15.05.2015

Warum die Kulturpolitik die Digitalisierung als Chance begreifen sollte und nicht nur als Feld, das Regulierung braucht 

Neue Wege zur Kultur

Thierry Chervel

Das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss ist gegenwärtig das be­deutendste Bauprojekt Deutschlands. Welche Aussage trifft ein Land, wenn es ein derart markantes Vorhaben in seiner politischen Mitte den Kulturen der Welt widmet? Und was folgt daraus für den kulturellen Föderalismus? Diesen und weiteren Fragen zur Rolle der Kultur widmen sich die Beiträge dieses Titelthemas.

Das Deutschlands Kulturlandschaft ist einzigartig. Sie zu hegen und pflegen gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Öffentlichkeit und der entsprechenden Institutionen. Nur: Diese Institutionen haben das gleiche Problem wie viele andere Bereiche unserer Gesellschaft, etwa die öffentlich-rechtlichen Sender: Ihr Publikum altert noch viel mehr als unsere ohnehin schon alternde Gesellschaft. Nicht dass es darauf ankommt, in der Oper nur Jugend sitzen zu haben, doch darf der Faden zu künftigen Generationen nicht reißen. Zudem zahlen die Jungen über Steuern und Gebühren ebenso viel für den Kulturstaat wie die Alten. Wenn die nachwachsenden Generationen nicht für die klassischen kulturellen Institutionen gewonnen werden, stellt sich irgendwann ein Legitimitätsproblem. Es ist also geboten, darüber nachzudenken, wie der klassische Kulturbetrieb und die Jugend zusammenfinden.

Wandel der Öffentlichkeit

Nehmen wir zum Beispiel Rembrandts „Susanna im Bade“, eines der berühmtesten Werke im Besitz der Berliner Gemäldegalerie. Das Museum hat Anfang des Jahres eine faszinierende kleine Kabinettsausstellung dazu präsentiert. Es zeigte Vorstufen zu dem Bild aus Rembrandts Werkstatt, aber auch Kopien des Werks, die es in Phasen zeigen, die heute übermalt sind. Dafür wurde das Gemälde mit Röntgen-Technologien untersucht, um grundstürzende Erkenntnisse zutage zu fördern: „Susanna“ ist von Joshua Reynolds, dem englischen Malerfürsten des 18. Jahrhunderts, der sie eine Zeitlang besaß, „übermalt und korrigiert“ worden. Nur die zentrale Figurengruppe ließ Reynolds zum Glück intakt. Der berühmte Rembrandt ist nur zur Hälfte ein Rembrandt und zur anderen Hälfte ein unbekannter Reynolds.

Das Museum hat zu der Ausstellung einen kleinen Katalog herausgebracht, der all diese Forschungsergebnisse referiert. Er ist in nüchterner Sprache gehalten – und liest sich dennoch spannend wie eine Detektivgeschichte. Es ist richtig und wichtig, dass Museen zu ihren Ausstellungen Kataloge herausbringen. Sie dokumentieren den Stand eines Wissens über ein Erbe der Menschheit – um es einmal pathetisch auszudrücken. Aber es ist schade, dass es „nur“ ein gedruckter Katalog ist, und dass er nicht zumindest als pdf-Datei im Internet steht.

Denn das Internet ist heute die Öffentlichkeit. Was nicht im Netz ist, ist heute nicht eigentlich öffentlich. Es ist nicht Teil der Debatte. Es kursiert nicht in den sozialen Netzen. Ergo agiert ein Museum, das nur im Print agiert, aber nicht im Internet, in gewisser Hinsicht jenseits der Öffentlichkeit.

Die „Susanna“ war übrigens durchaus im Netz. Und es standen sogar zwei Absätze Erläuterung zu dem Bild. Und daneben die Öffnungszeiten der Ausstellung. Und wo man die Tickets löste. Aber reicht das?

