem Ende der Reformationsfeierlichkeiten lebendig, von Eisleben über Mansfeld bis Erfurt und Wittenberg in Luthers Kirchen wie in Luthers Häusern.


 

Erfreuliche Geste

 Foto: gemeinfrei
Wikipedia

Von der deutschen Öffentlichkeit kaum bemerkt, gab die Russische Föderation im Oktober die Moskauer Kathedrale St. Peter und Paul an die evangelisch-lutherische Kirche Russlands zurück. Anlass war ein Besuch von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, für den damit ein „ein langgehegter Wunsch in Erfüllung“ ging.  Die evangelisch-lutherische Gemeinde war 1938 unter Diktator Josef Stalin enteignet worden. Sie durfte zwar nach dem Ende der Sowjetunion das Gebäude von 1992 an wieder nutzen, allerdings  blieb die Kirche bis zuletzt Staatseigentum.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2017

Jürgen Tietz
Jürgen Tietz ist Kunsthistoriker, Architekturkritiker, Kurator und Moderator. Zuletzt erschien „Monument Europa. Wie Baukultur europäische Identität stiftet“ (NZZ libro). nzz-libro.ch

Rotary Magazin 4/2018

Rotary Magazin Heft 4/2018

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