15.07.2013

Flüsse als Kulturlandschaft 

Verdichtung und Überhöhung

Eckhard Fuhr

Die Schlagzeilen zur Flutkatastrophe an Donau, Elbe, Saale, Mulde und Elster in diesem Sommer zeugten nicht nur von Entsetzen und Fassungslosiskeit, sondern auch von – zumindest teilweisem – Unverständnis des Themas. Flüsse sind komplexe ökologische Systeme. Sie sind aber auch weit mehr als bloße Wasserstraßen: Als Transportwege und Siedlungsräume sind sie seit Jahrhunderten die Lebensadern unserer Zivilisation.

Johann Gottfried Tulla, der „Bändiger des wilden Rheins“, starb 1828 an Malaria. Man kann von einem Heldentod im Kampf um die Zivilisierung der Flüsse sprechen. Die Brutherde der Malaria übertragenden Mücken auszutrocknen, das war eines der Ziele des faustischen Projekts der Rheinbegradigung. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts mäanderte der Strom zwischen Basel und Worms träge um dreitausend Inseln herum. Er veränderte seinen Verlauf unentwegt, was ein Grenzfluss nicht tun sollte, weswegen die Rheinbegradigung in der Epoche, in der Europas Grenzen neu gezogen wurden, auch ein Akt praktischer politischer Geografie war. Ein moderner Staat braucht Klarheit über sein Staatsgebiet. Dem unzuverlässigen Gesellen Rhein mussten also die Flausen ausgetrieben werden. Schließlich und vor allem aber ging es um Ökonomie, um Transport, um Schifffahrt und Flößerei. Tulla verkürzte den Stromverlauf des Oberrheins um 100 auf 250 Kilometer und erhöhte die Fließgeschwindigkeit beträchtlich. Vor 200 Jahren nahm der Oberrhein in etwa die Gestalt an, die wir heute kennen.

Hat es etwas zu bedeuten, dass der geniale Ingenieur an Mückenstichen starb, obwohl er sich doch den Rhein samt seiner Sümpfe Untertan gemacht hatte? Sind Flüsse nachtragend? Zumindest scheinen sie ein langes Gedächtnis zu haben. Sie vergessen die Zeit ungezügelter Freiheit nicht. Gerade haben Elbe und Donau wieder einmal vorgeführt, dass Ufer von Menschen gedachte Linien sind, die von den Flüssen hinweg gespült werden, wenn es die Kraft ihrer Wassermassen zulässt. Solche Fluten erinnern daran, dass die menschliche Kultur an Boden und Wasser gebunden ist. Digitalisierung und Virtualisierung ändern daran nichts. Zwar kann man über Facebook Hilfe organisieren, am Ende ist aber jeder Kampf gegen ein Hochwasser ein elementarer physischer Akt. Auf den Sandsack kommt es an, nicht auf das Smartphone. Und niemand käme in Dresden auf die Idee, die in den Museen verwahrten Kulturschätze der Elbe zu überlassen, weil ja das meiste als Digitalisat für jeden im Cyber Space bequem zugänglich sei. Nein, es wurde und wird bis heute seit der großen Flut von 2002 von Restauratoren um jedes Buch, um jedes Bild gekämpft. Kultur ist eben auch etwas Stoffliches, etwas Physisches.

Erinnerung an die Urgewalten

Man könnte fast meinen, die Flüsse führten ihre gewaltige Kraft der Zerstörung hin und wieder vor, damit nicht in Vergessenheit gerate, wie abhängig das Kulturwesen Mensch von ihnen ist. Der Mensch trotzt ihnen Ackerland und Siedlungsraum ab. Völlig unter Kontrolle hat er sie trotz allen technischen Aufwandes nicht. Friedrich der Große führte nicht nur einen Siebenjährigen Krieg um die Vorherrschaft in Mitteleuropa, sondern einen ebensolchen um die Trockenlegung des Oderbruchs. Das war eine gewaltige Zivilisationsleistung des aufgeklärten Absolutismus, zu der Kolonisatoren aus allen Himmelsrichtungen Europas beitrugen. Zu einem Ort im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wurde das Oderbruch, abgeschieden am östlichen Rand gelegen, durch die verheerende Flut von 1997.

Die in den Flüssen schlummernde Wildheit beschäftigt die Fantasie, die künstlerische Imagination. Der Rhein ist nicht nur ein gutmütiger Vater, der goldenen Wein wachsen lässt, die Bewohner seiner Ufer mit einem heiteren Gemüt ausstattet und für mildes Klima sorgt, das schon den römischen Legionären behagte, die aus sonnigeren Gefilden stammten. Er hat auch dunkle Seiten, neigt zu Gewaltausbrüchen und verschlingt die Schiffer, die sich vom Gesang der Loreley betören lassen, jener Schönen auf dem Felsen, die von Clemens Brentano und Heinrich Heine und vielen anderen besungen wurde. Sie kämmt mit goldenem Kamme ihr goldenes Haar und – so heißt es bei Heine – „singt ein Lied dabei, das hat eine wundersame, gewaltige Melodei. Den Schiffer im kleinen Schiffe ergreift es mit wildem Weh“.