Der Ort der Kultur

Kulturpolitik handelt in Deutschland und Europa im Wesentlichen von Institutionen, von Opernhäusern, Museen, Bibliotheken. Popkultur braucht keine Kulturpolitik, sie bewegt sich weitgehend im Markt. Kultur ist Widerstand gegen die Logik des Marktes, der Verwertung, der Notwendigkeit. Aber es sollten die Werke der Kultur sein, die sich widersetzen, nicht die Institutionen, die sie repräsentieren! Mit anderen Worten: Eigentlich müsste sich die Gemäldegalerie darum kümmern, dass die Erkenntnisse ihrer Forschung sich in der Wikipedia widerspiegeln, dass Experten im Netz dazu diskutieren, dass alle Bilder und Vorstufen in bester Qualität herunterzuladen sind, dass das Publikum Fragen stellen kann.

Dafür ist kein Geld da, mag mancher denken. Aber es ist schlimmer: Dafür ist kein Bewusstsein da. Die Webseiten der meisten deutschen Museen sehen aus wie vor zwanzig Jahren. Die Institutionen stellen ihre Organigramme dar und liefern ein paar dürre Informationen über die laufenden Ausstellungen. Auch der Aufbruch ins Netz läuft oft falsch: Schlimm wird es, wenn die Museen das Netz als so etwas Ähnliches begreifen wie die Jugendsendungen im Radio der siebziger Jahre, das Medium für junge Leute, zu denen sie Wörter wie „fett“ und „geil“ sagen. Dann fangen die Institutionen an, ihr Publikum auf Facebook zu duzen. Die ersten begreifen es aber auch, gründen Blogs, versuchen, ihr Publikum qualifiziert anzusprechen. Es ist eine Mühe. Keiner hatte auf das Internet gewartet! Es ist über uns gekommen wie ein Geschenk. Manche meinen: wie ein Fluch.

Die Mühen mit der Digitalisierung

Der erste Satz zur Digitalisierung, der von Staatsministerin Monika Grütters überliefert ist, lautet: „Digitalisierung ist eine Zusatzaufgabe.“ Nun muss die Ministerin, die schon einen so vollen Terminkalender hat, auch hier noch einschreiten. Noch ein Feld für die Regulierung und die Durchsetzung des geltenden Rechts.

Im April hielt die Ministerin bei der Stiftungswoche in Berlin eine Grundsatzrede über die Digitalisierung, die sich wie eine Kaskade kulturkonservativer Klischees liest: „Ja, das Internet fördert Partizipation – aber in der Anonymität und im schnellen Klick eben auch die Verantwortungslosigkeit. Ja, das Internet verbreitet Wissen und Informationen in Echtzeit – aber eben auch Unwahrheiten, Verschwörungstheorien, antidemokratische Stimmungsmache oder rassistische Hetze. Ja, das Internet macht ,Schwarmintelligenz’ möglich – aber auch die Macht des Mobs. Ja, das Internet vergrößert unsere Freiheit – aber eben auch die Freiheit, Regeln auszuhebeln oder zu umgehen, die unsere Freiheit schützen und deshalb, demokratisch legitimiert, aus gutem Grund für unser Zusammenleben in der analogen Welt gelten.“

Gewiss, gewiss. Das ist alles ganz richtig! Aber vielleicht wäre es in Deutschland auch einmal an der Zeit, über die erste Hälfte der Aber-Sätze nachzudenken: Aha, das Internet fördert Partizipation; mit ihm lassen sich Wissen und Informationen in Echtzeit verbreiten; viele Leute können gemeinsam an einem Projekt arbeiten und so eine neue Qualität erzeugen; und ja, das Internet vergrößert unsere Freiheit. Trotz allem!

Der deutsche Diskurs über das Netz ist ganz wesentlich von dem verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher geprägt. Zurecht kann man ihn als den ersten Kopf der klassischen Öffentlichkeit in Deutschland würdigen, der begriffen hat, mit welch unwiderstehlicher Kraft die Digitalisierung über uns hinwegbraust. Schirrmacher hatte eine Spürnase für das Neue und den Streit darüber. Leider landete auch er am Ende zuverlässig bei der Verteidigung des Bestehenden. Er schaffte es, Protagonisten der Internet-Öffentlichkeit wie Sascha Lobo oder Autoren des Chaos Computer Clubs einzubinden, die für ihn die dunklen Seiten des Netzes sondierten. Bis Lobo in der FAZ die Waffen streckte und bekannte: „Das Internet ist kaputt.“ Eine Erforschung all der Aussagen, die in Monika Grütters‘ Aufzählung vor den „Abers“ stehen, fand in der FAZ leider nicht statt.

