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Titelthema

Nachbar Wolf

Titelthema - Nachbar WolfFotostrecke: Unser wilder Gefährte
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Wie ein Heimkehrer für Unruhe sorgt

Eckhard Fuhr01.01.2019

Als vor fast zwanzig Jahren die Meldung die Runde machte, dass auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Lausitz ein Wolfspaar Junge aufgezogen habe und es damit zum ersten Mal seit mehr als 150 Jahren wieder „deutsche“ Wölfe gebe, war das für viele die Bestätigung dafür, dass der ferne Osten Deutschlands doch voller Absonderlichkeiten stecke.

Die erste wölfische Familiengründung schon als Beginn einer allgemeinen Rückkehr des großen Beutegreifers in seine angestammten Lebensräume zu interpretieren, wagte kaum jemand. In den ersten Jahren hielt sich die Vermehrung der Wölfe auch sehr in Grenzen. Doch dann, so etwa seit 2005, nahm die Zahl der Wolfsrudel Jahr für Jahr deutlich zu. Über Brandenburg und Sachsen-Anhalt breiteten sich die Wölfe nach Niedersachsen aus, auch Mecklenburg-Vorpommern wurde Wolfsland.

Allmähliche Ausbreitung

In jüngster Zeit ist neben der vom Ursprungsgebiet aus gesehen nordwestlichen Ausbreitungsrichtung auch eine Wanderung nach Süden zu beobachten. Drei Wolfsterritorien registriert die „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“ (DBBW) in Bayern, eines in Baden-Württemberg. Hier, im Südwesten Deutschlands, tauchen vereinzelt auch Abwanderer aus der alpinen Wolfspopulation auf und sorgen vielleicht bald für einen Genaustausch zwischen diesen in Italien, Frankreich und der Schweiz beheimateten Wölfen und denen, die wie die deutschen Wölfe der mitteleuropäischen Tieflandpopulation angehören.

Wieviel Wölfe gibt es derzeit in Deutschland? Nach den zwischen den Bundesländern vereinbarten Standards des Wolfsmonitorings, also aller Maßnahmen zur Erfassung und Beobachtung der Wolfsbestände, werden nicht Individuen, sondern Territorien gezählt, was Laien bisweilen verwirrt. Territorien können von Wolfsfamilien (Rudeln), Paaren ohne Nachwuchs oder ortstreuen Einzeltieren besetzt sein, die auf einen Partner warten. Nach der Erhebung für das Wolfsjahr (Mai bis April) 2017/18 leben in Deutschland zurzeit 73 Rudel, 30 Paare und drei territoriale Einzeltiere. Welche Individuenzahl sich daraus ergibt, kann man nur schätzen. Rudel bestehen aus dem Elternpaar, dem aktuellen Wurf Welpen und Jährlingen aus dem Vorjahr, die noch nicht abgewandert sind. Als Faustregel kann man eine Rudelgröße von acht bis neun Individuen annehmen. Bei 73 Rudeln kommt man so auf rund 650 Individuen, dazu kommen 30 Paare, also 60 Individuen, die drei territorialen Einzelwölfe und eine unbekannte Zahl umherstreifender Jungwölfe. Es kann also sein, dass schon 1.000 Wölfe in Deutschland ihre Fährte ziehen. Weit davon entfernt ist ihr Bestand jedenfalls nicht. Und jene vor einigen Jahren vom Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegebene Modellrechnung, die in Deutschland potentiellen Lebensraum für 440 Wolfsrudel sah, erscheint nicht mehr als pure Theorie.

Immer lauter wird aber auch die Frage, wieviel Wölfe tatsächlich Platz, ja, ob sie überhaupt einen Platz bei uns haben, ob sie in die Kulturlandschaft gehören, oder ob sie hier Störenfriede und Fremdlinge bleiben müssen. Das überwiegend wohlwollende Staunen über den unbeirrbaren Vormarsch der Wölfe ist einem immer schärfer werdenden Streit darüber gewichen. Es geht dabei nicht nur um Schäden in der Weidetierhaltung und um mögliche Gefahren für Menschen, sondern auch um gesellschaftliche Konflikte, für die der Wolf die Projektionsfläche bietet und in denen die Politik den Wolf instrumentalisiert.

