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Buch der Woche

Was sich vom habsburgischen Reich lernen lässt

Buch der Woche - Was sich vom habsburgischen Reich lernen lässt
© Hoffmann und Campe

Richard Wagner hat mit »Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt« ein vielstimmiges Bild der Donaumonarchie vorgelegt. Was der Autor über den Vorbildcharakter des habsburgischen Reiches für die EU oder die komplexe Rolle der Ukraine für die Region sagt, lesen Sie in unserer Leseprobe.

13.06.2014

Der große unkrainische Mantelkauf

Die Fürsprecher der ukrainischen Sache, die in den letzten Jahrzehnten, genau genommen seit dem Ende der Sowjetunion, wieder mit Aufwand und Leidenschaft vorgetragen wurde, bewegte der alte Wunsch nach Unabhängigkeit, womit in der Regel die Trennung von Moskau gemeint ist, und zeitweise, bei erreichter politischer Selbständigkeit, das Bedürfnis, sich unter das schützende Dach von NATO und EU zu begeben und damit einen geopolitischen Sprung zu machen.

Tatsache ist, dass sich die europäisch bestimmte Welt, in den neunziger Jahren und darüber hinaus, in einer höchst seltenen, den Veränderungen so günstig gestimmten Konstellation befand, dass der Übermut vorübergehend sogar das politische Parkett erreichte. Alles schien machbar, und so wurden aus großen Missverständnissen kleine Verwechslungen. Dabei sprach fast alles gegen eine von Moskau abgewandte und in dieEU integrierte Ukraine, zumindest bei nüchterner Betrachtung: die kulturhistorische Fusion mit Russland, zurückzuführen auf die Kiewer Rus, die Ursprungsformel der ostslawischen Staatsidee, und die byzantinisch-orthodoxe Prägung von Mentalität und Gesellschaft. Die Russischsprachigkeit der Bevölkerungsmehrheit. Die geographische und geopolitische Lage, mit den außereuropäischen, für Russland unentbehrlichen Koordinaten: Schwarzes Meer, Krim und Kaukasus.

Die Ukraine liegt, im Unterschied zu den ostmitteleuropäischen Staaten, fest verankert in dem traditionell von Moskau dominierten eurasischen Großraum. Ihre Wirtschaft ist eng mit der russischen verflochten und auf Russlands Rohstoffe und Energieressourcen angewiesen, sie ist nach dem gleichen Muster organisiert.

Das gilt ebenso für die politische Struktur der postsowjetischen Gesellschaft, die in beiden Fällen von byzantinischem Habitus und – immer noch – von den Überlebenstechniken des Homo sovieticus getragen wird. Oligarchie-Interessen und eine skurrile Ad-hoc-Parteienlandschaft prägen das politische Klima auch in der Ukraine. Daran ändert das stimmungsvolle Orange der Wagemutigen nicht viel. Sie haben ihre Würde verteidigt, die politische Navigation aber ist nicht in ihrer Hand.

Nicht wenige der westlichen Befürworter des NATO- und EU-Beitritts der Ukraine folgten imperialem Wunschdenken. Es waren entweder amerikanische Strategen, die Russland schwächen wollten, oder EU-Großmacht-Träumer. Vor einer Überdehnung des ungefestigten EU-Projekts aber ist dringend zu warnen. Gerade weil Europa jetzt vielleicht die historische Chance hat, seine Angelegenheiten zu regeln, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass die abendländische Idee den Kern des Projekts bildet. Das haben die Gründerväter der EU, in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ausdrücklich betont. Politiker wie Robert Schuman, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer.

Die abendländische Idee ist in kulturelle und geopolitische Grenzen eingebettet. Damit kommen wir zum Dauer-Highlight der ukrainischen Argumentation. Es wird uns seit Jahren vorgetragen, von Jurij Andruchowytsch aus Iwano- Frankiwsk, dem alten Stanislau, von Jurko Prochasko aus Lemberg. Das Zauberwort heißt Galizien. Galizien als Brücke zwischen Kiew und Mitteleuropa. Was aber ist oder war Galizien?

