Forum - Staat machen mit Luther

Fürst in schwierigen Zeiten: Albrecht von Brandenburg-Ansbach im Gewand des Hochmeisters des Deutschen Ordens (um 1522) © ullstein bild/AKG

01.09.2017

Forum

Staat machen mit Luther

Albrecht Graf v. Kalnein

Albrecht von Preußen und das erste protestantische Land Europas

"Viel Staat“ ist zu sehen in diesem Jahr des Reformationsjubiläums. Maßgebliche Ausstellungen in Wittenberg, in Eisenach und Berlin eröffnen faszinierende Facetten der Geschichte von Glauben und Gesellschaft, Kirche und Staat in der Mitte Europas seit Luther. Freilich scheint, wie ein Wasserzeichen beim Geld, in der Regel auch dieser oder jener Politiker durch; an Belegen, wie stark sich Parlamente und Ministerien beim „Luther-Gedenkjahr“ engagieren, mangelt es nicht.

Der erste und damit prägende Fall für diese für die Reformationsgeschichte im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ entscheidende Verquickung von Konfession und frühneuzeitlichem Staat, von neuer Kirche und Landesfürst wird dabei freilich fast immer übersehen – das Herzogtum Preußen. Wie kam es zu diesem wohl ersten protestantischen Land in Europa ? Und warum bleibt dieser paradigmatische Fall fast vollständig ausgeblendet?

 

Der prekäre Ordensstaat

Die Geschichte von der Entstehung des Herzogtums und von dessen zeitgleicher Wandlung in den ersten evangelischen Staat erfordert in der Tat näheres Hinsehen. In den Jahren 1517–21, als die Reformation zunächst theologische, dann auch reichspolitische Gestalt annahm (Wittenberg, Worms), durchlebte das ferne Land im Osten eine entscheidende Krise. Entstanden war es als Territorium des Deutschen Ordens aufgrund des für uns Heutige tatsächlich mittelalterlichen Auftrags, die Pruzzen und auch die Slawen im baltischen Raum für den christlichen Glauben zu gewinnen. Durch die Gründung des Ordensstaates ab 1230 und den späteren Übertritt des jagiellonischen Herzogs Witold zum Christentum katholischer Prägung um 1386 war das freilich erledigt. Doch längst hatte das Ordensland um die Marienburg an der Weichsel einen selbständigen Charakter angenommen, war an einen Einsatz der Ritter für andere Zwecke des Papsttums in anderen Regionen nicht mehr wirklich zu denken.

Die einsetzende Verdichtung der oligarchischen Ordensherrschaft in Preußen wurde zum Ärgernis und zur Herausforderung einer Monarchie, die seit der Taufe Witolds und der polnisch-litauischen Personalunion ein Goldenes Jahrhundert erlebte – Polens. Ausgelöst durch Handelsstreitigkeiten und die Frage des freien Zugangs zur Ostsee kam es seit dem frühen 15. Jh. zu mehreren Kriegen zwischen den Kontrahenten. Die strategische Lage des Landes wurde dabei nicht besser durch das Streben der Städte und Stände nach mehr Mitbestimmung in dem bis dato straff geordneten Ordensstaat. In der ersten Hälfte des 15. Jh. schließlich hatte der Orden zwei Kriege gegen Polen verloren, im Vertrag von Thorn 1466 endgültig die polnische Oberhoheit anerkennen und – vor allem – gut ein Drittel seiner Territorien abtreten müssen, darunter Danzig und die Marienburg, bis dahin stolze Festung und Verwaltungszentrum seiner Macht.

Die Wahl Albrechts von Brandenburg-Ansbach 1511 zum Hochmeister sollte dem bedrängten Ordensstaat Beistand von einer der maßgeblichen Dynastien aus dem Reich bringen, zum erneuten Mal nach der seines Vorgängers Friedrich von Sachsen. Albrecht, nachgeborener Sohn einer Nebenlinie der Hohenzollern, nahm die Wahl an, wohl auch mangels anderer Aussichten auf Macht und Ansehen.

