Museumsbestände - Strategisch sichten statt sinnlos sammeln

Das Lehmbruck-Museum in Duisburg © Wikimedia

25.09.2013

Museumsbestände 

Strategisch sichten statt sinnlos sammeln

Thomas Ludwig

Schon der Begriff "Portfolio-Management" lässt manchen Museumsdirektor zornig erröten. Dabei macht es angesichts knapper Kassen Sinn, darüber nachzudenken, ob nicht das eine oder andere "Keller-Kunststück" mittlerweile aus dem Sortiment fällt

Der Reflex funktioniert in Deutschland immer: Taucht auch nur das Gerücht auf, ein öffentliches Museum denkt an Verkauf aus seinem Bestand, erheben die Hüter der wahren Lehre zur Museumskultur in Deutschland sofort ihre Stimmen zu lautem Wehklagen.

Im Unterschied zu Schauspiel oder Oper schaffen Museen durch ihre Ankäufe oder Spenden langfristige Werte, die zuweilen auch im Preis beträchtlich steigen. Vor dem Hintergrund knapper Kassen darf man mal darüber nachdenken, ob sich diese Werte nicht auch für die Museumsarbeit nutzen lassen – durch Portfolio Management, also Umschichten von Beständen, das einen Teil der Museumsarbeit finanziert. Die Gewinn- und Verlustrechnung eines Museums ist nicht kompliziert und vor allem durch Umsätze aus Eintrittsgeldern etc. und Spenden bei den Einnahmen sowie Personalkosten bei den Ausgaben gekennzeichnet. Interessanter ist die Bilanz, die häufig hohe stille Reserven ausweist, da die Kunstwerke zu Anschaffungswerten bilanziert sind. Lässt man die rechtliche Frage einmal außer acht, stellt sich die Frage, ob man die stillen Reserven durch Verkäufe heben darf, um sie wieder für das Museum einzusetzen.

Die Argumente der Gegner sind durchaus gewichtig, so meint Professor Eisenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes: "Die Idee, die Möglichkeiten zum Bewahren von Kunst dadurch zu schaffen, dass man Kunst verkauft, ist absurd". Aber diese Position ist mir zu ideologisch. Ein Museum bewahrt mehr als es zeigt. Vieles verschwindet im Depot, manchmal für immer. Sicher, es ist Aufgabe des Museums, die Wahrnehmung von Kunst in unterschiedlichen Epochen zu zeigen und damit zu verdeutlichen, dass unser heutiger Geschmack immer nur eine Momentaufnahme ist. Insoweit ist ein Depot wichtig und immer Bestandteil von Museumsarbeit.

Aber: Jedes Museum braucht eine Sammlungsstrategie. Welche Teile der Sammlung sind ihr Markenkern? Die Museen müssen und dürfen ihre Sammlungsstrategie verändern. Nur hieraus kann eine neue Dynamik für die Arbeit im Museum entstehen. Manchmal hat man den Eindruck, Museen sammeln um des Sammelns Willen. Eine gewisse Wahllosigkeit ist zu konstatieren. Ob im Depot die Hälfte Müll ist, wie Gerhard Richter einmal meinte, wage ich zu bezweifeln. Aber sicher passt vieles nicht zum eigentlichen Fokus der Sammlung. Hier darf man aussortieren, aufräumen und also umschichten. Museen brauchen einen klaren Fokus. Welche Kunstwerke, welche Epoche, welche Künstler sammeln sie? Wird alles, was im Bestand ist, diesen Kriterien gerecht? Wenn nein, warum soll man es behalten? Vielleicht sind das nicht die großen Kunstwerke, aber man könnte sie trotzdem verkaufen und mit dem Geld neue Werke kaufen.

Ein Gegenargument hier lautet: es ist die Gefahr zu groß, dass falsche Entscheidungen getroffen werden, also Kunstwerke aussortiert werden, die sich später als wertvoll herausstellen. Jedes Museum entscheidet bei seiner Ankaufsstrategie darüber, ob ein Kunstwerk wert ist, in ein Museum aufgenommen zu werden und langfristig verwahrt zu werden. Ob sich ein Kunstwerk langfristig gegen den sich ändernden Trend als Wert Bestand hat, ist eine extrem schwierige und nie eindeutig zu beantwortende Frage. Es ist gerade die Aufgabe der Museumsleitung, hier das richtige Gespür zu haben. Wenn man der Museumsleitung die Kompetenz zutraut, Werke anzukaufen, wird man ihr wohl auch die Kompetenz zubilligen müssen, aus dem Depot Kunstwerke auszusortieren.

Klar ist: der Kunstmarkt ist sehr volatil. Die Preise kennen nicht nur die Einbahnstraße nach oben. Auch deshalb dürfte eine Museumspolitik, die sich auf Verkäufe verlässt, nicht möglich sein. Verkäufe sind und müssen eine Ausnahme bleiben. Erlöse sollten nur für Ankäufe verwendet werden, nicht zur Deckung von Verlusten aus dem laufenden Betrieb oder gar Instandhaltungsmassnahmen am Gebäude. Aber der Etat für Ankäufe könnte nicht nur aus Spenden, Beiträge der Freundeskreise und aus Zuschüssen des Trägers, sondern auch durch Portfolio Management des Bestandes aufgefüllt werden. Und ein solcher Eigenbeitrag könnte manche politische Diskussion mit dem Träger des Museums entspannen.

Ich würde mir eine etwas differenziertere Position des Deutschen Musemsbundes zu dem Thema wünschen.

Erschienen in Rotary Magazin

Dr. Thomas Ludwig ist Geschäftsführder der Lindsay Goldberg Vogel Unternehmensberatung in Düsseldorf www.lindsaygoldbergvogel.com

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