Auf der heutigen Landkarte wird man es vergeblich suchen. An seine Stelle ist die Westukraine getreten. Der Name Galizien war eine habsburgische Erfindung für ein Territorium, das es sich anlässlich der polnischen Teilungen 1772 angeeignet hatte. Sprachlich aus einer Verballhornung des mittelalterlichen polnischen Regentschaftstopos Halitsch hervorgegangen, umfasste es West- und Ostgalizien mit den polnisch geprägten Zentren Krakau und Lemberg. Wie das meiste, was unter dem Label k. und k. rubrizierbar ist, wird auch Galizien seit einer Weile von allen Seiten gehörig mythisiert. Die Erklärung: Das habsburgische »Erfolgsmodell« soll zum aktuellen Imagewandel der Ukraine beitragen. Es soll eine Zugehörigkeitsidentität stiften.

Die Wahrheit über das historische Galizien ist aber eine andere. Die Region war weitgehend polnisch und jüdisch geprägt. Selbst wenn die Ukrainer im östlichen Teil demographisch bedeutsam waren, so spielten sie zumindest in den Strukturen der Modernisierung kaum eine Rolle. Die kulturelle Hegemonie in den größeren Städten hatten die Polen, das halb urbane Kleinstadtmilieu beherrschten die Juden mit ihren Schtetl. In der Provinz gab es de facto eine Machtteilung zwischen Wien und der polnischen Regionalmehrheit. Galizien war die östlichste Provinz Österreichs, es war und blieb Peripherie. »Halb-Asien« nannte Karl Emil Franzos in prägnanter Zuspitzung diese Landschaft des Ostens, und Gregor von Rezzori rechnete sie später seinem wenig schmeichelhaften Satire-Territorium Maghrebinien zu. Man lebte in Galizien weitgehend von den Wiener Subventionen. Es war nie eine blühende Landschaft, aber im Zusammentreffen der kulturellen Eigenarten höchst kreativ. Dass aus dieser armen Gegend so viele Künstler und Schriftsteller hervorgegangen sind, belebt den heutigen Mythos nicht ganz zu Recht. Die Prominenten sind zwar aus dem galizischen Raum hervorgegangen, sie haben dieses Galizien aber auch beizeiten verlassen, um in Mitteleuropa ihre Karrieren machen zu können. Es waren ausnahmslos Juden, meist von deutscher, gelegentlich auch polnischer Kultur geprägt.

Karl Emil Franzos, der spätere Büchner-Herausgeber, wurde 1848 in Czorkow geboren und ging im Alter von 18 Jahren zum Studium nach Wien. Der Schriftsteller und k. und k. Chefnostalgiker Joseph Roth, 1894 geboren, aufgewachsen in Brody, lebte nach 1918 in Wien, Berlin und Paris. Die in Drohobycz 1897 geborene Schauspielerin Elisabeth Bergner ging 1914 nach Wien. Ebenfalls nach Wien kam 1916 mit seiner Familie der spätere Sozialpsychologe und Philosoph Manès Sperber, geboren 1905 in Zablotow. Der Einzige, der blieb, war der 1892 in Drohobycz geborene, polnisch schreibende Bruno Schulz. Ihn hat 1942 ein Gestapomann ermordet.

Für die Polen war Galizien Ostpolen und damit Teil des eigenen Kulturraums. Mit oder ohne Staat. Polen war es auch, das nach 1918 erfolgreich den Gebietsanspruch erhob. Bis 1939, also bis zum Hitler-Stalin-Pakt, blieb Galizien polnisch. So waren die polnisch schreibenden Autoren des Gebiets selbstverständlich Teil der polnischen Literatur. Sie sind es auch heute. Stanis?aw Lem und Adam Zagajewski aus Lemberg, Andrzej Ku´sniewicz aus Sambor und der bei Radziechów geborene Józef Wittlin, ein Schulkamerad von Joseph Roth, er ging später nach Amerika.