An erster Stelle muss hier der Gegensatz zwischen Stadt und Land genannt werden, der in der Struktur-, Verkehrs- oder Bildungspolitik eine Dauerbaustelle ist, in der Wolfspolitik aber ideologisch zu glühen beginnt. Verbandsvertreter der Tierhalter oder der Jäger schwingen sich zu Anwälten der „ländlichen Bevölkerung“ auf, der es von städtischen Naturschutzideologen zugemutet werde, die Nachbarschaft gefährlicher Raubtiere zu ertragen, auch wenn selbst in den entlegensten Gebieten Brandenburgs oder Sachsens die wenigsten wirklich mit Wölfen in Kontakt kommen und andererseits Wölfe keineswegs nur in entlegenen Gebieten zuhause sind. Das Grundmuster ist klar: Urbane Wolfskuschler stülpen den Landmenschen ihre realitätsferne Naturromantik über.

Und leider bestätigen nicht wenige Wolfsfreunde dieses Klischee, etwa wenn sie sachlich gebotene Wolfstötungen, wie den Abschuss des Problemwolfes „Kurti“ in Niedersachsen, in unverantwortlicher Weise skandalisieren und Hasskampagnen gegen die Verantwortlichen inszenieren. Ein pragmatischer Umgang mit den Konflikten, die ein großer Beutegreifer wie der Wolf nun einmal verursacht, wird von den Extremisten beider Seiten – von denen, die den Wolf wieder weg haben wollen, und denen, die ihn als Wildnisgott anbeten – gleichermaßen unterlaufen.

Naturschutz, also der Vollzug des Bundesnaturschutzgesetzes, und damit auch der Umgang mit der nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat- Richtlinie (FFH) „besonders geschützen“ Art Wolf ist in Deutschland Ländersache. Die Länder sind für das Monitoring, für Schadensausgleich und für Prävention zuständig. Dazu schrieben sie im Laufe der Jahre alle ihre Wolfsmanagementpläne. Die Wölfe stellen den deutschen Föderalismus allerdings mehr und mehr auf eine harte Probe. Und anders als auf anderen Feldern der Politik scheinen die Länder nicht abgeneigt zu sein, Verantwortung an den Bund zu delegieren. In der Umweltministerkonferenz und im Bundesrat dringen die besonders wolfsreichen Länder Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen auf bundeseinheitliche und rechtssichere Regelungen bei der „Entnahme“ von Problemwölfen, also solchen, die immer wieder geschützte Herden angreifen oder die nötige Distanz zu Menschen vermissen lassen.

Der Wolf als Zivilisationsfolger

Aber auch schon Weitergehendes wird in der Bundespolitik verhandelt. Zum ersten Mal in der Geschichte findet sich im Koalitionsvertrag der Regierung in Berlin ein eigener Passus über Weidetierhaltung und Wolf, in dem auch von einer möglichen Begrenzung des Wolfsbestandes die Rede ist. Wesentlich deutlicher in diese Richtung geht ein Beschluss der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom 27. November 2018. Die Union fordert unter anderem die Definition von Bestandsgrenzen,  die Überführung des Wolfes ins Jagdrecht und die Ausweisung sowohl von „Wolfsschutzzonen“ als auch von „Wolfsmanagementzonen“. In den einen, so ist das wohl zu verstehen, soll man die Wölfe in Ruhe lassen, in den anderen jagen. Wo aber soll das jeweils sein?

Spätestens bei dieser Frage beginnt die große Verwirrung in Sachen Wolf. Warum kommt er überhaupt wieder in dieses dicht besiedelte Industrieland? Ist er hier auf die wenigen Freiräume naturnaher Landschaft angewiesen, die wir übriggelassen haben? Müssen wir den Wolf als Gefahr aus unserer Zivilisation verbannen, oder müssen wir ihn vor unserer Zivilisation schützen? Der Wolf als Gefahr für die Zivilisation oder die Zivilisation als Gefahr für den Wolf – in jedem Fall gilt, dass Wolf und Zivilisation offenbar nicht zusammenpassen. Die Wölfe sehen das gänzlich anders. Sie sind, wenn man so will, begeisterte Zivilisationsfolger. Sowohl was die stofflich-materiellen als auch was die sozial-kulturellen Bedingungen ihrer Existenz angeht, bietet ihnen unsere moderne Zivilisationslandschaft ein nie dagewesenes Optimum.

Das klingt für viele völlig absurd, ist aber eigentlich ganz leicht zu erklären. Wölfe ernähren sich in Europa von wildlebenden Huftieren, also von Rehen, Rothirschen, Damhirschen und Wildschweinen. Jäger fassen diese Arten unter dem Begriff „Schalenwild“ zusammen. Beim Schalenwild führt die Intensivlandwirtschaft mit ihrem gigantischen Nährstoffeintrag in die gesamte Biosphäre nicht zum Aussterben wie bei Insekten, Vögeln und vielen Kleinsäugern, sondern zu einer Bestandsexplosion. Selbst im Winter finden diese Tiere Nahrung im Überfluss. Die Klimaerwärmung steigert diesen Effekt noch. Auf einem Quadratkilometer Agrarlandschaft lebt wahrscheinlich zehn Mal so viel potentielle Wolfsbeute wie in der Wildnis. 