Dass die etablierten Medien und die Politik auf das Netz mit Verzagen und Zerknirschung reagieren, ist verständlich: Das Netz unterminiert gesetzte Hierarchien. Politiker haben die Demontage des Verteidigungsministers Guttenberg, die vom Internet, nicht von den Medien ausging, noch gut im Gedächtnis. Und die Medien wissen, dass sie nicht mehr der einzige Filter sind, durch den Öffentlichkeit hergestellt wird. Jeder ist heute selbst ein Medium. Darum ist nicht jeder „Mob“. Die Geschichte lehrt, dass Medien nicht von allein gut oder böse sind: Durch den Buchdruck kamen Humanismus und Aufklärung in die Welt – aber auch der „Hexenhammer“ und die Inquisition. Zeitungen können jene von Jürgen Habermas besungenen Organe einer frei deliberierenden Öffentlichkeit sein – oder ein Raum für übelste Propaganda: Der Völkische Beobachter war auch eine Zeitung.

Der Auftrag der Institutionen

Sueddeutsche.de veröffentlichte im April eine kritische Bilanz der „Digitalen Agenda“ und diagnostizierte eine „grundlegende Abwehrhaltung“ der Bundesregierung gegenüber der Digitalisierung. Aber die Politik setzt nur einen Rahmen, sie reagiert auf Gesellschaft. Darum kommt es in der Kulturpolitik auf die Institutionen an. Von ihnen müssten Impulse ausgehen. Wäre es nicht phantastisch, wenn große Museen etwa nach und nach ihre Bestände im Netz präsentierten, einzelne Exponate diskutierbar machten, sie mit den Exponaten anderer Museen vernetzten und so ein neues Wissen schüfen? Könnten Musikinstitutionen, etwa im Zusammenspiel mit Hochschulen, nicht zum Beispiel sämtliche Klaviersonaten Beethovens – und mehr noch unbekannterer Komponisten – einspielen lassen, ins Netz stellen, Partituren mitlaufen lassen, Analysen präsentieren? Wie wär es, wenn Theater ihre Inszenierungen – zumindest die von rechtefreien Stücken – bei Youtube einstellten? Und mehr noch: Warum nicht auch das Material zu Inszenierungen im Netz veröffentlichen? In den Programmheften vergilben die Texte doch nur.

Damit solche Initiativen nicht wie eine Flaschenpost durchs Netz driften, könnten Institutionen sich mit der Wikipedia verbinden. Das Beispiel der „Susanna im Bade“ wäre hier wirklich triftig: Die Forschungsergebnisse und die Illustrationen sollten in die zugehörigen Artikel der Wikipedia eingehen. Das Museum, dem wir diese Forschung verdanken, ist öffentlich finanziert, es sollte die Öffentlichkeit so weit wie möglich und mit den modernsten Mitteln an seinem Wissen teilhaben lassen.

Am Geld sollte ein solches Vorhaben nicht scheitern. Die Wikipedia zeigt seit Jahren, dass eine große Netzgemeinde bereit ist, gemeinsam das Wissen der Welt zusammenzutragen, wenn es der Allgemeinheit dient. Zudem tut sich hier ein unendliches Feld für Sponsoring und Mäzenatentum durch Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen auf.

Wie gesagt: Kulturpolitik setzt den Rahmen. Im täglichen Leben ist selbst die Digitalisierung ein Trockengebiet. Da geht es um den Mehrwertsteuersatz von e-Books, eine Europäisierung des Urheberrechts und Datenbanken mit Raub- und Beutekunst. Dennoch wäre es höchst willkommen, wenn die Politik die Digitalisierung nicht bloß als ein Feld betrachtet, in dem sich gefährliche Tendenzen manifestieren, die durch Regulierung in Schach zu halten sind – sondern als eine Chance und ein Projekt.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Thierry Chervel
Thierry Chervel ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Online-Kulturmagazins „Perlentaucher“. www.perlen­taucher.de

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