Der junge Fürstensohn (1490–1568) machte sich energisch ans Werk. Er versuchte zum einen, die bereits spürbaren Tendenzen der Verweltlichung im Ordensland zu bekämpfen. So wandte er sich an den Prokurator des Ordens am Vatikan, um den Heiligen Stuhl für scharfe Strafen gegen die zunehmenden Fälle der Verehelichung und des Austritts von Ordensbrüdern zu gewinnen. Ende 1522 erhielt er Rat von dem reformerischen Papst Hadrian VI., wie der lutherischen Sache wirkungsvoller begegnet werden könne. Nach außen wiederum wollte Albrecht Stärke zeigen, indem er nach seiner Wahl dem polnischen König, seinem Onkel Sigismund des Älteren, den seit dem Thorner Frieden gebotenen Vasalleneid verweigerte, darin bestärkt von Kaiser Maximilian. Der darüber entfachte neuerliche Krieg mit der polnischen Krone (1519–1521) führte, immerhin, zu einem auf vier Jahre begrenzten Waffenstillstand.

 

Suche nach einem Ausweg

Diese Jahre der „Gnadenfrist des Ordens“ verbrachte der Hochmeister überwiegend in seiner fränkischen Heimatregion, auf der Suche nach weiterer Unterstützung für den Orden. Doch sie führten stattdessen – zu einem Staatsstreich und einer Bekehrung. Politisch war die Lage für Albrecht auf Dauer nicht zu halten – hier das kleine Preußen mit noch etwa 2oo.ooo Einwohnern, da Polen-Litauen mit mehr als zehnmal so vielen. Zudem hatte der habsburgische Kaiser längst einen Vertrag mit dem Jagiellonen geschlossen zur Abgrenzung der Einflusssphären.

Andererseits schwand bei Albrecht offenbar das Selbstverständnis als ein Ordensfürst der alten Kirche, während die reformatorische Lehre an Ansehen und Interesse gewann. Im nahen Nürnberg hörte er Predigten des Pfarrers von St. Lorenz, Andreas Osiander, eines Lutherschülers, den er später nach Königsberg holen sollte. Ende 1522 ließ Albrecht sich deutsche Bücher Luthers besorgen und kurz darauf in Wittenberg um Rat bitten, wie der Priesterstand in Preußen reformiert werden könne. Ende November 1523 suchte er Luther persönlich auf mit Fragen nach der Bedeutung und Rolle von Papst und Konzil. Die bekannte Abhandlung Luthers vom März jenen Jahres „An die Herren Deutsch Ordens, daß sie falsche Keuschheit meiden“ ist ein beredtes Dokument, wie es um diese Vereinigung stand. Ob der Reformator indes wirklich eine Vorstellung von diesem Orden und zugleich Staat hatte und dessen außenpolitischer Lage?

 

Der erste protestantische Staat

Albrecht als Herzog von Preußen in einem
Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. (um 1528)
(foto: Lucas Cranach der Ältere
/Gemeinfrei/Wikipedia)

Die im Friedensvertrag mit Polen gesetzte Frist verstrich und damit die Existenz einer Herrschaftsform, für die laut Leopold v. Ranke längst „kein Raum mehr in der Welt“ war. Am 1o. April 1525 legte Markgraf Albrecht v. Brandenburg-Ansbach sein Amt als Hochmeister in Krakau nieder und säkularisierte das Land des Deutschen Ordens, um es daraufhin als Herzogtum Preußen aus der Hand des Königs von Polen als Lehen zu empfangen, vererblich sogar für seine Brüder und allfälligen Nachkommen. Bis auf sieben vollzogen sämtliche Ordensritter in Preußen diesen Schritt mit. Am 2o. Mai d.J. billigten die Stände in Königsberg den Friedensvertrag und schworen dem neuen Herzog Gehorsam. Der Vertrag von Krakau – oder in polnischer Lesart die Preußische Huldigung – war eine Art Flucht nach vorn, ein politisch wohl unausweichlicher Schritt. Rechtlich bedeutete er indes einen Staatsstreich und Hochverrat gegenüber dem Reich, der in der Erklärung der Reichsacht (1532) münden sollte.

Doch dabei blieb es nicht. Im Juli 1525 erließ Albrecht ein Reformationsmandat, im Dezember folgte eine umfassende Kirchen- und Landesordnung für Preußen, die erste ihrer Art. Keine acht Jahre nach Luthers Thesen von Wittenberg war somit das erste protestantische Land Europas entstanden – weder in Sachsen noch in Hessen mit deren großmutigen Herzögen, sondern am äußersten Rand des Reiches und freier von politischen Bindungen; dreißig Jahre übrigens vor dem Rechtsgrundsatz „Cuius regio, eius religio“.