Aber nicht nur das Nahrungsangebot, auch die Wohnqualität ist in der modernen Zivilisationslandschaft für Wölfe beachtlich. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, früher habe in Wald und Flur viel mehr Ruhe geherrscht als heute, weshalb die Tiere weniger Störungen ausgesetzt gewesen seien. Es stimmt, dass der Straßen- und Schienenverkehr nach Viren, Bakterien und Parasiten, die die Hälfte jedes Welpenjahrgangs das Leben kosten, die häufigste Todesursache bei Wölfen sind. Aber Rückzugsräume finden sie genug, weil heute eben nicht mehr Tag für Tag Hunderttausende Menschen in Wald und Feld arbeiten, sondern Maschinen das erledigen, was früher wochenlange Plackerei war.

Anspruchsvolle Nachbarschaft

Welpen und ältere Familienmitglieder aus dem Altengrabower Rudel, das zu den stärksten Rudeln in Deutschland gehört. © Axel Gomille

Die moderne Landwirtschaft, die den Wölfen mit Schalenwild den Tisch deckt, ist Teil des umfassenden Modernisierungsprozesses, der auch dafür die Voraussetzungen geschaffen hat, dass in den europäischen Gesellschaften der Gedanke mehrheitsfähig werden konnte, Wölfe seien Teil einer schützenswerten Natur. Die ökologische Wende im europäischen Bewusstsein ist jetzt eine Generation alt. Ihren politischen Ausdruck findet sie nicht zuletzt im europäischen Naturschutzregime der FFH-Richtlinie, mit dem der Natur- und Artenschutz endgültig seine politische Nischenexistenz verlassen hat und auf der Agenda aller politischen Akteure weit nach oben gerückt ist. Ohne den darin zum Ausdruck kommenden Bewusstseins- und Mentalitätswandel der Europäer wäre es für die Wölfe nicht ratsam gewesen, sich auf den Heimweg zu machen, auch wenn in der alten Heimat noch so viel Beute lockt.

Überall in Europa kehren große Beutegreifer, also Wölfe, Luchse und Braunbären in Gebiete zurück, in denen sie spätestens bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden waren. Konfliktfrei ist die neue Nachbarschaft nicht zu haben. Weidewirtschaft ohne Herdenschutz ist nicht mehr möglich. Und gerade weil die extensive Weidewirtschaft für den Erhalt der Artenvielfalt so wichtig ist, dürfen die Tierhalter mit den neuen auf sie zukommenden Belastungen nicht alleine gelassen werden. Bei Prävention und Schadensausgleich sind schon wesentliche Fortschritte erzielt worden. So betrachtet die EU-Kommission seit neuestem die vollständige Erstattung dieser Kosten nicht mehr als verbotene Subvention. Vieles bleibt aber noch zu tun. So muss ein Ausgleich auch für die Unterhaltungskosten von Herdenschutzhunden oder den zusätzlichen Arbeitsaufwand mit wolfssicheren Zäunen möglich gemacht werden.

Ein Gedanke allerdings verbietet sich von selbst. Anders als in Amerika bedeutet Naturschutz in Europa nicht, Wildnisgebiete unter Schutz zu stellen, was auch die Möglichkeit eröffnen würde, große Raubtiere und Menschen räumlich weitgehend zu trennen. In Europa haben wir die Wölfe entweder als unmittelbare Nachbarn, oder wir haben sie gar nicht. Unsere winzigen Nationalparks sind für die Wölfe völlig irrelevant. Sie entfalteten bisher auch keine besondere Attraktivität für sie. Es ist müßig, über „Wolfszonen“ und „wolfsfreie Zonen“ auch nur zu diskutieren.

Dem neuen Nachbarn Wolf sollte man so gelassen und nüchtern begegnen wie jene Schäfer, die trotz des Geschreis der Agrarfunktionäre ihre Arbeit machen, den Wolf als neue Herausforderung annehmen und sich nicht einreden lassen, dass er für ihre wirtschaftliche Misere verantwortlich sei. Es ist nicht immer lustig mit den Wölfen. Wenn es welche allzu dreist treiben, sollte man sie schießen. Aber dass sie als Vehikel eines Kulturkampfes missbraucht werden zwischen Stadt und Land, zwischen „realistischem“ und „romantischem“ Naturverständnis, zwischen ökologischen Eliten und Kleintierzüchtern – das haben die Wölfe nicht verdient.


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Eckhard Fuhr 

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