Grundmuster der Romantik

Wir haben es hier nicht mit einem uralten Mythos aus der Frühzeit der Geschichte zu tun, sondern mit einem Märchen, das im Zeitalter der Dampfschiffe erfunden wurde. In der Rhein-Romantik bildet sich das Grundmuster der Romantik besonders deutlich aus. Der Romantiker sitzt gewissermaßen rittlings auf dem Gefährt des Fortschritts, das ihn mit Schwindel erregender Geschwindigkeit fort trägt. Er saust dahin, sein Blick aber ist rückwärts gerichtet in eine Vergangenheit, die sich im Moment des Verschwindens idealisch verklärt. Friedrich Schlegel bringt in dem Bericht über seine Rheinreise die romantische Weltsicht auf den Punkt: „Für mich sind nur die Gegenden schön, welche man gewöhnlich rau und wild nennt; denn nur sie sind erhaben, nur erhabene Gegenden können schön sein, nur diese erregen den Gedanken der Natur. Nichts aber vermag den Eindruck so zu verschönern und zu verstärken als die Spuren menschlicher Kühnheit an den Ruinen der Natur, kühne Burgen auf wilden Felsen – Denkmale der menschlichen Heldenzeit, sich anschließend an jene höheren aus den Heldenzeiten der Natur.“

Das 19. Jahrhundert war ebenso fortschritts- wie geschichtssüchtig. Maschinenfabriken erhielten gotische Fassaden, Tunneleingänge oder Wasserspeicher wurden mit Wehrtürmen geschmückt. Und während im Rheintal, auch in dem engen Durchbruch durchs Schiefergebirge zwischen Bingen und Koblenz, die Industrialisierung rapide voran schritt, entstanden neben den Ruinen aus mittelalterlicher Zeit oder aus ihnen neue Burgen. Reiche Privatleute waren die Bauherren. Aber auch die Hohenzollern, frisch im Besitz der Rheinlande, bereicherten das Rheinpanorama. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. ließ sich von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler Schloss Stolzenfels bauen, eine veritable Burganlage mit einem Rittersaal, der dem der Marienburg bei Danzig nachempfunden ist.

Auch an monumentalen Sakralbauten des Mittelalters begann die Arbeit von Neuem. Der Kölner Dom wurde vollendet. Das war lange vor Erreichen der staatlichen Einheit ein frühes gesamtnationales kulturpolitisches Projekt, der Dombauverein so etwas wie eine bürgerliche Sammlungsbewegung. In den Domen von Speyer und Mainz fand die Kunstrichtung der Nazarener die Bühne für ihre mittelalterselige, an Raffael orientierte Sakralkunst. Je mehr der Rhein zur Transport- und Entsorgungsader des Industriezeitalters wurde, desto dringlicher suchten die politischen und kulturellen Eliten Anschluss an jene Schlegelsche „Heldenzeit“, in der Natur und Kultur eine erhabene Einheit bildeten.

Weltkulturerbe

Man kann diese spirituelle Verdichtung und Überhöhung der Kulturlandschaft heute noch erfahren. Landschaften als Gesamtkunstwerke, bei denen sich die Natur und der Mensch die Autorenschaft teilen – es scheint, dass Flüsse die Voraussetzung für solch einzigartige Ensembles bilden. Das Obere Mittelrheintal, das geografische Herzstück der Rheinromantik, trägt zu Recht den UNESCO-Titel „Weltkulturerbe“. Auch dem Elbtal bei Dresden wurde diese Einzigartigkeit bescheinigt – und wieder aberkannt, als die Stadt, um ihre Verkehrsprobleme zu lösen, eine profane neue Brücke baute. Der Fall wirft die Frage auf, wie museal flussgeprägte Kulturlandschaften sein können und dürfen, die ihre Entstehung zunächst einmal doch Handel und Wandel verdanken. Man kann die Dresdner Brückenbauer nicht einfach als Barbaren abtun.

Wie dem auch sei – die kulturelle Bedeutung der Flüsse wird allein schon durch die Tatsache unterstrichen, dass man einen guten Teil des deutschen Weltkulturerbes berührt, wenn man die großen Ströme Rhein, Elbe und Donau entlang fährt. Vom Rhein mit den Domen Speyer, Worms, Mainz und Köln war schon genug die Rede. An der Elbe begegnen wir der Lutherstadt Wittenberg, dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich und, wenn man die Zuordnung etwas weiter fasst, der Klassischen Moderne in Gestalt des Bauhauses in Dessau. Die Donau führt uns nach Regensburg, dessen Altstadt stolz den UNESCO-Titel trägt. Nach Abfluss des Hochwassers lässt sich dort wieder gut flanieren. Man genießt die unvergleichliche Atmosphäre einer oberpfälzischen Italianità.

Derweil sitzt in dieser Stadt der Mückenforscher Martin Geier in seinem Labor. Er sucht nach Wegen, wie man den Mückenplagen, die auf die Hochwasser folgen, am besten begegnen kann. An Malaria allerdings wird er wohl nicht mehr sterben.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2013

Eckhard Fuhr
Eckhard Fuhr ist Kultur-Chefkorrespondent der „Welt“-Gruppe. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Wo wir uns finden. Die Berliner Republik als Vaterland“ (Berliner Taschenbuchverlag 2007). n diesem Herbst erschien „Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert“ (Riemann-Verlag).

     

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