Der neue Herr eines vererbbaren Herzogtums von polnischen Gnaden ging den Weg konsequent weiter: Im folgenden Jahr schloss er die Ehe mit Dorothea von Dänemark – ein lutherisches Bekenntnis, außenpolitische Stärkung und Möglichkeit zur Dynastiebildung zugleich.Das Gemälde „Preußische Huldigung“ von Jan Matejko (1882) zeigt die polnische Sicht auf den 

Das Gemälde „Preußische Huldigung“ von Jan Matejko (1882) zeigt die polnische Sicht
auf den Vertrag von Krakau im Jahre 1525 zwischen König Sigismund und Herzog Albrecht
(foto: Gemälde von Jan Matejko/Wikipedia/Gemeinfrei)

 

Albrecht und Luther

Auch die folgenden Maßnahmen waren beispielhaft für den Herrschaftsausbau in oder vor der Konfessionalisierung in der Epoche der „Fürstenreformation“ (Heinrich Lutz): die Visitationsordnung (1526), die Gründung zahlreicher Schulen sowie  der Universität Königsberg (1544) als nach Marburg der zweiten protestantischen Hochschule im alten Reich.

Wie genau Luther all dies tätig mitverfolgte und inwieweit es andererseits Einfluss gewann auf die Entwicklung von dessen politischem Denken seit 1526, nach den Bauernkriegen und der Phase der Gemeindereformation, ist noch zu erforschen. Die Wertschätzung Albrechts für den Reformator, dessen Sohn Hans mit einem herzoglichen Stipendium in Königsberg studierte, blieb jedenfalls bestehen – „unser Vater und Prophet … Apostel und Evangelist“, wie er ihn nach dessen Tod im März 1546 nennen sollte. An den „Apologien“, den lang(atmig)en Flugschriften Albrechts, mit denen er um 153o öffentlich auf die staatsrechtlichen Vorwürfe gegen die Säkularisierung und Reformation Preußens reagierte, lässt sich noch heute ablesen, welch starken Einfluss die Schriften Luther auf ihn ausgeübt haben.

Fällt es da nicht auf, wie wenig von diesem ersten protestantischen Fürsten und Staat zum 500. Jahrestag der Reformation die Rede ist ? Doch von der evangelischen Amtskirche ist wohl kein fundierter offizieller Beitrag zu Aspekten der Reformationsgeschichte hohenzollerscher Prägung zu erwarten, selbst wenn diese im Gesangbuch bis heute vertreten sind. Schon in der früheren borussischen Historiographie war für einen Regenten, der für einen friedlichen Landesausbau und bereichernden Ausgleich mit seinen (östlichen) Nachbarn stand, kein rechter Platz. Den Grund hierfür mag der Geschichtsschreiber Friedrich der Große gelegt haben, als er statuierte: „Es geht mit Geschichtswerken wie mit Gewässern, die erst da Bedeutung gewinnen, wo sie schiffbar werden. Die Geschichte des Hauses Brandenburg wird erst fesselnd mit Johann Sigismund“ (16o8–1619.) Und in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft in Deutschland blieben Preußen und dessen frühmoderne Geschichte aus bekannten Gründen (zu) lange unterbelichtet.

 

Die Chance des Jubiläums

So gesehen bietet das Nachdenken über Um- und Aufbrüche um 1500 Chancen für „unverbrauchte Perspektiven“ auf eine bedeutende Regionalgeschichte in Europa. Einen wissenschaftlich fundierten, frischen Blick auf diesen evangelischen Staatsmann und humanistischen Herzog aus Preußen verspricht die in Kürze eröffnende Ausstellung „Reformation und Freiheit …“ in Potsdam.



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Im Vorfeld des 500. Jahrestages der Reformation geben kluge Köpfe im Rotary Magazin Denkanstöße zur
Bedeutung des Jubiläums für die Gegenwart. Alle Beiträge finden Sie unter: rotary.de/luther

Erschienen in Rotary Magazin 9/2017

Albrecht Graf v. Kalnein

Dr. Albrecht Graf v. KalneinRC Bad Homburg v. d. H., ist Vorstand der Werner Reimers Stiftung und Lehrbeauftragter für
Geschichte der Universität Mainz.

geschichte.uni-mainz.de

Rotary Magazin 9/2017

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