Praktisch hatte Galizien seit dem Mittelalter eine von der Ukraine getrennte Geschichte. Die Ukrainer Galiziens wurden in der Donaumonarchie offiziell Ruthenen genannt, sie waren durch eine eigene, von den Habsburgern ausgedachte Kirche, die Unierte, mit dem Papsttum verbunden und damit von der Ostkirche separiert.

Zur Ukraine gehört das Gebiet völkerrechtlich erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Klartext: Die gesamte ostmitteleuropäische Identität, die die Region für sich in Anspruch nimmt, beruht auf der Trennung von der Ukraine. Wieso soll der zum Markenzeichen gewordene Mythos Galizien, der sich ausdrücklich als austriakisch verstand, nun als Begründung für einen Beitritt Kiews und Charkiws zur EU gelten?

Aber auch die heutige Westukraine ist nicht mehr das alte Ostgalizien. Die Juden wurden von den Nazis vernichtet, die Polen von Stalin vertrieben und umgesiedelt. Beides geschah nicht ganz ohne ukrainischen Beifall. Das kleinere Westgalizien, für die Polen wohl ein Restgalizien, mit Krakau als kulturellem Zentrum, gehört weiterhin zu Polen. Die heutige Westukraine ist das Ergebnis der totalitären Flurbereinigung des vorigen Jahrhunderts, ausgestattet mit einem ausgeprägten ukrainischen Selbstbewusstsein. Hier leben, trotz traditionsignoranter Zuwanderung aus dem Osten, immer noch die meisten Ukrainer, die nicht russifiziert sind. Und hier lebt, wie eh und je, auch der ukrainische Nationalismus, dessen Traditionen ambivalent erscheinen, nicht zuletzt wegen der Kollaboration mit den Nazis. Westukrainer haben sich als Hilfstruppe, auch bei der Judenvernichtung, zur Verfügung gestellt. Davon aber ist wenig die Rede.

Vielmehr sucht die nationale Identitätsfindung nach Bildern der Opfergestaltung. Und diese konzentrieren sich seit der Unabhängigkeit auf das Trauma der Hungersnot in den frühen Dreißigern, die als ein Ergebnis des Scheiterns der stalinistischen Zwangskollektivierung Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Die Ukraine hat dieses schreckliche Ereignis zum Genozid erklärt.

Lembergs Innenstadt ist, als ehemalige Wien-Miniatur, heute schön anzusehen. Wie ein Museum. Aber muss Kiew deswegen in die EU? Wenn heutzutage überall in Ostmitteleuropa das alte Österreich gepriesen wird und man seine Kaffeehäuser restauriert, um die Touristen anzulocken, so muss auch daran erinnert werden, dass all diese Völker, die sich jetzt auf Barock und Tram berufen, an der langsamen Zerstörung des Habsburger Reiches mitgewirkt haben. Das Wichtigste aber: Die Konstruktion des heutigen ukrainischen Nationalstaats hat ihr reales Zentrum außerhalb des EU-Projekts, außerhalb des Limes. Das ist nicht bloß zu bedenken, es ist vor allem zu berücksichtigen.

Wer Russland keinen geopolitischen Raum zugesteht, zwingt dieses zurück in seine alten Hysterien. Was Rumänien und Bulgarien betrifft: Sie erfüllten tatsächlich die Beitrittsbedingungen nicht. Sie erfüllen, im Unterschied zur Ukraine, aber auch nicht die Ausschlussbedingungen.

