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Literatur

Meisterin der Metamorphose

Literatur - Meisterin der Metamorphose
Peter Scholz und Stefan Weppelmann (Hg.) Special Objects. Werke jenseits von Norm und Kanon. Hirmer Verlag, München 2022, 168 Seiten, 34,90 Euro © Hirmer Verlag, München 2022

Die Geschichte der Koralle lässt sich weder allein von der Kunstgeschichte noch von der Naturwissenschaft erzählen. Ein neuer Bildband führt Disparitäten zusammen und – zurück zum konkreten Objekt.

01.12.2022

Was hat ein bärtiger Adam auf einem Kruzifix aus dem 12. Jahrhundert mit der Porta di Sant’Alipio in Venedig oder einem süddeutschen Korallenkabinett im Kunsthistorischen Museum von Schloss Ambras in Innsbruck zu tun? Im Grunde gar nichts. Es sei denn, man trägt solche disparaten und nur schwer klassifizierbaren Gegenstände in einem Bildband zusammen und stellt sie unter den Oberbegriff der „Special Objects“. Das ist eine so viel- wie nichtssagende Wortschöpfung, dass man sich dahinter doch noch eine ordnende Idee zu finden erhofft, die jene ungewöhnliche Zusammenstellung über das schlichte Sammelsurium hinaus erhebt. Man kann sich gleichwohl auch mit den einzelnen Kapiteln begnügen, die jedes für sich wunderbare kleine Kabinettstücke einer beeindruckend profunden Kenntnis der Objektgeschichte enthält.

Eine kleine Kulturgeschichte der Koralle

So lernt man in dem Beitrag der Kunsthistorikerin Veronika Sandbichler, seit 2010 Direktorin der Sammlungen auf Schloss Ambras, nicht nur, welch eminente Bedeutung die Koralle – über deren Bedrohung durch das Artensterben hinaus – in der europäischen Kunstgeschichte besaß, sondern auch, wie sich solche „einst hochbegehrten, kostbaren Naturalien aus den Tiefen des Meeres“ unter den Händen begabter Kunsthandwerker in Meeresungeheuer verwandelten, mit „aufgerissenen, zahnbewehrten Mäulern, halb Tier, halb Fisch“, in „Hippokampen mit eingelegten Türkisen als Augen“, in „Nereiden und Tritonen mit Muschelhörnern und der schaumgeborenen Göttin der Liebe und des Meeres, der Venus Marina“.

Sie waren bevorzugte Sammelobjekte fürstlicher Wunderkammern in einer Zeit, in der die Grenze zwischen Naturalien und Artificialien noch fließend war, jedenfalls nicht strikt getrennt, wie es für die klassifikatorische Strenge späterer Generationen üblich wurde; einer Zeit mithin, in der die Koralle den sich langsam etablierenden kunsthistorischen Kanon verließ und in die Welt der Naturwissenschaften übersiedelte.

Wie sehr dieses neuzeitlich systematische Denken den Blick für den ursprünglichen Bedeutungszusammenhang verstellt, zeigt die Autorin am Beispiel eines Säbels Erzherzog Ferdinands aus dem Jahr 1560, dessen Korallengriff noch vor wenigen Jahren als „völlig zweckwidrige Verwendung“ gesehen wurde, was die den Zeitgenossen noch geläufige Bedeutungsgeschichte und Materialikonografie komplett ignoriert. So war es doch gerade die der Koralle zugesprochene Fähigkeit zur Metamorphose, die sie zu einer solch wehrhaften Verwendung ideal erscheinen ließ. Denn „sie wechselt ihren Zustand von weich zu hart, verwandelt sich von der scheinbaren Pflanze zum Stein, vom Leben zum Tod“, für ein Schwert also wie verheißen.

Wer sein Vergnügen an solch ungewöhnlichen kunsthistorischen Miniaturen und ihrem unmittelbaren Objektbezug hat, wird in dem vorliegenden Katalog reich entlohnt. Warum man sie freilich unter dem sperrigen Begriff der „Special Objects“ zusammenzufassen versucht, erschließt sich nicht immer und wirkt mitunter recht angestrengt, so als ob sich manche der Autoren pflichtschuldigst veranlasst sehen, sich auf das Thema des Buches beziehen zu müssen. „Jenseits von Norm und Kanon“ ist eben noch kein zureichender Begriff.

Was es mit diesem Oberbegriff auf sich hat, wird dann allerdings in der Einleitung der Herausgeber Peter Scholz und Stefan Weppelmann deutlicher, die ihr Buch in den Zusammenhang einer in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger gewordenen Objektgeschichte stellen. Eine Verfahrensweise, die vor allem durch die berühmte, in vielen Auflagen publizierte und vielfach kopierte Geschichte der Welt in 100 Objekten des früheren Direktors des Britischen Museums, Neil MacGregor, bekannt geworden ist. Dort stiften die Objekte freilich einen Zusammenhang.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus

Man hätte sich neben der beeindruckenden Anschaulichkeit der Beispiele deshalb ausnahmsweise ein wenig mehr Theorie gewünscht. Denn so anfassbar und tatsachenbezogen ist dieser „material turn“ eben nicht, wie man angesichts der suggestiven Anschaulichkeit gerne zu glauben bereit ist. Manche wichtige Nebenbemerkung der Herausgeber versteht man auch nur, wenn man die intellektuellen Untiefen kennt, von denen sie sich bewusst fernzuhalten versuchen. Denn aus der intensiveren Beschäftigung mit konkreten Objekten hat sich auch eine merkwürdig schillernde Debatte um das soziale Leben der Dinge entwickelt, die selbst vor der Wiederentdeckung des Animismus nicht haltmacht. Eine überbordende Fabulierlust beginnt dort die schlichte Objektkenntnis zu ersetzen; und man fühlt sich an die Warnung Hugo von Hoffmannsthals erinnert, wonach die Worte sich wieder vor die Dinge zu stellen beginnen. Der vorliegende Band hat dieser Versuchung zum Glück widerstanden. Die Autoren wissen um die Herkunft ihrer Objekte und lassen sich nicht auf das Hörensagen ein. Das macht die Begegnung mit diesem Buch so vergnüglich. Man kommt aus dem Staunen einfach nicht heraus.

Johann Michael Möller