An der schönen blauen Donau

Europa befindet sich wie eh und je in einem unauflösbaren Gefüge von Bewegung und Gegenbewegung. Einerseits zeigt sich immer wieder die Notwendigkeit der Großraumbildung, andererseits wächst die Zahl der Staaten unentwegt. Das ist erkennbar, aber nicht zu ändern, und wenn auch nicht immer einleuchtend, so doch der Ursprung der Dynamik unseres Kontinents. Europa ist Maximum und Minimum zugleich. Das heißt, wem sein Minimum nicht zugesprochen wird, der lässt auch das Maximum nicht gelten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker besiegelte das Schicksal Habsburgs.

Was wir allzu oft vergessen, ist, dass wir es mit Gegebenheiten zu tun haben. Und dass es nichts nützt, sie austricksen zu wollen, sondern dass es darauf ankommt, was wir aus diesen Gegebenheiten zu machen verstehen. Eine solche Gegebenheit ist der Donauraum. Er ist wie der Fluss ein Mythos, aber auch Faktum und, wie manche meinen, ein Fatum. Man kann sich natürlich auch auf eine Sisi-Rundfahrt in Passau begeben, während der Zwei-Stunden-Fahrt eine Donauwelle nach der anderen verzehren und sich über die Legenden um die Kaiserin informieren. Das hat den Vorteil, dass man damit bereits mitten auf der Donau ist, und so auch im Donauraum, ohne eine langwierige Einführung zu riskieren.

Die Kaiserin Elisabeth, also Sisi – die erste Frau mit Magersucht? Gewicht 50 Kilo bei einer Körpergröße von 1,75, Taille 50 cm, und das nach der Geburt von vier Kindern! Sisi, in der Rolle der Mutter des Kronprinzen Rudolf, der sich auf Schloss Mayerling das Leben nimmt! Ein Hollywood- Stoff.

Sisi, die zum tragischen Opfer eines anarchistischen Attentäters wird.

Sisi, die Poetin.

Aus dem poetischen Tagebuch, Korfu, 29. November 1888
STERNENKUNDE
Wir trieben Sternenkunde
Hoch oben auf dem Deck,
Ich las sie dir vom Munde
Im trauten dunklen Versteck.

Wir trieben Sternenkunde
In lauer südlicher Nacht,
So lauschte ich manche Stunde
Dem, was du dort oben gesagt.

Wir trieben Sternenkunde,
Sie interessierte uns sehr,
Doch wär’n wir am liebsten zu Grunde
Gegangen dabei im Meer.

Die Donau fließt nicht aus gutem Grund ins Schwarze Meer. Und dass der Oberlauf von größter Bedeutung ist und der Unterlauf kaum ins Gewicht fällt, hat mehr mit den Völkern, die sich in ihrer Nähe niedergelassen haben, und ihren Vorstellungen vom Leben und Arbeiten zu tun als der Flusslauf selbst.

Die schöne blaue Donau reicht von Passau bis Orschowa im Süden des Banats.

Alt-Orschowa aber, wo die Schiffe sich kreuzten, wenn sie gegen den Strom nach Pannonien fuhren oder zum Eisernen Tor hinabgerissen wurden, ist heute versunken. Eine Talsperre zwischen Rumänien und Jugoslawien hat in der kommunistischen Nachkriegszeit das Wasser der Elektrizität untergeordnet und Orschowa, die Osmanen-Insel Ada Kaleh und die römische Uferstraße verschluckt. Orschowa gibt es jetzt zweimal: einmal unter Wasser und einmal über Wasser. Selbst die Toten wurden am Bergrand heraufgeschoben. Nur der Friedhof blieb unter Wasser. Der Friedhof und der Kirchturm, und die zahllosen leeren Gräber. Neu-Orschowa liegt am Berghang. Es hisst die Zollfahne der EU. Hier, wo einst die österreichische Militärgrenze verlief, die Europa vor dem osmanischen Raubimperium bewahren sollte, ist jetzt die Außengrenze der EU.

Quelle: Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt.  Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 240 Seiten, 27,99 Euro. Mehr zum Buch.

Der Auszug stammt von den Seiten 201 bis 212.